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Deutsche Fußball-Blamagen

Das Drama von Tirana

Die EM-Qualifikation vergeigt - das passierte der deutschen Nationalelf nur ein einziges Mal, vor 50 Jahren in Albanien. Es war das vielleicht kläglichste ihrer 938 Spiele. Eine Parade der Peinlichkeiten.

imago/Kicker/Eissner, Liedel
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Freitag, 15.12.2017   14:02 Uhr

"Tirana? Jaja. Ich gebe es zu: Ich bin dabei gewesen!" Der frühere Kölner Verteidiger Wolfgang Weber, 73, geht sofort in die Offensive und kontert mit Humor: "Manch einer, der damals mit mir auf dem Platz stand, kann sich heute ja nicht mehr so recht daran erinnern."

Keine Frage, der 17. Dezember 1967 zählt zu den schwärzesten Tagen des deutschen Fußballs. Die Nationalelf wollte zur EM 1968 und brauchte dazu nur einen Sieg gegen Albanien im letzten Spiel der Qualifikation. Ein klitzekleines Törchen, ein unspektakuläres 1:0 - die Sache wäre geritzt gewesen. Eine Pflichtaufgabe. Reine Formsache. Das Hindernis hieß schließlich Albanien. Noch im Hinspiel acht Monate zuvor hatte man den Fußballzwerg mit 6:0 aus dem Dortmunder Stadion Rote Erde gefegt, was Gerd "Bomber" Müller fast im Alleingang erledigte.

Nun wurde es ein klägliches 0:0. Und der turmhohe Favorit war raus.

Die deutsche Nationalmannschaft hat in den letzten Jahrzehnten andere schlimme Schlappen erlebt. Die Niederlage gegen die DDR 1974 mit Jürgen Sparwassers legendärem Treffer. Unsterblich die "Schande von Gijon", die "Schmach von Córdoba". Oder auch all die Grottenkicks von Rumpelfüßlern um die Jahrtausendwende herum: Sicher, das war übel (siehe Fotostrecke). Aber ohne Deutschland fahrn wir zur EM - das gab es nur dieses eine Mal in der Geschichte der Fußball-Europameisterschaften.

1967 machten die Beteiligten nach der Partie nicht mehr viele Worte. Statt einer Live-Übertragung am Sonntagnachmittag brachte die ARD lediglich eine Zusammenfassung - am Montagabend von 23.35 bis 0.20 Uhr. "Alles ist recht unglücklich gelaufen", sagte der damalige Bundestrainer Helmut Schön unmittelbar nach Abpfiff. Später in seiner Autobiografie "Fußball" erwähnte er das Spiel mit keiner Silbe.

Wie konnte die Sache in Albanien bloß so grandios in die Hose gehen? Willi Schulz, 79, muss es wissen, er führte die Mannschaft damals als Kapitän an. "Es gibt halt so Spiele", sagt Schulz. "Da klappt einfach nix! Da kannst du Stunden spielen und schießt kein Tor." Auf die leichte Schulter genommen habe man den Gegner jedenfalls nicht: "Wir wussten um die Bedeutung des Spiels. Von Überheblichkeit war bei uns eigentlich keine Spur, dafür hat schon Helmut Schön gesorgt."

Vermisst: Maier, Müller, Seeler, Beckenbauer

Der stimmte seine Truppe auf Land und Spielstätte mittels von 20 Farbdias ein, die DFB-Generalsekretär Hermann Joch als Quartiermacher vor Ort geschossen hatte. "Der Rasen ist ein bisschen schütter", monierte der Trainer.

16 Spieler waren im Kader für den vorweihnachtlichen Trip nach Südosteuropa. Einige prominente Namen fehlten: Sepp Maier, Franz Beckenbauer sowie die Torjäger Gerd Müller und Uwe Seeler waren zwar nicht ernsthaft verletzt, schleppten sich aber angeschlagen in die Winterpause und fühlten sich einfach nicht fit genug für ein Länderspiel, bei dem damals noch nicht ausgewechselt werden durfte.

Lag's also am falschen Personal? Auch da schüttelt Schulz energisch den Kopf. Helmut Schön nahm die Lücken 1967 gelassen, zumal sich mit Peter Meyer eine verheißungsvolle Alternative fürs Angriffszentrum aufdrängte. Der neue Wunderstürmer war mit 19 Treffern in 17 Spielen Hauptproduzent der Mönchengladbacher Torfabrik - und brannte auf sein Länderspieldebüt. Der letzte Test vor Albanien ging 8:1 gegen eine hessische Amateurauswahl aus, Meyer schoss vier Tore. "Pitter stand voll im Saft, der musste einfach spielen", so Wolfgang Weber, der 53 Mal für Deutschland auflief.

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Fußball-Blamage: Tirana 1967, ein ALB-Traum

Beim Abflug in Frankfurt war die Stimmung in der viermotorigen Propellermaschine aufgekratzt. Die "Bild"-Zeitung notierte, wie Helmut Schön wachsam den Lesestoff der Spieler kontrollierte und ein Pin-up-Magazin kassierte. "Aber nicht wegnehmen und dann selber lesen!", witzelte der Kölner Stürmer Hannes Löhr. Die Stewardessen servierten Hummer-Cocktail, Steak mit Champignons und Reis, dazu Käse.

Das war's dann mit dem vorzüglichen Essen für die Kicker. "Ab der Landung in Albanien war Schmalhans Küchenmeister", erzählt Willi Schulz, "es gab kein Fleisch, nur Brot und Eier. Die kamen aus einem Eierkombinat. Rührei konnten sie - das gab es morgens, mittags und abends. Später sind wir in sozialistische und kommunistische Länder immer mit unserem eigenen Koch und jeder Menge Lebensmitteln gereist."

Nach 50 Jahren noch sauer

Auch sonst beschreibt Schulz die Reise als Kulturschock: "Ich erinnere mich auch, dass wir nur Fahrräder gesehen haben. Damals gab es fast noch keine Autos in Albanien. Viele ärmlich gekleidete Menschen, Frauen mit Ackergerät. Es fühlte sich an wie eine Reise zum Mond. Irgendwie irreal."

Ähnlich empfand es Wolfgang Weber: "Das Hotel war das beste Haus am Platz, keine Frage, und trotzdem unglaublich karg. Die Leute waren alle grün gekleidet und trugen diese Chinamützen. Überall lagen Mao-Bibeln herum, im Fernsehen liefen seltsame chinesische Soldatenfilme." Abends besuchte die Mannschaft das Nationalballett, für Willi Schulz "Varieté, Krimskrams, albanische Musik - kein Mensch wusste genau, was eigentlich los war".

Die Deutschen wurden in und mit Tirana nicht richtig warm. Auch tags drauf im Stadion. "Der Platz? Oh je! Das war kein Rasen, eher eine Weide", so Wolfgang Weber. "Auf den Dias, die man uns gezeigt hatte, sah das ja alles noch einigermaßen ordentlich aus. In der Realität aber...". Willi Schulz spricht von einem "Sandfeld mit Grasbüscheln", holprig und schwer zu bespielen, noch dazu mit dem ungewohnten etwas kleineren, sehr harten italienischen Ball. "Das Stadion war brechend voll. Die Zuschauer standen fast bis zur Seitenauslinie und haben jeden unser leider zahlreichen Fehlpässe höhnisch beklatscht. Das hat uns durchaus verunsichert."

Anfangs erspielte sich die DFB-Elf einige gute Chancen, aber ohne den erlösenden Treffer. Beim Spiel auf ein Tor wurden die Aktionen unstrukturierter, in deutschen Mittelfeld rannten und dribbelten die drei Spielmacher Overath, Netzer, Küppers einander mehrfach selbst über den Haufen. Quer- statt Steilpässe, kaum gute Bälle für die Stürmer.

"Die Albaner haben alles reingehauen. Teilweise standen sie mit allen elf Mann im eigenen Strafraum oder an der Torlinie. Und dazwischen turnten noch fünf von uns herum. Da wurde es natürlich eng", sagt Schulz. "Wir haben letztlich den verdammten Schlüssel zum albanischen Tresor einfach nicht gefunden." Darüber ärgert sich der Mannschaftskapitän bis heute: "Nach 50 Jahren noch! Ich hätte auch gern eine EM gespielt."

Helmut Schöns Gesicht wurde noch länger

Bei den ersten Europa-Turnieren 1960 und 1964 hatte der DFB noch etwa großkotzig abgewinkt: Ein Lückenfüller zwischen den Weltmeisterschaften, das hielt Schöns Vorgänger Sepp Herberger für "reine Zeitverschwendung".

1968 aber wollte man unbedingt dabei sein und hatte ein starkes Team, keine Gurkentruppe: Noch bei der WM zwei Jahre zuvor hatte die deutsche Mannschaft erst im Finale spektakulär gegen England verloren (mit "Wembley-Tor"). Zwei Jahre später sollte sie immerhin das WM-Halbfinale erreichen - das "Jahrhundertspiel" gegen Italien, das 4:3 nach Verlängerung gewann. Und 1972 wurde sie erstmals Europameister.

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Fußball-Unglücksraben: Ich war nur bei Panini ein WM-Star

Aber 1968 fuhr Jugoslawien anstelle des stolzen Vizeweltmeisters zur EM, nach diesem Debakel gegen Außenseiter Albanien. Als das Flugzeug in Tirana am nächsten Morgen mit dem komplett ernüchterten DFB-Tross abhob, waren viele froh, endlich wegzukommen. Ein Spieler sagte zum Abschied zornig: "Euch Skipetaren wollen wir niemals mehr sehen, wir wollen euch nie wieder begegnen."

Zurück nach Deutschland ging es mit einer Zwischenlandung in Rom. "Als einer von uns dort am Flughafen eine 'Bild' kaufte, staunten wir nicht schlecht - die forderten tatsächlich die Ablösung unseres Trainers", erzählt Wolfgang Weber. "Auf der Titelseite stand in balkendicken Buchstaben: 'Lasst doch mal den Merkel ran!' Helmut Schön hatte ja ohnehin schon ein längliches Gesicht, das wurde dann noch ein paar Zentimeter länger. Der wäre beinahe ausgeflippt."

In Erwartung eines sicheren Sieges hatte der DFB eine Papst-Audienz vereinbart. Doch die Spieler bekamen, symptomatisch für die verkorkste Reise, Paul VI. gar nicht zu Gesicht; er erholte sich von einer Prostata-Operation. Willi Schulz schmunzelt über diesen Vatikan-Besuch: "Wir waren gekommen, um Abbitte zu leisten. Das hat genützt, wie die Erfolge der Nationalmannschaft in den nächsten Jahren eindrucksvoll bewiesen. Man hatte uns wohl ziemlich schnell vergeben."

insgesamt 9 Beiträge
Johannes Möller 15.12.2017
1. Wirklich so einmalig?
"Aber ohne Deutschland fahrn wir zur EM - das gab es nur dieses eine Mal in der Geschichte der Fußball-Europameisterschaften." Zur Bewertung dieser Einmaligkeit sollte man bedenken, dass "die EM" damals mit [...]
"Aber ohne Deutschland fahrn wir zur EM - das gab es nur dieses eine Mal in der Geschichte der Fußball-Europameisterschaften." Zur Bewertung dieser Einmaligkeit sollte man bedenken, dass "die EM" damals mit dem Viertelfinale begann. Die Nicht-Qualifikation bedeutete also, nicht zu den acht besten Mannschaften Europas zu gehören. Diese Peinlichkeit ist der deutschen Nationalelf allerdings auch 2000 und 2004 unterlaufen. 2000 war Deutschland sogar in der Vorrunde Gruppenletzter mit einem Punkt und 1:5 Toren und damit vom Viertelfinale wesentlich weiter entfernt als das eine Tor, das 1967/68 fehlte.
Mathias Lampert 15.12.2017
2. Typisch deutsch...
Einen Artikel zu schreiben über die Blamagen. Gibt es wahrscheinlich nur bei uns. Wie wär es statt dessen mit einem Artikel über die größten Erfolge bzw. schönsten Spiele? Angefangen mit der Mutter aller Spiele, dem Spiel [...]
Einen Artikel zu schreiben über die Blamagen. Gibt es wahrscheinlich nur bei uns. Wie wär es statt dessen mit einem Artikel über die größten Erfolge bzw. schönsten Spiele? Angefangen mit der Mutter aller Spiele, dem Spiel aller Spiele, na, ihr wisst schon. Dann das HF und F 1990, dann 2010 das 4:0 gegen Argentinien, das 4:1 gegen England, 2014 das 4:0 gegen Portugal, oder das 3:2 gegen Brasilien 2011. das 13:0 gegen San Marino 2006 usw. usf. Aber man kann sich natürlich auch an Blamagen erfreuen, jeder, wie er will.
Oliver Hahn 15.12.2017
3. Nun gut...
Sagt eine Fussballweisheit nicht „Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech hinzu“?
Sagt eine Fussballweisheit nicht „Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech hinzu“?
Guenter Mueller 15.12.2017
4. Erinnere mich schwach
Dachte aber auch als 18 jaehriger Fussballer, das macht mit EM nichts. Italien hat bei der WM 66 gegen Nordkorea verloren. EM sowieso nichts wert. Erbaulicher Artikel. Das nacht Fussball so schoen. Es ist unlogisch und nicht [...]
Dachte aber auch als 18 jaehriger Fussballer, das macht mit EM nichts. Italien hat bei der WM 66 gegen Nordkorea verloren. EM sowieso nichts wert. Erbaulicher Artikel. Das nacht Fussball so schoen. Es ist unlogisch und nicht wirklich ernst ausser auf dem Platz. Das Missgeschick von Italien tröstete damals.EM nicht gleichbedeutend wie WM. Wir waren doch noch besser. Urteile dieser Art sind zeitabhengig. Das Missgeschick der Holländer findet mein Sohn etwas schadenfreudig, ich nicht kann ich, da ich die nie als auf Augenhoehe befand. Es gibt fuer mich seit 1938 nur Brasilien, Argentinien, Italien und eben Deutschland mit konstant guter Leistung. Selbst Frankreich, Spanien oder England nur Sternschnuppen mit wiedererkennungswert. Daher ist unverschaemt von den Italienern nicht in Russland zu sein. Dort koennen sie dann gegen Neuseeland oder die Fitschi verlieren.
Ralph Tempel 15.12.2017
5. Warum Jugoslawien?!
Ein Artikel mit vielen interessanten Anektoden, und einer guten Beschreibung, wie sich Albanien damals ähnlich surreal wie Nordkorea angefühlt haben muss. Aber eine drängende Frage wird hier schlicht nicht beantwortet: Warum [...]
Ein Artikel mit vielen interessanten Anektoden, und einer guten Beschreibung, wie sich Albanien damals ähnlich surreal wie Nordkorea angefühlt haben muss. Aber eine drängende Frage wird hier schlicht nicht beantwortet: Warum denn nur scheidet Deutschland aus, wenn es 0:0 und 4:0 gegen Albanien spielt? Es heisst dann kurz "Aber 1968 fuhr Jugoslawien anstelle des stolzen Vizeweltmeisters zur EM" - warum werden hier nicht 1 oder 2 Sätze verloren über den Modus. OK, dann recherchiere ich halt nach um endlich zu erfahren: Deutschland war in einer Dreier-Gruppe mit Jugoslawien und Albanien, die ersteren hatten am Ende 6:2 Punkte, Deutschland nur 5:3.

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