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Historische Fotos von Bella Italia

"Bäume, Himmel, Wasser, ist nicht alles wie gemalt?"

Zu schön, um wahr zu sein - ein prächtiger Bildband präsentiert Italien um 1900 als kunterbunte Traumwelt. Der ewige Sehnsuchtsort lockte Wirtschaftswunder-Deutsche zu Millionen und ließ schon Goethe und Heine schwärmen.

Collection Marc Walter, Paris
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Donnerstag, 06.09.2018   12:07 Uhr

Wer hat uns bloß mit dem Italien-Virus infiziert? War es Songschreiber Kurt Feltz? 1956 textete er für Caterina Valente einen perfekten Urlaubsschlager: "Komm ein bisschen mit nach Italien. Komm ein bisschen mit ans blaue Meer. Und wir tun, als ob das Leben eine schöne Reise wär".

Sind die "Capri-Fischer" mit ihren ausgeworfenen Netzen schuld am Italien-Fimmel, oder hat Schlagerbarde Gerhard Tschirschnitz die Deutschen entflammt? Alias René Carol sang er 1952: "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein. Und Italiens blaues Meer im Sonnenschein."

Fest steht: In den Fünfzigerjahren zwickte massives Fernweh die Wirtschaftswunder-Westdeutschen. Zu Millionen folgten sie den Lockrufen der O-Sole-Mio-Sängerfraktion und krochen voller Vorfreude in VW-Käfer-Kolonnen über den Brenner. Nur weg vom arbeitsamen, grauen Alltag. Hin zu Sonne, Strand und Sünde, zu Pizza, Pasta und Dolce Far Niente.

Fotostrecke

Bella Italia um 1900: Pastelliges Paradies

Laut einer Umfrage wollte 1954 ein Drittel aller Deutschen im Urlaub am liebsten in den Stiefelstaat. Der "Rheinische Merkur" notierte: "Italien überfüllt!" Caterina Valente und Kollegen gossen ihn in schwülstige Reime, diesen Drang Richtung Süden. Aber schon lange vor der Wirtschaftswunder-Ära zog es die Teutonen magisch nach Rom und Florenz, Venedig und Neapel.

"Kein Italiener zöge freiwillig nach Westfalen"

"Die große Liebe zu Italien", schrieb Hans Magnus Enzensberger 1984 in der "Zeit", "hat sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts entzündet. Seither ist sie zur Geschäftsgrundlage einer Milliarden-Industrie geworden." Der Schriftsteller betonte die Einseitigkeit dieser Romanze: "Unerwidert war sie von Anfang an. Kein Italiener käme auf die Idee, freiwillig, ohne zwingenden praktischen Grund, nach Münster in Westfalen zu ziehen."

Von dieser Sehnsucht nach einem Paradies jenseits der Alpen erzählen die im opulenten Bildband "Italien um 1900. Ein Porträt in Farbe" (Taschen-Verlag 2018) versammelten Fotografien: sorgfältig kolorierte Aufnahmen, die Italien als entrückte Traumwelt verklären. Ein riesiges Freiluftmuseum im ewigen Sommer, selbst der zerlumpte Taschendieb ist noch hübsch anzuschauen.

Collection Marc Walter, Paris

Vorsicht Taschendiebe! Genreszene mit jungen neapolitanischen Kleinkriminellen (um 1880).

Dass die zwischen 1890 und 1905 entstandenen Aufnahmen so kunterbunt leuchten, liegt an der damals revolutionären Photochrom-Technik, 1888 von der Schweizer Firma Orell Füssli & Co. zum Patent in Österreich-Ungarn angemeldet. Das Flachdruckverfahren ermöglichte erstmals farbige Abzüge von Schwarz-Weiß-Fotos.

Mondschein aufs Bild gemogelt

Der Lithograf kolorierte das Negativ so lange, bis es seinen Wünschen entsprach. Und schreckte nicht davor zurück, störende Elemente zu retuschieren, Konturen zu schärfen - oder Tagaufnahmen in Mondscheinszenen zu verwandeln.

Eine rotwangige Wäscherin in Neapel, die pastellfarbenen Ruinen des Forum Romanum, putzige Spaghetti-Wettesser: All das sieht zwar wundervoll aus. Mit der Lebenswirklichkeit der Italiener um 1900 haben die Fotos jedoch nichts zu tun - mit der Armut im Süden, der Massenauswanderung, dem Erstarken des Nationalismus.

Die Realität interessierte nur am Rande. Mit den in hoher Auflage vertriebenen Reisefotografien wollte das Schweizer Unternehmen Photoglob vor allem einen Traum verkaufen. Zielgruppe: die reiselustigen Nordlichter, die spätestens seit Johann Wolfgang von Goethe so enthemmt von Italien schwärmten.

"O wie fühl ich in Rom mich so froh", frohlockte der Dichter, in der Ewigen Stadt zuerst 1786 inkognito unterwegs als "Philippo Miller". Mit 37 Jahren fand Goethe im "Land, wo die Zitronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn", endlich zu sich selbst, wurde "glücklich und vernünftig", wie er schrieb. Wozu die antiken Tempel ebenso beitrugen wie die erotischen Abenteuer mit Faustina.

Der Nörgler: "Welch ein trübseliges Land!"

Auf Bildungsreise begaben sich im 18. und 19. Jahrhundert ganze Scharen deutscher Kreativer. In Rom gründeten sie eine regelrechte Künstlerkolonie. Rund 550 deutsche Maler, Bildhauer und Architekten lebten dort dem Literaturwissenschaftler Gunter E. Grimm zufolge zwischen 1800 und 1830.

Auch zahlreiche Literaten rumpelten auf Goethes Spuren per Kutsche gen Süden. Und jubelten wie der Dichter Wilhelm Waiblinger: "Ich habe nur noch eine Liebe in der Welt, und die ist Rom." Heinrich Heine schwärmte 1828:

"Italien geht über alles. (...) Welche Schöpfung! Sehen Sie mal die Bäume, die Berge, den Himmel, da unten das Wasser - ist nicht alles wie gemalt? Haben Sie es im Theater schöner gesehen? Man wird sozusagen ein Dichter!"

So viel Pathos erzürnte die preußische Krämerseele. Der Berliner Beamte und Schriftsteller Gustav Nicolai zeterte 1833: "Welch ein trübseliges Land ist dies Italien! Bis jetzt haben wir fast nur reizlose, öde Felder, Wüsten, Kloaken, Ruinen und schmutzige Höhlen gesehen." Nicolai verteufelte das Traumland deutscher Dichter und Denker als Hort des Lasters, der Faulheit und Gaunerei. Seinen Reisebericht wollte er als "Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen", verstanden wissen.

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König Friedrich Wilhelm III. ehrte Nicolai für sein Italien-Pamphlet zwar mit der Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft. Alle anderen jedoch lachten ihn aus - der Italien-Hype war ungebrochen, auch später bei Fin-de-Siècle-Literaten.

"Angesichts dieser Kultur und dieses Lebens sinkt mein Nationalgefühl auf null", schrieb etwa Früh-Hippie Hermann Hesse 1901 in einem Brief aus Florenz. Und Philosoph Friedrich Nietzsche pries 1886 seinen Hang zum Müßiggang an der Riviera: "Ich lag nie so viel herum, in wahrer Robinson-Insularität und -Vergessenheit."

Westdeutschland auf Wanderschaft

Von sommerlichen Reisen rieten Experten zu dieser Zeit noch ab, wie in einem deutschen Italien-Führer von 1908: "Die Natur ist zwar auch im Sommer so schön wie je, (...) allein die anhaltende Sonnenglut lähmt gar leicht die Spannkraft des Körpers wie des Geistes."

Von Massentourismus konnte damals keine Rede sein. Doch die Entwicklung der Eisenbahn führte dazu, dass mehr Menschen sich einen Italien-Urlaub leisten konnten: Bereits für das Jahr 1922 registrierte die italienische Fremdenverkehrsstatistik knapp 50.000 deutsche Touristen. Drei Jahrzehnte später waren es dann mehr als zwei Millionen jährlich.

"Im Juli 1955", scherzte der britische Humorist George Mikes, "waren lediglich hundertachtundfünfzig Personen in der Bundesrepublik geblieben; die gesamte übrige Bevölkerung Westdeutschlands befand sich in Italien auf Wanderschaft."

Italienische Eisdielen sorgten im Wirtschaftswunderland für glücklich-verschmierte Kindergesichter, die "Capri-Hose" war en vogue, 1957 verlegte Kanzler Konrad Adenauer sein Feriendomizil nach Cadenabbia.

Und Kurt Feltz, der Songschreiber von Valentes "Komm ein bisschen mit nach Italien"? Gelangte zu allergrößten Ehren: 1959 erhielt Feltz vom italienischen Staatspräsidenten Giovanni Gronchi den Verdienstorden der Republik Italien - fürs kräftige Ankurbeln des Fremdenverkehrs.

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