einestages

Einmal Sibirien und zurück

Tigerente sucht neues Zuhause

Sie fuhr und fuhr und fuhr - bis zum Baikalsee. Mit einer gelb-schwarzen und einer froschgrünen Ente machten vier Heidelberger Jungs eine schräge Reise. Jetzt ist die Tigerente in Not.

Michael Gallner
Von
Donnerstag, 13.12.2018   07:14 Uhr

Wie wir auf die Idee kamen, mit zwei Citroën 2CV nach Sibirien zu fahren? Micha hatte auf dem Hof drei herumstehen, wir diskutierten wohl, wie weit die alten Kisten fahren könnten. Und sagten: Fahren wir los und schauen, was passiert.

Wir - das sind Daniel D., Micha, Daniel S. und ich, vier Jungs aus Heidelberg, mit den für Schulabgänger typischen spätadoleszenten Welteroberungsfantasien. Wir begannen die Entenmotoren auseinanderzubauen, zu schweißen, zu flexen: aus drei mach zwei. Wenige Monate später ging es los mit einer Tigerente und einer in Froschgrün. Nach dem großen Abschiedsfrühstück im April 2004 brachen wir doch erst gegen Nachmittag auf: Der Vergaser der Tigerente war abgesoffen, der Motor sprang nicht an.

So ging das die ganze Fahrt. Ständig war etwas kaputt. Kurz vor Wien konnten wir mit der grünen Ente nicht mehr schalten (kein Öl im Getriebe) und verloren bei Timisoara in Rumänien den Zündschlüssel der Tigerente. Dass man sie nicht mehr abschließen konnte, war nicht schlimm; wir steuerten in den Städten die Parkplätze der besten Luxushotels an.

Schwierig wurde es nur bei den sehr häufigen Polizeikontrollen. Viele Polizisten waren nach der Begegnung ohnehin enttäuscht - wir zahlten kein Schmiergeld. Da machte es keinen guten Eindruck, wenn man vor dem Losfahren in den Kabelbaum leuchten muss, um die passenden Leitungen zu finden.

25.000 Dollar? Danke, nein

Kurz vor der kasachischen Grenze ging das Getriebe der grünen Ente endgültig kaputt. Wir parkten im fruchtbaren Wolga-Delta, Zugvögel flogen über uns, überall quakte und zirpte es, an den Wegen wuchs wildes Marihuana. Für die Jungs, die dort wohnten, hätte es das Paradies sein können. Aber als sie uns in der Nacht überfielen, sagten sie, es gehe ihnen nicht gut, zu wenig zu essen, überhaupt sei das Leben in der Provinz zum Kotzen. Nach längerer Diskussion einigten wir uns: Sie halfen uns, die Ente nach Astrachan zu schieben, dafür schenkten wir ihnen unsere Angeln, damit sie sich einen ordentlichen Karpfen aus der Wolga ziehen können.

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Tigerente auf Reisen: Oh, wie schön ist Sibirien

In Jekaterinburg (Westsibirien) wurde das Fernsehen auf uns aufmerksam. Eine Studentin der Medienwissenschaften hatte MTV Russland einen Tipp gegeben. Es war ein großer Aufmarsch, drei Kameras, ein Dutzend BMX-Radler, die uns - warum auch immer - beim Interview umkurvten. Zum Abschluss sollten wir ein Lied singen. Und sangen: "Das schönste Land im deutschen Land, das ist das Badnerland."

Unvergessen ist auch das nächtliche Telefonat in Irkutsk mit einem Geschäftsmann. Wir waren auf dem Hotelparkplatz gerade bereit zum Schlafen, da kamen zwei sehr elegant gekleidete Jungs: "Wie, ihr schlaft in den Autos? Schon so früh?" Sie luden uns zu ihrer Abschlussfeier ein. Dass wir uns seit dem Aufbruch nicht rasiert hatten, dass jeder nicht mehr als zwei Wechseljeans besaß, dass die letzte Dusche schon etwas her war - alles kein Problem für die jungen Wirtschaftswissenschaftler.

Wir tranken und aßen, mussten immer wieder erzählen, wer wir waren und dass uns diese beiden Autos auf dem Parkplatz gehörten, von denen man im Fernsehen und Radio schon so viel gehört hatte. Einer der Jungs reichte mir sein Mobiltelefon, sein Vater wollte mich sprechen und bot 25.000 Dollar für die Tigerente. "Danke, nein, wir verkaufen nicht!"

Die beiden Enten waren 2004 Stars in Russland. Sie wurden gefilmt, fotografiert und verziert. Zunächst half die Unterschrift auf dem Auto, Polizisten eine Freude zu machen: "Nein, wir können kein Geld zahlen, aber du kannst auf dem Auto unterschreiben." Später bekam jeder den Edding, der danach fragte. Die Enten-Karosserien wurden zu Logbüchern der Reise. Und je mehr Verzierungen sie trugen, desto länger gingen Passanten lächelnd um die Autos herum.

Für die Enten nur das Beste

Wir fuhren bis zum Baikalsee und campierten am sandigen Ufer neben zwei Männern aus Ulan-Ude und ihren Söhnen. Sie wollten mit dem Baikal-Trip die Vater-Sohn-Beziehung stärken, ballerten mit Gewehren im Wald herum und sprangen jubelnd ins sechs Grad kalte Wasser. Und wir machten einen Kassensturz: Zusammen hatten wir nicht mehr als zehn Dollar pro Tag ausgegeben, dennoch reichte das Geld nicht zur Weiterfahrt in die Mongolei. "Dann fahren wir eben zurück", sagte einer. Alle waren einverstanden.

Wochenlang gab es mittags nur ein Hauptgericht ohne Beilage: trockener Reis, trockene Nudeln, trockene Kartoffeln. Wenn wir uns mit leeren Mägen stritten, war das egal. Unsere Enten aber bekamen nur das beste Benzin, wir waren ja auf ihre tuckernden Motoren angewiesen. Tankstellen mit Sprit unter 85 Oktan mieden wir. Und wenn uns der Tankstellenwart zwielichtig vorkam, fuhren wir weiter.

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Autolegende Citroën 2CV: Die Ente feiert Geburtstag

Auch das große Rockfestival Nashestvie besuchten wir. Alle alternativen russischen Blogs fragten: Kommt der Sänger Shnur mit seiner Band Leningrad? In St. Petersburg hatten die Behörden kurz zuvor ein Konzert dieser schon damals legendären Band abgesagt - zu vulgär, zu kritisch. Als wir mit unseren Enten auf das matschige Gelände fuhren, war die Band aber doch da. Und am frühen Morgen nach dem Konzert, bei dem ihm 50.000 Festivalbesucher zugejubelt hatten, verriet uns der Leningrad-Drummer: "Als ihr in den Parkplatz eingebogen seid, dachten wir, diese Autos sind die echten Stars des Abends."

Sechs Monate und 26.000 Kilometer dauerte die Reise. Beide Enten haben den Trip überlebt, auch wenn der Motor der grünen Ente in Deutschland bald aufhörte zu tuckern. Die ganze Reise lang hatte sie uns mehr Sorgen bereitet als die Tigerente. Mit dem Frosch waren wir kurz hinter Novosibirsk in dieses übergroße Schlagloch gefahren, in Astrachan musste ein Ersatzgetriebe implantiert und zweimal auch die Batterie ausgetauscht werden, und dann haben wir meist doch angeschoben. Wir brachten es nicht übers Herz, die grüne Ente verschrotten zu lassen. Ein Bekannter aus Schwäbisch-Hall bot an, sie als Teilespender anzunehmen. Wir waren einverstanden - besser in Teilen weiterleben als gar nicht.

"Am 31. Dezember steht die Ente woanders!"

Die Tigerente war robuster. Sie fuhr einfach weiter. Nach der Reise begannen Daniel D. und ich, in Dresden zu studieren. Und stellten fest, dass die Ente nicht nur in der östlichen Hemisphäre eine Gute-Laune-Maschine ist. Wo immer man unterwegs ist, wird gewunken, gelächelt, das Leben ist für ein paar Augenblicke besser. Wir bekamen sogar noch einmal TÜV, obwohl der Unterboden stellenweise rostdurchlöchert war. Aber beim TÜV arbeiten eben auch Menschen mit Herz.

Nach dem Grundstudium in Dresden trennten sich unsere Wege. Daniel D. wollte nach Bremen ziehen, ich plante ein Auslandsjahr in Buenos Aires. Wohin mit der Ente? Die anderen beiden lebten in Stadtwohnungen, Platz hatte niemand. Nach langem Hin und Her nahm mein Vater sie in seiner Garage auf. Nur für ein, zwei Winter, so seine Ansage.

Daniel D. und ich fuhren also unsere geliebte Tigerente in einer letzten großen Nachtfahrt nach Heidelberg zurück. Hier hatten unsere Reise begonnen. Die Ente war wieder zu Hause. Vorerst.

Elf Jahre sind seitdem vergangen. Aus vorsichtigen Fragen meines Vaters, wann die Ente wieder abgeholt wird, wurden leise und immer lautere Bitten, bald Forderungen. Vor einigen Wochen gab es eine Deadline: "Am 31. Dezember steht die Ente woanders, sonst lasse ich sie verschrotten." Mein Vater will sich nicht länger an der Ente vorbeiquetschen, um Gartengeräte zu holen. Die an der Wand hängenden Fahrräder sollen nicht auf ihn herabfallen. Er will endlich wieder Platz in seiner Garage.

Wir alle verstehen das gut. Aber wohin mit der Ente? In 30 Jahren, wenn wir in Rente gehen, wollen wir mit ihr noch einmal die gleiche Route zum Baikalsee fahren. Bis dahin soll sie nicht im Regen stehen. Wir wohnen noch immer in Stadtwohnungen, leider hat auch von unseren Bekannten und Verwandten niemand einen freien Garagenplatz.

Und dann stieß Micha auf den einestages-Artikel "Die Ente ist sicher". Zu unserer großen Überraschung zählte darin auch unsere Tigerente zu den Entenlegenden. Wir wussten nicht, wie dieses Foto den Weg in die Redaktion fand. Aber wir sind sicher: Das kann kein Zufall sein. Unsere Ente will leben!

Retter gesucht

insgesamt 9 Beiträge
Christian Rosenbaum Rechtsanwälte Schmid & Koll. 13.12.2018
1. Bild 11: Kasachstan - Ausläufer des Donaudeltas?
Da ist den Enten wohl etwas die Orientierung abhanden gekommen, es sollte sich um die Ausläufer des Wolga-Deltas handeln. Hg Christian Rosenbaum
Da ist den Enten wohl etwas die Orientierung abhanden gekommen, es sollte sich um die Ausläufer des Wolga-Deltas handeln. Hg Christian Rosenbaum
thold 13.12.2018
2. Erfrischend
Endlich mal ein erfrischender und lustiger Reisebericht, bei dem es nicht nur um die persönliche Selbstfindung geht und der nicht von hochgerüsteter Technik bestimmt wird. Erinnert mich an meine Jugend (seufz). Und wen schert [...]
Endlich mal ein erfrischender und lustiger Reisebericht, bei dem es nicht nur um die persönliche Selbstfindung geht und der nicht von hochgerüsteter Technik bestimmt wird. Erinnert mich an meine Jugend (seufz). Und wen schert es, ob Donau oder Wolga? Ist doch schön, dass die jungen Leute Spaß hatten und Abenteuer erlebt haben.
Roland Jenniges 13.12.2018
3. Da werden Erinnerungen wach
ich war 1981 mit meiner roten Kastenente zwar nur in der Türkei u Griechenland aber es war auch abenteuerlich. Wer den Autoput von damals noch kennt, wird wissen wovon ich rede :-) Die Ente hat die rund 7000 km übrigens fast [...]
ich war 1981 mit meiner roten Kastenente zwar nur in der Türkei u Griechenland aber es war auch abenteuerlich. Wer den Autoput von damals noch kennt, wird wissen wovon ich rede :-) Die Ente hat die rund 7000 km übrigens fast problemlos gemeistert. Lediglich ein Radlager hat auf der Heimreise in der Nähe von Klagenfurt seinen Geist aufgegeben.
Alexander Güllner 13.12.2018
4. Mit der Ente in die Alpen zum Skifahren
Das war schon der Kracher, in Konstanz fragte der Schweizer Grenzer, ob wir im Aquarium sitzen ?? Und im Appenzeller Land war das der Hingucker, wenn wir nach dem Skifahren die Skier im offenen Dach hineinlegte und mit [...]
Das war schon der Kracher, in Konstanz fragte der Schweizer Grenzer, ob wir im Aquarium sitzen ?? Und im Appenzeller Land war das der Hingucker, wenn wir nach dem Skifahren die Skier im offenen Dach hineinlegte und mit Fliegermützen durch die gegen sausten, mit einer Charleston Ente in den 1990er. Die Skier konnte man unter die Sitze stecken, genug Platz für drei Personen mit Gepäck samt Raclette .-) Alles mit Sommerreifen möglich, etwas Luft raus dann ging es schon.
Franco Vaderno 13.12.2018
5. Mit einer Ente bis nach Südafrika ...
... fuhren Freunde Anfang der 70-er Jahre. Sie präparierten ihren Deux-Chevaux ähnlich wie die Autoren dieser Seite. Da aber auch die Durchquerung der Sahara und der beinahe unwegbaren tropischen Staaten anstand, montierten sie [...]
... fuhren Freunde Anfang der 70-er Jahre. Sie präparierten ihren Deux-Chevaux ähnlich wie die Autoren dieser Seite. Da aber auch die Durchquerung der Sahara und der beinahe unwegbaren tropischen Staaten anstand, montierten sie noch vorne 'Zwillingsreifen': Einfach mit ein paar langen Metallbolzen als Radschrauben für die dann doppelten Vorderreifen. Da die Ente viel leichter als alle in dieser Zeit verfügbaren Jeeps war, fuhren sie oft an steckengebliebenen und aufsitzenden Lastwagen und Geländewagen vorbei - ob in der sandigen Wüste oder im Morast von Wegen im Kongo. Diese Ente machte allerdings die Rückreise nicht mehr mit, in Südafrika musste sie nach einem Unfall verschrottet werden. Als Weiße fanden sie im damaligen Apartheitstaat leicht Arbeit und blieben bis sie so das Geld für einen Rückflug hatten. Die Reisebedingungen waren damals anders als heute - Terrorismus, Entführungen und religiöser Extremismus waren damals keine Themen. Visa waren auch leicht erhältlich. Man stelle sich heute vor: Für eine Reise nach Indien (allerdings mit VW) brauchten wir etwas später nur zwei Visa: Bulgarien und Afghanistan, ansonsten genügte bis nach Indien überall der bundesdeutsche Pass.

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