Getto Lodz

"Väter und Mütter, gebt mir eure Kinder!"

1942 schickten die deutschen Besatzer alle Kinder aus dem Getto Lodz in den Tod. Der Judenälteste beschwor die Eltern, sie auszuliefern - Chaim Rumkowskis Rede zählt zu den erschütterndsten Dokumenten in der Geschichte des Holocaust.

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Von und
Freitag, 26.01.2018   09:15 Uhr

Rund 1500 Menschen haben sich am Spätnachmittag des 4. September 1942 auf dem Platz der Feuerwehr in der Hamburger Straße 13 versammelt. Eilig angebrachte Aushänge an den Mauern des Gettos Lodz künden von einer wichtigen Ansprache des Judenältesten. Die Septembersonne strahlt, in der Hitze suchen die Menschen Schatten, "kein einziges Lüftchen wehte", schrieb der Gettochronist Józef Zelkowicz in seinem Tagebuch.

Mühsam erklimmt Mordechai Chaim Rumkowski, 66, die "Tribüne", einen einfachen Schreibtisch, und beginnt mit gebrochener Stimme: "Dem Getto wurde ein furchtbarer Schlag versetzt. Man verlangt von ihm, dass es das Kostbarste hergibt, was es besitzt - Kinder und alte Menschen.… Auf meine alten Tage muss ich meine Hand ausstrecken und flehen: Brüder und Schwestern, gebt sie mir her! Väter und Mütter, gebt mir eure Kinder."

In Panik streben Menschen zur Rednertribüne und werden zurückgedrängt. Rumkowski erklärt weiter, am Vortag hätten die Deutschen von ihm die Auslieferung aller Kinder unter zehn Jahren, der Alten über 65 Jahren sowie der Kranken innerhalb der nächsten Tage gefordert.

"Das Herz eines Diebes"

Er habe es aufzuhalten und zu mildern versucht - vergebens. Nun bleibe ihm nichts anderes, als diesem Befehl nachzukommen, um noch Schlimmeres zu verhindern: "Ich muss diese schwere und blutige Operation durchführen, ich muss die Gliedmaßen abtrennen, um den restlichen Körper zu erhalten! Ich muss euch die Kinder nehmen, denn wenn nicht, könnten auch andere genommen werden."

Die Deportation ausführen soll der jüdische "Ordnungsdienst", um ein Eingreifen der SS zu verhindern. "Helft mir, die Aktion durchzuführen!", ruft der selbst kinderlose Rumkowski. Mehrfach unterbrechen ihn aufgewühlte Menschen. "Wir werden alle gehen!", rufen sie, und: "Nehmen Sie je ein Kind aus den Familien, die mehrere haben!" Mütter verlassen hektisch den Platz, um ihre Kinder zu verstecken. Väter kündigen an, ihre Kinder lieber eigenhändig umzubringen, als sie den Deutschen auszuliefern.

Am Ende seiner Ansprache räumt der Judenälteste ein, man müsse "das Herz eines Diebes" haben, "um das zu verlangen, was ich von euch verlange". Und doch sei "die Zahl derer, die gerettet werden können, viel größer als die derjenigen, die herausgegeben werden müssen". Dieser diabolischen Rechnung trauen verzweifelte Gettobewohner nicht und bewerfen Rumkowskis Pferdekutsche bei der Abfahrt mit Steinen.

Poker mit dem Teufel

Der Überlebende Abraham Biderman ("Rumkowski spielte Poker mit dem Teufel") berichtet sogar, noch während der Rede seien heftige Kämpfe zwischen der Bevölkerung und dem mit Gummiknüppeln bewaffneten "Ordnungsdienst" ausgebrochen, der die Mitglieder des Judenrates zu schützen versuchte.

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Chaim Rumkowskis Rede: "Vor euch steht ein gebrochener Mann"

Chaim Rumkowski verlangte von den Eltern das Schlimmste, was man von Eltern verlangen kann. Wer war dieser Mann, der die geschundenen Juden bedrängte, ihre Kinder den deutschen Massenmördern auszuhändigen? Anfang 1940 errichteten die Besatzer im Norden von Lodz das Getto; die ganze Stadt nannten sie nach einem Nazigeneral Litzmannstadt. Zum "Ältesten der Juden" bestimmten sie den früheren Textilhändler und Versicherungsagenten Chaim Rumkowski, beauftragten ihn mit "allen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung eines Gemeinwesens im Wohngebiet der Juden".

Zeitgenossen berichten von einer höchst ambivalenten, umstrittenen Persönlichkeit. Sie schildern Rumkowski als selbstherrlich und autoritär, als hochfahrend und zur Tyrannei neigend, jedoch demütig und handlangerhaft gegenüber der deutschen Gettoverwaltung.

Allerdings versuchte er zugleich in Lodz unermüdlich, der deutschen Strategie der völligen Entmenschlichung der Juden etwas entgegenzusetzen. Sie waren in den Augen der Besatzer bloßes "Material", allenfalls geeignet zur Ausbeutung durch Arbeit. Das Getto sahen die Deutschen als Zwischenstation vor dem Transport in die Vernichtungslager - und erteilten dem "Judenrat" Befehle: Die Organisation des Alltags sollten die Opfer selbst übernehmen, sogar die Deportationen in den Tod vorbereiten.

"Unser einziger Weg ist Arbeit"

Es war das von Adolf Eichmann erfundene und perfektionierte System, "Juden durch Juden liquidieren zu lassen", wie der SPIEGEL 1961 schrieb. Den Judenältesten blieb nur die "satanische Alternative", entweder einen aussichtslosen Kampf aufzunehmen - oder selbst ihre Gemeinden nach und nach zu opfern.

Unter schwierigsten Bedingungen ließ Rumkowski Kranken- und Waisenhäuser errichten, Kulturveranstaltungen fördern und das Gettoleben fortwährend durch Archivare und Fotografen dokumentieren. Aus der erhalten gebliebenen Gettochronik ist auch eine Mitschrift seiner dramatischen Rede vom 4. September 1942 überliefert: Józef Zelkowicz fasste sie in jiddischer Sprache ab, Historiker übersetzten sie später ins Deutsche. Ein siebenseitiges, handschriftliches Original lagert heute im Staatsarchiv Lodz.

Rumkowski baute das Getto zu einem Wirtschaftsunternehmen mit 90 Werkstätten und Fabriken aus. Die Produkte - so sein Ziel - sollten für die Deutschen unentbehrlich werden, damit ein Interesse am Erhalt des Gettos und der Versorgung seiner Bewohner entstand. "Unser einziger Weg ist Arbeit", lautete Rumkowskis Devise. Die 1925 in Hamburg geborene Überlebende Lucille Eichengreen erinnert sich, dass in Lodz Damenhüte, Korsetts, Bettvorleger, Möbel und auch Stiefel für die Wehrmacht produziert wurden.

Doch Elend und Hunger bestimmten den Alltag. Seuchen grassierten im völlig überfüllten Getto, in das immer mehr Menschen gestopft wurden. Anfang 1942 begann die SS mit der Ermordung der Bewohner im 80 Kilometer entfernten Ort Kulmhof (Chelmno): In einer Vernichtungsstätte wurden die Opfer dort in Gaswagen getrieben, um sie mit Motorabgasen zu ersticken.

"Alle Herzen sind vereist"

Zehntausende Menschen wurden von Januar bis Juni 1942 aus Lodz nach Kulmhof gebracht. Ende August 1942 beschloss das Reichssicherheitshauptamt in Berlin, das Getto in ein reines Arbeitslager umzuwandeln und ab sofort alle Alten, Kranken und Kinder zu deportieren.

Anfang September wurden die Gettokrankenhäuser geräumt. Dann befahl die deutsche Gettoverwaltung Rumkowski, die Deportation von mindestens 20.000 Menschen vorzubereiten, darunter alle Kinder. Gut 24 Stunden nach seiner Rede trat um 17 Uhr eine von Rumkowski selbst verhängte "allgemeine Gehsperre" in Kraft: Außer Ärzten, Feuerwehrleuten und Arbeitern der Müllabfuhr durfte niemand mehr das Haus verlassen und sich auf den Straßen des Gettos bewegen.

Wenig später begann der jüdische "Ordnungsdienst", die Häuser nach Kindern, Alten und Kranken zu durchkämmen, um die von den Deutschen geforderte Zahl an zu deportierenden Menschen zu erreichen. Doch viele waren zum Widerstand entschlossen, versteckten ihre Kinder, griffen Angehörige des "Ordnungsdienstes" an.

Daraufhin rückten SS- und Gestapoleute selbst ins Getto ein und setzten die Menschenjagd mit aller Brutalität fort. An Ort und Stelle erschossen sie jeden, der sich wehrte oder zu verstecken versuchte. Binnen einer Woche deportierten die Deutschen etwa 16.000 Menschen aus Lodz nach Kulmhof, darunter fast 6000 Kinder.

"Alle Herzen sind vereist. Alle Hände sind gebrochen. In allen Augen zeigt sich Verzweiflung", so beschrieb Gettochronist Zelkowicz die Atmosphäre jener "albtraumhaften Tage". Rumkowski selbst hatte sich während der Deportationen in sein Büro zurückgezogen und nicht im Getto gezeigt. Dort war inzwischen vielen klar, dass ihre Angehörigen von den Deutschen nicht etwa "umgesiedelt", sondern ermordet werden, wie Tagebucheinträge belegen.

Fataler Trugschluss

Rumkowski, von manchen Zeitgenossen spöttisch als König Chaim I. bezeichnet, sagte über sich selbst: "Man behauptet immer, ich sei ein Diktator. Das ist aber nicht wahr. Ich strebe lediglich danach, vielleicht habe ich auch den Ehrgeiz, einen kleinen Rest des Judentums zu retten. Die künftige Judenheit wird mir Dank wissen, denn mein Werk kann nur von der Geschichte beurteilt werden."

In der Tat ringen Historiker bis heute um ein Urteil über Rumkowski. Als "entschlossenen Autokraten" charakterisierte ihn Holocaustforscher Raul Hilberg; "Größenwahn" attestierte ihm Historiker Saul Friedländer. Klar ist: Es waren die deutschen Besatzer, die für Terror, Gewalt und Rechtlosigkeit auch und gerade im Osten Europas verantwortlich waren. Im davon bestimmten Alltag war ein Mann wie Rumkowski zum Handeln gezwungen. Letztlich hatte er nur eine "Wahl ohne Wahlfreiheit", wie der US-Wissenschaftler Lawrence L. Langer es nannte ("choiceless choice").

Rede im Bundestag am 27. Januar 2012: Marcel Reich-Ranicki über das Warschauer Getto

Foto: DPA

Das zeigen auch die Schicksale anderer Judenältester. Im Warschauer Getto nahm Adam Czerniaków sich 1942 mit Zyankali das Leben, als er Waisenkinder dem Tod ausliefern sollte. In Lemberg erschossen die Deutschen Josef Parnes, als er 1941 die Befolgung ihrer Befehle verweigerte. In Theresienstadt versuchte es Benjamin Murmelstein (hier eine Arte-Dokumentation) mit einer Mischung aus Unterwerfung und List; er war einer der wenigen Judenältesten, die den Holocaust überlebten.

Die Deutschen waren fest entschlossen zur Ermordung der Gettobewohner. Keiner der Judenältesten konnte sie stoppen; ein Aufschub war das Maximum, das sie in der Hoffnung auf eine Befreiung durch die Rote Armee erreichen konnten. Der polnische Schriftsteller Andrzej Bart hat Rumkowski in seinem Roman "Die Fliegenfängerfabrik" (2008) den Prozess gemacht. Die fiktive Gerichtsverhandlung endet ohne Urteil: "Möge unsere Strafe sein, dass man ihn ewiglich als den in Erinnerung behält, der er war!"

Rumkowski glaubte, einige opfern zu müssen, um andere zu retten. Heute weiß man, dass er einem fatalen Trugschluss unterlag. Denn in den folgenden zwei Jahren wurden nahezu alle übrigen Gettobewohner nach Kulmhof und Auschwitz deportiert - auch Chaim Rumkowski selbst. Er bestieg am 28. August 1944 den letzten Transport aus Lodz und wurde nach der Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wahrscheinlich sofort vergast.

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