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10 Jahre einestages

Wie SPIEGEL-ONLINE-Leser Geschichte schreiben

Diktatur und Nachkriegszeit, Bau und Fall der Mauer: Jeder ist Zeitzeuge seiner Epoche, aber persönliche Erinnerungen finden in Geschichtsbüchern kaum Platz. Anders bei einestages - seit genau zehn Jahren.

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Wie alles begann: Die einestages-Seite kurz nach dem Start 2007

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Sonntag, 08.10.2017   19:16 Uhr

Eines Tages wird aus Vergangenheit Geschichte. Familiengeschichte, Zeitgeschichte, Weltgeschichte. Es kommt darauf an, wie man sie erzählt. Und wer sie erzählt.

Am 8. Oktober 2007 veröffentlichte SPIEGEL ONLINE einen Beitrag in eigener Sache und rief die Leser auf: "Schreiben Sie Geschichte - auf einestages". Gemeint war damit ein Forum für "Zeitgeschichte(n)", absichtlich im sprachspielerischen Plural. Es sollte Raum geben für unterschiedliche Perspektiven und ganz persönliche Erinnerungen an Ereignisse des 20. Jahrhunderts, die auf die eine oder andere Weise bereits Erwähnung in Zeitungen oder Geschichtsbüchern gefunden hatten.

Nicht Journalisten oder Historiker allein sollten diesmal entscheiden, wie ein Ereignis zu betrachten oder eine Epoche zu bewerten war, welche Dinge den Alltag prägten und unser Leben bestimmten oder welche es überhaupt wert waren, dass man an sie erinnerte. Was "damals" war, das sollten Menschen erzählen, die es selbst erlebt hatten - vor einem großen Publikum im Internet.

Es begann als Experiment mit der Idee, dass im Prinzip jeder ein Zeuge seiner Zeit ist und also davon berichten kann. SPIEGEL ONLINE wollte seine "Leser zu Partnern in diesem neuen und einmaligen Projekt" machen: dem Erzählen von Zeitgeschichten.

Erste Zuschriften erreichten uns binnen Stunden. Etwa von Rainer Schinzel (hier alle seine Beiträge): Er berichtete, wie er als 17-Jähriger mit zwei Freunden aus der DDR floh, nachdem er zwei Jahre zuvor eher zufällig Zeuge des Mauerbaus in Berlin geworden war. Getrennt von seiner Mutter, die im anderen Teil Deutschlands blieb, erwartete ihn als Ostdeutscher ein schwieriger Schulstart im Westen - eine eindrückliche deutsch-deutsche Biografie.

Der heute älteste SPIEGEL-ONLINE-Autor ist Josef Königsberg, er wird im November 93 (hier alle seine Beiträge). Bereits 2008 beschrieb er auf einestages, wie er den Beginn des Zweiten Weltkriegs im schlesischen Kattowitz erlebte - als sein Vater floh und die SS an die Tür der jüdischen Familie klopfte. Es war ein SS-Mann, der ihn zunächst vor der Deportation bewahrte, berichtete Königsberg. Mehr als 70 Jahre nach dem Krieg beschäftigte ihn noch immer die Frage, was aus seinem Retter wurde - und mit Hilfe von einestages fand er vor kurzem die Antwort.

Eine andere Perspektive auf diese Zeit schilderte Ferdinand Keuter (hier alle seine Beiträge). Er war ein Kind, als der Krieg ins Sauerland kam, Stahlhelme, Gewehre und Munition als gefährliches Spielzeug zurückließ, während das Kindermädchen Tatjana, in Wahrheit Zwangsarbeiterin aus Russland, verschwand.

Die Berufswahl war ein existenzielles Thema für jemanden, der wie Siegfried Wittenburg (hier alle seine Beiträge) in der DDR lebte. Der Rostocker Fotograf veröffentlichte auf einestages Bilder, die er in der DDR nicht zeigen konnte. Aus eigener Anschauung berichtete er von den Restriktionen des Alltags, etwa beim Wohnen oder beim Einkaufen, die DDR-Bürger bis in den Urlaub verfolgten - natürlich auch den Autor selbst.

Fotostrecke

Siegfried Wittenburg: Fotos, die man in der DDR besser nicht zeigte

Eine Generation jünger erlebte Autor Marko Schubert (hier alle seine Beiträge) als Jugendlicher den Untergang der Diktatur. Doch selbst Schuberts Anekdoten erzählen von Beschränkungen, allgegenwärtiger Überwachung und Absurditäten im "Arbeiter- und Bauernstaat".

Oft vermisst haben wir auf einestages Autorinnen, die ihre Geschichten erzählen. Frauen meldeten sich seltener zu Wort. Noelle Barton zum Beispiel berichtete über ihre Zeit in einer legendären Hippiekommune in Kalifornien, die sie mit gründete: eine Farm im Vollrausch. Und Achtundsechzigerin Lidia Ravera schockte einst Italien mit ihrem Sex-Tagebuch "Schweine mit Flügeln".

Viele Zeitzeugenberichte entstanden, indem Menschen erzählten, wie sie etwa das Zugunglück in Eschede, die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die Ankunft der ersten Gastarbeiter oder den Tsunami erlebten. Die Leser von SPIEGEL ONLINE nahmen die Einladung an, einestages zum Forum für ihre persönlichen Erinnerungen zu machen, sich mit anderen darüber auszutauschen und manchmal auch zu streiten.

Die Leserautoren wählten ihre Themen selbst; Journalisten, auch Historiker sichteten die Texte, redigierten sie und entschieden über die Veröffentlichung. Mit eindrucksvollen, mitunter schockierenden Episoden ließen einestages-Autoren bewegende Momente vor allem der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts lebendig werden. Sie entschieden, was sie erzählen wollten - und welche Episoden besser im Familienkreis blieben.

Oft ging es darum, wie die großen Ereignisse den Alltag bestimmten; die Lesertexte handelten von Krieg und Katastrophen, Flucht, Verfolgung, Tod. Aber neben all dem Ernsten, Tragischen und Dramatischen wünschte sich die Redaktion auch Leichtigkeit und Lesevergnügen. Und fand prominente Geschichtenerzähler wie etwa MTV-Moderator Steve Blame, Deutsch-HipHopper Smudo, Punkpionier Campino, Loveparade-Gründer Dr. Motte, Fußballer Andreas Brehme, Polarforscher Arved Fuchs oder die Stimme von Milli Vanilli.

Eines Tages verblasst die Erinnerung. Wenn man sie nicht aufschreibt, dokumentiert, bewahrt und deutet. einestages schreibt auf - in bislang rund 6000 Beiträgen. einestages dokumentiert - in Zehntausenden Bildern, Videos und Dokumenten. Und einestages bewahrt und deutet - mit Interviews und Gastbeiträgen, Artikeln und den Berichten der Zeitzeugen. Viele von ihnen, die Geschichte erlebt und ein Teil von ihr geworden sind, hätten in den klassischen Geschichtsbüchern wohl keinen Platz gefunden.

Sie, liebe Leser, haben mit Ihren Texten und Fotos, Hinweisen und Kommentaren dazu beigetragen, dass einestages seit nun genau zehn Jahren ein so lebhafter Teil von SPIEGEL ONLINE ist. Dafür bedanken wir uns und möchten in den kommenden Wochen an besondere Beiträge seit 2007 erinnern - zum Lachen und Weinen, zum Aufregen und Kopfschütteln.

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