einestages

Design der Sechziger

Die Entdeckung der Lässigkeit

Latex-Miniröcke, Astronauten-Hüte und Kuschel-Sofas: Das Design der sechziger Jahre revolutionierte die Mode- und Möbelwelt. Das wahre Vermächtnis der Revoluzzer-Generation steht heute nicht in Schulbüchern, sondern im Schaufenster - es merkt nur fast niemand.

Ellert & Richter Verlag
Von Annika Wind
Mittwoch, 21.11.2007   12:33 Uhr

Dieser Rock war einfach empörend. Viel zu kurz, viel zu unsittlich - und wer ihn trug, holte sich schnell eine Blasenentzündung. Doch Mary Quants Erfindung war unaufhaltsam. Egal, ob in der münsterländischen Provinz, im geteilten Berlin oder auf den Laufstegen in Paris: Das superkurze Kleidungsstück der britischen Modedesignerin bahnte sich in den Sechzigern seinen Weg in deutsche Schränke. Der Mini war in - und das war erst der Anfang.

Wer in den sechziger Jahren jung war, der zeigte es. Mit unkonventionellen Schnittmustern, futuristischen Hüten oder lässiger Kleidung. Krawatten und knielange Röcke hatten ausgedient. So was trugen nur noch die Eltern. Statt Tanten im Einheitslook wurde Twiggy zur Stilikone: In schlichten Hängerkleidchen posierte die superdürre Engländerin vor den Kameras und präsentierte Mode, die praktisch, figurbetont und kostengünstig war. Allerdings wurde es nun schwieriger, Mann und Frau auseinander zu halten - jedenfalls modisch. Plötzlich trugen die Damen Hosen und die Männer lange Haare.

Kleider aus Papier

In gepunkteten "Baby-doll"-Negligés betteten sich die Damen auf überdimensionalen Matratzen, bis der am Kopfende in den Schaumstoff integrierte Radiowecker sie aus dem Schlaf riss und sie ihre Füße auf dem Weg ins Bad in flauschigem Flokatiteppich versenkten. Die Welt wurde bunter, die Möbel waren nun ergonomisch geformt, und plötzlich bestand vieles aus Kunststoff. Fasern, die eigentlich für die Armee oder die Raumfahrt gedacht waren, trugen Mann und Frau plötzlich auf der Haut: Miniröcke aus Plastik oder Strumpfschuhe aus Kunstleder, Latex oder PVC.

Das hatte Vorteile: Auch wenn Frau unter knallig bunten Regenmänteln erbärmlich schwitzte, brauchte sie ihren gummiartigen Fummel nie in die Reinigung zu bringen. Ein paar Spritzer, Fensterputzmittel und das gute Stück glänzte wie neu. An Klimaschutz oder die Umwelt dachte niemand, im Gegenteil: Kurzlebige Kleidung eroberte die Modewelt. Kein Wunder also, dass es Kleider aus Papier gab, die man leicht mit Klebeband und Schere umgestalten konnte, spazieren führte - und dann einfach wegwarf.

Der sogenannte Weltraum-Look sorgte für merkwürdige Hüte: Eng anliegende Kreationen, die über die Ohren reichten und die man unter dem Kinn mit einem Druckknopf verschloss. Modeschöpfer wie André Courrèges brachten solche Astronauten-Deckel aus silbrig-schimmernden Stoffen auf die Laufstege. In deutschen Provinzstädten soll manche Frau aber auch zur Häkelnadel gegriffen haben, um nicht auf den heißersehnten Sputnik-Hut verzichten zu müssen. Die Kunstrichtung Op-Art inspirierte die Designer zu modischen Fummeln mit psychedelischen Mustern. Und wer zu den "Früh-Hippies" gehörte, steckte sich Blumen an die Jeanshose und hüllte sich in ein modisches Allerlei aus Romantik und Exotik, in bestickte Blusen und Westen.

Platzeckchen gegen Schaumsofas

Deutschland war im Umbruch - so wie das Weltgeschehen: Die Mauer zementierte ab 1961 das Land in zwei Hälften. Kubakrise, Aufrüstung und Vietnamkrieg setzten Friedensbewegungen in Gang. Die Mondlandung von Neil Armstrong im Jahr 1969 förderte den Glauben an Fortschritt und Zukunft. Mode und Möbel wurden zum Ausdruck neuer Freiheitsgedanken - da wunderte es nicht, dass die Generationen in den Sechzigern immer weiter auseinander drifteten. Während Eltern oftmals an ihren konservativen Werten festhielten, entwickelten die Jungen eigene, unkonventionelle Lebenskonzepte. Das Leben in der Kommune oder in WGs, freie Liebe und Partnerwahl zeugten von einer neuen Unabhängigkeit, die sich auch in eigenen Möbel zeigte: Während die Eltern noch gesittet auf Velours-Polstern saßen und gehäkelte Platzeckchen drapierten, lümmelten sich ihre Sprösslinge lieber auf aufgeschäumten Sitzsofas aus Polyester.

Wer den Wohntrends folgte, fand sich zwischen Kniehöhe und Fußboden wieder. Denn genau dorthin verlagerte sich die Höhe von Sofas und Sesseln. Für das gemeinschaftliche Vergnügen wurde die Liegewiese für's Wohnzimmer erfunden, als Möbel für "engen, bodennahen Zeitvertreib", wie es ein schwedischer Hersteller formulierte. In der Regel bestand sie aus kombinierbaren Polsterteilen, die man nach Belieben zu einer Wohnlandschaft gruppieren konnte.

Nicht sitzen, sondern abhängen

Möbeldesigner wie der Finne Eero Arnio erfanden Sitzgelegenheiten, die sich förmlich an ihre Besitzer anschmiegten: In die "Kugel", die 1966 auf den Markt kam, konnte man sich wie in eine Höhle zurückziehen. Das Modell "Donna" von Gaetano Pesce war aus Schaumstoff und so weich, dass sich sein Besitzer nur mit höchsten Anstrengungen aus ihm befreien konnte. Sessel wurden zu wulstigen Lederballen oder Sitzmulden, die man mit fahrbaren Rundsockeln und kippbaren Oberteilen versah. In den Sechzigern saß man nicht, man hing ab. Für Rheumatiker waren solche Möbelstücke freilich nicht geeignet. Umso mehr für Verfechter unkonventioneller Umgangsformen. Möbel sollten erschwinglich sein, denn längst emanzipierte sich die Jugend zu einer eigenen sozialen Klasse: Mit eigenen Werten, eigenen Schönheitsidealen - und eigenen Geldbeuteln.

Vielleicht ist das der wahre Verdienst der sechziger Jahre: Die Jugend entschied nun allein, was sie kaufte und wie sie aussah. Prêt-à-Porter-Mode entstand, kostengünstige Kleidung, die auch für den kleinen Geldbeutel reichte. Das hat sich bis heute nicht geändert: Die Einkaufszonen sind gesäumt von Läden, die die neuesten Modetrends zu kleinsten Preisen anbieten. Und auch die Sitzmöbel, psychedelischen Tapetenmuster und flauschigen Flokatis leben weiter fort - in schwedischen Einrichtungshäusern und bei Ebay.

Zum Weiterlesen:

Hermann Glaser: "Die 60er Jahre: Deutschland zwischen 1960 und 1970". Ellert & Richter Verlag, 2007, 192 Seiten.

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