einestages

Skandal um NS-Täter Franz Murer

Wie der "Schlächter von Wilna" davonkam

Franz Murer machte den Bewohnern des Gettos von Wilna das Leben zur Hölle - und wurde nach dem Krieg in Österreich freigesprochen. Der Skandalprozess gegen den NS-Täter wirkt bis heute nach.

Litauisches Spezialarchiv
Von Johannes Sachslehner
Montag, 12.03.2018   10:34 Uhr

Das Getto in Wilna, Dezember 1942, knapp vor Weihnachten: Vor seiner Abreise in den Heimaturlaub hat Franz Murer, im Gebietskommissariat Wilna-Stadt zuständig für "Judenfragen", beschlossen, noch einmal am Gettotor zu kontrollieren. Die Juden sollen sich nur nicht zu sicher fühlen.

Wie immer, wenn Murer am Tor steht, macht sich Angst unter den heimkehrenden Arbeiterinnen und Arbeitern breit. Alle wissen: Er ahndet jeden Schmuggel von Lebensmitteln oder Holz gnadenlos. Rasch findet er auch an diesem Abend sein Opfer: Eine junge Frau wird von ihm angehalten, es ist die in Wilna (der heutigen litauischen Hauptstadt Vilnius) bestens bekannte Sängerin Ljuba Lewicka.

Die "Nachtigall des Gettos" wird sie genannt, vor der Ankunft der Deutschen war sie auf dem Sprung zur großen Karriere gewesen, hatte Tschaikowsky im großen Saal der Philharmonie und Franz Lehár für Radio Wilna gesungen. Jetzt teilt sie das Schicksal ihrer jüdischen Landsleute: Seit September 1941 ist sie im Getto, muss Zwangsarbeit leisten und die Schikanen der Gestapo ertragen, die ihr "Rassenschande" vorwirft.

Mit vorgehaltener Pistole zwingt Murer die Sängerin, ihre Taschen zu leeren. Ausgerechnet heute hat sie ein halbes Pfund Erbsen eingesteckt - mit Erlaubnis ihres Arbeitgebers, der Feldkommandantur Wilna. Murer lässt sie dennoch festnehmen und ins berüchtigte Lukiszki-Gefängnis bringen. Ein Todesurteil: Am 27. Januar 1943 wird Ljuba Lewicka in der Vernichtungsstätte Ponary erschossen, in einem Wald etwa zehn Kilometer außerhalb Wilnas.

Von den rund 75.000 Juden, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Wilna wohnten, dem "Jerusalem des Nordens", überlebten nur wenige den Holocaust. Für sie blieb der Name Franz Murer der Inbegriff des Nazi-Terrors.

Unmensch und Karrierist

Man erzählte sich Schreckliches über den jungen, hochgewachsenen Mann in der hellbraunen Uniform der Ordensjunker, den sogenannten "Herrn der Juden" und "Schlächter von Wilna". Franz Murer, geboren 1912 als Sohn eines Bauern im kleinen steirischen St. Lorenzen und vor dem "Anschluss" Österreichs als Gutsverwalter tätig, wurde zur bekanntesten Gestalt der NS-Herrschaft in Wilna.

Murer galt als tüchtig, packte an - und hasste Juden. Als Angehöriger der zivilen NS-Verwaltung im "Reichskommissariat Ostland" entschied er sich für die aktive persönliche Mitwirkung an der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Er nutzte dafür seinen Handlungsspielraum als Zivilbeamter bis zum Äußersten aus.

Fotostrecke

Franz Murer: Nazi-Scherge im Getto von Wilna

Es ist eine simple "Dienstverpflichtung", die Murer im Juli 1941 in Berlin für den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), hinter dem sich das neu geschaffene Ostministerium verbirgt, unterschreibt. Für Murer ist es dennoch eine Auszeichnung. SA-Führer Hans Christian Hingst, vorgesehen als Gebietskommissar von Wilna-Stadt, ist sein neuer Chef.

Anfang August 1941 treffen Hingst und Murer in Wilna ein; von Anfang an ist es Murer, der in Sachen Juden das Heft in die Hand nimmt. Die "Richtlinien für die Behandlung der Judenfrage" in Alfred Rosenbergs Ostministerium sehen für die Gebietskommissariate einen klaren Arbeitsauftrag vor: Absonderung des "Judentums" von der übrigen Bevölkerung und Überführung in ein hermetisch abgeschlossenes Getto, Zwangsarbeit für alle Juden vom 14. bis zum 60. Lebensjahr.

"Er brauchte Blut"

Murer selbst sucht in der Altstadt das Gebiet für das Getto aus: In den wenigen Straßenzügen um die "Deutsche Straße" pfercht man etwa 40.000 Menschen auf einem Areal zusammen, das ursprünglich für 4000 vorgesehen war. Da zu viele Menschen im Getto leben, wird die Bevölkerung bis zum November 1941 durch "Aktionen" systematisch dezimiert: Tausende Juden - Männer, Frauen, Kinder - werden zusammengetrieben, nach Ponary gebracht und dort erschossen.

Murer taucht immer wieder selbst am Gettotor auf, um die von der Arbeit zurückkehrenden Menschen zu überprüfen. Seine Brutalität brennt sich in das Gedächtnis der Überlebenden: Die Vorwürfe in den zahlreichen Zeugenaussagen reichen von Demütigung und Misshandlung bis zum Mord. Nicht vergessen kann ihn auch die 1927 geborene Mascha Rolnikaite. Wenige Jahre vor ihrem Tod 2016 sagt sie in einem Interview über Murer: "Er brauchte Blut. Er musste Menschen morden. Das war ihm eine Art Bedürfnis. Ein Unmensch."

In den ersten Monaten des Jahres 1943 scheint sich die Position Murers in Wilna zu verschlechtern, der Grund dafür ist unklar. Als der sogenannte "General Heldenklau" Walter von Unruh in Wilna nach neuem Personal für die Front sucht, sagt Murer daher sofort zu. Am 26. Juni 1943 verlässt er die Stadt.

Hermann Kruk, der Chronist des Wilnaer Gettos, vermerkt dazu in seinem Tagebuch: "2. Juli: M. ist weg und das Getto soll die Hände zum Himmel heben. Er ist derjenige, der uns erniedrigte, gepeitscht und beleidigt hat."

Zweitkarriere als Bauer

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt Franz Murer schon im Oktober 1945 aus britischer Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie in Gaishorn am See zurück. Seine Vergangenheit holt ihn rasch ein: "Nazijäger" Simon Wiesenthal entdeckt den zum biederen Bauern mutierten Gettotyrannen im Herbst 1947.

Die britische Militärpolizei verhaftet Murer und übergibt ihn im Frühjahr 1948 den Sowjets. In Wilna stellt man ihn vor ein Militärgericht, er wird zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Doch schon 1955 kommt er wieder frei, nach Abschluss des Österreichischen Staatsvertrags. Allerdings ist mit der Freilassung die Auflage verbunden, dass sich die österreichische Justiz seines Falls annimmt.

Diese zeigt jedoch wenig Lust, den Vater von fünf Kindern weiter zu belangen, und stellt das Verfahren im Dezember 1955 ein. Murer, dessen Heimkehr aus Sibirien von den Gaishornern mit einem zünftigen Fest gefeiert worden ist, kann anschließend unbehelligt Karriere machen.

Anzeige
Johannes Sachslehner:
Rosen für den Mörder

Die zwei Leben des SS-Mannes Franz Murer

Molden Verlag; 288 Seiten; 25,90 Euro

"Ohne es wirklich zu wollen", übernimmt Murer bald Funktionen in den bäuerlichen Standesvertretungen, im Dezember 1957 wird er Obmann der Bezirksbauernkammer Liezen. Die Parteifreunde schätzen ihn, sind von seiner "vornehmen" Erscheinung beeindruckt.

Wieder ist es Simon Wiesenthal, der die Justiz angesichts von neu vorliegendem Belastungsmaterial zum Handeln drängt: Am 10. Mai 1961 wird Murer auf seinem Hof verhaftet, die Staatsanwaltschaft leitet umfangreiche Ermittlungen gegen ihn ein.

Über zwei Jahre später, am 10. Juni 1963, beginnt vor einem Grazer Geschworenengericht der Prozess gegen ihn. 37 Zeugen aus Österreich, Deutschland, Israel und den USA sind geladen. Die Anklage listet den Vorwurf des "gemeinen Mordes" in 16 Fällen auf, während des Prozesses wird noch ein 17. Mordvorwurf dazukommen.

Jubel für den Nazi-Freispruch

Die Last der Beschuldigungen scheint erdrückend, doch Murer bleibt eisern bei seiner Linie: nicht schuldig in allen Punkten. Alles nur eine Verwechslung oder ein Irrtum, sagt er zu den Vorwürfen der Zeugen. Sie identifizieren ihn zwar eindeutig als den Täter von Wilna, sind jedoch in manchen Details wie der Farbe seiner Uniform unsicher. Diese Widersprüche und Ungenauigkeiten nutzt Murers Verteidiger Karl Böck geschickt aus. Die Stimmung im Gerichtssaal kippt schließlich und richtet sich gegen die Zeugen.

Was unmöglich schien, tritt ein: Die Geschworenen entscheiden am 19. Juni 1963 in ihrem Wahrspruch auf "nicht schuldig", in zwei Anklagepunkten bei 4:4 Stimmen allerdings denkbar knapp. Murer darf das Gericht als freier Mann verlassen, seine Anhänger jubeln. In Graz sind die Blumengeschäfte leergekauft.

Der skandalöse Freispruch, der die Opfer verhöhnt und den Täter zum Sieger macht, beschädigt das Ansehen der österreichischen Justiz schwer, die Beziehung zu Israel gerät in eine Krise. Der Freispruch wird zwar am 22. April 1964 vom Obersten Gerichtshof wegen einer Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft aufgehoben. Doch am 24. Juli 1974 wird das Verfahren gegen Franz Murer endgültig eingestellt. Er wird für seine Mitwirkung am Holocaust nicht weiter belangt.

Den beiden mächtigen Regierungsparteien des Landes, ÖVP und SPÖ, kommt das Urteil nicht ungelegen. Sie können die Stimmen der "Ehemaligen" gut gebrauchen. Das zynische Buhlen um Wählerstimmen, so stellt es der Wiener Regisseur Christian Frosch in seinem Dokudrama "Murer. Anatomie eines Prozesses" (2018) dar, sei der tatsächliche Hintergrund des Skandalprozesses gewesen.

Der Freispruch für Murer wird jedenfalls zum Signal für alle, die einst an das Hakenkreuz geglaubt hatten: Ihr gehört wieder zu uns!

Franz Murer stirbt in Frieden am 5. Januar 1994 in Leoben. Sein Fall bewegt bis heute, erzählt er doch exemplarisch vom Umgang mit der NS-Vergangenheit: von Schuld und Schweigen, von Zynismus und Lüge und der Flucht aus der Verantwortung.


Der Spielfilm "Murer. Anatomie eines Prozesses" von Christian Frosch wird am 13. März 2018 auf dem Diagonale-Filmfestival in Graz gezeigt.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP