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Elektro-Kleinbusse im Nahverkehr

Taxifahrt zum Bustarif

Das Mobilitätsbedürfnis der Menschen wächst - und damit das Problem der Luftverschmutzung. VW und Bahn experimentieren deshalb mit Elektro-Kleinbussen. Die fahren bei Bedarf bis vor die Haustür.

REUTERS
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Mittwoch, 06.12.2017   16:50 Uhr

Sie häufen sich, die Vorboten der Elektromobilität. Kaum ein Auto-Salon, auf dem die Hersteller nicht neue Modelle präsentieren, die rein elektrisch unterwegs sind. Manche Fahrzeuge haben noch zusätzlich einen Benziner oder Diesel für die lange Etappe an Bord. Doch aus Sicht von Verkehrsexperten sind diese Autos schon überholt, bevor sie flächendeckend eingesetzt werden - zumindest im Privatbesitz.

Wenn wir dem Klimawandel wirksam entgegenwirken wollen, hilft nur eine Verhaltensänderung. Der Griff zum Wagenschlüssel muss zur Ausnahme werden, darüber sind sich die Zukunftsforscher einig. Und wenn schon ein Auto, dann eins, das möglichst voll besetzt ist.

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Neues Mobilitätskonzept: Die Kleinbusse kommen

Für viele Menschen der Generation Golf ist das eine Horrorvision. Vor allem, wenn sie an überfüllte und verspätete Straßenbahnen, verpasste Anschlussverbindungen und weite Fußwege zum Zielort denken. Von den Transportaufgaben für den Wocheneinkauf oder die Urlaubsreise ganz zu schweigen. Die Jüngeren aber, und daraus schöpfen die Verkehrsexperten ihre Hoffnung, beginnen sich zunehmend von der Vorstellung zu verabschieden, unbedingt ein eigenes Auto besitzen zu wollen. Zuerst in den Großstädten, später vielleicht in den Randbezirken und schließlich auf dem Land.

Rollender Quader

Für sie ist eine neue Fahrzeug-Gattung interessant, die allmählich aus dem Stadium des Experimentalfahrzeugs hinauswächst. Sie kommen von etablierten Herstellern, aber auch von kleineren Anbietern, die zunächst die Nischen des Marktes besetzen wollen. Einer davon ist der Anhängerbauer Lohr aus Straßburg. Sein rollender Quader namens Le Cristal zielt in erster Linie auf die Bedürfnisse regionaler Verkehrsbetriebe oder Taxi-Unternehmen und kann bis zu fünfzehn Personen an Bord nehmen. Private Fahrgemeinschaften sind natürlich auch denkbar, dann allerdings ist die Zahl der Passagiere wegen der entsprechenden Gesetzeslage auf vier begrenzt.

Lohr

Le Cristal - elektrisches Fahrzeug, das sich in einen Zug verwandelt

Ein besonderes Kupplungssystem erlaubt es überdies, mehrere Fahrzeuge zu koppeln, sodass eine Art Bus entsteht, für den dann nur ein einziger Fahrer angestellt werden muss. Die Batterie soll für eine Reichweite von 200 bis 300 Kilometer gut sein, genug also, um den durchschnittlichen Tagesbedarf im öffentlichen Nahverkehr zu decken. Die Ladezeit beträgt anschließend weniger als eineinhalb Stunden. Die Batterie lässt Lohr übrigens in Belgien fertigen, wobei die Zellen von einem der großen Anbieter aus Asien stammen, wie Jean-François Argence erklärt, der bei Lohr den Bereich Neue Mobilität leitet.

Fragt man nach den Marktchancen des Vehikels, bleibt der Manager vorsichtig: "Ein wenig Überzeugungsarbeit müssen wir bei den Verkehrsbetrieben noch leisten", sagt er. Vorläufig - wenn im kommenden Jahr die ersten praktischen Testläufe zum Beispiel in Potsdam erfolgreich absolviert sind - rechne er mit dem Verkauf von vielleicht 100 Fahrzeugen pro Jahr.

Moia steigt groß ein

Der wegen des Dieselskandals unter Druck stehende Volkswagenkonzern dreht da schon ein viel größeres Rad. Die neu gegründete Konzerntochter Moia hat am Montag auf der "TechCrunch Disrupt"-Konferenz in Berlin einen vollelektrischen Minibus vorgestellt, der bis zu sechs Fahrgästen Platz bietet und ebenfalls für den öffentlichen Nahverkehr gedacht ist.

Kaum zehn Monate habe die Entwicklung in Anspruch genommen, berichtet Moia-Chef Ole Harms - dank der Schützenhilfe von Volkswagen Nutzfahrzeuge und Volkswagen Osnabrück. Das Fahrzeug basiert technisch auf dem Crafter, dem großen Bruder des VW-Bulli. Der Innenraum und wichtige Teile der Karosserie wurden aber komplett neu gestaltet. Die verwendete Lithium-Ionen-Batterie hat den Angaben zufolge eine Reichweite von mehr als 300 Kilometer und kann innerhalb von rund 30 Minuten auf 80 Prozent Kapazität aufgeladen werden.

Das Shuttle-Fahrzeug ist Teil einer größer angelegten Mobilitätsstrategie, die Harms mit seinen Leuten entworfen hat: Das sogenannte Ride-Pooling-Konzept - eine moderne Umschreibung für Fahrgemeinschaften - soll vom kommenden Jahr an die Städte spürbar von Verkehr entlasten.

Leerfahrten vermeiden

Bestellen kann der Fahrgast den Shuttle per App, auf dem Weg zum Ziel ermittelt der Bordrechner, welche weiteren Fahrgäste auf der Route eingesammelt und befördert werden können. Der Pooling-Algorithmus sorge so dafür, dass die Auslastung der Fahrzeuge steige und Umwege und Leerfahrten vermieden würden, erklärt Harms. Wichtige Komponenten der Software stammen vom Start-up Split Finland Oy, das seit vergangenem Sommer zu Moia gehört und bereits einen populären Ride-Pooling-Dienst in der finnischen Hauptstadt Helsinki betrieben hat.

"Wir sind ab 2018 bereit, international durchzustarten und unser Ziel zu verwirklichen, bis 2025 die Städte Europas und der USA um eine Million Fahrzeuge zu entlasten", fügt der Manager hinzu. Dass dabei auch Golfs, Polos oder gar die gefragten Tiguans ersetzt werden, nehmen sie in Wolfsburg in Kauf. "Wenn wir das nicht machen, dann erledigen das andere", erklärt VW-Strategiechef Thomas Sedran.

Zum Auftakt will Moia mit 200 Fahrzeugen in Hamburg an den Start gehen - mit einer offiziellen Lizenz der Stadt. Eine Fahrt soll nicht sehr viel teurer sein als die mit einem herkömmlichen Bus. In drei Jahren sollen in der Hansestadt bereits rund 1000 Moia-Fahrzeuge unterwegs sein und rund ein Prozent des Transportaufkommens ("Modal Split") ausmachen.

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