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Ufa-Filmstar Henny Porten

Von Hitler verehrt, von Goebbels kaltgestellt

Blond, mütterlich, standhaft - Henny Porten war der erste deutsche Star beim Ufa-Start vor 100 Jahren. Ein Propagandapüppchen wollte sie nicht sein. Die Nazis hofierten und demütigten die Schauspielerin gleichermaßen.

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Montag, 18.12.2017   11:07 Uhr

Warum bloß hört nie einer auf die Dichter? "Man mache Henny Porten zum Reichspräsidenten!", forderte der Schriftsteller Kurt Pinthus 1921 in einem Aufsatz. Gleich fünfmal wiederholte er seinen Wunsch:

"Hier ist eine Gestalt, die in Deutschland volkstümlicher ist als der alte Fritz, als der olympische Goethe es je waren und sein konnten. Hier ist eine Gestalt, die bei den Angehörigen aller Parteien, bei Jung und Alt, in allen Ständen und Schichten gleichermaßen bekannt und beliebt ist."

Als "Symbol der Tugendsamkeit", als "Vereinigung von Gretchen und Germania" pries Pinthus die Schauspielerin - doch sein Appell fand kein Gehör. Nicht Henny Frieda Ulricke Porten, sondern Paul von Hindenburg wurde nächster Reichspräsident und verhalf Adolf Hitler zur Macht, der Leid über die ganze Welt brachte. Porten blieb dort, wo sie war: vor der Kamera.

"Ich will von Politik nichts wissen. Ich will ein Frauen- und Mutterschicksal zeigen. Nichts weiter", sagte sie über ihren Königin-Luise-Film. Die Monarchin als ideale deutsche Frau: Aufopfernd, schicksalsergeben, mütterlich. Wie keine zweite verkörperte die blonde, leicht üppige Henny Porten dieses - heute schwer erträgliche - Rollenideal. Und wurde dafür vom Kinopublikum wie eine Göttin verehrt.

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Filmdiva Henny Porten: "Vereinigung von Gretchen und Germania"

Henny Porten ist nahezu in Vergessenheit geraten. Dabei war sie einst neben der Dänin Asta Nielsen die Primadonna des frühen deutschen Films - und der erste Star der vor 100 Jahren gegründeten Universum Film AG (Ufa). Die Militärs hatten der neuen Firma eine klare Rolle zugedacht: patriotische Propaganda im Ersten Weltkrieg.

Film als Waffe

"Der Krieg hat die überragende Macht des Bildes und Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel gezeigt", schrieb General Erich Ludendorff am 4. Juli 1917 in einer Denkschrift an das Kriegsministerium. Weil der Feind auf diesem Gebiet die Nase vorn habe, sei den Deutschen "schwerer Schaden" entstanden. Daher forderte Ludendorff die "Vereinheitlichung der deutschen Filmindustrie". Ziel: "eine planmäßige und nachdrückliche Beeinflussung der großen Massen im staatlichen Interesse".

Fünf Monate später wurde am 18. Dezember 1917 Europas größte Filmgesellschaft mit dem gigantomanischen Namen "Universum" gegründet. Das Startkapital stammte zum Großteil von der Deutschen Bank und betrug 25 Millionen Mark. Genug Geld, um die Messter Film GmbH aufzukaufen - deren wichtigstes Zugpferd Henny Porten hieß.

Seit ihrem 16. Lebensjahr stand die 1890 geborene Schauspielerin vor der Kamera, mimte mit ihrer Schwester Rosa Meißner-Porzellanfiguren, stellte in stummen Dreiminütern berühmte Opernszenen nach. Die Filme wurden länger, Portens Popularität wuchs - 1914 rühmte sie die Zeitschrift "Kunst und Kino" als "beste deutsche Kinodarstellerin".

Während des Ersten Weltkriegs eroberte Porten endgültig die Herzen der Deutschen: Aus den Schützengräben erhielt sie Wäschekörbe voller Fanpost, Frontkinos trugen ihren Namen, sterbende Soldaten sollen ihr das Eiserne Kreuz vererbt haben. Als Portens erster Mann 1916 fiel, drehte sie einen Film nach dem anderen. Mit dem Werbekurzfilm "Hann, Hein und Henny" (1917) motivierte sie die Deutschen zum Kauf von Kriegsanleihen.

Niemand taugte zur Zeit der Ufa-Gründung besser zur nationalen Ikone, niemand hätte den Durchhaltewillen der Deutschen effektiver anfachen können als Porten. Einziges Problem: Der Stummfilmstar hatte gar keine Lust, einer von Militärs kontrollierten Firma zu dienen, wie sie 1958 der "Neuen Illustrierten" erzählte.

Der General flippt aus

Ihre Sorge, als Propagandapüppchen benutzt zu werden, stellte sich als unbegründet heraus. Der Krieg war schneller verloren, als die Kameramänner drehen konnten. Zudem interessierten sich die Entscheider bei der Ufa, anders als die Militärs, gar nicht für vaterländische Durchhaltefilmchen. Sie wollten Geld verdienen, die Menschen unterhalten, es mit der Traumfabrik Hollywood aufnehmen.

Als Ludendorff 1918 die Ufa-Produktionslisten vorgelegt wurden, erlitt der General, so die Legende, einen Tobsuchtsanfall. Was ihm nichts nützte: Zur veritablen Propagandamaschine sollte die Ufa erst im "Dritten Reich" werden.

Bis dahin setzten die Konzernchefs auf zugkräftige Stars und Herz-Schmerz-Kino, aber auch auf ambitionierte Projekte. Ob Literaturverfilmungen wie Gerhart Hauptmanns Drama "Rose Bernd" (1919) oder Historienschinken wie "Anna Boleyn" (1920) - Henny Porten war in den frühen Ufa-Jahren allgegenwärtig.

Am Filmset von "Anna Boleyn":

Erst 1928 beendete die Filmfirma die Zusammenarbeit mit der (nicht mehr ganz so jungen und erfolgreichen) Porten - um sich nach der "Machtergreifung" der Nazis erneut auf ihren einstigen Star zu besinnen. Kein Wunder: Portens Image der tugendhaft-natürlichen Sauberfrau entsprach exakt dem braunen Wunschtraum.

"Wahre Teufelei"

Entsprechend gut verlief das erste Treffen mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, selbst ernannter Chef des deutschen Films: "Er begrüßte mich mit bestrickender Liebenswürdigkeit, (...) machte mir ein Kompliment nach dem anderen", erinnerte sich Porten in Tonbandaufzeichnungen. Der "Bock von Babelsberg", bekannt für seine vielen Affären mit Kinostars, versprach ihr "ganz große Filme".

Dazu kam es nicht. Denn Porten lehnte es ab, sich wie gefordert von ihrem zweiten Ehemann Wilhelm von Kaufmann-Asser zu trennen. Der Arzt jüdischer Abstammung wurde als "Halbjude" mit Berufsverbot belegt und schikaniert, Porten in der Nazi-Presse als "undeutsch" diffamiert. Andere Schauspieler mit "nicht-arischen" Partnern hielten diesem Druck nicht stand: So ließ sich Heinz Rühmann scheiden, Hans Albers trennte sich - zumindest offiziell - von seiner Freundin.

Bereits im Frühling 1933 entließ die Ufa viele jüdische Mitarbeiter, wurde ab 1937 verstaatlicht und verleibte sich nach und nach alle deutschen Studios ein. Spätestens ab 1942 mussten Hunderte Zwangsarbeiter in Babelsberg dafür sorgen, dass der Filmbetrieb auch im Krieg weiterlief.

Unterhaltung gepaart mit plumper Durchhaltepropaganda - das war die "Brot und Spiele"-Strategie von Joseph Goebbels. Er schmierte in Drehbüchern herum, inspizierte jeden Film - und machte Porten das Leben schwer: Kein Regisseur sollte mehr mit ihr arbeiten, bei Empfängen wurde sie gedemütigt. "Das System, das Goebbels bei mir anwandte, empfand ich als wahre Teufelei", zitiert Biografin Helga Belach die Schauspielerin.

Monatliche Rente dank Hitler

Hitler indes hofierte Porten. Er lud sie zum "Tag der deutschen Kunst" nach München ein, bat sie an seinen Tisch, outete sich als Fan. Laut Regisseur Géza von Cziffra war der unersättliche Kino-Fanatiker sogar in Porten verliebt.

Eine bizarre Situation: Henny Porten wurde kaltgestellt von Goebbels, zugleich verehrt von Hitler. Sie erhielt kaum noch Rollen, dafür aber auf Veranlassung des "Führers" einen monatlichen Scheck - "wegen ihrer großen Verdienste um den deutschen Film", so 1943 Martin Bormann, Leiter der NSDAP-Kanzlei.

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Auch Reichsmarschall Hermann Göring und dessen jüngerer Bruder Albert hielten ihre schützende Hand über Porten und ihren Ehemann. Was die Gestapo jedoch nicht beeindruckte: Von Kaufmann wurde verhaftet, während Porten beim Dreh von "Familie Buchholz" eine lustige Berliner Hausfrau mimte. Sie eilte ins Gestapo-Hauptquartier und bettelte um Gnade, worauf ihr Mann wieder freigelassen wurde.

"Abgesetzte deutsche Kintopp-Königin"

Trotz allem harrte das Paar in Deutschland aus, wo Goebbels das Kino bis zum bitteren Ende vereinnahmte. Noch im Januar 1945 feierte der Durchhaltefilm "Kolberg" Premiere. Die Botschaft verkündete Schauspielstar Heinrich George: "Die Häuser können sie uns verbrennen, unsere Erde nicht."

Henny Portens letzte Rolle:

Mit Kriegsende ging die alte Ufa unter - und hoffte Henny Porten auf ein Comeback. Vergeblich: "Die Zeit der 'mütterlichen Venus' war vorbei", so Filmwissenschaftler Knut Hickethier. Nur noch drei Filme drehte die Schauspielerin nach 1945, davon zwei in der DDR. Nicht einmal für ihre Memoiren interessierte sich ein Verlag.

Henny Porten erlag am 15. Oktober 1960 in Berlin einer langen Krankheit. Der Tod des ersten deutschen Filmstars war dem SPIEGEL nur einen Satz wert: "Henny Porten, abgesetzte deutsche Kintopp-Königin (...) starb, mit dem Großen Verdienstkreuz getröstet, 70-jährig in einem Westberliner Krankenhaus."

insgesamt 1 Beitrag
lektra 19.12.2017
1.
"Andere Schauspieler mit "nicht-arischen" Partnern hielten diesem Druck nicht stand: So ließ sich Heinz Rühmann scheiden, Hans Albers trennte sich - zumindest offiziell - von seiner Freundin." Zu Rühmann [...]
"Andere Schauspieler mit "nicht-arischen" Partnern hielten diesem Druck nicht stand: So ließ sich Heinz Rühmann scheiden, Hans Albers trennte sich - zumindest offiziell - von seiner Freundin." Zu Rühmann und Albers muss man aber noch anmerken, dass beide ihre Partnerin vor Verfolgung schützen konnten - gerade durch die Trennung. Albers verhalf seiner Freundin 1939 zur Emigration in die Schweiz, von wo sie dann nach England übersiedeln konnte. Für Rühmanns Frau wurde parallel zur Scheidung eine Eheschließung mit einem Schweden organisiert, wodurch sie schwedische Staatsangehörige wurde und so bestmöglich vor Verfolgung geschützt war. Der Schutz, den man einem Partner durch den Status als Filmstar bieten konnte, war wesentlich fragiler. Der schützende Partner konnte leicht in Ungnade fallen und es war vorher auch nicht wirklich absehbar, welche der konkurrierende Akteure innerhalb des Nazisystems sich durchsetzen würden. Wie nachzulesen ist, wurde der Ehemann selbst der von Hitler verehrten Henny Porten von der Gestapo verhaftet. Dass eine Bitte um Freilassung in einem solchen Fall erfolgreich sein würde, war beileibe nicht garantiert.

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