Legendäres Knastkonzert von Johnny Cash

Sternstunde im Speisesaal

Drogensucht und Karriereknick - um Johnny Cash stand es schlecht. Bis er 1968 in Amerikas härtestem Gefängnis spielte: Für den Country-Sänger wurde sein Konzert im Folsom Prison zum Welterfolg.

AP
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Mittwoch, 10.01.2018   15:53 Uhr

Der Schicksalstag von Johnny Cash beginnt alles andere als triumphal. Finster blickt er, wirkt angespannt und zieht nervös an seiner Zigarette, als er am Morgen des 13. Januar 1968 durch das Eingangstor des Folsom Prison geht. Vor dem Konzert im Knast entstehen viele Fotos, keines zeigt den Country-Star lächelnd oder gelöst. Hat er Lampenfieber? Angst vorm Versagen? Oder gar vor einer Geiselnahme?

Jedenfalls kriegt Cash rechtzeitig die Kurve: Als er um 9.40 Uhr die Bühne betritt, sind alle Zweifel verflogen. Der 35-Jährige ist plötzlich cool und selbstsicher, er sagt seinen schlichten Begrüßungssatz "Hello, I'm Johnny Cash" - und die rund tausend Häftlinge jubeln ihm zu.

Die folgenden knapp 70 Minuten beeinflussen seine Karriere entscheidend. Im Speisesaal des berüchtigtsten US-Gefängnisses erlebt der gebeutelte Sänger eine Sternstunde, Comeback und Durchbruch zugleich. Das Album, das die Tontechniker von Columbia Records aufnehmen, wird ein Megaerfolg, bis heute mehr als sechs Millionen Mal verkauft.

Nicht einmal die Plattenfirma traute ihm

"Johnny Cash at Folsom Prison" gilt als Meilenstein der Musikgeschichte. Fortan bewundern Cash nicht mehr allein Country-Freunde in den USA, er bekommt eine weltweite Fangemeinde. "Eine Wahnsinnsplatte", so 2002 der Kritiker Patrick Carr, "das heutige Äquivalent wäre eine Gangsta-Rap-Scheibe, die bei den Grammy-Awards alles abräumt."

Zuvor war Cash, der 1963 mit "Ring of Fire" einen Welthit hatte, eher als traurige Figur bekannt und fünf Jahre lang ein Drogenwrack, abhängig von Amphetaminen und Medikamenten. Vergebens versuchte er, die Sucht zu besiegen. Doch selbst in dieser düsteren Zeit verlor er seinen Instinkt nicht: Cash kämpfte darum, als erster Musiker ein Live-Album im Gefängnis aufnehmen zu dürfen - "ich wusste, das würde wirklich gut klingen".

Seine Plattenfirma indes lehnte jahrelang ab; zu unberechenbar sei der abgestürzte Sänger, zudem würde sich das Album kaum verkaufen. Erst Bob Johnston, der Ende 1967 Cashs Produzent wurde, erkannte die Chance und forcierte den Auftritt.

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Live im Folsom Prison: "Hello, I'm Johnny Cash"

Das Folsom State Prison in Kalifornien ist ein gefürchteter Ort, wo knallharte Wächter eine "Null Toleranz"-Haltung durchsetzen. Ausgerechnet hier gibt Cash das Konzert seines Lebens. Tatsächlich sind es sogar zwei auf der schäbigen Bretterbühne - das erste um 9.40 Uhr, ein weiteres um 12.40 Uhr. Denn Columbia Records traut dem gerade erst drogenfreien Star nicht und räumt ihm für jeden der 19 Songs eine zweite Chance ein. Schnell wird klar: Die Angst vor Aussetzern ist unbegründet. Das erste Konzert läuft so gut, dass es später beinah komplett fürs Album verwendet wird; nur zwei Songs stammen aus der zweiten Session. Gefilmt wurden die Auftritte nicht.

"Duffy, Nummer 907, ins Verwaltungsbüro!"

"Folsom" klingt authentisch. Die Aufnahme wirkt roh, nahezu unbehandelt - mit dem metallischen Scheppern der Türen, mit Jubel und Zwischenrufen der Häftlinge, Durchsagen der Gefängnisleitung: "Duffy, Nummer 907, ins Verwaltungsbüro!" Die Atmosphäre ist aufgeheizt, aber nicht aggressiv. Keine Tumulte, Schlägereien oder auch nur Pöbeleien. Die Wärter, mit Maschinenpistolen in Stellung, greifen nicht ein.

Cash hat bereits mehrfach in Strafanstalten gespielt, zuerst 1957. Er tut es auch nach Folsom und nimmt am 24. Februar 1969 mit "Johnny Cash at San Quentin" ein weiteres Album im Hochsicherheitstrakt auf, ebenfalls ein Riesenerfolg. Derweil haben die Columbia-Bosse das kommerzielle Potenzial der Knastkonzerte erkannt und werben mit Cashs Image als Gesetzlosem, als Outlaw: "Er war vorher schon im Gefängnis. Nicht immer als Besucher", heißt es in einem PR-Text.

Zwar landete Cash tatsächlich sieben Mal für einige Stunden hinter Gittern. Zumeist waren es aber Ausnüchterungszellen, eine Haftstrafe wurde dem vermeintlichen "Bad Boy" nie aufgebrummt.

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Johnny Cash:
At Folsom Prison

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Für Cash geht es um mehr als nur einen Egotrip als Karrieremotor. Die Knastauftritte machen ihn zu einem glaubwürdigen Kämpfer für die Ausgestoßenen. Er reicht Häftlingen die Hand, zeigt Solidarität und Mitgefühl, wirbt Anfang der Siebzigerjahre vor dem US-Kongress für eine Reform des Strafvollzugs. Die "New York Times" beschreibt Cash als "den ersten zornigen und couragierten Verfechter sozialer Anliegen". Sein Credo: "Wenn wir bessere Menschen aus den Gefangenen machen, wird es weniger Verbrechen auf den Straßen geben. Dann werden unsere Familien sicherer sein, wenn diese Menschen aus den Gefängnissen entlassen werden."

Auf der Bühne mit June Carter, der Liebe seines Lebens

Auf der Folsom-Bühne ist die besondere Verbindung zwischen Künstler und Kriminellen offensichtlich. Cash ist in Hochform, er macht Witze, flucht und verausgabt sich, mehrfach droht seine Stimme zu versagen. Die Männer gehen begeistert mit, Cash erreicht ihre Herzen. "Es war sensationell, wie es zwischen ihm und dem Publikum gefunkt hat", erinnert sich Produzent Bob Johnston.

Es liegt nicht an Cash allein, dass an diesem Morgen eines der besten Live-Alben aller Zeiten entsteht. Seine Band, die Tennessee Three, besticht durch klare, schlichte Arrangements. Die Setlist ist durchdacht, viele Songs handeln von Gefängnis, Gewalt, Schuld - angeführt vom "Folsom Prison Blues" zum Konzertbeginn.

Und dann ist da noch June Carter. Die Liebe seines Lebens, Cash wird sie knapp zwei Monate später heiraten. Carter kommt in der zweiten Konzerthälfte auf die Bühne und singt mit Cash auch den Hit "Jackson". Eine große Künstlerin, frech, sexy - die Gefangenen sind elektrisiert. Cash-Bassist Marshall Grant: "June war kurz davor, Johnny die Show zu stehlen."

Direkt nach dem Folsom-Konzert erlebt Cash seinen Karrierehöhepunkt, verkauft Ende der Sechzigerjahre mehr Alben als die Beatles und bekommt eine eigene TV-Show. Später folgen jedoch Drogenrückfälle und berufliche Tiefschläge. Als er Mitte der Achtzigerjahre ohne Plattenvertrag dasteht, scheint alles vorbei.

"Wir sind alle Weicheier im Vergleich zu Johnny Cash"

Dann gelingt dem Ausnahmekünstler ein weiteres Comeback: Starproduzent Rick Rubin, zuvor etwa mit den Red Hot Chili Peppers, den Beastie Boys und Run DMC erfolgreich, nimmt Cash Anfang der Neunzigerjahre unter Vertrag. Rubin verbiegt Cash nicht. Er setzt auf diese unvergleichliche Stimme zur akustischen Gitarre - und liegt goldrichtig. Die Alben der "American Recordings"-Reihe bringen Cash noch einmal zurück ins Rampenlicht, junge Fans hören und lieben ihn wieder, mit 70 ist er bei den MTV Awards neben Rap-Giganten wie Eminem oder 50 Cent nominiert.

Auf seine alten Tage wird Cash endgültig zur Ikone und sagt in einem Interview mit dem deutschen "Musikexpress" 2001: "Mein Leben ist so reich gewesen, ich hatte ungefähr drei Karrieren." Im Mai 2003 stirbt June Carter im Alter von 73 Jahren. Johnny Cash, gezeichnet von einer langjährigen Erkrankung des Nervensystems, folgt ihr am 12. September 2003. Beide waren noch beteiligt an den Vorbereitungen zum Film "Walk the Line", der nach ihrem Tod gedreht wurde und Ende 2005 in die Kinos kam. Cashs Auftritt im Folsom Prison bildet auch Anfang und Rahmenhandlung des mehrfach preisgekrönten Films.

Ohne das Knastalbum, mutmaßte ein Kritiker, "hätte er seine mittleren Lebensjahre damit verbracht, durch die Provinz zu tingeln und vor einem ständig schrumpfenden Publikum für immer kleinere Gagen aufzutreten". Stattdessen verkaufte der "Man in Black" mehr als 50 Millionen Tonträger. Er zählt zu den bedeutendsten Sängern und Songwritern aller Zeiten. Er wird verehrt für seine Stimme, seine schlichten, oftmals kritischen Texte, seine Haltung.

"Johnny war und ist der Polarstern, du konntest deinen Kurs nach ihm ausrichten. Er steht meilenweit über allem. Er wird nie wirklich tot sein oder vergessen werden, nicht einmal von Menschen, die heute noch gar nicht geboren sind", sagte Bob Dylan dem "Rolling Stone" nach Cashs Tod. U2-Sänger Bono kam mit einem Satz aus: "Wir sind alle Weicheier im Vergleich zu Johnny Cash."

insgesamt 7 Beiträge
Clemens Wachter 10.01.2018
1. Bis zuletzt einer der ganz Großen...
Eine seiner letzten Aufnahmen war die Coverversion von Trent Raznors "Hurt". Geht einem bis heute durch und durch...
Eine seiner letzten Aufnahmen war die Coverversion von Trent Raznors "Hurt". Geht einem bis heute durch und durch...
Peter Rosenstein 10.01.2018
2.
Der "späte" Cash, ich habe seine Songs anlässlich der American Recordings kennengelernt, war eine absolute Ausnahmeerscheinung. Die Songs, die von so unterschiedlichen Komponisten wie Dylan, Tom Waits, Glen Danzig oder [...]
Der "späte" Cash, ich habe seine Songs anlässlich der American Recordings kennengelernt, war eine absolute Ausnahmeerscheinung. Die Songs, die von so unterschiedlichen Komponisten wie Dylan, Tom Waits, Glen Danzig oder Leonard Cohen verfasst wurden, passten zu seinem melancholischen Bariton. Etwas später haben Alter und Krankheit seine Stimme gebrochen, was die Lieder nur noch faszinierender machte. Cash war einzigartig. Ja, und "Hurt" ein würdiger Abschluss.
Christian Koep 10.01.2018
3. Hammer Video
Das zu "Hurt" erstellte Video montiert biographische Film-Szenen geschickt zu einer Story, die das Lied der "Nine Inch Nails" wie ein Vermächtnis von Johnny Cash erscheinen lassen. Davon kann sich jeder gern [...]
Das zu "Hurt" erstellte Video montiert biographische Film-Szenen geschickt zu einer Story, die das Lied der "Nine Inch Nails" wie ein Vermächtnis von Johnny Cash erscheinen lassen. Davon kann sich jeder gern bei youtube o.ä. ein eigenes Bild machen.
Richard Jas 10.01.2018
4. ein Gigant
war er.Ich war nie Fan dieser Musikart aber wie er sie gemacht hat ist echt herausragend.Da gibts einige Songs von ihm die man selbst beim xten Mal noch genießen kann als wenns neu wäre.Besonders gänsehauterregend fand ich von [...]
war er.Ich war nie Fan dieser Musikart aber wie er sie gemacht hat ist echt herausragend.Da gibts einige Songs von ihm die man selbst beim xten Mal noch genießen kann als wenns neu wäre.Besonders gänsehauterregend fand ich von den letzten Nummern seine Version von Hurt.Ich mag sehr selten coverversionen lieber als die originalen,aber der Song und vor allem wie Cash ihn gebracht hat sind einfach hammergut,das paßt alles als wenns für ihn gedacht wäre.
Christian Ewers  10.01.2018
5.
Vielen ist Cash erst durch seine späten "American Recordings" ein Begriff geworden. "Folsom Prison" und "St. Quentin" sind jedoch frühe Live- Meilensteine. Wunderbar und unerreicht!
Vielen ist Cash erst durch seine späten "American Recordings" ein Begriff geworden. "Folsom Prison" und "St. Quentin" sind jedoch frühe Live- Meilensteine. Wunderbar und unerreicht!

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