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Erster verpflanzter Herzschrittmacher

Der Retter aus der Schuhcremedose

1958 implantierte ein Schwede den ersten Herzschrittmacher. Er war hastig in einer Dose mit Kunstharz überzogen und hielt nur Stunden. Der todkranke Patient aber überlebte. Die Geschichte eines medizinischen Wunders.

DPA
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Montag, 08.10.2018   14:53 Uhr

Hochprozentiger Alkohol war die Rettung, wenn Arne Larsson wieder in Ohnmacht fiel. Weil sein Herz so langsam schlug, dass es sein Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgte. Larsson passierte das ständig. 20-, 30-mal - pro Tag.

Eine vergiftete Auster hatte den Schweden in diese missliche Lage gestürzt. Die Auster löste eine Infektion aus, die sein Herz dauerhaft schädigte. Sein Puls schlug oft nur 30 Mal pro Minute. Eine anstrengende Bewegung - und Larsson war weg. Adams-Stokes-Syndrom nennen Mediziner das.

"Wenn ich diese Adams-Stokes Attacken bekam", erinnerte er sich später, "gab es nur ein Mittel, mich wieder zu Bewusstsein zu bringen: mir Whiskey einzuflößen."

Auf die Dauer aber war Whiskey natürlich keine Lösung. Zumal sein Herz schwächer und schwächer wurde. "Ich war praktisch tot", erzählte Larsson später gerne. Tot - bis er 1958 im Karolinska-Krankenhaus in der Nähe von Stockholm auf den Arzt Ake Senning traf, der gerade an der Entwicklung des weltweit ersten implantierbaren Herzschrittmachers arbeitete.

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Erster Herzschrittmacher-Patient Larsson: 26 Geräte in 43 Jahren

Es gab nur ein Problem: Um den Herzkranken zu retten, musste es schnell gehen. Larssons Frau Else Marie, eine "ebenso attraktive wie energische Frau", wie Senning später augenzwinkernd erzählte, drängte ihn und seinen Ingenieur Rune Elmqvist zur Eile: "Beeilt euch, mein Mann stirbt."

Doch Senning und Elmqvist mussten sie zurückweisen. Sie hatten nicht einmal einen Prototypen des Schrittmachers entwickelt. Renommierte Kardiologen diskutierten zudem noch, wie man das wohl eher sperrige Ding überhaupt ins Herz kriegen könne.

Was heute ein Routineeingriff ist, der längst Millionen Menschen geholfen hat, ähnelte vor sechzig Jahren einer medizinischen Raumfahrt zum Mond. Dabei war die Idee eines Herzschrittmachers schon alt. Denn dass elektrische Erregungen den Rhythmus und die Funktion des Herzens positiv beeinflussen können, hatten die Menschen schon seit Jahrhunderten geahnt.

Experimente mit Kanarienvögeln - und Toten

Der britische Mediziner Charles Kite etwa entwarf 1788 einen zylindrischen Gitterkäfig und berichtete auf einem Ärztekongress seinen staunenden Zuhörern, er habe mit diesem elektrischen Wiederbelebungsapparat einen Ertrunkenen ins Leben zurückgeholt. Das mag frei erfunden gewesen sein - der Zusammenhang zwischen Strom und Herz jedenfalls faszinierte Generationen von Forschern.

So jubelte auch Alexander von Humboldt 1797, "eine heftige Art der Stimulation" könne "zur Wiederbelebung vom Scheintode genützt werden". Humboldt fühlte sich durch entsprechende Experimente mit Kanarienvögeln bestätigt. Viel begehrter als Vögel, Schildkröten und Hunde waren damals aber all die Gefangenen, die nach der Französischen Revolution mit der Guillotine hingerichtet wurden. Physiologen wie Xavier Bichat und Pierre Humbert Nysten stürzten sich auf die Geköpften, die sie dank polizeilicher Sondererlaubnis unmittelbar nach der Exekution mit Strom traktieren durften - in der Hoffnung, die Herzen Toter zum Schlagen zu bringen.

Experimente an Toten, 1804

Weil das ab und an wohl teilweise gelang, sofern man den zeitgenössischen Beschreibungen glaubt, lag die Idee eines Herzschrittmachers nicht mehr fern. Die Umsetzung aber stellte die Konstrukteure vor gewaltige Probleme.

Kiloschwere, gefährliche Geräte

Einer der ersten externen Herzschrittmacher, den der US-Amerikaner Albert Hyman 1932 konstruierte, wog stattliche sieben Kilogramm; der Strom wurde durch einen per Kurbel gestarteten Motor erzeugt. Frei bewegen konnte sich ein Patient mit so einem Monstrum kaum. Gravierender war, dass die Elektroden von außen durch die Haut in den Herzmuskel gestochen werden mussten. Auch spätere, leichtere Modelle, lösten dieses Grundproblem nicht: Die Drähte im Körper konnten leicht gefährliche Entzündungen hervorrufen.

Erst als in den Fünfzigern zunehmend kleine Transistoren entwickelt wurden, die zum Steuern elektrischer Ströme unablässig sind, schien der Bau eines implantierbaren Herzschrittmachers möglich. Ake Senning und Rune Elmqvist wagten sich als Erste daran.

Historischer externer Schrittmacher von Albert Hyman

Im Herbst 1958 begann ihr Kampf um das Leben von Arne Larsson. Denn erst als der 43-Jährige immer schwächer geworden war, hatte Senning den Direktor seines Krankenhauses von einer Not-OP überzeugen können. Hastig baute Rune Elmqvist zwei Prototypen, die er mit Kunstharz überzog. Weil die Zeit knapp war, nahm er als Gussform einfach eine ausgediente Schuhcremedose.

Die Operation am 8. Oktober 1958 verlegte Senning lieber auf den späten Abend, als es leer und still wurde im Krankenhaus. Lieber nicht zu viel Aufmerksamkeit! Dabei lief anfangs alles glatt: Senning öffnete unter Vollnarkose den Brustkorb, setzte den Schrittmacher in den Bauchraum ein und nähte die Elektroden an den Herzmuskel. Sein Gerät wog 240 Gramm, etwas weniger als ein gesundes Herz. Ein echter Brocken, verglichenen mit den 25 Gramm leichten, münzgroßen Schrittmachern, die heute in kurzen Routineeingriffen verpflanzt werden; allein 80.000 waren es im Jahr 2017 in Deutschland.

Damals aber war der Eingriff eine Sensation. Senning testete den Schrittmacher, er funktionierte "ausgezeichnet", wie er festhielt. Er schloss den Bauchraum. "Nachts um zwei", erinnerte er sich einmal im Deutschlandfunk, "rief ich Elmqvist an und sagte: 'Es ist vollbracht, ich habe diesen verdammten Schrittmacher eingesetzt!'"

Der Jubel kam zu früh. Der Schrittmacher hielt nur fünf Stunden. Enttäuscht bescheinigte Larsson, selber gelernter Elektroingenieur, seine Helfer hätten "von Elektronik keine Ahnung". Eine weitere OP musste her, um den weltweit einzigen verbliebenen Herzschrittmacher zu implantieren. Diesmal musste es klappen. Und diesmal klappte es - einigermaßen. Denn die Impulse des Schrittmachers wurden nach einer Woche schwächer, das Gerät musste zwischenzeitlich abgeschaltet werden.

Atomkraft im Herzen

Larsson war zwar vorerst gerettet, sein Leidensweg aber längst nicht vorbei, zu sehr steckte die Technik in den Kinderschuhen. Denn verglichen mit modernen Geräten, die per Funk überprüft werden können und sich nur bei Bedarf passgenau aktivieren, konnte Larssons Schrittmacher nahezu nichts. Ein großer Nachteil waren die schwachen Nickel-Cadmium-Batterien, die wöchentlich von außen über eine Induktionsspule aufgeladen werden mussten.

Hinzu kam, dass sich anfangs kaum jemand für den technischen Durchbruch interessierte. Die ersten Zeitungsberichte dazu erschienen erst im Juli 1959, ein halbes Jahr nach der gelungenen OP. Viele Experten, darunter Senning und Elmqvist selbst, sahen in dem Schrittmacher eher ein schillerndes Kuriosum als eine bahnbrechende Erfindung. Dass in Zukunft Millionen Geräte in Serie hergestellt werden würden, konnten sie sich nicht vorstellen.

Larsson erlebte die bald rasant weiterentwickelte Technik jahrzehntelang am eigenen Körper. Batterien wurden leistungsstärker, zeitweise experimentierte man sogar mit langlebigen Plutonium-betriebenen Schrittmachern, was aber neue Probleme aufwarf: Träger solcher Schrittmacher mussten registriert werden, damit die strahlenden Batterien im Todesfall nicht einfach im Erdreich verschwanden.

26 Schrittmacher in 43 Jahren

Was für einen Aufschwung die Technik nahm, lässt sich erahnen, als 1979 ein Herzschrittmacher-Skandal die Bundesrepublik erschütterte: Die Geräte waren nun derart wertvoll, dass etliche Kliniken und Ärzte sie jahrelang heimlich den Verstorbenen entnommen hatten - um die gebrauchten Schrittmacher dann teuer als vermeintliche Neuware zu verkaufen.

Arne Larsson musste sich vor so einer Leichenfledderei nicht fürchten. Entgegen seiner Erwartungen lebte er weiter und weiter. Er fuhr Rad, tanzte, segelte, verreiste viel und wanderte noch im hohen Alter. Er trug insgesamt 26 Schrittmacher; den letzten setzte man ihm 1996 ein, fünf Jahre vor seinem Tod im Dezember 2001 im Alter von 86.

Damit überlebte er sogar seinen gleichaltrigen Retter Ake Senning um 18 Monate. Der Herzschrittmacher hatte die beiden Schweden nicht nur schicksalhaft zusammengeführt - sondern sie zu lebenslangen Freunden gemacht.

insgesamt 6 Beiträge
Dieter Meier 08.10.2018
1. Eine Sache ist da nicht verständlich
Im Text wird erzählt, dass der Pat. ohne die experimentelle Schrittmacher-implantation verstorben wäre. Es gab seit 1952 bettseitig plazierbare externe Herzschrittmacher, die über transvenöse Elektroden das Herz stimulierten. [...]
Im Text wird erzählt, dass der Pat. ohne die experimentelle Schrittmacher-implantation verstorben wäre. Es gab seit 1952 bettseitig plazierbare externe Herzschrittmacher, die über transvenöse Elektroden das Herz stimulierten. Im übrigen werden auch heute noch Pat. mit zu langsamer Herzfrequenz nach Aufnahme ins Krankenhaus zunächst so "gepaced", bis geklärt ist, ob die Rhythmusstörung kurzfristig reversible Ursachen hat. Nur sind die externen HSM heute knapp so groß wie 2 Zigarettenschachteln. Wenn nun das Klinikum ein solch experimentelles Programm mit implantierbaren HSM hatte, dann war der Laden groß genug, um auch externe HSM zu besitzen. Und wenn die belegt waren, hätte man den Pat. auch in ein anderes Haus verlegen können. Warum also musste diese hochgradig experimentelle Implantation sein? Hier fehlen leider Informationen, die das für mich als Arzt verständlicher machen würden. ---- Zum Abschluß noch der Hinweis, dass das Einflößen von Whiskey zur Erweckung von Bewusstlosen heutzutage keine leitliniengerechte Therapie darstellt. :D
Christian Schneider 08.10.2018
2. Interessantes Stück Technikgeschichte
@ Dieter Meier: Der damals junge Patient wird wohl keine Lust gehabt haben immer an einem stationären Apparat zu hängen und die Lebensgefahr für die Freiheit in Kauf genommen haben. Interessant ist die ganze Geschichte auch, [...]
@ Dieter Meier: Der damals junge Patient wird wohl keine Lust gehabt haben immer an einem stationären Apparat zu hängen und die Lebensgefahr für die Freiheit in Kauf genommen haben. Interessant ist die ganze Geschichte auch, weil der Transistor kaum ein Jahrzehnt alt war. Ein so hemdsärmeliger Einsatz direkt am Menschen heute wäre so als ob jemand mit einem Raspberry Pie (Einplatinencomputer für Bastler) ein tragbares Dialysegerät entwickelt, o.ä.. Mit induktiver Ladung wurde ein weiteres Feature eingesetzt, das damals eher exotisch gewesen ist. Die Verwendung von Radioisotopengeneratoren ist auch ein Kuriosum und soll wohl in der Sowjetunion längere Zeit üblich gewesen sein bis Batterieleistung und Stromverbrauch der Elektronik in einem günstigeren Verhältnis standen.
Christoph Riecker 08.10.2018
3.
@#1: Auf einer Führung durch das riesige Gelände des Therapiezentrums Beelitzer Heilstätten bei Berlin, welches vom Kaiser in Auftrag gegen die grassierende Tuberkulose gebaut wurde ( in drei Jahren liebe BER Bauer!) durfte ich [...]
@#1: Auf einer Führung durch das riesige Gelände des Therapiezentrums Beelitzer Heilstätten bei Berlin, welches vom Kaiser in Auftrag gegen die grassierende Tuberkulose gebaut wurde ( in drei Jahren liebe BER Bauer!) durfte ich erfahren, dass der leitende Arzt als Therapie viel frische Luft, in der Sonne liegen und viel Alkohol verschrieb. Auch sicher heute nicht leilinienkonform:-) Die Armen Arbiterfrauen haben sich aber sicher trotzdem über die kostenlose "Medizin" gefreut.
Dieter Meier 09.10.2018
4. @Christian Schneider (#2)
Radioisotopenbatterien wurden auch im Westen in Herzschrittmachern verbaut. Googeln sie mal nach dem Medtronic 9000. Das ist nur eins von mehreren Modellen. Eine Handvoll dieser Geräte ist auch heute noch funktionsfähig und in [...]
Radioisotopenbatterien wurden auch im Westen in Herzschrittmachern verbaut. Googeln sie mal nach dem Medtronic 9000. Das ist nur eins von mehreren Modellen. Eine Handvoll dieser Geräte ist auch heute noch funktionsfähig und in Patienten im Einsatz. Bei der Entwicklung dieser Geräte dachten hersteller noch nicht daran, dass zu dem Zeitpunkt, an dem die Batterie auszufallen droht, die Technik des jeweiligen Schrittmachers bereits völlig überholt sein würde.
Uban Uban 09.10.2018
5. @Dieter Meier (#4) :
in der Tat - hier ist ein Link: https://www.ecnmag.com/blog/2016/01/medtech-memoirs-plutonium-powered-pacemaker Wahnsinn !!! @Christian Schneider (#2): Es heisst eigentlich Raspberry Pi - nur so ....
in der Tat - hier ist ein Link: https://www.ecnmag.com/blog/2016/01/medtech-memoirs-plutonium-powered-pacemaker Wahnsinn !!! @Christian Schneider (#2): Es heisst eigentlich Raspberry Pi - nur so ....

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