einestages

Bayern München in den Siebzigern

"Gerd war mehr wert als der Franz"

Der ehemalige Bayern-München-Verteidiger Jupp Kapellmann gewann mit dem Club in den Siebzigern dreimal den Landesmeistercup. Bei einestages erinnert er sich an unheimliche Auslandsreisen, brutale Gegner - und die Doppelmoral eines berühmten Teamkollegen.

DPA
Mittwoch, 16.05.2012   19:05 Uhr

Wenn man so will, ist der ehemalige Fußballprofi Hans-Josef Kapellmann im Vorruhestand noch einmal ins Ausland gewechselt. Er arbeitet als Orthopäde und Doktor med. in Arabien. Kapellmann ist jetzt 62 und lernt Arabisch, es ist seine fünfte Fremdsprache. "Die 29 Buchstaben des Alphabets habe ich mittlerweile drin", erzählt er.

Das arabische Abenteuer im Rentenalter passt zu dem Mann, der schon in seiner Fußballerzeit als Exot galt. Als er beim 1. FC Köln spielte, war Kapellmann an der Uni für BWL eingeschrieben. Als er zu den Bayern wechselte, studierte er nebenbei Medizin - und brachte ins Trainingslager auch mal ein in Formalin eingelegtes Gehirn mit. Sein Spitzname: "Apotheke".

Doch Kapellmann war nicht nur ein kluger Kopf, sondern auch ein ziemlich guter Fußballer - und extrem erfolgreich. Als der in Aachen geborene Verteidiger 1973 nach München kam, begann die international erfolgreichste Ära des Clubs. Mit Gerd Müller, Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Kapellmann gewann der FCB dreimal in Serie den Landesmeistercup. Anlässlich des Champions-League-Finals der Bayern gegen den FC Chelsea am 19. Mai erinnert er sich bei einestages an die Hochzeit der Münchner in den Siebzigern.

einestages: Herr Kapellmann, ein Rätsel: Während Bayern München in Europa Erfolge feiert, wird der Club, den wir suchen, zweimal in Folge Deutscher Meister. Ein Tipp: Er heißt Borussia.

Kapellmann: Mönchengladbach! 1975 und 1976.

einestages: Dortmund! 2011 und 2012. Bayern dominiert in der Champions League und verliert in der Bundesliga den Anschluss. Verblüffend, wie sich mit fast 40 Jahren Abstand die Geschichte wiederholt, oder?

Kapellmann: Fast. Wir haben dreimal in Folge den Landesmeistercup gewonnen. Die aktuelle Mannschaft stand zweimal in drei Jahren im Finale. Gewonnen hat sie noch nichts.

einestages: Vielleicht ist es auch einfach schwerer geworden? Oder täuscht der Eindruck, dass damals alles eine Nummer kleiner war? Der Wettbewerb - und auch die Bayern.

Kapellmann: Stimmt schon. Bayern München war für damalige Verhältnisse zwar finanziell top in Deutschland, aber der Umsatz betrug 20 bis 25 Millionen Mark. Heute sind es mehr als 300 Millionen Euro.

einestages: Der damalige Präsident Wilhelm Neudecker sagte nach dem Halbfinale 1976: "Ich fürchte, das Finale wird ein Zuschussgeschäft." Ein Zuschussgeschäft! 2012 haben die Bayern nach dem Halbfinale schon 30 Millionen Euro verdient.

Kapellmann: In den Siebzigern gab es ja nur drei deutsche Fernsehanstalten und dementsprechend geringere Einnahmen. Gleichzeitig hat der Club sehr hohe Prämien gezahlt, für ein Endspiel gab es 50.000 Mark pro Spieler. Bayern-Profis hatten auch die höchsten Festgehälter in der Bundesliga. Gut möglich, dass am Ende nicht viel für den Club übrig blieb. Renommee bekam er eine Menge.

einestages: Bayern gewann zwischen 1974 und 1976 dreimal in Folge den Landesmeistercup. Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an diese Zeit denken?

Kapellmann: Nichts Sportliches.

einestages: Sondern?

Kapellmann: Es war 1975, nach dem Finale gegen Leeds United in Paris, als wir mit dem Bus durch die Vorstädte fuhren. Ich werde nie vergessen, wie die englischen Hooligans dort gewütet hatten. Überall zertrümmerte Scheiben, wie eine Walze waren die da durch.

einestages: Bayern hatte Leeds 2:0 besiegt. Auf dem Platz war es auch ziemlich hart zugegangen.

Kapellmann: Hart? Brutal! Kriminell! Uli Hoeneß und Björn Andersson wurden regelrecht abgeschlachtet. Ohne dass der Ball auch nur in der Nähe war, trat Teddy Yorath Andersson das Knie auseinander. Aus heiterem Himmel, das vordere Kreuzband, Innenband und Innenmeniskus waren gerissen. Gray foulte dann Hoeneß krankenhausreif.

einestages: Was haben Sie da empfunden? Angst?

Kapellmann: Absolute Wut habe ich empfunden. Wenn ich eine Pistole gehabt hätte - ich fürchte, ich hätte davon Gebrauch gemacht. Die Leeds-Profis haben es ausgenutzt, dass jeder Schiedsrichter zu Spielbeginn ein paar Minuten Zeit braucht, um sich auf das Spiel einzustellen. Es war eine ganz bewusste Entscheidung des Gegners: Von den Bayern-Spielern holen wir zwei vom Platz.

einestages: Weil die Mannschaft chancenlos gewesen wäre?

Kapellmann: Ja. Leeds-Kapitän Billy Bremner und auch Yorath wirkten wie aufgeputscht. Und ihre Taktik funktionierte, Leeds hat uns kontrolliert. Erst nach dem 2:0 konnten wir sicher sein, dass wir das doch gewinnen würden.

einestages: Das Spiel gegen Leeds wirkt im Rückblick auch wie eine Blaupause für spätere "typische" Bayernsiege: effizient und gnadenlos.

Kapellmann: In diesem Spiel waren wir nicht die bessere Mannschaft, aber wir sind zweimal nach vorn, machen zwei Tore, zack, Ende. Wir waren schwer auszurechnen. Und wir hatten Gerd Müller. Ohne seine Treffer in aussichtslosen Situationen wären wir nie so weit gekommen.

einestages: Sie hatten Beckenbauer!

Kapellmann: Gerd war mehr wert als der Franz. Fragen Sie die anderen Spieler: Müller war ein Geschenk des Himmels.

einestages: Müller arbeitet heute als Co-Trainer der Bayern-Amateure. Er hat nahezu seine gesamte Karriere bei demselben Verein verbracht. Wie auch Schwarzenbeck, Maier, Roth. Das ist sehr selten geworden.

Kapellmann: Sie waren eben hier zu Haus. Schwarzenbeck und Beckenbauer kamen aus München, Maier aus Anzing, Roth aus dem Allgäu. Hoeneß wechselte aus Ulm, ist ja irgendwie auch keine Entfernung. Und wo sollten sie auch hingehen, außer zum FC Bayern? Den Sepp Maier hätten sie anderswo gar nicht verstanden.

einestages: Die Champions League startet heute mit 32 Clubs, vorher gibt es sogar noch eine Qualifikation. Als Sie mit den Bayern Europa aufmischten, spielten noch ausschließlich Landesmeister im Landesmeistercup. Exotische Vereine wie Ararat Eriwan waren auch dabei.

Kapellmann: Die Reise nach Eriwan war erschreckend. Wir wurden vom KGB bewacht. Als wir das erste Mal zum Training kamen, hatte sich dort eine Menschenmenge versammelt, um uns zu bejubeln - und unsere Bewacher knüppelten sofort drauflos. Ein Polizist hat einem Mann direkt auf die Schädeldecke geschlagen, dass das Blut spritzte. Ich als angehender Mediziner habe dann Erste Hilfe geleistet.

einestages: Während Sie im Europacup Jahr für Jahr erfolgreich waren, lief in der Bundesliga nichts mehr zusammen. Hat sich das Team nur auf den europäischen Wettbewerb konzentriert?

Kapellmann: Ich will es so ausdrücken: Wann immer wir im Landesmeistercup vorn mitgespielt haben, gab es Motivationsprobleme in der Bundesliga. Jetzt müssen wir da nach Schalke, nach Wuppertal, da gibt’s doch gar keine Flugverbindung, so dachten einige in der Mannschaft. Für die Europacup-Spiele haben wir immer alles gegeben. Dort gab es auch höhere Prämien zu verdienen.

einestages: Wie hoch waren die?

Kapellmann: Wir Bayern haben allein durch den Europacup so viel verdient wie ein Profi von Borussia Dortmund im ganzen Jahr. Das Geld war schon immer ein wahnsinnig großer Anreiz für Spieler, nach München zu kommen. Ich erinnere mich noch, als ich 1974 mit meiner Kreuzbandverletzung im Krankenhaus lag. Was tat Bayern-Manager Robert Schwan als erstes? Er schickte den Vertreter des Clubsponsors Langnese zu mir, der brachte einen Scheck über 12.000 Mark vorbei. Einfach zur Motivation: Auch wenn du jetzt krank bist, du gehörst zu uns.

einestages: 1976 gewann der Club den dritten Landesmeistercup in Serie. Eine unerhörte Leistung, die bis heute kein deutscher Verein mehr erreicht hat. Was macht so viel Erfolg mit einem Spieler?

Kapellmann: Die Luft war raus. Dauererfolg macht satt. Die Spieler waren auch älter geworden. Es ist nicht möglich, so was beliebig lange auf dem höchsten Niveau zu leisten - jedenfalls nicht mit der gleichen Mannschaft. Man stumpft ab. Aber wen wundert das, wenn man mit seinen Kollegen über die Jahre mehr Zeit verbringt als mit der eigenen Ehefrau. Der Erfolg hat uns auch verzehrt, jeden Einzelnen.

einestages: Lange nach Ihrem Karriereende haben Sie sich erleichtert gezeigt, dass Sie den Ausstieg aus dem Fußballzirkus geschafft hatten. Warum?

Kapellmann: Was ist schon Fußball? Brot und Spiele, wie früher bei den Gladiatoren. Und wenn Sie mal zehn Jahre mit den sogenannten Superstars verbracht haben, dann verblasst der Glanz. Denken Sie an Paul Breitner: Der hatte wie John Lennon eine Havanna im Mund, war gegen den Vietnamkrieg, hatte die Maobibel unter dem Kopfkissen und gab linke Sprüche von sich. Gleichzeitig stand ein Bentley in seiner Garage - und Breitner gab Autogrammstunden für Tausende D-Mark. Aber ich will die Zeit nicht geringschätzen. Das war damals schon das Größte, da mit dem Pokal zu stehen.

einestages: Ihr Tipp für das Finale gegen Chelsea?

Kapellmann: Ich hoffe, Bayern gewinnt. Aber wenn der Club am Samstag verliert, wird es eine Zäsur geben. Spieler werden den Verein verlassen, von denen man das jetzt noch nicht glaubt. Der Zwist zwischen Arjen Robben und Franck Ribery war nur die Spitze des Eisbergs.

einestages: Und ein Titel?

Kapellmann: Der würde die Einheit wahren. Zumindest für ein Jahr.

Das Interview führte Christian Gödecke 2012

insgesamt 8 Beiträge
Mathias Völlinger 17.05.2012
1.
Ohmann, ich war damals auch Bayern-Fan. Als 10 Jähriger oder so. Und dann erinnere ich mich, dass da Sepp Maier und Co. mal in einem Heimatfilm mit Hansi Kraus mitgespielt hatten
Ohmann, ich war damals auch Bayern-Fan. Als 10 Jähriger oder so. Und dann erinnere ich mich, dass da Sepp Maier und Co. mal in einem Heimatfilm mit Hansi Kraus mitgespielt hatten
Gerhard Wanninger 18.05.2012
2.
Auch ich war Bayernfan, meine Schwester brachte aus München den Vereinswimpeln mit allen Erfolgen, die ich auswendig lernte, mit. Ich hatte eine Autogrammkarte von Sepp Maier. Doch Anfang der 80er konnte ich sie bei einem Match [...]
Auch ich war Bayernfan, meine Schwester brachte aus München den Vereinswimpeln mit allen Erfolgen, die ich auswendig lernte, mit. Ich hatte eine Autogrammkarte von Sepp Maier. Doch Anfang der 80er konnte ich sie bei einem Match für ein Vereinsjubiläum eines kleinen Stadtvereines live erleben. Erst kamen sie eine Stunde zu spät, traten ohne ihre angekündigten Stars an und verließen kurz nach dem Spiel ohne ein einziges Autogramm das Stadion. Ich war echt überrascht wie Dieter Hoeness von einem unbekannten Verteider total aus dem Spiel genommen wurde! Zu Hause habe ich sofort alles bayernbetreffende abgehängt und in den Müll gefeuert! Diese Arroganz der Bayern aus München, ob ehemalige oder noch aktive, hält bis heute an!
S. Wright 18.05.2012
3.
Dass Gerd Müller viel, viel größer war als Beckenbauer ... tja, das musstest du damals keinem 9-jährigen erklären. Damals haben die Bayern ihren "Ruf wie Donnerhall" begründet. Zurecht. Waren legendäre Partien im [...]
Dass Gerd Müller viel, viel größer war als Beckenbauer ... tja, das musstest du damals keinem 9-jährigen erklären. Damals haben die Bayern ihren "Ruf wie Donnerhall" begründet. Zurecht. Waren legendäre Partien im Europacup.
Andreas Mayr 18.05.2012
4.
Naja in den 80ern aber auch bis vor 10 Jahren war das wohl noch alles etwas anders. Heutzutage sind die bescheidener und volksnäher, zumindest die meisten. Schweinsteiger, Badstuber usw. die sind doch alle sehr sympathisch und [...]
Naja in den 80ern aber auch bis vor 10 Jahren war das wohl noch alles etwas anders. Heutzutage sind die bescheidener und volksnäher, zumindest die meisten. Schweinsteiger, Badstuber usw. die sind doch alle sehr sympathisch und wirken nicht abgehoben oder arrogant. Insofern denke ich nicht, dass diese Arroganz bis heute anhält. Und zu dem Spiel damals: Was würdest zu tun? Dein Verein macht ein Freundschaftsspiel aus gegen einen Dorfverein, was für Dich als Topspieler überhaupt keine Herausforderung ist. Du kennst keinen, Du hast sicher keine Lust, da überhaupt zu spielen. Da bist Du doch froh, da schnell wieder weg zu sein.
Volker Altmann 18.05.2012
5.
Wenn ich Herrn Hoeneß richtig verstanden habe, legen die Schnick-Schnack-Schnuck-Bayern keinen sonderlichen Wert mehr auf die Deutsche Meisterschaft. Das war zu Zeiten eines Müller oder Beckenbauer auch mal anders. Sollen sie [...]
Wenn ich Herrn Hoeneß richtig verstanden habe, legen die Schnick-Schnack-Schnuck-Bayern keinen sonderlichen Wert mehr auf die Deutsche Meisterschaft. Das war zu Zeiten eines Müller oder Beckenbauer auch mal anders. Sollen sie meinetwegen jedes Jahr Zweiter der Bundesliga werden und Champions-League spielen. Den ?Dorftitel? Deutscher Meister können sie gerne anderen überlassen. Nicht nur Dortmund wird es freuen.

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