Mobilität

CO2-Ziele für Autos

So verlieren wir den Kampf gegen die Erderwärmung

Die EU hat lange um schärfere CO2-Regeln für Autos gerungen - und wieder nur einen windelweichen Kompromiss erzielt. Die Hoffnung, die Erderwärmung in den Griff zu bekommen, schrumpft weiter.

Foto: DPA
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Mittwoch, 10.10.2018   19:09 Uhr

Was passiert, wenn Wissenschaftler montags vor verheerenden Folgen der Erderwärmung warnen, und dienstags die EU über den künftigen Treibhausgasausstoß von Autos berät? Richtig: nichts.

Bei der Sitzung der EU-Umweltminister war es, als hätte es den jüngsten Report des Uno-Klimarats IPCC nie gegeben. Sicher, die Vertreter mancher Staaten haben den Bericht genutzt, um für schärfere Grenzwerte zu argumentieren. Schweden, Finnland, Slowenien und Irland etwa. Nur sind sie leider nicht die Schwergewichte in der EU. Deutschland unter der ehemaligen Klimakanzlerin Angela Merkel stand dagegen fest im Lager der Bremser.

Zwar waren etwa 20 der 28 EU-Staaten, darunter Frankreich und Großbritannien, für schärfere Maßnahmen. Sie hätten Deutschland und die anderen Zauderer leicht überstimmen können. Doch Paris hatte von Anfang an klar gemacht, dass es nichts gegen die Interessen Deutschlands unternimmt. Damit liegt die Verantwortung für das magere Ergebnis eindeutig in Berlin.

Bloß nicht zu viel zu schnell verändern

Dabei war der IPCC-Bericht deutlicher als je zuvor: Ohne radikales Umsteuern bekommt die Welt verheerende Folgen der Erwärmung zu spüren - nicht in 50, 100 oder 200 Jahren, sondern schon 2040, also innerhalb der Lebenszeit der meisten Menschen heute. Nur ein Beispiel: Um die Korallenriffe ist es, da sind sich die Forscher ziemlich sicher, schon jetzt weitgehend geschehen. Die Frage ist nur noch, ob alle Korallen absterben oder bloß die meisten.

Doch die Haltung der Bundesregierung und einiger anderer, vor allem östlicher EU-Länder lässt sich in etwa so zusammenfassen: Bloß nicht zu viel zu schnell verändern. Klar, der IPCC-Bericht sei besorgniserregend, meinte etwa der Vertreter Tschechiens. Aber Autos müssten auch erschwinglich bleiben. Und außerdem gehöre die EU schon zu den ehrgeizigsten Klimaschützern der Welt. Sollen doch mal die anderen etwas tun.

Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze machte keinen Hehl daraus, dass sie persönlich für scharfe Grenzwerte ist, sich aber der Berliner Koalitionsdisziplin unterwarf. Und die lautet, die Industrie so lange wie irgend möglich Autos mit Verbrennungsmotor verkaufen zu lassen, auch, um Arbeitsplätze zu sichern.

Der Klimawandel ist ein physikalischer Prozess - die Kanzlerin müsste das wissen

Doch diese Strategie ist gleich in zweifacher Hinsicht falsch. Erstens haben die vergangenen Monate eindrucksvoll gezeigt, dass die deutsche Autoindustrie zu einer schnelleren Aufgabe des Verbrennungsmotors gezwungen werden muss, soll sie nicht denselben Weg nehmen wie Kodak mit der Analogfotografie oder Nokia mit den Handys. Schweden, Großbritannien, Spanien oder Slowenien, allesamt Staaten mit großer Autoindustrie, haben das erkannt und sind für scharfe CO2-Grenzwerte. Sie befürchten völlig zu Recht, dass China ihnen bei der Entwicklung sauberer Autos den Rang ablaufen wird.

Zweitens sitzt mit Angela Merkel eine Physikerin im Kanzleramt, der eigentlich klar sein müsste, dass der Klimawandel ein physikalischer Prozess ist. Er geschieht, egal, ob Jacek sich ein schönes Auto leisten oder Manfred noch ein paar Jahre länger arbeiten kann.

Doch das Verhalten der EU-Minister folgt einem fatalen Trend. Viele einst gut bezahlte, mittelqualifizierte Stellen in den Industriestaaten wurden durch die Automatisierung oder durch die Verlagerung in Billiglohnländer vernichtet. Die künstliche Intelligenz wird demnächst wohl auch viele höher qualifizierte Jobs übernehmen.

Mittelschicht fürchtet um ihren Wohlstand

Eine Folge: Die schrumpfenden Mittelschichten der Industriestaaten krallen sich mit aller Kraft an ihren verbliebenen Wohlstand - und wählen zunehmend Populisten, die eine Rückkehr zu goldenen Zeiten vergangener Jahrzehnte versprechen. Seriöse Politiker fürchten sich derweil davor, dem Wähler radikalen Wandel zuzumuten. Die notwendigen Reaktionen erfolgen in keinem der beiden Fälle.

Fest steht nur eines: Den Kampf gegen den Klimawandel haben wir auf diese Weise schon verloren.

insgesamt 281 Beiträge
Tolotos 10.10.2018
1. Die Rahmenbedingungen passen nicht zum Umweltschutz!
Im Handel funktioniert der Wettbewerb, aber die Welt ist völlig unfähig, sinnvoll global gültige Rahmenbedingungen festzulegen. Statt dessen gilt der kleinste gemeinsame Nenner, also: Nichts! Das Resultat ist zwangsläufig, [...]
Im Handel funktioniert der Wettbewerb, aber die Welt ist völlig unfähig, sinnvoll global gültige Rahmenbedingungen festzulegen. Statt dessen gilt der kleinste gemeinsame Nenner, also: Nichts! Das Resultat ist zwangsläufig, dass der gewinnt, der auf Umweltschutz pfeift. Das ist genau so sicher, wie die Tatsache, dass ein Stein im freien Fall nach unten fällt!
hardeenetwork 10.10.2018
2. Verlieren?
Den Kampf um die Klimaerwärmung kann man nicht mehr verlieren. Wir haben ihn schon längst verloren. Alles andere ist eine große Lüge.
Den Kampf um die Klimaerwärmung kann man nicht mehr verlieren. Wir haben ihn schon längst verloren. Alles andere ist eine große Lüge.
From7000islands 10.10.2018
3. Merkel wusste nicht was sie beim WTO unterschrieb
War es 2005 ? Die stolze junge Gerechtigkeitskanzlerin Merkel unterschrieb für die WTO die Beteiligung Deutschlands an der Stärkung der modernen Globalisierung, damit " auch Arbeiter in China für rechte Arbeit einen [...]
War es 2005 ? Die stolze junge Gerechtigkeitskanzlerin Merkel unterschrieb für die WTO die Beteiligung Deutschlands an der Stärkung der modernen Globalisierung, damit " auch Arbeiter in China für rechte Arbeit einen gerechten Lohn bekommen", wie Merkel sagte. Inzwischen karrt Europa jedes Küchenmesser und jede Discount Uhr aus China nach Europa, tausende Fabrikationsstätten im Europa der kurzen schnellen Wege wurden geschlossen zugunsten der langen Wege und Umweltverschmutzung. Warum steht im Artikel nicht, und warum wird in Brüssel nicht offen gesagt, welche Dimension der Schadstoff Ausstoss der Milliarden Container Unternehmen per Schiff oder Flugzeug über die 10 bis 12 000 km Strecke von China nach Europa hat?? Dann würde nämlich erkennbar sein, dass die Umweltverschmutzung durch PKW in Europa ein "Vogelschiss" gegen die Sintflut des Warenverkehrs aus FernOst ist. (Ich musste Gaulands Ausdruck mal für die richtige Sache verwenden)
fettdeckel 10.10.2018
4. Relationen
Wenn man glaubt, dass man die Erderwärmung stoppen oder verlangsamen kann, indem man Autos verschrottet und neue baut, die dann ein paar Prozent weniger Abgase ausstoßen - vor allem wenn man weiß, dass Autos nur 7% des weltweit [...]
Wenn man glaubt, dass man die Erderwärmung stoppen oder verlangsamen kann, indem man Autos verschrottet und neue baut, die dann ein paar Prozent weniger Abgase ausstoßen - vor allem wenn man weiß, dass Autos nur 7% des weltweit ausgestoßenen CO² verursachen, dann ist einem ehrlich gesagt auch nicht mehr zu helfen...
Sternwald 10.10.2018
5. In die Tasche gelogen
Tut mir leid, aber so lügt man sich in die Tasche, auch wenn man etwas gutes tun will. Die CO2 Grenzwerte der EU sind nicht realisierbar, wenn nicht 100% des Stroms regenerativ hergestellt sind. Ein Auto braucht eine gewisse [...]
Tut mir leid, aber so lügt man sich in die Tasche, auch wenn man etwas gutes tun will. Die CO2 Grenzwerte der EU sind nicht realisierbar, wenn nicht 100% des Stroms regenerativ hergestellt sind. Ein Auto braucht eine gewisse Energie, um bewegt zu werden, das lernen Ingenieure bereits im Grundstudium. Ob das ein e-Auto ist oder ein Verbrenner ist hierbei völlig egal, es werden mehr als 95g/km CO2 sein. Wichtiger als übertriebene CO2 Grenzen wäre die Frage, wie man vermeidet, daß so viele Menschen das Auto wählen. Was ist mit Zügen? Was mit Fahrradinfrastruktur? Ein Umstieg auf Elektromobilität ist erst mal nur politisch erwünscht, aber ökologisch Quatsch.
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