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Palästinenser-Aufstand 1987

Jahre des Zorns

Als 1987 die Intifada begann, half eine mutige Israelin palästinensischen Kindern mit einem Theaterprojekt. Später wurden einige ihrer traumatisierten Schüler zu Attentätern. Ein Lehrstück über Gewalt.

AFP
Von
Freitag, 08.12.2017   11:31 Uhr

Der kleine Sohn musste ansehen, wie sein Vater hingerichtet wurde, auf offener Straße, an einem heißen Montag im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin.

Juliano Mer-Khamis wollte an diesem 4. April 2011 mit seinem alten Citroën vom Theater wegfahren, das er einst selbst aufgebaut und pathetisch "Freiheitstheater" getauft hatte. Ein maskierter Mann stoppte den roten Wagen, erschoss den Theaterdirektor aus nächster Nähe mit fünf Kugeln und entkam. Er wurde nie gefasst.

Fünf Kugeln gegen die Freiheit, gegen einen der mutigsten Friedensaktivisten Israels. Fünf Kugeln auch gegen eine Familie, die seit Jahrzehnten und während zwei Intifadas versucht hatte, von Gewalt traumatisierte Kinder mit der Kraft der Schauspielerei zu heilen.

Nun musste sie selbst ein traumatisiertes Kind versorgen.

Erst Gerüchte, dann Gewalt

Dies ist die Geschichte eines zerrissenen Mannes in einem zerrissenen Land: Juliano Mer-Khamis war ein charismatischer israelischer Schauspieler mit palästinensischen Wurzeln. Er hätte in Israel Karriere machen können, zog es aber vor, mit palästinensischen Kindern und Jugendlichen in einem dürftig ausgestatteten Theater zu arbeiten. Dafür verlor er in seiner Heimat Freunde, wurde beschimpft und bespuckt.

Wenn man so will, war Mer-Khamis auch indirekt das letzte Opfer der ersten Intifada, die am 9. Dezember vor 30 Jahren ihren Anfang nahm. Es lohnt, an diesen Aufstand von 1987 zu erinnern, denn nach der provokanten Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, droht eine neue Welle der Gewalt: Die Hamas hat bereits zur dritten Intifada aufgerufen.

Damals reichten schon Gerüchte, um die Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu entfesseln und das besetzte Westjordanland und den Gaza-Streifen für Jahre in kriegsähnliche Zustände zu stürzen. Ein israelischer Militärlastwagen war am 8. Dezember 1987 im Gaza-Streifen in eine Schlange wartender Autos gefahren und hatte vier Palästinenser getötet.

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Erste Intifada 1987: "So viel Hass"

An einen Zufall glaubte kaum jemand. War dies die Rache für den jüdischen Händler, den Extremisten zwei Tage zuvor im Gaza-Streifen erstochen hatten? Bald schon hieß es, der Lkw-Fahrer sei ein Verwandter des Ermordeten. Hinzu kam schon damals die hochsensible Jerusalem-Problematik. Gerade erst hatten militante Juden gefordert, sich den Tempelberg einzuverleiben, der von einer islamischen Stiftung verwaltet wird: Auf dem Berg stehen Felsendom und al-Aksa-Moschee - das drittwichtigste Heiligtum des Islam.

Der lang angestaute Zorn explodierte. Auf die israelische Besetzung. Auf das Fehlen jeglicher Autonomie, die täglichen Demütigungen durch Behörden und Armee, die illegalen jüdischen Siedlungen, die den Palästinensern das Land nahmen. Besonders die Flüchtlingslager wurden zu Hochburgen des Aufstands. Hier lebten Hunderttausende Palästinenser. Längst glaubten sie nicht mehr, je in ihre Dörfer zurückkehren zu können, die sie im Unabhängigkeitskrieg 1948 an Israel verlorenen hatten.

Nun riefen Zehntausende Desillusionierte zur Intifada, um die Besetzer "abzuschütteln", als seien sie nur lästige Fliegen und keine hochgerüstete Militärmacht. Es war ein anfangs spontaner, naiver Volksaufstand. Erst nach und nach steuerten ihn die PLO und Jassir Arafats Fatah aus dem Exil in Tunis.

"Knochenbrecher" Rabin

Die Waffen der Rebellion waren meist bescheiden: ziviler Ungehorsam, Streiks, Boykott israelischer Waren, kein Verkauf an Juden. Kinder und Jugendliche warfen Steine und Molotowcocktails auf Soldaten und jüdische Zivilisten. Es kam aber auch zu ersten Anschlägen der noch jungen Hamas.

Israel reagierte rabiat. Die "Jerusalem Post" zitierte Verteidigungsminister Jitzchak Rabin, den späteren Friedensnobelpreisträger, mit den Worten: "Wir brechen ihnen die Beine, sodass sie nicht mehr gehen können, und wir brechen ihnen die Hände, sodass sie keine Steine mehr werfen werden." Ein US-Filmteam dokumentierte diese Praxis der Armee - und löste weltweit Empörung aus.

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Steinewerfer gegen Soldaten

So entwickelte sich ein asymmetrischer Kampf. Gewinnen konnte ihn keine der beiden Seiten. Die Palästinenser militärisch nicht. Und die Israelis moralisch nicht, weil sich die Bilder von Kindern einbrannten, die mit Steinen gegen Panzer kämpften. So starben der israelischen Menschenrechtsorganisation "Btselem" zufolge 1346 Palästinenser, davon 276 Kinder; Israel verlor demnach 127 Soldaten.

Juliano Mer-Khamis Geschichte begann in diesem "Krieg der Steine" mit der mutigen Aktion seiner Mutter Arna. Die einst überzeugte jüdische Untergrundkämpferin hatte einen Palästinenser geheiratet und eröffnete während der Intifada im Flüchtlingslager Jenin ein "Steintheater". Damit wollte sie die vielen traumatisierten Kinder von der Straße holen. Bildung sollte die neue Waffe der Kinder werden. Arna Mer-Khamis dozierte:

"Die Intifada ist ein Kampf für Freiheit. Wir nennen unser Projekt 'Lernen und Freiheit'. Das sind nicht nur Wörter. Das ist die Basis des Kampfes. Es gibt keine Freiheit ohne Wissen. Es gibt keinen Frieden ohne Freiheit. Frieden und Freiheit sind untrennbar."

Ihr Sohn Juliano gab Schauspielunterricht im Theater. Zu seinen besten Schülern gehörte Zakaria Zubeidi, 12. "Arna war die Einzige, die uns verstand", erinnerte er sich später. "Sie gab uns Selbstbewusstsein."

Die Wut blieb

Zubeidi liebte das Theater und kam doch von der Gewalt nicht los. 1989, mit 13, warf er Steine auf ein Armeefahrzeug. Ein Soldat schoss ihm ins Bein. Die Narben nach der OP verheilten, die Wut blieb. Seine Mutter und sein Bruder seien von der Armee getötet worden, sagte er später. Zubeidi warf nun Molotowcocktails, wurde mehrmals verhaftet, verbrachte Jahre im Gefängnis.

Als er freikam, war die Gewalt abgeebbt. Die Welt bejubelte das Osloer Friedensabkommen von 1993 zwischen PLO und Israel, das langfristig aber scheitern sollte. Auch Arna Mer-Khamis wurde gefeiert. Sie erhielt, schwer krebskrank, 1993 den Alternativen Friedensnobelpreis. "Die Wunden der Kinder sind tief, obwohl sie nicht bluten, ihre Seelen sind verletzt", sagte sie bei der Verleihung. Und: "Diese Kinder sind die Hoffnung von morgen."

Zwei Jahre später starb sie. Ihr Sohn Juliano erlebte danach, was aus den "Kindern der Hoffnung" wurde. Oder, wie er es sah: was Israels fortdauernde Besatzung aus ihnen machte.

Denn bald schon, im September 2000, brach die zweite Intifada aus. Israels Oppositionsführer Ariel Scharon war bei den Palästinensern verhasst, weil sie ihn für Verbrechen im Libanonkrieg verantwortlich machten. Provokativ hatte ausgerechnet er den Tempelberg betreten, begleitet von mehr als 1000 Polizisten. Eine Serie von Raketenangriffen und Selbstmordanschlägen erschütterte in den folgenden Jahren das Land. Das Flüchtlingslager Jenin galt als Hochburg der Bombenbauer und wurde zum Schlachtfeld; 2002 rückte die Armee ein.

Viele der einstigen Theaterschüler wurden getötet oder verhaftet. Zakaria Zubeidi stieg zum Chef der al-Aksa-Märtyrer-Brigaden in Jenin auf. Und dann war da noch Jussef Switat. "Er war anders als die anderen Kinder", erinnerte sich Juliano Mer-Khamis. "Er war der Junge mit dem großen Lächeln, überhaupt nicht aggressiv, spielte nicht mit Plastikwaffen, hatte einen sanften Umgangston."

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Dennoch machte sich Jussef 2001 mit einem Freund auf den Weg ins israelische Hadera, um als "Märtyrer" zu sterben. Wahllos schoss er auf Passanten und tötete vier Frauen, bevor er selbst erschossen wurde. Für Mer-Khamis war das der Auslöser, den später preisgekrönten Dokumentarfilm "Arnas Kinder" über die früheren Schüler seiner Mutter zu drehen: "Jussefs Fall war für mich der stärkste Beweis, dass Selbstmordattentate ein direktes Resultat der israelischen Besetzung sind."

Trotziger Wiederaufbau

So entschloss er sich, während der zweiten Intifada das Erbe seiner Mutter aus der ersten Intifada fortzusetzen: Das "Steintheater" war 2002 bei Straßenkämpfen von der israelischen Armee zerschossen worden. Trotzig baute Mer-Kahmis es nun wieder auf - mit dem Geld aus seiner erfolgreichen Doku. 2006 war es soweit, Mer-Khamis eröffnete mit dem schwedischen Friedensaktivisten Jonatan Stanczak das "Freedom Theatre". Bald fand es auch prominente Unterstützer wie den US-Linguisten Noam Chomsky.

Im Lager selbst warb Zakaria Zubeidi für das neue Theater. Der ehemalige Top-Terrorist, den Israel angeblich siebenmal zu ermorden versuchte, legte die Waffen nieder, erhielt von Israel dafür Amnestie - und sagte nun: "Es gibt andere Wege zu kämpfen, etwa mit den Mitteln der Kunst und Kultur, die Israel uns zerstört hat."

Viele misstrauten ihm. Nicht nur Israels Rechte feindete Mer-Khamis an wegen seines vermeintlichen "Terroristen-Theaters".

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Mer-Khamis (rechts) und Zubeidi am "Freiheitstheater".

Den Friedensaktivisten machte dieser Vorwurf wütend: "70 Prozent der Kinder, die hierhin kommen, sprechen am Anfang davon, dass sie Märtyrer werden wollen", sagte Mer-Khamis 2008. "Wir predigen Tag und Nacht gegen Gewalt, wir versuchen den Kindern Werte und Bildung zu vermitteln, die Attentate verhindern können, wir bieten ihnen Inseln der Ruhe. Doch die Armee rückt immer noch jede zweite Nacht in das Lager ein und lässt wahllos Häuser räumen."

Er überzeugte wohl nicht alle Feinde. Drei Jahre nach diesem Gespräch wurde Mer-Khamis erschossen. Wer sein Mörder war, ließ sich nie klären. Ein rechter, nationalistischer Jude? Oder ein Islamist, dem die mitunter freizügigen Darstellungen im Theater zu weit gingen?

Das "Freiheitstheater läuft bis heute weiter. In einem seltenen optimistischen Moment hatte Mer-Khamis 2008 gesagt: "Jenin wird von einem Ort des Todes langsam wieder ein Ort des Lebens." Falls nun eine neue Intifada ausbricht, dürfte sich das bald wieder umkehren.

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