einestages

Techno-Pionier Jürgen Laarmann

Die Macht der Nacht

Als vor 30 Jahren das Technofieber ausbrach, war Jürgen Laarmann mittendrin. Hier spricht der "Mayday"- und "Frontpage"-Macher über das Rennen um den größten Rave, Technopartys im Flugzeug und verschollene Millionen.

ullstein bild/ Brodersen
Ein Interview von
Montag, 24.09.2018   14:29 Uhr

Zur Person

einestages: Herr Laarmann, können Sie als Techno-Theoretiker die ewige Frage klären, wann Techno geboren wurde?

Laarmann: Eine mehrheitsfähige Meinung wäre: mit Kraftwerk. Vielleicht aber auch 1793, als der Schweizer Uhrmacher Antoine Faber die erste mechanische Spieluhr zusammenschraubte. Oder 1930, als Friedrich Trautwein mit seinem Trautonium einen Synthesizer-Vorläufer vorstellte.

einestages: War's nicht doch in den Achtzigerjahren?

Laarmann: Ich stamme ja aus Frankfurt und bin im Umfeld des "Technoclubs" aufgewachsen. Da feierte man ab 1983 Sonntagnachmittag-Partys mit elektronischer Wave-Musik. Ein Schlüsselerlebnis war das Front-242-Konzert 1987 in der Wartburg in Wiesbaden, bei dem "Technoclub"-Macher Talla 2XLC, Sven Väth und ich im Publikum waren. Danach spielte Sven Väth in klassischen Discos knallharten EBM - für mich war das eine der interessantesten Zeiten im Nachtleben, wirklich brachialer Sound fürs Discopublikum, blonde Mädchen, die zu Songs von Skinny Puppy tanzten.

einestages: Darüber wollten Sie dann auch schreiben.

Laarmann: Ich war einer der ersten Schreiber für elektronische Musik beim Musikmagazin "Spex". Der weise Diedrich Diederichsen erkannte an, dass das irgendwie relevant war, interessiert hat es ihn aber gar nicht. Um jede Rezension musste gekämpft werden. Aus Frust über den fehlenden Raum entstand die Idee, ein eigenes Fanzine zu machen - "Frontpage". Finanziers waren der "Technoclub", der dort seine Veranstaltungen ankündigte, und der Azary Medienvertrieb, der den Vertrieb in alle Plattenläden Deutschlands übernahm, was das Heft schnell ungemein wichtig machte.

einestages: 1989 gingen Sie nach Berlin, wo sich gerade die junge Technoszene sammelte. Wie wurde die neue Musik angenommen?

Laarmann: Es war gerade die Zeit, in der der Essayfilm "B-Movie - Lust & Sound In West-Berlin 1979-1989" aufhört. Die Luft war raus. In Frankfurt hatte die Hitech-Discothek "Omen" aufgemacht, im Vergleich kam mir das "UFO", der erste Berliner Acid-House-Club, eher läppisch vor. Es gab da und dort eine Acidhouse-Party, in Frankfurt war der Sound schon wieder abgesagt. Der interessanteste Ort in Berlin war sicher das "Fischlabor". Hinter einer Kasperletheaterkulisse wurde an Turntables aufgelegt. Dort waren alle, die später eine Rolle spielten: Dr. Motte, Tanith, Rok, Clé, Cosmic Baby, Mijk van Dijk, Kid Paul. Motte sprach mich da schon an, ob ich nicht bei der Loveparade mitmachen wolle, ganz klar mit dem Kalkül, dass ich mit "Frontpage" Leute aus anderen Städten dafür begeistern könnte.

einestages: Das geschah 1991 - entscheidend für den Durchbruch der Technokultur?

Laarmann: Ein superspannendes Jahr! Es war eine Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs. Die Mauer war gefallen, Ost und West waren vereint, dauerhafter Weltfrieden schien möglich. Dieses Feeling löste einen regelrechten Kreativitätsschub aus. Woche für Woche kamen neue 12"-Platten heraus, mit einem neuen Sound, der den der Vorwoche toppte. Und es gab die ersten Partys zu dieser neuen Musik. Die "Tekknozid"-Raves waren stilbildend, ebenso der Club "Tresor", eröffnet im März '91.

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Techno als Jugendkultur: "Eine Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs"

einestages: Bei der Loveparade 1991 kamen erstmals die lokalen Szenen zusammen. Wie erlebten Sie das?

Laarmann: "Frontpage" hatte für Teilnehmer aus ganz Deutschland gesorgt, Frankfurt machte einen Wagen, Köln auch. Die englische Trendpresse und MTV schwärmten total begeistert vom "German Summer of Love". Die Stimmung war einmalig. Jeder wusste: Das war der Beginn von etwas ganz Großem. Ein Bild, das ich nie vergessen werde: Während sich die Parade am Ku'damm dem Ende zuneigte, wurde in der Halle Weißensee die Technik für die Party aufgebaut und über einen Hintereingang in die Halle gekarrt. Erst dann merkten wir, dass es überhaupt keinen Vordereingang fürs Publikum gab. Ralf Regitz vom Club "Planet" bekam einen seiner legendären Wutanfälle, schnappte sich einen Presslufthammer und bohrte einen schmalen Eingang durch die Wand. Ein Glück, dass das alles gut ging.

einestages: Bald kam es zum Duell zwischen "Tekknozid"-Veranstalter Wolle XDP und Ihrer "Mayday". Woher das Gegeneinander?

Laarmann: Mir hatte die Party in der Halle Weißensee gut gefallen. Ich sah das Potenzial eines Großraves, der die "Loveparade"-Partys noch übertreffen sollte. Mir schwebte ein anderes Konzept vor als die "Tekknozid"-Raves von Wolle XDP, zu dem ich zu der Zeit keinen guten Draht hatte. Westbams Plattenlabel Low Spirit war der einzige Partner, der eine solche Party stemmen konnte. Wir erfuhren, dass Wolle für den 14. Dezember 1991 "The Biggest Rave Ever" angekündigt hatte - in "unserer" Location, der Halle Weißensee.

einestages: Das verstanden Sie als Kampfansage?

einestages: Der großspurige Titel hat uns voll motiviert. Es kam zu einer denkwürdigen Werbe- und Kommunikationsschlacht, einem Kampf der Systeme. Immerhin war Wolle Platzhirsch und hatte schon Partys für über 2000 Leute veranstaltet. Manche hielten uns für wahnsinnig, gegen ihn anzutreten. Am Ende hatte "Mayday" 5600 Gäste, "The Biggest Rave Ever" nur 3000. Wolle hat das so traumatisiert, dass er "Tekknozid" für lange Zeit einstellte. Haben wir nie verstanden. Der Markt hätte Platz für beide Konzepte gehabt.

einestages: Was bedeutete der Hype für Ihr Technomagazin "Frontpage"?

Laarmann: Die Auflage stieg, die Mitarbeiterzahl, das Anzeigenvolumen. Es wurde klar, dass Techno weit mehr war als nur die Musik - eine Jugendkultur, ein Lifestyle. Auf einmal gab es Techno-Modelabels, Techno-Drinks, sonstiges Techno-Zubehör, alle herzlich eingeladen, in unserem Magazin Anzeigen zu buchen. Eine neue Dimension erreichte der Hype, als das Phänomen Poptechno populär wurde: Marushas "Somewhere over the rRainbow" war nur der Anfang, Mark 'Oh die nächste Stufe und Major-Kram wie Das Modul und Blümchen eine Eskalation, bei der man sich neu sortieren musste.

einestages: Nicht jeder konnte sich mit der von Ihnen propagierten Kommerzialisierung anfreunden.

Laarmann: Klar führte das zu Konflikten. "Frontpage" zog bei Low Spirit aus, auch über das "Mayday"-Programm war ich mir mit meinen Partnern uneins. Andererseits wurde "Frontpage" als Partner für die Industrie interessant. Die Zigarettenmarke Camel investierte Millionen, finanzierte damit auch die Loveparade und machte die "Mayday" lukrativ. Ein Sinnbild der Techno-Dekadenz dieser Tage war der "Camel Airrave": ein Flugzeug mit eingebautem Dancefloor, das Raver um den ganzen Erdball zu Partys schickte, die "Tagesschau" berichtete - yeah!

einestages: In einer Art Manifest riefen Sie damals die "Raving Society" aus. Was steckte dahinter?

Laarmann: Spätestens 1994 war Techno ein Massenphänomengeworden, die Besucherzahlen der Loveparade explodierten. Der Techno-Lifestyle machte auch was mit den Leuten. Menschen verließen ihre bürgerlichen Jobs, um ihr eigenes Ding zu starten. Tatsächlich stand "Raving Society" auch für ein Wertegerüst: Freiheit, Friedlichkeit, Toleranz, Abwesenheit von Sexismus und Rassismus, das Ausleben von Kreativität und Spaß. Als Schlagwort war es ein Hype, der gut funktionierte, gerade weil man sich die unterschiedlichsten Dinge darunter vorstellen kann. Die "Raving Society" kommt - für die bürgerliche Welt klang das wie eine Drohung.

einestages: 1997 kam überraschend das "Frontpage"-Aus. Warum?

Laarmann: Die Kooperation mit Camel war Segen und Fluch zugleich. Wir waren auf das "Zigarettengeld" dringend angewiesen und hatten für 1997 bereits einen Vorschuss von einer halben Million Mark erhalten. Als ich im Februar unsere Ansprechpartner anrief, sagte eine fremde Stimme: Die Abteilung sei aufgelöst, ich solle mich doch bitte in der Zentrale in Genf melden. Von dort aus bat man denn per Einschreiben um Rücküberweisung der angezahlten halben Million. Die war natürlich weg. Das Spiel war aus. Mein Verlag Technomedia musste Insolvenz anmelden, einige Rechnungen blieben offen. Ein Teil der Redaktion hat "De:Bug" gegründet. Ich hatte die Schnauze komplett voll von Techno, verkaufte meine Anteile an "Mayday" und "Loveparade" und zog erst mal nach Spanien.

Jürgen Laarmanns neuer Podcast: "1000 Tage Techno"

einestages: Nun erzählen in Ihrem neuen Projekt Protagonisten die Geschichte des Techno. Lassen die Neunziger Sie nicht los?

Laarmann: Ich glaube, es ist ein guter Zeitpunkt für eine Rückschau. 2019 feiern wir 30 Jahre Loveparade, 30 Jahre "Frontpage" und je nach Zeitrechnung 30 Jahre Technohouse-Revolution. Der Podcast "1000 Tage Techno" ist mein Beitrag zur Aufarbeitung.

einestages: Wie haben sich die Helden des Nachtlebens verändert?

Laarmann: Ach, die sehen immer noch hervorragend aus, sind witzig und geistreich. "B-Movie"-Macher Mark Reeder hat mir Dinge über mich erzählt, die ich so nicht mehr wusste. Mein Vorgespräch mit Wolle XDP, unserem erbitterten Gegner bei der ersten "Mayday", war für uns beide verblüffend. Wir fanden heraus, dass nur ein paar Worte der Ursprung des Streits waren, im Grunde ein Ost-West-Missverständnis.

einestages: Also eine Art Friedensmission?

Laarmann: Es macht Spaß, sich zu versöhnen und Streitigkeiten in einem historischen Kontext zu gewichten. Es ist aber auch ein Diskussionsbetrag, ein Update und Vermächtnis. Für alle, die ihre Studienarbeiten über Jugend- und Musikkultur schreiben, ist "1000 Tage Techno" auch noch in kommenden Jahren interessant.

einestages: Manche Zeitgenossen warfen Ihnen damals Größenwahn vor. Sind Sie selbstkritischer geworden?

Laarmann: Dass ich aus kaufmännischer Sicht unkluge Entscheidungen getroffen habe, die mir selbst schadeten - damit muss ich leben. Auch der ravende Buchhalter, der mit meiner Kohle eine Tauchschule auf Bali aufgemacht haben soll: Da hätte ich mal besser aufgepasst. Manche Angeberei war schlicht ein Witz, den nicht alle verstanden haben. Teilweise sind die Dinge auch echt verrutscht. Mir wurde ja oft die Kommerzialisierung von Techno vorgeworfen. Heute könnte man das als Lebensleistung betrachten.

insgesamt 7 Beiträge
Rüdiger Knobel 24.09.2018
1. war eine geile Zeit
Ich erinnere mich gerne daran. An Projekte wie LoveNation über die ich Jürgen Laarmann persönlich kennenlernte und an einige aufregende Artikel für die Frontpage aus den mittelhessischen Techno-Hochburgen Gießen und Marburg [...]
Ich erinnere mich gerne daran. An Projekte wie LoveNation über die ich Jürgen Laarmann persönlich kennenlernte und an einige aufregende Artikel für die Frontpage aus den mittelhessischen Techno-Hochburgen Gießen und Marburg ;-) Eine schöne Erinnerung an eine wunderbare Zeit.
Jörg Böhme 24.09.2018
2. Dass ich das noch erleben darf...
... im Spiegel taucht tatsächlich der Name meiner Lieblingsband Skinny Puppy auf! Wobei die, ähnlich wie Frontline Assembly, Dive, Vomito Negro, Nitzer Ebb, Ohgr etc. nichts mit Techno zu tun haben, auch wenn sie sehr harte [...]
... im Spiegel taucht tatsächlich der Name meiner Lieblingsband Skinny Puppy auf! Wobei die, ähnlich wie Frontline Assembly, Dive, Vomito Negro, Nitzer Ebb, Ohgr etc. nichts mit Techno zu tun haben, auch wenn sie sehr harte elektronische Musik machen. Daher sind sie auch vom Hype verschont geblieben und machen heute, über 30 Jahre später, immer noch mit schöner Regelmäßigkeit ihre Platten. Techno war und ist immer austauschbar gewesen; Musik zum Tanzen, zum Abfeiern, aber keine Musik, die man sich zuhause konzentriert über Kopfhörer anhörte. Deswegen war sie massenkompatibel, und deswegen musste sie auch wegen Belanglosigkeit sterben. Qualität, Kreativität und ein gewisser Anspruch setzt sich eben doch durch und bleibt bestehen, auch wenn die Zielgruppe immer klein war und auch sein wird.
Michael Leon 24.09.2018
3. Da fällt mir nur Philip K. Dick ein:
„Was, wenn ein Symphonieorchester nur bestrebt wäre, zur letzten Koda zu kommen? Was würde dann aus der Musik? Ein einziges Getöse, das so schnell wie möglich endet. Die Musik aber liegt im Prozess, in der Entwicklung – wenn [...]
„Was, wenn ein Symphonieorchester nur bestrebt wäre, zur letzten Koda zu kommen? Was würde dann aus der Musik? Ein einziges Getöse, das so schnell wie möglich endet. Die Musik aber liegt im Prozess, in der Entwicklung – wenn man sie beschleunigt, vernichtet man sie. Dann ist die Musik vorbei.“
Manfred Keller  24.09.2018
4. Time of my life ...
die ersten Techno-Jahre, 88/89 bis Mitte der 90er waren die geilsten, die Stimmung auf dem Ku‘damm: unbeschreiblich!!! Die großen Open-Air Raves über Tage hinweg, gaben einem die Hoffnung an etwas galaktischem Teil zu haben, [...]
die ersten Techno-Jahre, 88/89 bis Mitte der 90er waren die geilsten, die Stimmung auf dem Ku‘damm: unbeschreiblich!!! Die großen Open-Air Raves über Tage hinweg, gaben einem die Hoffnung an etwas galaktischem Teil zu haben, dass die Gesellschaft verändern würde!!! Rückblickend ist diese Blase leider geplatzt... Aber ich weiß, viele, sehr viele träumten damals mit mir ...
Jens Jacob 24.09.2018
5. Ach wie schön...
Da kommen diese ganzen alten Erinnerungen hoch. Berlin in den frühen Neunzigern, ein echter Traum. Nichts war mehr wie man es kannte. Das alte West Deutschland war angestaubt und Berlin versprach die Träume und erfüllte diese [...]
Da kommen diese ganzen alten Erinnerungen hoch. Berlin in den frühen Neunzigern, ein echter Traum. Nichts war mehr wie man es kannte. Das alte West Deutschland war angestaubt und Berlin versprach die Träume und erfüllte diese auch für einen Augenblick. Zwischen Tresor, Frisör, E-Werk und den Bunker. Alles natürlich mit mächtig viel Ecstasy. Eine Zeit ohne Gesetze und einer echten Partyanarchie. Schön dabei gewesen zu sein.

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