Honeckers letzte Reise ins Exil

Der Passagier auf Platz 13A

Einst war er der mächtigste Mann der DDR, im wiedervereinigten Deutschland stand Erich Honecker vor Gericht. Als er freikam, flog er sofort nach Chile. Für den SPIEGEL war Norbert F. Pötzl an Bord.

DPA
Freitag, 12.01.2018   14:09 Uhr

Das Letzte, was Erich Honecker von Deutschland sah, waren die Lichter der Startbahn des Frankfurter Flughafens. Er warf nur einen kurzen Blick durch das Kabinenfenster, als die Boeing 747 am 13. Januar 1993 kurz vor Mitternacht abhob. Ihm war bewusst, dass er nie wieder deutschen Boden betreten würde. Er zeigte keine Gefühle, schaute nur einen Moment lang starr vor sich hin und vertiefte sich gleich wieder in Manuskriptblätter auf seinem Schoß. So emotionslos, zumindest äußerlich, verließ der einst mächtigste Mann der untergegangenen DDR, die er 18 Jahre lang regiert hatte, das wiedervereinigte Deutschland.

Honecker hatte Platz 13A im Oberdeck des Jumbos der brasilianischen Fluggesellschaft Varig. Ich saß schräg vor ihm in der zwölften Reihe und konnte genau beobachten, wie er jede Regung unterdrückte. Eine altmodische braune Hornbrille beherrschte das schmale, bleiche Gesicht des 80-Jährigen, der vom Krebs gezeichnet war. Wie Pergament spannte sich die fahle Haut über die Wangenknochen.

Am Morgen dieses Tages war Honecker aus der Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Moabit entlassen worden. Das Berliner Landesverfassungsgericht hatte entschieden, es dürfe kein Prozess geführt werden gegen einen todkranken Angeklagten, der "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ende des Strafverfahrens nicht mehr erreicht", der also vor dem Urteil stirbt.

Daraufhin stellte das Landgericht das Verfahren ein. Das Kammergericht als Berufungsinstanz hob den Beschluss wieder auf, verwarf allerdings auch die Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen die Aufhebung des Haftbefehls. Das bedeutete: Die Verhandlung sollte weitergehen, aber der Angeklagte blieb auf freiem Fuß.

In der Ersten Klasse nach Südamerika

Wegen des juristischen Gezerres musste Honecker noch mehrere Stunden in einer Polizeikaserne nahe dem Flughafen Tegel verbringen, ehe er das Flugzeug betreten durfte, das ihn nach Frankfurt brachte. Damit endete eine Justizfarce: Zuletzt war es in dem Totschlagsprozess wegen der an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze erschossenen Flüchtlinge nur noch um Honeckers Lebenserwartung gegangen - laut ärztlichem Zeugnis geringer als die Verfahrensdauer, die auf mindestens zwei Jahre veranschlagt war. Aber die "Arbeitsgruppe Regierungskriminalität", eine Sondereinheit der Staatsanwaltschaft zur juristischen Aufarbeitung von DDR-Unrecht, hatte auf eine Verurteilung gedrängt und das Landgericht den Angeklagten für haft- und verhandlungsfähig erklärt.

Fotostrecke

Honeckers Haftentlassung: Letzte Ausfahrt Chile

Im Jumbo nach Südamerika las Honecker intensiv in einem Buchmanuskript über den Prozess, dem er gerade entronnen war. Der Autor Erich Selbmann, bis zum "Wende"-Herbst 1989 stellvertretender Vorsitzender des Staatlichen Komitees für das DDR-Fernsehen, beschrieb die Verfolgung des Genossen Honecker durch die "Klassenjustiz". Er schlug einen Bogen von der ersten Verhaftung des kommunistischen Jugendfunktionärs Honecker im "Dritten Reich" 1935 bis zu seiner 70-minütigen Rede am 3. Dezember 1992 im Moabiter Kriminalgericht. Darin hatte der Ex-Staatschef jede Verantwortung für den Tod Hunderter Republikflüchtlinge zurückgewiesen, die an der von ihm maßgeblich mit erbauten Mauer verblutet waren.

An Honeckers Seite im Flugzeug saß der kommunistische Funktionär Klaus Feske, Vorsitzender eines "Solidaritätskomitees", das Honeckers Erste-Klasse-Flug angeblich aus Spendengeldern finanziert hatte. Feske und zwei Personenschützer der Berliner Polizei hielten die Handvoll mitreisender Journalisten auf Distanz. Auch wenn er in Pantinen zur Bordtoilette schlurfte, wich Honecker jedem Ansprechversuch aus.

Gorbatschow-Foto: "Das tun Sie lieber weg"

Mit einem Kniff gelang es mir dennoch, ein paar Sätze mit ihm zu wechseln. Der Berliner Fotograf Klaus Mehner war oft für den SPIEGEL in der DDR unterwegs gewesen und hatte mir großformatige Abzüge von Aufnahmen mitgegeben, die Honecker an bessere Zeiten erinnern konnten. Honecker betrachtete aufmerksam die Bilder, die ihn mit hochrangigen Gesprächspartnern zeigten, etwa mit Franz Josef Strauß, Willy Brandt oder Eberhard Diepgen.

Honecker kommentierte jedes Foto, wies eines allerdings schroff zurück. Es zeigte ihn 1987 neben Michail Gorbatschow auf dem Flughafen Schönefeld. Er machte eine wegwerfende Handbewegung: "Das tun Sie lieber weg." Der sowjetische Parteichef war für ihn der Totengräber der DDR.

SPIEGEL TV: Die Ära Honecker

Foto: SPIEGEL TV

Mit Gorbatschows Besuch in Ostberlin am 7. Oktober 1989 anlässlich des 40. Jahrestags der Staatsgründung war das Ende der DDR unaufhaltsam geworden. Die Bürger jubelten nicht ihrem ideologisch verknöcherten Staatsoberhaupt zu, sondern - "Gorbi, Gorbi" - dem reformerischen Kremlchef. Zehn Tage später setzte das SED-Politbüro den Parteichef ab. Die Maueröffnung, die der SED-Funktionär Günter Schabowski am 9. November versehentlich bei einer Pressekonferenz verkündete, erlebte der entmachtete Honecker am heimischen Fernsehgerät in der Bonzensiedlung Wandlitz.

Eine lange Odyssee Honeckers begann: Die Wohnung wurde ihm gekündigt, und nachdem man ihm Ende Dezember in der Berliner Charité ein Krebsgeschwulst aus der rechten Niere entfernt hatte, wäre er obdachlos gewesen, hätte nicht ein vom alten Regime kujonierter Pastor den Atheisten in seinem Pfarrhaus aufgenommen. Die bis dato linientreue DDR-Generalstaatsanwaltschaft ermittelte unter dem absurden Vorwurf des Hochverrats gegen Honecker, der deshalb im April 1990 Zuflucht auf dem Gelände des sowjetischen Armeehospitals in Beelitz südlich von Potsdam nahm.

Als Botschaftsflüchtling in Moskau

Nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 versuchte die westdeutsche Justiz, Honecker wegen Totschlags zu verhaften; Ermittler hatten den "Schießbefehl" gefunden. Damit hatte Honecker als Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrats 1974 bestimmt, dass "bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden" müsse.

Um Honecker dem drohenden Zugriff zu entziehen, ließ die noch in der ehemaligen DDR stationierte Sowjetarmee ihn im März 1991 nach Moskau ausfliegen. Dort gewährte ihm die chilenische Botschaft Asyl - aus Dankbarkeit, dass die DDR nach dem Militärputsch in Chile gegen Salvador Allende 1973 Tausende Flüchtlinge aufgenommen hatte. Auf Druck der neuen russischen Regierung unter Boris Jelzin musste Honecker jedoch im Juli 1992 das Land verlassen und nach Berlin zurückkehren, wo er sofort verhaftet wurde.

Am 12. November 1992 begann der Prozess gegen ihn und fünf Mitangeklagte. Es waren die letzten noch lebenden Mitglieder des Nationalen Verteidigungsrats der DDR, die an der "Schießbefehl"-Sitzung im Mai 1974 teilgenommen hatten, darunter auch Stasi-Chef Erich Mielke.

Juristische Aspekte spielten im Verfahren kaum noch eine Rolle, etwa ob ein "Rückwirkungsverbot" bestand, weil das DDR-Grenzgesetz Schüsse auf Flüchtlinge legitimierte, oder ob Honecker nach dem Völkerrecht die strafrechtliche Immunität eines früheren Staatsoberhaupts zugestanden hätte. Im Mittelpunkt standen die Erörterungen um Honeckers Lebenserwartung. Denn im Februar 1992 waren in einer Moskauer Klinik Krebsmetastasen in Honeckers Leber festgestellt und im August bei einer Untersuchung in Berlin bestätigt worden.

Wiedervereinigung der Honeckers - und eine neue Mauer

Vor der Landung im brasilianischen São Paulo sortierte Honecker seine Medikamente, die er in einem braunen Kuvert bei sich führte, und teilte sie in Tagesrationen ein. Die letzte Flugetappe nach Santiago legte er in einer Boeing 767 auf Sitzplatz 1A zurück. Bei seiner Ankunft, 22 Stunden nach dem Abflug in Tegel, verließ er die Maschine als einer der letzten Passagiere. 150 chilenische Kommunisten empfingen ihn mit Willkommenstransparenten und DDR-Fähnchen. Staatsmännisch winkte er aus der Tür diesem Begrüßungskomitee zu, schrFitt aufrecht die Gangway hinab und umarmte Ehefrau Margot, die ihm im Juli 1992 vorausgereist war.

Vom Flughafen wurde Honecker direkt zu einer Untersuchung in die Privatklinik Las Condes gefahren. Der Tumor, stellten die Ärzte fest, war während der Haft weitergewachsen. Tags darauf zog Honecker in sein neues Heim ein: ein zweistöckiges Fünf-Zimmer-Haus in der vorwiegend von betuchten Linken bewohnten Siedlung "La Reina", abgeschirmt hinter einer grün getünchten Mauer.

Dort lebte Honecker einsam noch 16 Monate. Er hatte Heimweh nach Deutschland, berichteten Vertraute. Da er Spanisch weder sprach noch verstand, hatte er in Chile nur wenige Kontakte. "Trotz der intensiven ärztlichen Pflege", sagte Margot Honecker, einstige DDR-Bildungsministerin, "war Erichs Krankheit nicht aufzuhalten."

Er starb am 29. Mai 1994. Sein Leichnam wurde im Krematorium des Zentralfriedhofs von Santiago eingeäschert. Die Urne, die seine Witwe zunächst mit nach Hause genommen hatte, wurde später auf diesem Friedhof beigesetzt.

insgesamt 17 Beiträge
Birgit Meseck-Thieme 12.01.2018
1. Mitleid?
Ach ja, der einsame alte Mann, der seiner DDR nachweint. Dagegen die Zehntausende, deren Leben zerstört wurde, die in der zentralen Hichrichtungsstätte der DDR zum Beispiel als "Rias-Spione" per Genickschuss erledigt [...]
Ach ja, der einsame alte Mann, der seiner DDR nachweint. Dagegen die Zehntausende, deren Leben zerstört wurde, die in der zentralen Hichrichtungsstätte der DDR zum Beispiel als "Rias-Spione" per Genickschuss erledigt wurden, die im Knast Verreckten, an der Grenze Erschossenen, dieser Leichenberg. war's das wert?
Stefan Noack 12.01.2018
2. Keine Träne ...
weine ich ihm nach, dem jagdwütigen Parteibonzen, der den Tod vieler Menschen zu verantworten hatte, der zwar den Kapitalismus verteufelte - gleichzeitig aber den entsprechenden Luxus für sich und seine getreuen Genossen gerne [...]
weine ich ihm nach, dem jagdwütigen Parteibonzen, der den Tod vieler Menschen zu verantworten hatte, der zwar den Kapitalismus verteufelte - gleichzeitig aber den entsprechenden Luxus für sich und seine getreuen Genossen gerne in Anspruch nahm - und der bis zuletzt nicht verstanden hatte oder verstehen wollte, welche Schuld er mit seinem Stasi-Unrechtsregime auf sich geladen hatte. Sein armseliges Restleben in Chile gönne ich ihm...
Emil See 12.01.2018
3. Viel zu milde
ist die Justiz mit Honnecker und seinen Mittätern umgegangen. Die Nürnberger Prozesse hatten doch Maßstäbe gesetzt, wie mit verbrecherischen Diktatoren und Mördern hinterm Schreibtisch umzugehen ist. Und statt diese Leute [...]
ist die Justiz mit Honnecker und seinen Mittätern umgegangen. Die Nürnberger Prozesse hatten doch Maßstäbe gesetzt, wie mit verbrecherischen Diktatoren und Mördern hinterm Schreibtisch umzugehen ist. Und statt diese Leute für den erbärmlichen Rest ihres Lebens in Bautzen oder sonswo wegzusperren, haben wir die Honneckers laufen lassen und der Frau Honnecker noch Jahre eine Rente gezahlt.
Thomas Schwarz 12.01.2018
4. Bin noch immer
der festen Überzeugung, dass dieser Honecker Zuviel wusste, über Kohl und Konsorten. Hätte er ausgepackt, wäre der Skandal groß gewesen. So lieber unter fadenscheinigen Gründen nach Chile lassen.
der festen Überzeugung, dass dieser Honecker Zuviel wusste, über Kohl und Konsorten. Hätte er ausgepackt, wäre der Skandal groß gewesen. So lieber unter fadenscheinigen Gründen nach Chile lassen.
Heinz Stupp 12.01.2018
5. Rolle des Jelzin-Russlands
Meines Wissens hatten die Moskauer Ärzte die Metastasen nicht entdeckt, sondern im Gegenteil, auf Druck der Jelzin-Regierung „übersehen“, um eine Ausweisung nach Deutschland überhaupt rechtfertigen zu können.
Meines Wissens hatten die Moskauer Ärzte die Metastasen nicht entdeckt, sondern im Gegenteil, auf Druck der Jelzin-Regierung „übersehen“, um eine Ausweisung nach Deutschland überhaupt rechtfertigen zu können.
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