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Spuren jüdischen Lebens in Osteuropa

Porträt einer verschwindenden Welt

Hier ein verwilderter Friedhof, dort eine zum Fitnessklub umgebaute Synagoge: Christian Herrmann findet und fotografiert Orte in Osteuropa, wo einst Juden lebten - bevor sie ermordet wurden.

Christian Herrmann/ Lukas Verlag
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Mittwoch, 26.09.2018   15:13 Uhr

Zur Person

Wie fotografiert man das, was nicht mehr da ist?

Zum Beispiel Trochenbrod, eine jüdische Siedlung im Nordwesten der Ukraine, früher Ostpolen. Sieben Synagogen gab es dort einmal und gut 5000 Einwohner, viele von ihnen Bauern. Dann kamen die Nationalsozialisten nach Trochenbrod. Sie errichteten ein Ghetto, ermordeten die Bevölkerung, verwüsteten die Häuser. 33 Menschen überlebten, sie flohen in alle Himmelsrichtungen.

Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an den ausgelöschten Ort. Und der Roman "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer - der US-Autor schuf ein literarisches Denkmal für die Heimat seiner Ahnen.

Christian Herrmann indes hat versucht, den Ort abzulichten. Die Abwesenheit von Leben im Bild einzufangen. "Ich dachte immer, Trochenbrod sei nur eine Fiktion. Bis ich selbst davorstand. Von dem Ort ist nichts mehr übrig, nicht einmal eine Ruine", sagt der Kölner Fotograf und Blogger.

Auf der Suche nach Spuren jüdischen Lebens reist Herrmann, Jahrgang 1962, Sohn eines Wehrmachtssoldaten, seit den Neunzigerjahren kreuz und quer durch Osteuropa. Seine Funde präsentiert Herrmann jetzt im Bildband "Im schwindenden Licht".

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Christian Herrmann:
Im schwindenden Licht

Spuren jüdischen Lebens im Osten Europas

Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte; 180 Seiten; 30, 00 Euro.

Orte wie Trochenbrod gibt es zuhauf in jener Region zwischen Ostseeküste und Schwarzem Meer, die Osteuropahistoriker Timothy Snyder "Bloodlands" nennt. Weil sich genau dort das Zentrum des monströsen Menschenvernichtungsprogramms befand.

Befehl zur "totalen Ausrottung"

Systematisch löschten die Einsatzgruppen der SS, unterstützt von Wehrmacht, Polizei und lokalen Helfern, ab Juni 1941 nahezu das gesamte jüdische Leben in der Region aus. Stadt um Stadt, Schtetl um Schtletl.

Allein in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew waren es 33.771 Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge. Sie wurden in nur zwei Tagen erschossen, am 29. und 30. September 1941. "Es war ja der Befehl, dass die jüdische Bevölkerung total ausgerottet werden sollte", sagte SS-Führer Otto Ohlendorf nach dem Krieg vor Gericht.

SPIEGEL ONLINE

Spur des Todes: Die Wege der deutschen Einsatzgruppen in der Sowjetunion

Wie im Blutrausch zogen die NS-Verbrecher durch Osteuropa. Sie verschleppten die Menschen in Todesfabriken oder erschossen sie oftmals gleich vor Ort, am Rande von Dörfern, in Wäldern, auf Feldern.

"Aus den Lagern gibt es Überlebende, die ihre Geschichte erzählen können", sagt Fotograf Herrmann. "Daher fokussiert sich ein großer Teil der kollektiven Erinnerung an den Holocaust auf Orte wie Auschwitz, Treblinka, Sobibor."

Dass Abertausende Juden direkt an ihren Wohnorten exekutiert wurden, sei vielen nicht bewusst: "Von den Erschießungsgruben in Osteuropa gibt es kaum Überlebende - und daher auch kaum Erzählungen", so der studierte Objekt-Designer. Umso wichtiger sei es, Hinweisen auf jüdisches Leben in dem geschundenen Gebiet nachzuforschen: "Was da so systematisch vernichtet wurde, war unser gemeinsames europäisches Erbe, Teil unserer christlich-jüdischen Identität."

Gedenkverbot zu Sowjetzeiten

Dem "Holocaust durch Kugeln" fielen laut US-Historiker Snyder 2,5 Millionen Menschen zum Opfer. Die Ermordeten wurden in Massengräbern verscharrt, die Erinnerung an sie wurde getilgt. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg bestand Diktator Josef Stalin darauf, den Völkermord an den Juden zum Martyrium sowjetischer Bürger umzudeuten.

Wer, wie Wassili Grossmann und Ilja Ehrenburg, trotzdem über die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung schrieb, wurde zensiert. Der Holocaust galt als Tabu, in Osteuropa kam es weiter zu Pogromen gegen Juden.

Fotostrecke

Spuren jüdischen Lebens in Osteuropa: Planierte Massengräber, Synagogen als Brauereien

Die einstigen Massenexekutionsstätten wurden zugeschüttet, bebaut, als Mülldeponien genutzt. Über das Gedenkverbot zu Sowjetzeiten schrieb der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko 1961:

"Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras. Streng, so sieht dich der Baum an, mit Richter-Augen. Das Schweigen rings schreit".

Die sowjetischen Machthaber ließen die Überbleibsel jüdischer Kultur zerstören oder zweckentfremden, wie Herrmanns Fotografien zeigen: Friedhöfe wurden eingeebnet, die Grabsteine als Baumaterial für Straßen und Häuser benutzt. Man tilgte die jiddischen Inschriften auf Häusern, riss Synagogen ab oder funktionierte sie um - zu Fitnesstempeln oder Fabriken, Geschäften oder Schulsportsälen.

Früher Gotteshaus, heute Wodka-Destillerie

In Nowoselyzja (Bessarabien) entdeckte Herrmann eine Synagoge, aus der ein Klub einer sowjetischen Jugendorganisation geworden war. Und in der ehemaligen Großen Synagoge von Sbarasch (Galizien) befindet sich heute eine Wodka-Destillerie.

Herrmann wusste zu Beginn seiner Reisen zwar viel über den Holocaust, aber kaum etwas über die Bukowina und Galizien, Podolien und Bessarabien: ausradierte Zentren jüdischen Lebens, lebendig nur noch in den Werken ihrer Schriftsteller wie Joseph Roth, Rose Ausländer oder Paul Celan.

Oft verrieten ihm gerade die Leerstellen etwas über das einstige jüdische Leben. Planierte Massengräber zum Beispiel - riesige Sandflächen, vor denen oft nicht einmal eine Infotafel an den Völkermord erinnert. Oder kleine, diagonale Einbuchtungen in den Türpfosten der Gebäude: Wo heute ein Loch klafft, hingen einst die für jüdische Häuser typischen Schriftkapseln, "Mesusa", eine Art Haussegen. Im Krieg rissen die Nazis die Mesusa heraus, danach waren es die Sowjets.

Hier ein improvisierter Grillplatz auf einem früheren jüdischen Friedhof, dort jüdische Grabsteine im Fundament eines Stalls - was Herrmann in seinen Bildern dokumentiert, wirkt oft bedrückend. Doch er sieht auch Hoffnung: Weil sich immer wieder Menschen vor Ort darum kümmern, das Erbe vor dem Vergessen zu retten.

"Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat ein Umdenken begonnen. Vor allem junge Leute tun sich zusammen, legen Friedhöfe frei, restaurieren Synagogen", so Herrmann. In seinem Blog "Vanished World" porträtiert er solche Initiativen und erzählt von den Menschen, die er auf seinen Reisen trifft.

Wettlauf gegen die Uhr

Etwa Tetyana Sadovska, die jüdische Grabsteine unter dem Asphalt ihrer Heimatstadt Radechiw ausbuddelt. Oder Mariia Ginzburg: Die Gründerin des Projekts "404 - Unknown Pages" versucht, bislang tabuisierte Aspekte der ukrainischen Geschichte aufzuarbeiten.

Auch eine alte Dame gehört dazu, Herrmann begegnete ihr 2017 in Busk, einer ukrainischen Kleinstadt knapp 50 Kilometer östlich von Lemberg. Die Frau erzählte Herrmann von den Massenerschießungen im Mai 1943, als SS-Einheiten rund 1200 Juden in Busk ermordeten.

Doch ein Mann entkam: Mitten in der Nacht, berichtete die alte Frau, habe ein blutüberströmter Jude an die Tür ihres Hauses geklopft und um Hilfe gebeten. Ihr Schwiegervater habe ihm Kleider und Essen besorgt, dem Mann zudem geraten, sich zum Schwarzen Meer durchzuschlagen und nach Palästina zu flüchten.

Vor einigen Jahren, so die Dame, hätten Gäste aus Israel die Heimat ihrer Ahnen in Busk besucht - es waren die Kinder dieses Holocaust-Überlebenden. "Die alten Menschen mussten ein Leben lang mit ihren Erinnerungen klarkommen. Sie sind froh, wenn sich endlich jemand dafür interessiert", sagt Herrmann.

Wie oft er schon gereist, wie viele Kilometer er gefahren ist auf der Suche nach jüdischen Relikten? Herrmann zählt es nicht mehr - die Reisen sind längst selbstverständlich geworden, ein Wettlauf gegen die Uhr. Im Dezember geht es wieder los, Richtung Ukraine. Und dann im Frühjahr 2019 nach Belarus.

Noch seien Überreste da, sagt der Fotograf, doch von Jahr zu Jahr verwittern sie mehr: "Es ist eine Frage der Zeit, wann diese Spuren für immer verschwunden sein werden."

insgesamt 4 Beiträge
Theodoricus Lindauer 26.09.2018
1. Viele jüdische und kryptojüdische Lindauer
sind im 17. bis 18 Jahrhundert in die Ukraine ausgewandert. Leider gibt es fast keine Register um deren Stammlinien zu rekonstruieren. [...]
sind im 17. bis 18 Jahrhundert in die Ukraine ausgewandert. Leider gibt es fast keine Register um deren Stammlinien zu rekonstruieren. https://www.google.com/maps/d/u/0/edit?mid=1mdVjvX_q00hj7tbY5AsDPUBbP_o&ll=49.48275321451983,18.20833598177319&z=5 http://kryptojuden.weebly.com/lindauers Deshalb besten Dank n Christian Herrmann
Viktoria Kurtic 26.09.2018
2.
Es ist wichtig Geschichte lebendig zu halten, damit sie sich nicht wiederholt. Jedoch waren nicht nur Juden Opfer, sondern auch Tataren, Roma, Russlanddeusche usw. Deren Leid und Geschichte wird leider nicht selten thematisiert.
Es ist wichtig Geschichte lebendig zu halten, damit sie sich nicht wiederholt. Jedoch waren nicht nur Juden Opfer, sondern auch Tataren, Roma, Russlanddeusche usw. Deren Leid und Geschichte wird leider nicht selten thematisiert.
Lukas Lichte 26.09.2018
3. Häuser
Textauszug zu Bild 12: "Zwischen 1989 und 2002 kehrten mehr als 1,5 Millionen Juden aus der Sowjetunion ihrer Heimat den Rücken und wanderten nach Israel, Deutschland oder in die USA aus. Ihre Häuser ließen sie [...]
Textauszug zu Bild 12: "Zwischen 1989 und 2002 kehrten mehr als 1,5 Millionen Juden aus der Sowjetunion ihrer Heimat den Rücken und wanderten nach Israel, Deutschland oder in die USA aus. Ihre Häuser ließen sie zurück." Was hätten sie denn sonst mit den Häusern machen sollen? Mitnehmen? Leider ein unpassende Komik in einem ernsthaften und traurigen Bericht.
Peter Jagusch 28.09.2018
4. Gut, dass es Menschen gibt,...
... die solche Bücher herausbringen und damit einen wichtigen Beitrag dafür leisten, dass diese Gräueltaten nicht in Vergessenheit geraten.
... die solche Bücher herausbringen und damit einen wichtigen Beitrag dafür leisten, dass diese Gräueltaten nicht in Vergessenheit geraten.

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