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Junge Liberale in der Sowjetzone

Mit einem Bein im Zuchthaus

Im Sommer 1945 bestand noch die Hoffnung, dass sich auch in der Ostzone ein Mehrparteiensystem etablieren könnte. Mit Tricks und spektakulären Aktionen überlisteten die Jungen Liberalen das repressive System der Kommunisten. Doch bald schon wurde aus dem Wahlkampf einer um Leben und Tod.

Montag, 07.04.2008   17:14 Uhr

Der Widerstand gegen die Unterdrückung der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDP) durch die kommunistischen Machthaber zwischen Sommer 1945 und der Gründung der DDR im Oktober 1949 ist bisher kaum dokumentiert. Nur einige wenige persönliche Aufzeichnungen erzählen von dem Idealismus der Liberalen, von ihren verzweifelten Versuchen, sich dem Regime zu widersetzen, und von der Gefahr, in die sie sich im Kampf für ein Stückchen Freiheit Tag für Tag brachten. Jeder von ihnen stand stets mit einem Bein im Zuchthaus.

Das Aufbegehren hatte viele Gesichter. Die Agitatoren traten bei öffentlichen Diskussionen auf, wo sie mutige Gegenreden hielten, oder schrieben Leserbriefe an die gleichgeschaltete Presse. Gelegentlich wagten sie auch spektakulärere Aktionen: So legten sie beispielsweise an den Ständen der Leipziger Messe, die von vielen Westdeutschen besucht wurde, illegale Flugblätter aus. Sie pflegten den Kontakt zu westlichen Jugendgruppen und arrangierten heimlich Treffen mit ihren westlichen Parteifreunden. "Westzeitungen" gingen von Hand zu Hand, selbst wenn vorher Heringe darin eingewickelt waren, um sie überhaupt in den Osten zu bekommen.

Der Anteil der jugendlichen LDP-Mitglieder am Widerstand gegen das Zonenregime war besonders hoch. An vielen Hochschulen und Oberschulen hatten sie liberale Gruppen gegründet, die nach Meinung der kommunistischen Machthaber nichts anderes als "Horte der Reaktion" waren und so schnell wie möglich zerschlagen werden mussten. Meist verhafteten sie kurzerhand die vermeintlichen Rädelsführer der Gruppen. Dennoch hat niemand so lange gegen die aufkommende Unterdrückung gekämpft und taktiert wie die liberale Jugend.

Drastische Strafen für die liberalen Widerständler

Wie viele Jugendliche aus dem liberalen Umfeld sich den Kommunisten insgesamt widersetzen, ist bis heute nicht genau erfasst. Mehrere Hundert Widerständler landeten aber in den berüchtigten Zuchthäusern von Bautzen und Torgau oder in den von den Sowjets weiterhin genutzten Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen. Einige wurden sogar in die so genannten Schweigelager wie Workuta am Polarkreis verschleppt. Berufliche Karrieren wurden zerstört und junge Menschen in den Freitod getrieben.

Das Schicksal des Rostocker Studentenführers Arno Esch (1928-1951), der mit Sätzen wie "Uns steht ein chinesischer Liberaler näher als ein deutscher Kommunist!" die liberale Jugend begeisterte, hat in diesem Zusammenhang Symbolkraft. Er galt als unerschrockener Wanderprediger und wurde schnell zu einem der größten Staatsfeinde des Regimes. Bereits eine Woche nach Gründung der DDR im Oktober 1949 verhaftete die Volkspolizei den mit seiner Mutter aus Memel vertriebenen Jurastudenten und übergab ihn den Sowjets, die ihn in einem Geheimprozess zum Tode verurteilten.

Am 24.Juli 1951 wurde Esch in Moskau mit einem Genickschuss hingerichtet. Mit ihm starben sechs seiner engsten LDP-Freunde. Zu den wenigen seiner Jugendgruppe, die in den Westen entkommen konnten, gehörte der ehemalige Bundesgeschäftsführer der FDP, Karl-Hermann Flach (1929-1973).

Viele verbrachten ihre besten Jahre im Zuchthaus

Andere liberale Weggefährten büßten ihren Widerstand mit Haftstrafen. Der berühmte Schriftsteller Walter Kempowski (1929-2007), der ebenfalls im Rostocker liberalen Umfeld agierte, war bereits 1948 verhaftet und zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Davon saß er acht Jahre in Bautzen ab. Im selben Jahr traf es den legendären Leipziger Studentenführer Wolfgang Natonek (1919-1994). Ein russisches Militärtribunal verurteilte ihn zu 25 Jahren Arbeitslager. Einen Teil der Strafe verbüßte er in der berüchtigten Festung Torgau. 1956 wurde er schließlich vorzeitig in den Westen entlassen.

Natonek, nach der Wende mit einer Professur der Leipziger Universität geehrt, hatte nichts weiter gefordert als den ungehinderten Zugang junger Liberaler zu den Hochschulen. Sein vielzitiertes Bonmot auf dem Landesparteitag der LDP 1947 in Bad Schandau hatte ihn die besten Jahre seines Lebens gekostet: "In der Nazizeit brauchte man eine arische Großmutter, um studieren zu können, heute eine (prolet)arische. Das ist der ganze Unterschied!"

Von den Widerständlern der LDP-Jugend, die in den Westen fliehen konnten, ist der ehemalige sächsische Jugendführer Wolfgang Mischnick (1921-2002) am bekanntesten. Von 1961 bis 1963 amtierte er als Minister für gesamtdeutsche Fragen und von 1968 bis 1991 saß er der FDP-Fraktion im Bundestag vor. Er hatte sich mit einem Satz auf dem Landesvertretertag der LDP im November 1946 im Kurhaus Bühlau in Dresden weit vorgewagt: "Man wirft den Liberalen vor, dass sie ihre Überzeugung nicht bis aufs Schafott verteidigt hätten. Das dürfen wir uns nie wieder nachsagen lassen!"

Mit Kniffs und Tricks überlisteten sie die Kommunisten

Von Sachsen aus wurde der Widerstand der LDP-Jugend in der gesamten Zone koordiniert, wobei Mischnick vor allem die Gleichschaltung mit der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) bekämpfte. Erst als ihm der sowjetische Kontrolloffizier für die LDP, Oberst Nasarow, 1948 im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst drohte, er werde "wie die Kriegsverbrecher in Nürnberg am Galgen enden", entschied Mischnick, in den Westen zu gehen.

Doch nicht nur die schlimmen Erfahrungen, auch so manch erfolgreich angewandte List prägen die Erinnerung. Als Mischnick zu den Landtagswahlen 1946 in der sowjetischen Kommandantur in Dresden die Druckfreigabe für die zugestandenen 10.000 Wahlplakate einholte (die kommunistische SED bekam 600.000) setzte er einfach hinter dem Punkt eine Null zuviel ein: 10.0000 statt 10.000. Er hoffte, dass der mit der deutschen Schreibweise großer Zahlen nicht vertraute Kontrolloffizier darauf hereinfiel. Die Rechnung ging auf: der Sowjetmajor schrieb die Zahl einfach ohne den ihm ungewohnten Punkt ab und genehmigte statt lächerlichen 10.000 insgesamt 100000 Plakate.

Die Liberalen holten 24,6 Prozent der Stimmen - trotz der erheblichen Behinderungen durch die Sowjets. Es nicht völlig auszuschließen, dass zumindest ein Teil dieses großen Erfolgs, der unfreiwilligen Wahlhilfe des russischen Majors zu verdanken war.

Der Autor des Textes ist Zeitzeuge der Bewegung, er gehörte selbst einer liberalen Jugendgruppe an.

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