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Ein Bild und seine Geschichte

Warum ein US-Paar seine Kinder verkaufen wollte

Drama, Scherz oder Inszenierung - hat diese Mutter wirklich ihre Kinder verhökert? Das Foto entstand 1948 in Chicago. Jahrzehnte später suchten die Geschwister nach der Wahrheit. Sie fanden eine Tragödie.

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Dienstag, 08.01.2019   10:09 Uhr
Bettmann Archive

Wenn Timothy Charnote als Kind trotzig war und Theater machte, warnte ihn seine Mutter: Er solle lieb sein, sonst würde sie ihn verkaufen. Er dachte, dass sie nur Spaß macht. Was Mütter eben so sagen. Bis er dieses Foto sah und erfuhr, dass das kleine Mädchen unten rechts seine Mutter war: Sue Ellen Chalifoux, zwei Jahre alt.

Das Bild erschien am 5. August 1948 auf der Titelseite des "Vidette-Messenger", der Regionalzeitung des Bezirks Porter County im US-Bundesstaat Indiana. Dazu gab es einen kurzen Text:

"Ein großes 'For Sale'-Schild in einem Chicagoer Garten erzählt stumm die tragische Geschichte von Herrn und Frau Chalifoux, die vor der Räumung ihrer Wohnung stehen. Weil sie keinen anderen Ausweg sehen, haben der arbeitslose Kohlefahrer und seine Frau beschlossen, ihre Kinder zu verkaufen. Lucille Chalifoux dreht ihren Kopf von der Kamera weg, während ihre Kinder verwundert schauen. Auf der oberen Stufe sitzen Lana, 6, und Rae, 5. Unten Milton, 4, und Sue Ellen, 2."

"Exklusive International Soundphoto" stand als Urheber unter der Aufnahme, sie stammt offenbar von einer Bildagentur, der Fotograf ist unbekannt. Das Foto erschien noch in sieben weiteren Bundesstaaten, unter anderem mit der Angabe, dass die Kinder "zur Versteigerung" stünden. Lange hätten "der 40-jährige Ray und seine Frau Lucille, 24, einen verzweifelten, aber aussichtslosen Kampf um Essen und ein Dach über dem Kopf geführt. Arbeitslos und aus ihrer kargen Wohnung vertrieben, wurden die Chalifoux zu ihrer herzzerreißenden Entscheidung getrieben. Das Foto zeigt die Mutter schluchzend, die Kinder verwundert."

Verwunderlich ist auch das Bild selbst: Warum stellt sich Lucille Chalifoux überhaupt mit aufs Foto, wenn sie ihr Gesicht lieber verbirgt? Eine Versteigerung oder der Verkauf von Kindern an der Haustür war in den Vierzigerjahren in Chicago wie im ganzen Bundesstaat Illinois nicht legal. Und für einen Scherz scheint das Thema ungeeignet.

Wiedersehen nach Jahrzehnten

Bevor sie sterbe, sagte Timothy Charnote 2013 der "Times of Northwest Indiana", wolle seine Mutter, dass die Leute die Geschichte dieses Bildes kennen. Das Tragische daran ist gar nicht so sehr die Aufnahme - sondern was sich später ereignete, als der "Vidette Messenger" vom 5. August 1948 längst vergessen im Altpapier lag.

Zwei Jahre nach dem Foto trennten sich die Wege von Lana, RaeAnn, Milton, Sue Ellen sowie David, dem 1948 noch ungeborenen fünften Kind von Lucille Chalifoux. Jahrzehnte später begann RaeAnn, über soziale Medien nach ihren Geschwistern zu suchen: Lana, die Älteste, lebte nicht mehr. Sue Ellen war bei Adoptiveltern in Chicago aufgewachsen. Auch David war adoptiert worden, von einem Paar, das in Wheatfield wohnte und ihm als Kind erzählte, dass auf einer Farm in DeMotte nur wenige Meilen entfernt seine Geschwister RaeAnn und Milton lebten.

Manchmal sei er mit dem Rad dorthin gefahren, erzählte David der Zeitung 2013, und habe Entsetzliches gesehen: "Sie waren im Stall angebunden. Sie wurden schwer misshandelt."

Das Paar, bei dem sie lebten, so erzählte es RaeAnn, habe ursprünglich nur sie haben wollen und ihren Bruder auch mitgenommen, weil er so laut geweint habe. Milton, der 2016 starb, sagte im Interview, an vieles aus seiner Kindheit könne er sich nicht mehr erinnern. Und vieles würde er lieber vergessen. Etwa, wie der neue Vater ihn am ersten Tag auf der Farm gefesselt und geschlagen sowie erklärt habe, Milton müsse ihm als Sklave dienen. Was ein Sklave ist, habe er als Sechsjähriger nicht gewusst und deshalb versprochen zu folgen.

Neben der Schule mussten die Kinder auf der Farm arbeiten. Als RaeAnn als Jugendliche nach einer Vergewaltigung schwanger wurde, kam sie in ein Heim für ledige Mütter, musste dann aber das Baby zur Adoption freigeben. Milton, der nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei als "Bedrohung für die Gesellschaft" angesehen wurde, durfte zwischen Psychiatrie und Besserungsanstalt wählen, er entschied sich fürs Krankenhaus.

Babyhandel als Geschäft

Zu ihrer eigenen Adoption konnten RaeAnn und Milton keinerlei Dokumente finden und schlossen daraus, dass die Farmersleute offenbar nur Pflegeeltern waren. Hatte man sie tatsächlich verkauft?

Adoptionen waren in den USA kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein florierendes Geschäft. "Die Gesetze im Bundesstaat Illinois wie auch anderswo in den USA machten es lächerlich einfach, ein Kind zur Adoption freizugeben - und noch dazu unumkehrbar", sagt Melisha Mitchell von der gemeinnützigen White Oak Foundation, die in Illinois Adoptionsfälle recherchiert.

War ein Neugeborenes noch keine 60 Tage alt, "genügte eine Unterschrift auf einem Blatt Papier". Ältere Kinder konnten adoptiert werden, nachdem sie ein Jahr bei Pflegeeltern gelebt hatten; sie galten dann als von ihren leiblichen Eltern "verlassen". Informiert wurden diese nur per Anzeige im Amtsblatt - sofern sie das lasen. Damals gab es noch keine Eignungsprüfung für Familien, in denen Kinder künftig leben sollten.

Das Geschäft machten vor allem Anwälte. Infolge des Babybooms der Nachkriegsjahre mussten viel mehr Kinder vermittelt werden als heute, erklärte Melisha Mitchell auf einestages-Anfrage. Adoptiveltern wünschten sich meist ein Neugeborenes - und waren oft wohl auch bereit, illegale Wege zu gehen.

Die "New York Times" berichtete 1951 über einen "Baby-Schwarzmarkt" auf Betreiben eines Waisenhauses im US-Bundesstaat Tennessee, das direkt mit Ärzten zusammenarbeitete. Die Historikerin Janet Golden beschreibt in ihrem 2018 erschienenen Buch "Babies Made Us Modern: How Infants Brought America into the Twentieth Century" die Praxis des Babyhandels in den Fünfzigerjahren - und die vergeblichen Bemühungen um die Reform des Adoptionsrechts.

"Für zwei Dollar verkauft"

Ein Senatsausschuss stellte 1955 fest, die ungeeignete Unterbringung von Adoptivkindern trage dazu bei, dass viele von ihnen straffällig würden. Ein Gesetzentwurf sollte kommerziellen Kinderhandel bundesweit verbieten, scheiterte jedoch. 34 von damals 48 Bundesstaaten hatten dazu keine eigene Regelung.

Weniger gefragt als Neugeborene waren Kinder zwischen zwei und sechs Jahren, wie die Chalifoux. RaeAnn sagte im Interview, ihre Mutter habe sie "für zwei Dollar verkauft, um Geld für Bingo" zu haben. Zeugen oder Belege dafür fanden sich nicht.

An das Foto hingegen konnte sie sich nicht erinnern. Wie es entstanden war, konnten die Geschwister auch nicht rekonstruieren. Familienmitglieder vermuteten, die Mutter sei für die Inszenierung bezahlt worden. Möglicherweise stellten die Eltern das Schild selbst auf - "als Hilferuf, weil sie keine Ahnung hatten, wohin sie sich wenden sollten", vermutet Melisha Mitchell; ein Fotograf habe es dann entdeckt. "Heute würden sie sofort an eine Wohlfahrtsorganisation verwiesen", das habe es damals nicht gegeben.

Der Hilferuf indes wurde tatsächlich erhört: Einige Tage nach Veröffentlichung des Fotos berichtete der "Chicago Heights Star", dass eine Frau aus dem Städtchen Chicago Heights die Kinder aufnehmen wolle. Zudem waren Angebote für Jobs, Wohnungen und finanzielle Hilfe eingegangen. Was weiter geschah, blieb unklar. Mit ihrer Mutter, die erneut geheiratet und vier weitere Töchter bekommen hatte, konnten die Geschwister darüber nicht mehr sprechen.

Immerhin hatten sie ihre Geschichte erzählt. Nur drei Wochen nach dem Bericht der "Times of Northwest Indiana" starb Timothy Charnotes Mutter Sue Ellen Chalifoux im Juni 2013.

Nina Leen/ The LIFE Picture Collection/ Getty Images

Harry Warnecke/NY Daily News Archive/Getty Images

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insgesamt 4 Beiträge
Tom Jeschke 08.01.2019
1.
Früher war eben doch nicht alles besser und moralisch integer.
Früher war eben doch nicht alles besser und moralisch integer.
Martina Eis 08.01.2019
2. Unfassbar!
für mich als Mutter käme das nie in Frage. Ich würde mich nie von meinen Kindern trennen. Ich weiss, dass nicht jede Mutter diese Gefühle hegt. Oder aber dass diese Mutter so verzweifelt war, dass sie sich so entschieden hat, [...]
für mich als Mutter käme das nie in Frage. Ich würde mich nie von meinen Kindern trennen. Ich weiss, dass nicht jede Mutter diese Gefühle hegt. Oder aber dass diese Mutter so verzweifelt war, dass sie sich so entschieden hat, in der Hoffnung, ihren Kindern würde es dann besser gehen... und litt ebenfalls extrem. Wer weiss das schon?! Wie mag sie wohl nach der Weggabe ihrer Kinder gelebt haben, mit welchen Erinnerungen und Sorgen? Oder war wirklich einfach alles weggeweht aus dem Gedächtnis? Diese armen Kinder....
Matthias Söhnel 08.01.2019
3. sage niemals NIE
Mein Vater, ein deutscher geb. 1905 wurde von seiner Mutter für immer "weggegeben" weil er unehelich geboren wurde. Und was sonst noch so mit Kindern in Europa gemacht wurde....... siehe Stichwort VERDINGUNG. [...]
Mein Vater, ein deutscher geb. 1905 wurde von seiner Mutter für immer "weggegeben" weil er unehelich geboren wurde. Und was sonst noch so mit Kindern in Europa gemacht wurde....... siehe Stichwort VERDINGUNG. https://de.wikipedia.org/wiki/Verdingung
Nico Hindemith 08.01.2019
4. Meine Fresse...
Wieso lese ich so etwas immer, wenn ich auf Arbeit bin? Das macht mich so unfassbar traurig. Vor allem, wenn man sieht, wie ahnungslos die Kinder auf dem Bild dreinschauen. Und dann sind ihre Leben auf so dramatische Weise [...]
Wieso lese ich so etwas immer, wenn ich auf Arbeit bin? Das macht mich so unfassbar traurig. Vor allem, wenn man sieht, wie ahnungslos die Kinder auf dem Bild dreinschauen. Und dann sind ihre Leben auf so dramatische Weise vorgeschrieben und die Pfade vorgefertigt, auf denen sie wandeln mussten. Schlimm! Die amerikanische Mentalität, dass sich der Staat aus so vielen Angelegenheiten wie möglich raushalten sollte, hat mal wieder dramatische Folgen für die Gesellschaft gehabt, wenn ich lese, wie lange man gescheite Gesetze hat vermissen lassen.

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