einestages

Honeckers Leibwächter

Erichs treuer Schatten

Bernd Brückner war Bodyguard in der DDR, 13 Jahre lang wachte er über das Leben von Erich Honecker. 2014 sind seine Erinnerungen erschienen. Eine seltene, aber distanzlose Nahaufnahme des Staatschefs.

Archiv Bernd Brückner
Von
Freitag, 09.05.2014   11:50 Uhr

Der Lärm ist ohrenbetäubend, er übertönt den Chor und die Balalaikas. Die Menge brüllt empört: Sie will den alten Mann am liebsten von der Bühne fegen. Der guckt irritiert und weicht den Wodkaflaschen aus, die nur knapp an seinem Kopf vorbeifliegen. Im Hintergrund gibt ein Mann schließlich das entscheidende Signal: Raus hier!

Zum ersten Mal in 18 Jahren muss Erich Honecker einer aufgebrachten Menge weichen. Der alte Mann verlässt mit seinen Leibwächtern die Bühne, steigt in einen Wagen und verschwindet in die Nacht.

Die Flucht ereignete sich Ende Juni 1989 auf einer Freilichtbühne im russischen Magnitogorsk. Die Randalierer wussten vermutlich noch nicht einmal, wen sie da von der Bühne getrieben hatten. Es war ihnen wohl auch egal. Sie wollten einfach weiterfeiern. Und doch markiert der unwürdige Abgang den Anfang vom Ende, denn nur wenige Wochen später war der mächtigste Mann der DDR Geschichte.

Die Schilderung der Szene findet sich im aktuellen Buch eines Mannes, der jahrelang Honeckers Schatten war: Bernd Brückner, von 1976 bis 1989 Personenschützer des Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretärs des Zentralkomitees der DDR. Ob im Auto zur Leipziger Messe, in der afrikanischen Wüste oder auf ein Rockkonzert im Südural - Brückner war dabei. Während Honecker Hände schüttelte und Reden hielt, hatte Brückner ein wachsames Auge auf die Umgebung. 13 Jahre lang sorgte er für Honeckers Sicherheit.

Der Klassenfeind lauert hinter jedem Baum

Brenzlig wurde es allerdings nur selten. Die Hauptabteilung Personenschutz schlug sich eher mit Kleinigkeiten herum: mit Demonstranten in den Niederlanden, ungeübten Fahrern beim Staatsbesuch in Äthiopien oder einem betrunkenen Verkehrssünder in Klosterfelde, der bei der Personenkontrolle überraschend auf einen Polizisten schoss.

Nur einmal machte sich Bernd Brückner wirklich Sorgen. Bei einem unerwarteten Halt in der syrischen Wüste fielen plötzlich Schüsse. Als Brückner die Stelle mit seinem Wagen - dem sechsten der Kolonne - endlich passierte, befand sich dort eine große Blutlache auf dem Boden. Hatte man Honecker angegriffen? War jemand verletzt? Später stellte sich heraus, dass eine Gruppe syrischer Bauern Freudenschüsse abgefeuert und zum Zeichen der Gastlichkeit an Ort und Stelle einen Hammel abgestochen hatte.

Obwohl es nie zu einem Angriff kam, waren Brückner und seine Leute auf alles vorbereitet. Sie studierten Attentate aus der jüngsten Vergangenheit, entwickelten Ablaufpläne und installierten Notfallleitungen. "Ein großes Problem waren die Bombenanschläge aus abgestellten Fahrzeugen. Als die in der arabischen Welt in Mode kamen, brach bei uns fast Hysterie aus."

Der "große Erich" sah den Personenschutz dagegen gelassen. Er nahm unbedacht Blumen und Briefe entgegen, machte sich um Bomben und Kontaktgifte keine Gedanken. Für den paranoiden Blick war der "kleine Erich" zuständig. Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, sorgte für gepanzerte Wagen, deren Türen sich nicht öffnen ließen, legte ganze Landstriche lahm, wenn Honecker unterwegs war, und bestellte Menschenmengen zum Jubeln ein, damit der Generalvorsitzende nicht mit der gewöhnlichen Bevölkerung in Berührung kam.

Überhaupt ist Erich Mielke der große Antagonist, der sich dem Machtzentrum anbiederte, bei öffentlichen Auftritten blamierte und nicht wahrnahm, wenn er lästig fiel. "Hinter jedem Baum lauerte in seiner Vorstellung der Klassenfeind, überall witterte er Verrat und Intrige."

Ganz nah dran

Ganz nah war Brückner dem "Alten", wie die Personenschützer Honecker respektlos nannten, wenn sie unter sich waren. Er packte seinen Koffer für Auslandsreisen und bewachte ihn bei der jährlichen Sommerfrische auf Vilm, einem Ostsee-Inselchen vor Rügen. Er kannte die persönlichen Vorlieben zur Kaffeestunde: Kirsch- oder Apfelstreusel, auf keinen Fall Creme- oder Sahnetorten, dazu Nescafé. Er wusste, dass Honecker zumindest zu seiner Zeit niemals Affären hatte (die Ehe mit Margot Honecker hatte als außereheliche Affäre inklusive unehelichem Kind begonnen), und konnte die Befindlichkeit des Generalsekretärs an Blicken und Gesten ablesen.

Die Nähe verstellte aber auch den Blick für das große Ganze. Für Brückner war Honecker ein genügsamer, höflicher, kinderlieber Mensch, der sich im Nationalsozialismus nicht schuldig gemacht hatte, der das Jagen liebte und seine Enkelkinder verhätschelte. Ein Mann, der keine Schwäche zeigte, der sich mit letzter Kraft an Land kämpfte, als er bei einem Besuch auf der Krim die Strömung im Schwarzen Meer unterschätzt hatte. Ein Mann, dem Bernd Brückner bis heute Respekt entgegenbringt.

Die Selbstherrlichkeit Honeckers verrät sich in seinem Buch nur zwischen den Zeilen: Da schreibt er über den Mann, der den Bodenbelag vor seinem Büro mehrmals austauschen ließ, weil ihm die Farbe nicht gefiel. Über Erich Honecker, der mit einem Fingerzeig den bereits angelaufenen Bau der Hochstraße über dem jüdischen Friedhof Weißensee stoppte.

Für Brückner scheinen das nur kleine Marotten gewesen zu sein. Er sieht in Honecker den einsamen Mann an der Spitze des Staates, der von falschen Freunden umgeben war: vom katzbuckelnden Mielke mit seinen übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen, von Joachim Herrmann, der die Medien kontrollierte und Honecker ein falsches Bild von der Situation im Land vermittelte, und von Günter Mittag, der den Generalsekretär gerne beerbt hätte.

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Intrigen, Eigennutz und schließlich Honeckers desolater Gesundheitszustand - Operation an der Gallenblase, Entdeckung eines Tumors am Dickdarm - führten im Sommer 1989 geradewegs in die Staatskrise. Brückner schreibt: "Das politische System in der DDR funktionierte als Pyramide. Fiel die Spitze aus, war sie kopflos."

Das Ende

Der 18. Oktober 1989 war Brückners letzter Arbeitstag. Er erfuhr es einen Tag zuvor von der persönlichen Krankengymnastin Honeckers. "Morgen wird der Chef abgesetzt."

Das hatte der ihr auf der Massagebank eröffnet. Brückner wusste, was auf ihn zukam. Bestenfalls zurück ins Glied, als Ausbilder oder Kalfaktor. Die Personenschützer von Ulbricht waren nach dessen Sturz unter Hausarrest gestellt worden. Erich Honecker hatte das damals veranlasst.

Das Ende der DDR bewahrte Bernd Brückner davor. Nach einigen Jahren der Arbeitslosigkeit gründete er eine Schule für Detektive und Bodyguards. Heute betreibt er ein Unternehmen, das Menschen in Deutschland und Vietnam für die Altenpflege ausbildet.

Erich Honecker sah er zum letzten Mal 1992 bei einem Besuch im Gefängnis Moabit. Beide freuten sich sehr über das Wiedersehen, schreibt Brückner: "Ich konnte ihm nicht gram sein. Warum auch? Er hat nichts Unrechtes getan, er war lediglich gescheitert."

insgesamt 15 Beiträge
jochen speck 09.05.2014
1. Der sonst sachliche Bericht wird konterkariert durch die Behauptung:
"Er hat nichts Unrechtes getan"! Honnecker stand an der Spitze eines Unrechtstaates und hat nichts Unrechtes getan ? Er war also nicht verantwortlich für viele Tausende unschuldig verurteilter DDR-Bürger,Erschossene [...]
"Er hat nichts Unrechtes getan"! Honnecker stand an der Spitze eines Unrechtstaates und hat nichts Unrechtes getan ? Er war also nicht verantwortlich für viele Tausende unschuldig verurteilter DDR-Bürger,Erschossene Bürger,die nur das Land verlassen wollten ? Berufsverbote,Schulverbote,Unterdrückung der Pressefreiheit und jeglicher politischer Betätigung außerhalb der SED-Richtlinien usw.usw. Erst vor kurzem kam raus,daß Ulbricht eigenhändig Gefängnisurteile in Todesurteile umgewandelt hat !Was wird alles noch von Honnecker rauskommen ? Die Partei hat immer recht !Gewaltenteilung ?:Fehlanzeige ! Erziehung zum Hass:nachweisbar etc.etc.
Marcel Richter 09.05.2014
2. Größer kann Hohn und Spott...
...für die, die unter der Regie Honeckers gelitten haben nicht ausfallen! "Ich konnte ihm nicht gram sein. Warum auch? Er hat nichts Unrechtes getan, er war lediglich gescheitert." So etwas nennt man wohl Verklärung [...]
...für die, die unter der Regie Honeckers gelitten haben nicht ausfallen! "Ich konnte ihm nicht gram sein. Warum auch? Er hat nichts Unrechtes getan, er war lediglich gescheitert." So etwas nennt man wohl Verklärung der Vergangenheit. Traurig!
Alexander Brandl 09.05.2014
3. optional
"Ich konnte ihm nicht gram sein. Warum auch? Er hat nichts Unrechtes getan, er war lediglich gescheitert." Wirklich eine erschreckende Aussage. Bis heute offenbar NULL Unrechtsbewußtsein für die hunderten [...]
"Ich konnte ihm nicht gram sein. Warum auch? Er hat nichts Unrechtes getan, er war lediglich gescheitert." Wirklich eine erschreckende Aussage. Bis heute offenbar NULL Unrechtsbewußtsein für die hunderten Mauertoten und all die anderen Repressalien die "Andersdenkende" in der DDR erfahren mussten. Menschen die nur in Freiheit leben und eine eigene Meinung haben wollten, aber das war offenbar völlig in Ordnung und Rechtens sie deswegen zu verfolgen.
Thomas Keil 09.05.2014
4. subjektive Wahrnehmung
Ich gebe zu, auch mir ist der letzte Satz sauer aufegstoßen: "Er hat nichts Unrechtes getan, er war lediglich gescheitert." Aber gut dass dieser Satz genauso im Artikel steht. Der Artikel zeigt die subjektive [...]
Ich gebe zu, auch mir ist der letzte Satz sauer aufegstoßen: "Er hat nichts Unrechtes getan, er war lediglich gescheitert." Aber gut dass dieser Satz genauso im Artikel steht. Der Artikel zeigt die subjektive Wahrnehmung des Personenschützers. Der hatte offensichtlich ein gutes und zufriedenstellendes Leben in der DDR und hat Honnecker auf seine eigene Art wahrgenommen. Ich finde es gut auch solche Seiten zu Wort kommen zu lassen, denn sie sind Teil der gesamten Wahrheit über die DDR.
Alfons Emsig 09.05.2014
5. Selbstverständlichkeiten
Dass ausgerechnet ein Personenschützer nichts Schlechtes über Erich Honecker zu berichten weiß, ist ja nun mehr als selbstverständlich. Wäre dem nicht so, hätte er diesen Beruf kaum ausüben können bzw. wollen. Oder die DDR [...]
Dass ausgerechnet ein Personenschützer nichts Schlechtes über Erich Honecker zu berichten weiß, ist ja nun mehr als selbstverständlich. Wäre dem nicht so, hätte er diesen Beruf kaum ausüben können bzw. wollen. Oder die DDR hätte dann schon einige Jahre früher aufgehört zu existieren, wer weiß.

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