einestages

Niederländerinnen gegen Nazis

Das tödliche Meisjes-Trio

Drei junge Frauen halfen in Haarlem Juden, flirteten mit Nazis, lockten sie in die Falle. Mit 15 erschoss Freddie Oversteegen erstmals einen deutschen Offizier. Als letzte des Trios ist die Widerstandskämpferin 2018 gestorben.

National Hannie Schaft Foundation
Von
Donnerstag, 27.12.2018   21:43 Uhr

Haarlem, Niederlande, 1941: Freddie Oversteegen, 15, entsichert ihre Pistole und versteckt sie in einem Korb. Sie setzt sich auf den Gepäckträger eines Fahrrads; ihre Mutter tritt in die Pedale. Die beiden nähern sich einem Nazi-Offizier, Freddie zückt die Pistole, drückt ab - und tötet den Mann. Das Drive-by-Shooting mutet an wie aus einem Quentin-Tarantino-Film, hat sich aber tatsächlich zugetragen.

Freddie Oversteegen, geboren am 6. September 1925, wuchs in einer Arbeiterfamilie in Haarlem auf, einer Stadt nahe Amsterdam. Ihre Mutter Trijntje erzog Freddie und Truus, die zwei Jahre ältere Schwester, ab 1933 allein. Als die Nazis im Mai 1940 die Niederlande überfielen, versteckte die Familie ein jüdisches Ehepaar sowie eine Mutter mit Sohn, die aus Deutschland hatten fliehen müssen. Im kleinen Haus war es eng, die Familie hatte wenig zu essen und schlief auf Strohmatratzen. Rundherum tobte der Krieg: "Haarlem wurde massiv ausgebombt. "Es war schrecklich", erinnerte sich Freddie. "Sie fuhren mit diesen offenen Lastwagen durch die Stadt, Bettlaken deckten all die Leichen ab."

Die Mutter, überzeugte Kommunistin, und ihre beiden Kinder verteilten die linke Untergrundzeitung "De Waarheid" und antifaschistische Flugblätter mit dem Aufruf: "Die Niederlande müssen frei sein!" Bald fragte Frans van der Wiel, ein Kommandeur der kommunistischen Widerstandsgruppe Raad van Verzet (RVV), ob sie sich dem organisierten Widerstand anschließen möchten. Die Mutter willigte ein. Freddie und Truus stellte sie eine einzige Bedingung: "Bleibt immer menschlich!"

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Freddie Oversteegen: Die Widerstandszelle in Haarlem

In einem abgelegenen Kartoffelschuppen lernten die Schwestern von RVV-Mitgliedern das Schießen, ebenso das Marschieren und Überlebenstechniken. Der RVV observierte ranghohe Offiziere der Gestapo und SS und gab präzise Instruktionen, wo und wann ein Anschlag stattfinden kann. Eine weitere, ebenso lebensgefährliche Vorgehensweise: Die beiden Schwestern gingen in Wirtshäuser, um mit Nazis und niederländischen Kollaborateuren zu flirten - und den Männern dann einen kleinen Spaziergang im Wald vorzuschlagen.

"Ich habe geschossen und sie fallen sehen"

In der Hoffnung auf ein amouröses Abenteuer gingen manche mit "und wurden im Wald liquidiert", wie Freddie später berichtete. Wie viele Nazis und Kollaborateure sie getötet hat, verriet sie nicht: "So etwas sollte man eine Soldatin nicht fragen. Wir mussten es tun. Es war ein notwendiges Übel. Man erschießt in erster Hinsicht nicht einen Menschen, sondern den Feind."

Die Erschießungen belasteten die Schwestern schwer. Danach hatten sie oft Weinkrämpfe und wälzten sich schlaflos im Bett. "Ich habe geschossen und sie fallen sehen", sagte Freddie nach dem Krieg im niederländischem Fernsehen, "und was spürst du in solch einem Moment tief in dir drinnen? Du willst ihnen helfen, wieder aufzustehen!" Um sich etwas zu beruhigen, sang Freddie während der Kriegszeit immerzu das "Komintern-Lied" (1929) nach der Melodie von Hanns Eisler; auch als sie nach dem Krieg noch einmal die damaligen Tatorte besuchte:

"Wir haben die Besten zu Grabe getragen,
Zerfetzt und zerschossen und blutig geschlagen,
Von Mördern umstellt und ins Zuchthaus gesteckt,
Uns hat nicht das Wüten der Henker geschreckt."

Im Jahr 1943 stieß Hannie Schaft zur Widerstandszelle in Haarlem, die nun aus drei Frauen und fünf Männern bestand. Die Nazis nannten die damalige Jurastudentin "Das Mädchen mit dem roten Haar", ein gleichnamiger Kinofilm von 1981 erzählt das Schicksal der wohl bekanntesten Widerstandskämpferin der Niederlande.

Die drei jungen Frauen schworen einander ewige Treue, transportierten Waffen und gefälschte Ausweispapiere, versteckten Dissidenten und schmuggelten jüdische Kinder aus dem Land - teils durch Minenfelder oder während über ihnen Fliegerbomben fielen. Beladen mit Dynamit schlichen sich die drei Frauen nachts an Bahngleise und Brücken und jagten sie in die Luft. Am 1. Mai 1943, Tag der Arbeit, gelang es ihnen, im Nazi-Hauptquartier in Utrecht eine kommunistische Flagge zu hissen.

Widerstand hielten die Nazis für Männersache

Die zierliche Freddie sah damals zwei Jahre jünger aus, trug geflochtene Zöpfe und sprach mit zaghaft hoher Stimme. Die Strategie von Frans van der Wiel ging auf: Widerstand galt den Nazis als reine "Männersache". Bei den jungen Frauen schöpfte fast niemand Verdacht; sie konnten unbehelligt mit ihren Waffen umherfahren und die zahlreichen Straßensperren ohne Durchsuchungen passieren.

Die Reißleine zog die Gruppe - das mütterliche Gebot im Hinterkopf - indes bei einem ihrer RVV-Aufträge: Freddie, Truus und Hannie sollten die Kinder von Arthur Seyß-Inquart, dem brutalen Reichskommissar für die Niederlande, entführen und gegen gefangen genommene Widerstandskämpfer austauschen. Alle drei lehnten ab: Wäre die Übergabe misslungen, hätten sie die Geiseln erschießen müssen. "Widerstandskämpfer töten keine Kinder!", sagte Freddie später.

Die Oversteegens waren den Nazis als Kommunisten bekannt, immerzu drohten Hausdurchsuchungen. Daher musste der RVV die im Haus versteckten Juden woanders hinbringen - sie wurden erwischt und festgenommen. "Wir haben niemals wieder von ihnen gehört", erinnerte sich Freddie, "viele wurden deportiert und ermordet. Das zehrt bis heute fürchterlich an mir."

Ihr letztes Attentat verübte die Dreiergruppe am 15. März 1945. Friseurmeister Ko Langendijk, der als Kollaborateur für den deutschen Sicherheitsdienst arbeitete, lief in weiblicher Begleitung durch Haarlem. Als sich die jungen Frauen auf ihren Fahrrädern näherten, ahnte seine Begleiterin, was sie vorhatten, und rief ihm zu: "Ko, knall die Schlampen ab!" Langendijks schoss, verfehlte die Frauen und wurde seinerseits von mehreren Kugeln getroffen. Die Frauen flüchteten in ein nahes Café und täuschten dann bei der Razzia der Nazis vor, sturzbetrunken zu sein.

Freddie und Truus überlebten den Krieg. Hannie nicht. Bei einem gescheiterten Attentat wurde sie entdeckt und danach landesweit gejagt, 50.000 Gulden betrug das ausgesetzte Kopfgeld. Als sie auf dem Fahrrad "De Waarheid" und eine 9-mm-Pistole schmuggelte, geriet Hannie am 21. März 1945 in eine Straßenkontrolle. Die roten Ansätze ihrer schwarz gefärbten Haare verrieten sie; die Nazis verhörten und folterten sie tagelang. Mit 24 Jahren wurde Hannie Schaft in den Sanddünen westlich von Haarlem am 17. April 1945 hingerichtet - nur 18 Tage vor der Befreiung der Niederlande.

"Wir waren keine Heldinnen"

Wie wurde Freddie Oversteegen mit all diesem Grauen später fertig? "Indem ich geheiratet und Kinder bekommen habe", sagte sie später im Fernsehen, doch die traumatischen Erlebnisse verfolgten sie ihr Leben lang. Obendrein haderten die überlebenden Schwestern mit der niederländischen Erinnerungskultur: Zwar wurde Hannie Schaft Ende 1945 im Beisein von Prinzessin Juliana und Ehemann Bernhard auf dem Ehrenfriedhof Bloemendaal beigesetzt und erhielt im Jahr darauf posthum das Wilhelmina-Widerstandskreuz, außerdem die Medal of Freedom der USA. Doch 1951 verhinderten Polizeikräfte mit Panzern eine Gedenkfeier an ihrem Grab. Im Zuge des Antikommunismus zur Zeit des Kalten Krieges blieb das Andenken lange heikel.

Auch die kommunistischen Schwestern fanden, wie viele andere linke Widerstandskämpfer, kaum Gehör. Freddie litt sehr unter dieser Ignoranz und konnte sich schwer mit dem Land identifizieren, für dessen Befreiung sie kämpfte und das nun frühere Nazi-Kollaborateure in höchste Staatsämter beförderte.

Erst 2014 ehrte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte die Schwestern mit dem Mobilisatie-Oorlogskruis, einem wichtigen Militärorden, und betonte, das sei ein "Akt historischer Gerechtigkeit". Freddie freute sich, sagte aber auch: "Ich war keine Heldin. Meine Schwester war keine Heldin. Wir haben einfach das Richtige getan."

Truus Oversteegen starb 2016, ihre Schwester Freddie am 5. September 2018 in einem Altenpflegeheim in Driehuis - am Tag vor ihrem 93. Geburtstag und nur acht Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt.

insgesamt 50 Beiträge
Dirk Richter 27.12.2018
1. Ja, alles Nazi!
Ich räume ein, dass es für den kleinen Soldaten schwierig war, sich den Befehlen der Wehrmacht zu entziehen. Bei Offizieren hört dieses Verständnis auf. Wer es sich heute immer noch schönreden will, findet sicher passendere [...]
Ich räume ein, dass es für den kleinen Soldaten schwierig war, sich den Befehlen der Wehrmacht zu entziehen. Bei Offizieren hört dieses Verständnis auf. Wer es sich heute immer noch schönreden will, findet sicher passendere Foren....
JMB L 28.12.2018
2. @Max Musterman
Nun die Nazis waren damals die Regierung und die Offiziere haben dieser Regierung gedient, dass soll das ausdrücken. Vielleicht ein wenig flax, aber die meisten verstehen was damit gemeint ist und man muss es ja nicht mit der [...]
Nun die Nazis waren damals die Regierung und die Offiziere haben dieser Regierung gedient, dass soll das ausdrücken. Vielleicht ein wenig flax, aber die meisten verstehen was damit gemeint ist und man muss es ja nicht mit der pol. correctness auch übertreiben ;) Btw: das mit den Kollaborateuren die es nach dem Krieg in die höchsten Ämter schaffen ist ja leider ein Thema, dass sich durch die ganze Nachkriegszeit durchzieht.
Tilmann Zuper 28.12.2018
3.
Ein Nazi-Offizier ist ein Offizier, der die Aufträge eines Natonalsozialistischen Regimes ausführt. Die Offiziere standen ja im Dienst des Regimes und waren nicht völlig unabhängig agierende Unschuldslämmer.
Ein Nazi-Offizier ist ein Offizier, der die Aufträge eines Natonalsozialistischen Regimes ausführt. Die Offiziere standen ja im Dienst des Regimes und waren nicht völlig unabhängig agierende Unschuldslämmer.
Florian Wagner 28.12.2018
4. Zu einfach...
Der Autor macht es sich zu einfach, paschaul alle Opfer als Nazis in eine Schublade zu packen, die dann auch ihr Schicksal verdient hätten. Die Heldenverehrung dieser mordenden Truppe solle man schon kritischer hinterfragen.
Der Autor macht es sich zu einfach, paschaul alle Opfer als Nazis in eine Schublade zu packen, die dann auch ihr Schicksal verdient hätten. Die Heldenverehrung dieser mordenden Truppe solle man schon kritischer hinterfragen.
Peter Schoder 28.12.2018
5. Natürlich ein Nazi-Offizier
Wenn einer als Offizier einer unmenschlichen Terrormaschinerie an der Besetzung und Unterdrückung eines Landes teilnimmt -in diesem Fall der NL- rechtfertigt und unterstützt er mit seinem Kriegseinsatz aktiv diese Ideologie. Die [...]
Wenn einer als Offizier einer unmenschlichen Terrormaschinerie an der Besetzung und Unterdrückung eines Landes teilnimmt -in diesem Fall der NL- rechtfertigt und unterstützt er mit seinem Kriegseinsatz aktiv diese Ideologie. Die Millionen Deutsche die diesen Nazi-Verbrechern hinterherrannten und für sie mordeten waren durch ihre Taten mitverantwortlich. Man kann es drehen und wenden wie man will aber es ändert nichts an den Tatsachen: Wer sich an führender Stelle als Offizier dafür hergab, der war objektiv ein Nazi-Offizier !
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