einestages

Kiss auf Abschiedstour

"Wir waren immer Gentlemen"

Kiss zählen seit 1973 zu den Weltstars des Rock, jetzt naht das Ende der Band. Hier spricht Sänger Paul Stanley über die Flucht seiner Mutter aus Berlin, das Ego von Gene Simmons, hohe Hacken und kaputte Hüften.

Getty Images/ NHLI
Ein Interview von
Donnerstag, 10.01.2019   13:41 Uhr

Zur Person

Tourdaten Kiss 2019
27.5. Leipzig + 31.5. München + 2.6. Essen + 4.6. Berlin + 5.6. Hannover + 6.7. Iffezheim
Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

einestages: Mr Stanley, treffen sich ein Taxifahrer und ein Lehrer in New York und gründen eine der größten Bands der Welt...

Stanley: ...kommt hin. Gene war in den frühen Siebzigerjahren Hobbymusiker und Grundschullehrer in Spanish Harlem, ich fuhr Taxi in New York und jobbte nebenbei in einem koscheren Delikatessen-Imbiss, um meine Gitarren zu finanzieren. Beide konnten wir von der Musik nicht leben.

einestages: Und träumten von ausverkauften Shows im Madison Square Garden?

Stanley: Nur davon. 1972 kutschierte ich Leute im Taxi zum Elvis-Konzert im "Garden" und schwor mir: Eines Tages wirst du da auf der Bühne stehen. Keine fünf Jahre später ist es mit Kiss passiert, unglaublich. Und jetzt, nach 40 Jahren, treten wir mit unserer "End Of The Road"-Show wieder dort auf. Da werden Erinnerungen wach.

einestages: Erinnern Sie sich auch gern an Ihr erstes Treffen mit Gene Simmons?

Stanley: Das war Anfang der Siebzigerjahre bei einem gemeinsamen Freund in New York. Gene war arrogant, selbstverliebt, besserwisserisch und mir auf Anhieb unsympathisch, kaum zu ertragen. "Ich höre, du schreibst eigene Songs", sagte er. "Zeig mal, was du drauf hast." Er hatte eine Attitüde, als wäre er Lennon/McCartney in Personalunion. Letztlich bin ich über meinen Schatten gesprungen und seiner Band Wicked Lester beigetreten.

einestages: Der Erfolg ließ auf sich warten.

Stanley: Wir mussten uns was Neues einfallen lassen. Ich kam auf den Bandnamen Kiss, und Gene, Fan von Comics und Superhelden, hatte die Idee zu den Kostümen und zum schrillen Make-up. Er wurde der "Demon", ich "Starchild", dazu "The Cat" Peter Criss an den Drums und "Spaceman" Ace Frehley mit seinen Gitarrenriffs. Für die Live-Auftritte belegte Gene eigens einen Kurs im Feuerspucken. Wir wollten Spektakel um jeden Preis.

einestages: Simmons und Sie sind sehr unterschiedlich - Freunde oder Businesspartner?

Stanley: Eher ein altes Ehepaar. Wir sind über 45 Jahre zusammen, aber ich musste Gene zum Glück nie nackt sehen (lacht). Sein Riesenego hat er bis heute. Ich kann es von meinem Haus aus sehen, er wohnt zwei Minuten entfernt.

einestages: Warum kam es in den Achtzigerjahren, als Sie erstmals ohne Schminke auftraten, zur Bandkrise?

Stanley: Gene kümmerte sich nicht mehr so intensiv um Kiss, mehr um seine eigenen Projekte, einige davon ziemlich fragwürdig, etwa die B-Movies, in denen er sich als Schauspieler versuchte. Ich musste die Band am Leben halten und war enttäuscht von ihm.

einestages: Was hat Sie jetzt zur Abschiedstournee bewogen?

Stanley: Jeder wird nun mal älter. Würden wir in Jeans auftreten und normalen Rock'n'Roll spielen, könnten wir bis 90 weitermachen.

einestages: Sie tragen aber irre Fantasiekostüme und tänzeln in Plateaustiefeln.

Stanley: Das ist Kiss. Mit an die 20 Kilo schweren Outfits rennen wir kreuz und quer über die Bühne. Sieht ganz easy aus - dabei ist es Schwerstarbeit.

einestages: Werden Sie auf der Tour neue Songs präsentieren?

Stanley: Da besteht kein Bedarf, das sehen die Fans genauso. Unser Repertoire ist so umfangreich, jeder verbindet Erlebnisse oder Gefühle mit unseren Songs. Wir machen eine Greatest-Hits-Show, ein Riesenfeuerwerk.

Fotostrecke

Kiss-Sänger Paul Stanley: "Rock'n'Roll ruinierte meine Gesundheit"

einestages: Werden frühere Kiss-Musiker am Start sein?

Stanley: Es wäre respektlos, würden wir unseren Abschied feiern, ohne an frühere Kollegen zu denken wie Ace Frehley und Peter Criss, die zur Originalbesetzung gehörten, oder Vinnie Vincent und Bruce Kulick. Sie alle sind Teil unseres Erfolges. Unvergessen ist auch Eric Carr, unser fantastischer Drummer, der 1991 viel zu früh starb. Alle sollen in gewisser Weise in der Show vorkommen.

einestages: Welche Spuren hat ein halbes Jahrhundert Rockstar-Leben bei Ihnen hinterlassen?

Stanley: Deutliche. Bei allem Spaß, den wir hatten - Rock'n'Roll ruinierte meine Gesundheit, fragen Sie nur meinen Orthopäden. Soll ich aufzählen? Operationen an Schulter und Knie, eine schwere Stimmband-OP, neue Hüften, die ich dem Tanzen auf hohen Hacken zu verdanken habe...

einestages: Das tut schon beim Zuhören weh. Bereuen Sie etwas?

Stanley: Nein, aber nun ist es bald genug. Ich bin 66, der Körper meldet Verschleiß. Zeigen Sie mir mal einen 66-jährigen Footballprofi, Basketballer, Boxer oder Formel-Eins-Fahrer. Was wir auf der Bühne abziehen, ist Leistungssport! Wir gehen an unsere Grenzen, das sind wir den Fans schuldig.

einestages: Kritiker bemäkeln seit einiger Zeit Ihre Stimme. Haben Sie Probleme bei hohen Tönen?

Stanley: Wer mich singen hören will wie damals auf "Kiss Alive", soll bitte das Live-Album von 1975 auflegen. Eine Stimme verändert sich eben mit den Jahren. Aber ich stehe jeden Abend vor 30.000 Fans, das zählt. Ich bin sicher, dass ich auf der Tour großartig singen werde.

einestages: Die Marke Kiss soll eine Milliarde Dollar wert sein: T-Shirts, Kaffeetassen, Flipperautomaten, Lollis, sogar Särge und Kondome sorgen für gigantische Umsätze.

Stanley: Das haben wir alles Bill Aucoin zu verdanken, unserem ersten Profimanager. Wir lernten ihn im August '73 in New York kennen, bei einem Showcase-Gig für Plattenfirmen. Als nach dem ersten Song Totenstille war, ging Gene in seiner Monster-Montur von der Bühne auf Aucoin zu, packte seine Hände und klatschte sie aneinander. Dann applaudierten auch die Leute (lacht). Danach meinte Bill: Wenn ihr nicht vorhabt, die größte Band der Welt zu werden, werde ich euch nicht managen. Aber genau das ist unser Ziel, beteuerten wir. Später hatte Bill die Idee mit dem Kiss-Merchandise. Damals war das neu, heute machen es alle.

einestages: Zu Deutschland haben Sie eine besondere Beziehung - ihre Mutter Eva wurde 1923 in Berlin geboren.

Stanley: Als Zehnjährige musste sie vor den Nazis fliehen. 1933 ließen meine Großeltern und meine Mutter alles Hab und Gut zurück und flohen von Berlin nach Amsterdam. Das hat ihnen das Leben gerettet. Die Flucht ging weiter, schließlich landeten sie in New York, wo ich zur Welt kam.

einestages: Gene Simmons' Mutter Flora hat zwei Konzentrationslager überlebt.

Stanley: Die unsäglichen Gräueltaten der Nazis sind eingehend dokumentiert und für jeden einsehbar. Sie als Schande zu bezeichnen, wäre eine grobe Untertreibung.

einestages: Verstehen Sie vor diesem Hintergrund die Empörung im Deutschland der frühen Achtzigerjahre über das Kiss-Logo, weil die beiden "S" sehr den SS-Runen ähneln?

Stanley: Auf gewisse Weise habe ich das verstanden. Den Schriftzug hat damals Ace Frehley entworfen. Er wusste, dass Gene und ich jüdischer Abstammung sind, und wollte sicher niemanden provozieren. Die "S" sollen Blitze darstellen, nichts anderes. Die Diskussion ist absurd, besonders wenn man bedenkt, dass in Deutschland Neonazis mehr oder weniger ungestraft ihr Unwesen treiben dürfen.

einestages: Ihr Vater William ist heute 98, kürzlich haben Sie ein gemeinsames Foto auf Instagram gepostet.

Stanley: Ja, mein Dad ist noch ziemlich fit. Seine Vorfahren stammen aus Polen. Mit 16 träumte er nach der Highschool von einem Studium. Er kam allerdings aus einer einfachen Arbeiterfamilie, man verlangte von ihm, gleich einen Job anzunehmen und die Familie finanziell zu unterstützen. Also wurde er Verkäufer von Büromobiliar.

einestages: Problemlos war Ihre Jugend nicht gerade, oder?

Stanley: Mein rechtes Ohr war verkümmert und deformiert, ich höre auf dieser Seite nichts. Diesen Geburtsfehler bezeichnet man als Mikrotie. Ein Typ in der Schule nannte mich Ein-Ohr-Monster. Ich wurde angestarrt von Kindern und Erwachsenen, ein grausames Gefühl. Und ich wuchs in keiner intakten Familie auf. Ich habe mir geschworen, mich nicht unterkriegen zu lassen, meinen Weg zu gehen und es allen zu zeigen. Der Hass, den ich spürte, war die beste Motivation. Im besten Fall ist mein Werdegang ein Vorbild für Kids: dass man etwas schaffen kann, auch wenn die Ausgangsposition schwierig ist. Statt in eine Opferrolle zu verfallen, muss man aufstehen und für sein Glück, seinen Erfolg kämpfen.

einestages: Haben Sie sich mit Ihren Eltern ausgesöhnt?

Stanley: Ja. Meine Mutter kam zu vielen Konzerten, bis kurz vor ihrem Tod. Zu meinem Vater habe ich heute guten Kontakt und bin dankbar, dass ich ihn noch habe. Meine Eltern waren nicht sehr gut darin, mir ihre Liebe zu zeigen, aber sie haben mich niemals vorsätzlich verletzt. Die Beziehung war schwierig. Trotzdem bin ich froh, dass ich ihnen später finanziell ein gutes Leben bieten konnte.

einestages: Einmal sollen Sie Ihre Mutter so richtig geschockt haben.

Stanley: Als wir 1974 in Los Angeles das Album "Hotter Than Hell" aufnahmen, hatte ich von diesem Tattoo-Künstler gehört: Lyle Tuttle hatte schon die Haut von Janis Joplin und Cher veredelt und stach mir eine winzige rote Rose auf den Oberarm. Ich wollte nur ein einziges Tattoo. Als meine Mum es entdeckte, war sie entsetzt: "Du weißt schon, dass du als Tätowierter nicht mehr nach jüdischem Brauchtum beerdigt werden kannst!" Da sagte ich schulterzuckend: Dann müsst ihr eben meinen rechten Arm absägen. Kann mir dann auch egal sein... (lacht).

einestages: Groupies standen bei Kiss Schlange. Sind Sie froh, dass das lange vor der #MeToo-Debatte war?

Stanley: Nein, denn wir haben uns nichts vorzuwerfen. Zum Sex gehören immer zwei, es muss in beiderseitigem Einvernehmen geschehen, alles andere ist einfach nur erbärmlich. Man darf niemanden manipulieren oder gar bedrohen, um an Sex zu kommen. Und egal in welcher Sprache: No Means No! Wir waren immer Gentlemen.

einestages: "Rock and Roll all nite and Party every day" - bald ist das alles vorbei.

Stanley: Genug ist genug. Wir haben uns eine Riesenbühne bauen lassen und wollen unsere letzte Tournee zur Ehrenrunde machen, wie bei einem Formel-1-Rennen, wenn der Pilot seinen Sieg zelebriert. Wir werden mit einem Big Bang aufhören, mit der größten aller Shows. Und nach zwei, drei Jahren wollen wir nicht fix und fertig über die Ziellinie kriechen, sondern erhobenen Hauptes drübergehen.

insgesamt 15 Beiträge
Markus Staudt 10.01.2019
1. Mein erstes Kisskonzert beinahe...
...war 1980 in Hamburg, mit Iron Maiden als Vorband. Es scheiterte daran, dass meine Eltern mir das nicht erlaubt haben. Mein Onkel wollte mich eigentlich mitnehmen, immerhin war ich schon 11 :) so musste das bis 2015 warten, [...]
...war 1980 in Hamburg, mit Iron Maiden als Vorband. Es scheiterte daran, dass meine Eltern mir das nicht erlaubt haben. Mein Onkel wollte mich eigentlich mitnehmen, immerhin war ich schon 11 :) so musste das bis 2015 warten, und ich hatte eine Menge Spaß mit den alten Herren! In der Branche galten und gelten die Jungs immer als geldgeil und komerziell. Mag sein, aber sie liefern auch seit Jahrzehnten. Mal schauen ob sie es schaffen, sich wirklich zu verabschieden. Nichts ist peinlicher als ein Rücktritt vom Rücktritt und Pauls Stimme ist wirklich nicht mehr das was sie in den 70ern mal war.
Klaus Prange 10.01.2019
2. @Markus Staudt
Ha! Mein fast erster KISS-Gig war auf derselben Tour, aber in Bremen. Mein Vater hätte mich begleiten müssen, da ich erst 13 war, er hatte aber keine Lust... Habe sie mittlerweile aber fünf Mal gesehen, und dieses Jahr wird es [...]
Ha! Mein fast erster KISS-Gig war auf derselben Tour, aber in Bremen. Mein Vater hätte mich begleiten müssen, da ich erst 13 war, er hatte aber keine Lust... Habe sie mittlerweile aber fünf Mal gesehen, und dieses Jahr wird es das Konzert in der Waldbühne.
an sv 10.01.2019
3.
Als kommerziell und geldgeil galten Kiss sicher, weil sie mit "I was made for loving you" einen für die Zeit so typischen Disco-Song veröffentlicht haben - einer Rockband eigentlich nicht würdig. Aber dafür müssen [...]
Als kommerziell und geldgeil galten Kiss sicher, weil sie mit "I was made for loving you" einen für die Zeit so typischen Disco-Song veröffentlicht haben - einer Rockband eigentlich nicht würdig. Aber dafür müssen sie jetzt damit leben, dass sie im kollektiven Gedächtnis mit mehr Discosound als Rockmusik verewigt sind. Ich freue mich schon jetzt auf das Konzert!
Jan Itor 10.01.2019
4. Durfte sie....
...2010 bei Rock im Park hören, war mit Abstand der beste Auftritt dort und hat sehr viel Spaß gemacht (wenn auch zu kurz :( ). Hab mir extra ne 3er-CD-Kombo besorgt um ein bisserl mitsingen zu können, die liegt aktuell immer [...]
...2010 bei Rock im Park hören, war mit Abstand der beste Auftritt dort und hat sehr viel Spaß gemacht (wenn auch zu kurz :( ). Hab mir extra ne 3er-CD-Kombo besorgt um ein bisserl mitsingen zu können, die liegt aktuell immer noch im Auto und wird rege gehört ;)
George Flober 11.01.2019
5. Ende der 70 er in Mannheim...
kurz vor nem Examen gesehen. Das Lauteste bis heute! Mir haben 3 Tage die Ohren geklingelt. Soweit ich mich erinnere wurden die folgenden Konzerte in D wegen Gesundheitsgefaehrdung verboten. Das war wirklich krass. Man konnte den [...]
kurz vor nem Examen gesehen. Das Lauteste bis heute! Mir haben 3 Tage die Ohren geklingelt. Soweit ich mich erinnere wurden die folgenden Konzerte in D wegen Gesundheitsgefaehrdung verboten. Das war wirklich krass. Man konnte den "Gesang" erst verstehen im hinteren Bereich der Halle mit Handen auf den Ohren hinter einer Saeule. Cool wars trotzdem.

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