Fußball-Rivalen Deutschland und Niederlande

Schwalben, Spuckattacken, Moffensausen

Deutschland und die Niederlande verbindet eine legendäre Fußball-Rivalität über Jahrzehnte. Ein Rückblick auf die drei spektakulärsten Partien, die alle 2:1 ausgingen.

DPA
Von Thomas Fuchs
Dienstag, 17.11.2015   11:37 Uhr

Rätselhaft, diese Niederländer - was ist bloß ihr Misserfolgsgeheimnis? Warum schlichen sie bei wichtigen Turnieren so oft als Verlierer vom Platz? Die Spieler waren fast immer Weltklasse; in ihren Vereinen feierten sie große Siege, ebenso als Stars in Italien, Spanien oder England. Doch mit der Nationalmannschaft, der "Elftal", holten sie nur einen einzigen Titel. Zweimal standen ihnen die Deutschen im Weg, einmal kam es umgekehrt. Die fußballerische Spannung zwischen den Nachbarländern ist legendär.

1974: Der hohe Favorit...…

In den frühen Siebzigerjahren dominierten Feyenoord Rotterdam und Ajax Amsterdam die europäischen Pokalwettbewerbe. Für die Weltmeisterschaft galt das Oranje-Team mit seinem "Voetbal totaal" als Titelfavorit, als nahezu unschlagbar mit konsequenter Abseitsfalle und wildem Umherwirbeln der Spieler auf allen Positionen.

Als es zur WM nach Deutschland ging, war Rinus Michels Trainer, Johan Cruyff unumschränkter König der Mannschaft. Noch wichtiger als die Titel-Prämie von 100.000 Gulden war den Spielern ihr Image. Sie galten als das Sinnbild für coole Socken und pflegten ihren Individualismus.

Während die Deutschen zunächst im Spaßbremsenwerk Malente interniert waren, hatten die Niederländer sich als Mannschaftsquartier das Hotel Waldkrämer nahe Münster ausgesucht. Es hatte - 1974 der letzte Chic - eine Sauna mit Schwimmbad. Aus den Zimmern ließ Michels als erstes die Telefone entfernen, damit die Medien keine Interna erfuhren.

Gegen die Niederlande stellte in der Zwischenrunde die DDR, die mit dem Überraschungssieg über die Bundesrepublik ihr Soll erfüllt hatte, zehn Mann und einen Möbelwagen in den Strafraum. Nützte nichts, die fliegenden Holländer gewannen 2:0 und begründeten danach eine Tradition für spätere Turniere: die voreilige, glückstrunkene Siegesfeier. Zum Team stieß die Band Cats nebst Frauen. Ein Stuttgarter Reporter knüpfte inkognito Kontakte und kam schnell mit Cruyff ins Gespräch, der an diesem Abend mindestens drei Whiskys kippte und an der Bar ein Dutzend Zigaretten zusammenschnorrte.

Im Hotel ging es hoch her. Richtig interessant wurde es für den schwäbischen Reporter, als Cruyff (verheiratet und gerade zum dritten Mal Vater geworden) ihn einlud, doch mit ein paar Frauen in den Saunabereich zu kommen und die Fete ohne lästige Textilien fortzusetzen. Seinen Party-Report verkaufte der Stuttgarter sogleich an die "Bild"-Zeitung. In den Niederlanden war das ein Riesenthema und wurde als deutscher Schlag unter die Gürtellinie gewertet. Von Krieg gar sprach Trainer Michels, der sich gern "Generaal" titulieren ließ.

...…und der tiefe Fall

Trotz des Trubels gewannen die Niederlande auch gegen Brasilien, inzwischen nicht mehr das Top-Team um Wunderstürmer Pelé, und zogen ungeschlagen ins Finale ein. Für manche war die Begegnung mit den aus Kriegszeiten verhassten "Moffen" weit mehr als ein Fußballspiel. Willem "Wim" Hanegem, der 1944 im Zweiten Weltkrieg seinen Vater und zwei Geschwister verloren hatte, bekannte frei nach Churchill rundheraus: Entweder würden die Deutschen einen mit dem Stiefel treten - oder Stiefel lecken. Daher sei es ihm eine besondere Ehre, Deutschland nicht nur zu besiegen, sondern auch zu demütigen. Wenn sie dann geschlagen vom Feld schlichen, könnten sie ja seine Fußballstiefel lecken.

Eine frühe Gelbe Karte bremste Hanegems Rachedurst im Endspiel deutlich. Ansonsten begann es für die Niederlande super mit dem Elfmetertor von Neeskens nach einer Minute. Dann aber fädelte Hölzenbein im Strafraum ein; seitdem hat der Begriff "Schwalbe" seinen festen Platz auch im holländischen Fußballvokabular. Breitner trat den Strafstoß ins Tor, und vor der Pause ließ "kleines, dickes Müller" es müllern - Bumm, 2:1 für Deutschland.

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Gerd Müller: Abstauberkönig, Brummkreisel, Bomber der Nation

Bundestrainer Helmut Schön hatte zuvor seine Mannen instruiert, der Gegner sei versiert in Psychospielchen, man müsse ihnen furchtlos begegnen - also bitte kein Moffensausen. Noch heute sind viele Holländer der Auffassung, dass sie die hohe Kunst des Mindfuck beherrschen: den Gegner durch Gesten, Sprüche und Posen aus dem Konzept zu bringen. All die unsportlichen Aktionen - rüde Fouls, hämisches Applaudieren, Anschwärzen beim Schiedsrichter - wurzelten in der Überzeugung, spielerisch überlegen zu sein. Prompt verwickelte Johan Cruyff das Schiedsrichter-Team beim Gang in die Kabinen in eine fußballfachliche Diskussion. Und wurde verwarnt.

So musste auch er in der zweiten Halbzeit vorsichtiger agieren. Den Superstar Cruyff verfolgte Berti "Terrier" Vogts über den ganzen Platz und schaltete ihn praktisch aus. In all ihrer Arroganz flatterten den Schönspielern die Nerven, kein Tor mehr - und aus der Traum vom Titel im Münchner Olympiastadion.

1988: Einziger Titel, Oranje boven

Ein Unentschieden bei der WM 1978, ein 3:2 für Deutschland bei der EM 1980 - und dann 1988 das spektakuläre EM-Halbfinale in Hamburg. Beide Teams verwandelten je einen Elfmeter, Marco van Basten erzielte ein Traumtor. 2:1. Nach dem Abpfiff wischte sich Verteidiger Ronald Koeman demonstrativ den Hintern mit einem deutschen Trikot ab.

Oranje boven! Europameister! Und vor allem: Deutschland im Staub - jetzt erst war für manche Fans der Zweite Weltkrieg Geschichte. Wenn Holländer hernach bei Deutschen Bier orderten, dann vorzugsweise so: Zwei Finger der einen Hand empor, ein Finger der anderen, dazu ein machtvolles "Drei Bier!" En masse tauchten auch Karikaturen mit einem holländischen Löwen auf, der Schweinereien mit einem hilflos gackernden Bundesadler veranstaltete.

Wer sich aber heute in Holland einen Abend voll lebhafter Diskussion wünscht, der muss nur darauf hinweisen, dass '88 auch dem holländischen Elfmeter eine Van-Basten-Schwalbe vorausging. Und wenn man dann noch beiläufig erwähnt, dass in Deutschland Orange die Farbe der Müllabfuhr ist...

1990: Drama mit Lama

Italien, WM 1990 - Tiefpunkt der bilateralen Fußballbeziehungen. Schon zum Qualifikationsspiel in Rotterdam am 26. April 1989 gab es Prügeleien und Bombendrohungen. Das deutsche Team musste aus dem Hotel evakuiert, die Route des Mannschaftsbusses geändert werden.

Mit drei Unentschieden rumpelte die Elftal dann durch die Vorrunde. Dabei kam sie als Europameister und war mit den Milan-Stars Gullit, Van Basten, Rijkaard bestens besetzt, die Stimmung allerdings so mies wie üblich. Gullit hatte sich über rassistische Bemerkungen beschwert; den neuen Trainer Leo Beenhakker wollten die Spieler nicht; auch gab es wieder Gerüchte um Frauengeschichten.

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Nun also das Achtelfinale gegen Deutschland - mit der berühmten Spuckattacke von Frank "Lama" Rijkaard in die Lockenmähne von Rudi "Tante Käthe" Völler. Rijkaard flog vom Platz, ebenso Völler, warum auch immer. Im holländischen Fernsehen blieb der Kommentator in dieser Sache bis zum Spielende stumm. Aber bald kamen neue Witze auf: Es gebe ein neues Shampoo, das mache das Haar "Völler".

Die Aktion, für die Rijkaard sich später entschuldigte, war nicht nur unappetitlich und unsportlich, sie war auch eine Eselei. Die holländische Verteidigung ruhte auf zwei Säulen: Ohne Rijkaard wackelte Koeman, während Deutschland außer Völler einen Klinsmann in Topform hatte. Endstand: wieder 2:1, diesmal für Deutschland, den späteren Weltmeister.

Und heute? Ohne Holland fahr'n wir zur EM

Die Gehässigkeiten zwischen beiden Fußballnationen sind längst passé, aber für Spott und Schadenfreude ist schon noch Platz. Als die Niederlande in der Qualifikation zur WM 2002 stecken blieben, wurde "Ohne Holland fahr'n wir zur WM" zum deutschen Gassenhauer.

Nach vielen Enttäuschungen kultivierten die Niederländer ihr Selbstbild als Weltmeister der Herzen: am Ende geschlagen, aber davor doch irgendwie überlegen. Sie entwickelten einen Blick wie beim Eiskunstlaufen und verteilten quasi Haltungsnoten; Fußball wurde nach Ästhetik bewertet, nicht nach Ergebnissen.


Video: Ohne Holland zur EM - ein Voetbal-Totaalschaden

Foto: DPA

Wenn Alt-Oranjes Szenen von früher kommentierten, wirkten sie immer ein wenig wie Aschenputtels Geschwister, die gerade merken, dass ihnen der Schuh nicht passt. Selbst 25 Jahre nach der Mailänder Spuckattacke konnte sich Hans van Breukelen, damals Torwart, im "Kicker" nur zur Bemerkung durchringen, dass der ganze Vorfall tragisch sei und Rijkaard sicher am meisten darunter gelitten habe.

Kann man so sehen. Muss man nicht.

Auch in Deutschland gibt es die Neigung, Fußballspiele nationalistisch zu überhöhen, Niederlagen oder Fehlentscheidungen noch Jahrzehnte später zu bejammern. Aber das deutsche Team zeigte in entscheidenden Momenten echten Teamgeist. Die Niederlande hingegen hatten oft große Spieler, aber nie eine große Mannschaft.

Nun sind sie krachend gescheitert in der Qualifikation zur EM 2016 in Frankreich: nur Vierter hinter Island, Tschechien, der Türkei - desolat. Oranje buiten.

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insgesamt 16 Beiträge
Joachim Kappert 17.11.2015
1. Fußball mit Holländern
In einem Feriencamp der AWO in Schouwen spielten wir als 14jährige gegen holländische Jungs aus der Nachbarschaft. Nach fünf Minuten fing das Gehacke an, das sich durch das ganze Spiel fortsetzte. Noch nie so viele blaue [...]
In einem Feriencamp der AWO in Schouwen spielten wir als 14jährige gegen holländische Jungs aus der Nachbarschaft. Nach fünf Minuten fing das Gehacke an, das sich durch das ganze Spiel fortsetzte. Noch nie so viele blaue Flecken gehabt. Übrigens 4:5 verloren. Heute rechne ich aber einige Holländer zu meinen guten Freunden.
Thomas Müller 17.11.2015
2. Nun...
... der Hinweis auf die Farbe der deutschen Müllabfuhr ist genauso unsportlich und dumm wie Rijkaards Spuck- und Koemans Trikotaktion und so überflüssig wie die ebenso dümmlichen "ohne Holland fahren wir..." [...]
... der Hinweis auf die Farbe der deutschen Müllabfuhr ist genauso unsportlich und dumm wie Rijkaards Spuck- und Koemans Trikotaktion und so überflüssig wie die ebenso dümmlichen "ohne Holland fahren wir..." Gesänge. In Wahrheit war und ist die niederländisch-deutsche Fussballrivalität ein sportlich großartiger Wettkampf zweier Nachbarn mit garantiert packenden, spannenden Fussballspielen. Ich persönlich empfinde das Fehlen der Oranjes bei der EM in Frankreich als ausgesprochen herben, sportlichen Verlust.
Fritz Gößlinghoff 17.11.2015
3. Hotel in Münster
Das Hotel in Münster, in dem die Elftaal residierte heißt nicht Waldkrämer sondern Krautkrämer. Früher wurde glaube ich mal der Zusatz "Waldhotel" verwendet, daher vielleicht der Fehler.
Das Hotel in Münster, in dem die Elftaal residierte heißt nicht Waldkrämer sondern Krautkrämer. Früher wurde glaube ich mal der Zusatz "Waldhotel" verwendet, daher vielleicht der Fehler.
Stef Schmidt 17.11.2015
4.
Ich habe die Tore des 74er Finale Dutzende Male gesehen. Die Schwalbe von Hölzenbein habe ich bis heute noch nicht gesehen. Er lässt sich vielleicht dramatischer fallen als notwendig. Das wäre aber auch schon alles.
Ich habe die Tore des 74er Finale Dutzende Male gesehen. Die Schwalbe von Hölzenbein habe ich bis heute noch nicht gesehen. Er lässt sich vielleicht dramatischer fallen als notwendig. Das wäre aber auch schon alles.
Volker Reinders 18.11.2015
5. Falsschspielen, Hacken Treten - 'Mindhacking' nicht nur auf dem Feld
Das respektlose, rohe und brutale 'Mindhacking' findet in dem headquarter of drugs business in Europe nicht allein auf dem Spielfeld statt. Das holländische Mindhacking auf dem Spielfeld ist ein Spiegelbild der durch und durch [...]
Das respektlose, rohe und brutale 'Mindhacking' findet in dem headquarter of drugs business in Europe nicht allein auf dem Spielfeld statt. Das holländische Mindhacking auf dem Spielfeld ist ein Spiegelbild der durch und durch gewalttätigen, hemmunglosen und wertelosen neo-liberalen holländischen Gesellschaft. Macht blos keinen Urlaub mehr im Deutsch-feindlichen Holland, kauft keine Produkte mehr aus Holland, dreht den vielen Falschspielern, Dieben, Tricksern, Dealern, Drogenköchen, Geldwäschern und korrupten Grossmäulern ökonomisch das Licht aus.

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