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Kinderbuch-Klassiker "Ede und Unku"

Was aus Unku wurde

Millionen Kinder in der DDR kannten "Ede und Unku". Der Roman über den Arbeiterjungen und das Sinti-Mädchen war Schullektüre. Die beiden gab es wirklich. Doch nur das Kinderbuch endet gut.

Hanns Weltzel/ University of Liverpool Library
Von Juliane von Wedemeyer
Mittwoch, 02.01.2019   07:09 Uhr
Zu den Autoren
  • privat
    Juliane von Wedemeyer, Jahrgang 1975, ist studierte Kunsthistorikerin und arbeitet als freie Autorin hauptsächlich für die "Süddeutsche Zeitung". Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Berlin - "Ede und Unku" gehörte für sie zur Schullektüre. Zusammen mit Janko Lauenberger schrieb sie 2018 "Ede und Unku - die wahre Geschichte".
  • privat
    Janko Lauenberger, geboren 1976 in Berlin, ist Musiker, Mitglied der "Sinti-Swing-Berlin" - und Unkus Ur-Cousin. In dem Buch, das er mit Juliane von Wedemeyer schrieb, erzählt er Unkus wahre Geschichte - und zugleich seine eigene als Sintikind in der DDR und später im wiedervereinigten Deutschland.

Berlin, Ende der Zwanzigerjahre. Auf einem Rummel pöbelt ein Junge ein Mädchen mit schwarzen Haaren und Ponyfrisur an: "Na, die geht wohl auf Kinderfang aus, die Zigeunersche!" Schon hat er eine Backpfeife sitzen - und der zwölfjährige Ede, der dem Pöbler so beherzt ins Gesicht geschlagen hat, eine neue Freundin: Unku.

So schildert Grete Weiskopf alias Alex Wedding die erste Begegnung der Titelhelden ihres ersten Romans. Den Arbeiterjungen und das Sinti-Mädchen gab es wirklich, sie lebten in der Nachbarschaft der Autorin.

Das Kinderbuch "Ede und Unku" gehörte ab den Siebzigerjahren in der DDR zum Lehrplan der 5. Klasse. Schätzungsweise fünf Millionen lasen, wie Ede verhindert, dass sein arbeitsloser Vater Streikbrecher wird, und wie Unku einen Streikenden im Wohnwagen vor der Polizei versteckt. Auch Janko Lauenberger, Jahrgang 1976, und ich. Wir waren damals elf - so alt wie Unku, als 1931 die Originalausgabe erschien. Die Geschichte darin endet gut, Unkus Leben nicht. Sie starb im Alter von 24 Jahren in Auschwitz.

Den Berliner Jazzgitarristen Lauenberger verbindet mit Unku mehr als die Schullektüre: Sämtliche Sinti darin sind Teil seiner Familie. Unkus Cousine Kaula etwa ist seine Großmutter. Das Buch sei für ihn eine Art Auftrag, sagte er mir, als wir uns 2016 zum ersten Mal trafen - "wie ein Gruß meiner Vorfahren". Ich hatte ihn um ein Interview gebeten. Daraus wurde nichts. Stattdessen begaben wir uns gemeinsam auf Spurensuche nach Unku, um ihre Geschichte zu Ende zu erzählen.

Wir beginnen in Berlin. In Reinickendorf kam Unku am 4. März 1920 zur Welt, als Tochter zweier 16-Jähriger. Die Mutter handelte auf der Straße mit Spitze, der Vater verdingte sich als Musiker. Auf Unkus Geburtsurkunde steht allerdings ein anderer Name: Erna Lauenburger, ihr Name für die Behörden.

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Unku: Wie ihr Leben weiterging

Unku - ausgesprochen: Unko - hieß das Mädchen bei den Sinti. Ihre Mutter hatte sie so genannt, weil sie so dunkel war. Wie ein schwarzer Lurch, wie eine Unke. Das berichtete Wald Frieda Franz, eine Sinteza, die Unku noch persönlich kannte. Kurz bevor wir mit unseren Recherchen beginnen, stirbt sie. Umso wichtiger ist für uns die Arbeit der Dessauerin Jana Müller, die unzählige Überlebende interviewt hat, so auch Frieda Franz für die Dokumentation des Alternativen Jugendzentrums Dessau "Was mit Unku geschah".

Noch engeren Kontakt zu Unku hatte Lauenbergers Großmutter Kaula, mit bürgerlichem Namen Helene Ansin. Die beiden Cousinen wuchsen zusammen in Berlin auf. Der Journalist Reimar Gilsenbach forschte in den Sechzigerjahren als einer der ersten nach Unkus Schicksal. Ihm bestätigte Kaula 1966, dass Weiskopfs Buch auf realen Erlebnissen basiert: "Der Ede war ihr bester Schulkamerad. Der kam immer zu uns, da haben sie gespielt." An den versteckten Arbeiter erinnerte sie sich ebenfalls. Gilsenbach nahm einige Gespräche auf. Auf seinen Tonbändern hört Lauenberger nun zum ersten Mal die Stimme seiner Großmutter, die vor seiner Geburt gestorben war.

Kaula und Unku haben die Schriftstellerin gemeinsam kennengelernt. 1929 in einer Bäckerei: "Da kam sie auf uns zu und sprach uns an, wo wir wohnen und wie wir heißen", erzählt Kaula. Weiskopf war sofort fasziniert von Unku. "Die Kleine steckte in einem abgerissenen Kleid und wirkte doch elegant. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden von den großen spitzbübischen Augen", schrieb sie 1954 im Vorwort für die erste Neuauflage des Kinderbuchs nach dem Krieg.

Wie spitzbübisch Unku war, bezeugt die Autorin - wohl unfreiwillig - im selben Text. Sie zitiert aus einem Lied, das Unku ihr auf Romanes beigebracht hatte, der Sprache der Roma. Angeblich war es "ein Lied von der Reise der Zigeuner". Nur handelt es sich nicht um ein harmloses Reiseliedchen. Lauenberger, dessen Muttersprache ebenfalls Romanes ist, hatte sich schon als Kind darüber gewundert: Die Reime stecken voll zweideutiger, nicht jugendfreier Anspielungen.

Kaula berichtet von Besuchen mit Kaffee, Kuchen und Musik: "Unku konnte gut tanzen." So gut, dass noch heute in Lauenbergers Familie darüber gesprochen wird, auch von einem Vortanzen mit dem Ufa-Star Marika Rökk ist die Rede. Und immer wieder von ihrem letzten Tanz.

Nürnberger Rassengesetze

Weiskopf habe Unku adoptieren wollen, Unkus Eltern seien aber dagegen gewesen, erzählt Kaula. "Bei ihnen hätte sie es gutgehabt." Weiskopf und ihr Mann, beide jüdische Kommunisten, hatten Deutschland rechtzeitig verlassen: 1933, im Jahr als "Ede und Unku" verboten wurde.

1934 taucht Unku, ebenfalls inklusive Fotos, in einem zweiten Buch auf: in dem der Missionarin Frieda Zeller-Plinzner, die die "Zigeunerkinder", die "alle ein krankes Gewissen haben" bekehren will. Sie spendet ihnen ab und zu Lebensmittel. Unku lässt sich taufen. Zeller-Plinzner wird ihre Patin und begleitet die Familie ein Stück auf einer ihrer sommerlichen Reisen aufs Land: 18 Personen im Wagen, ein Landjäger auf dem Fahrrad als Aufpasser davor, einer dahinter.

Am 3. Januar 1936 verfügt Reichsinnenminister Wilhelm Frick: "Zu den artfremden Rassen gehören alle anderen Rassen, das sind in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner." Die Nürnberger Gesetze, die das "Blut der Deutschen" schützen sollen, gelten nun auch für sie. Unku hält sich jetzt hauptsächlich in Dessau-Roßlau auf, wo der Journalist und Hobby-Ethnologe Hanns Weltzel auf sie aufmerksam wird. Er fotografiert Unku und ihre Familie: am Lagerfeuer, beim Essen im Freien, auf Decken unter dem Wagen schlafend. Einblicke ins Alltagsleben. Auf anderen Fotos posiert Unku für die Kamera: eine stolze junge Frau.

Weltzel schickt ein anderes Lied Unkus samt seinen Fotografien und Berichten an die Gypsy Lore Society nach Liverpool, eine Gesellschaft zur Erforschung der Sinti und Roma-Kultur. Dort finden wir es fast 80 Jahre später. Der Text handelt von ihrer Mutter Turant - "Sie kennt die alten Lieder, die kaum noch einer weiss" - und von einem "schlanken Knaben, der mich einmal wird holen. Vielleicht hat er zwei Pferde und einen gelben Wagen."

Hatte Unku den zwei Jahre älteren Otto Schmidt, genannt Mucki oder auch Nucki, im Sinn? Die beiden verlieben sich. Ihr Kind Marie kommt am 25. August 1938 in Magdeburg zur Welt. Dort lebt Unku nun unter elenden Umständen in einem Sammellager am Holzweg, am sogenannten Silberberg - "ein wüster Fleck inmitten der Äcker. Es gab dort weder Wasser noch Strauch noch Baum", schildert Weltzel den Ort. In Anhalt, also auch in Dessau, gilt inzwischen ein Aufenthaltsverbot für Sinti und Roma.

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Mucki wird seine Tochter nie sehen. Im April und Juni 1938 verschleppt die Polizei mehr als 10.000 Männer als "Asoziale" in Konzentrationslager. Angeordnet hatte Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, die Aktion "Arbeitsscheu Reich" bereits im Januar. Mucki kommt nach Buchenwald, zwei Monate vor Maries Geburt. Vier Jahre schuftet er dort in Arbeitskommandos und erhält nach medizinischen Experimenten am 20. November 1942 eine tödliche Spritze.

Ab 1939 dürfen Sinti und Roma ihren Aufenthaltsort nicht mehr verlassen. Sie werden erkennungsdienstlich erfasst. Die Fotos, die in der Kriminaldirektion Magdeburg von Unku entstehen, zeigen sie wie einen Sträfling, seitlich und von vorn. Trotzdem hat sie sich zurechtgemacht, eine Halskette angelegt.

"Außerordentlich frech"

Sie ist jetzt Zwangsarbeiterin in einer Fabrik für Pferdedecken, Planen und Uniformen. Im Mai 1941 beschwert sich die Firma beim zuständigen Kriminalsekretär für "Zigeunerangelegenheiten" über die "Zigeunerin, die in der letzten Zeit außerordentlich frech aufgetreten ist." Becherer lässt Unku Folgendes unterschreiben: "Ich bin schriftlich verwarnt und darauf hingewiesen worden, dass ich in Zukunft mit strengen polizeilichen Maßnahmen zu rechnen habe, wenn ich mich nicht ändere und meine mir aufgegebene Arbeit richtig und zur Zufriedenheit meines Betriebsführers verrichte."

Beschwerde und Protokoll der "Verwarnungsverhandlung" liegen neben vielen anderen Dokumenten in Unkus "Zigeunerpersonalakte" im Landesarchiv Sachsen-Anhalt. Die Kriminalpolizeistellen im Deutschen Reich hatten sie von jedem Sinto und Rom angelegt - unterstützt von sämtlichen Behörden. Auch die Rassenhygienische Forschungsstelle arbeitet der Polizei zu. Am 14. Juli 1941 unterzeichnet deren Leiter Robert Ritter die Rassegutachten für Unku und ihre Tochter. Er stuft beide als Zigeunermischlinge ein. In seinen Aufsätzen charakterisiert er diese als: "charakterlos, unberechenbar, unzuverlässig sowie träge, unstet und reizbar, kurz gesagt also arbeitsscheu und asozial."

Unku ist fast 22, als etwas geschieht, das ihr Geheimnis bleiben soll. Neun Monate später bringt sie ihre zweite Tochter zur Welt: Bärbel. Kein halbes Jahr später, am 1. März 1943, verhaften Polizisten alle Bewohner des Magdeburger Sammellagers. Es hieß, dass sie umgesiedelt würden, jeder ein Haus und Vieh erhielte. Am 2. März steigt Unku mit ihren Kindern in den Zug Richtung Auschwitz. Drei Tage in fensterlosen Waggons. Einen Tag nach ihrem 23. Geburtstag trifft sie im Stammlager Auschwitz ein.

Auf dem letzten Dokument, das von Unku zeugt, erscheint sie nur noch als Häftlingsnummer: die Teilnehmerliste einer Fleckfieberuntersuchung am 23. März 1944 in Auschwitz-Birkenau. Im KZ ist Unku Z633, Bärbel Z634, Marie Z635. Z wie Zigeuner. Unku und Marie werden die Zahlen in den Unterarm tätowiert, Bärbel auf den Oberschenkel. Ihr Arm ist zu schmal. Sie stirbt zwei Monate nach der Ankunft.

Im Frühjahr 1944 stirbt auch die fünfjährige Marie. Überlebende, darunter Lauenbergers Großvater, berichten später, Unku sei, als sie von ihrem Tod erfahren habe, schreiend aus der Baracke gerannt und habe zu tanzen begonnen. Ihr Schreien sei ein schauriges Lachen geworden, das alle Anwesenden erstarren ließ. Schließlich hätten sie Männer weggeführt. Die einen sagen, Mengele habe ihr eine tödliche Spritze gegeben, andere haben einen Schuss gehört. Ihr Todesdatum steht nicht genau fest, sie starb zwischen dem 23. März und dem 15. April 1944.

Ede soll nach dem Krieg eine Familie gegründet haben. Er hatte Weiskopf in den Fünfzigerjahren noch einmal besucht. Auch nach ihm und seinen Kindern haben wir gesucht, sie aber nicht gefunden.

insgesamt 12 Beiträge
Susanne Lade 02.01.2019
1. kein Schicksal...
...vergessen gehen. Danke für den Bericht.
...vergessen gehen. Danke für den Bericht.
Susanne Lade 02.01.2019
2. ...darf...
...fehlt noch im Kommentar.
...fehlt noch im Kommentar.
Heike Scherer 02.01.2019
3.
Auch Grete Weißkopf sollte man nicht vergessen.
Auch Grete Weißkopf sollte man nicht vergessen.
Matthias Adloff 02.01.2019
4. Seit fast fünfzig Jahren...
.. machen mich Erinnerungen an diese aktuell mehr denn je vom Vergessenwerden(-sollen) bedrohte Zeit von Jahr zu Jahr immer betroffener. Schreien möchte ich manchmal, vor Wut und aus Scham. Danke für den Bericht und dessen [...]
.. machen mich Erinnerungen an diese aktuell mehr denn je vom Vergessenwerden(-sollen) bedrohte Zeit von Jahr zu Jahr immer betroffener. Schreien möchte ich manchmal, vor Wut und aus Scham. Danke für den Bericht und dessen journalistisch saubere Darstellung.
Thomas Becker 02.01.2019
5. sehr traurig
Das Gelesene macht mich sehr traurig, wobei es auch für andere Kinderbuchhelden galt, dass sie den Krieg nicht überlebt haben. und dann dürfen manche Leute ungestraft vom Fliegenschiss der Geschichte sprechen.
Das Gelesene macht mich sehr traurig, wobei es auch für andere Kinderbuchhelden galt, dass sie den Krieg nicht überlebt haben. und dann dürfen manche Leute ungestraft vom Fliegenschiss der Geschichte sprechen.

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