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Adenauer-Fernsehen

Der schwarze Kanal

Weil er das ARD-Programm zu links fand, ließ CDU-Kanzler Konrad Adenauer vor 60 Jahren ein nur scheinbar privates Regierungsfernsehen gründen. Warum sein trickreicher Plan zerschellte.

ullstein bild/ DPA
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Mittwoch, 05.12.2018   20:14 Uhr

Der Kanzler ärgerte sich schwarz über das Fernsehprogramm. Dabei steckte es noch in den Kinderschuhen: Nur eine Million der 18 Millionen bundesdeutschen Haushalte besaß überhaupt Fernsehgeräte, täglich wurde gerade mal fünf Stunden lang gesendet, die bewegten Bilder waren schwarz-weiß. Geboten wurde vor allem Unterhaltsames, Peter Frankenfelds Show "Bitte recht freundlich" etwa, Robert Lembkes Ratespiel "Was bin ich?" oder Sport. Aber die politischen Informationssendungen waren dem CDU-Politiker Konrad Adenauer zu linkslastig.

In den Führungsetagen der öffentlich-rechtlichen ARD-Anstalten, die nach dem Fernsehstart 1952 zwei Jahre später ein gemeinsames TV-Programm auszustrahlen begannen, wähnte der erzkonservative Kanzler durchweg Parteigänger der oppositionellen SPD. Kontinuierlich ließ er einzelne Sendungen, auch Unterhaltungsformate, auf politische Tendenzen untersuchen.

In den Dossiers seiner Schranzen sah er sich bestätigt und sann auf Abhilfe - durch einen Regierungssender. Die absolute Mehrheit, die der damals schon 81-jährige Regierungschef mit den Unionsparteien bei der Bundestagswahl 1957 gewonnen hatte, wollte er nicht durch kritische Berichterstattung gefährden lassen.

Allerdings hatte er selbst dafür gesorgt, dass Radio und Fernsehen in Deutschland Ländersache sind: Schon 1949 übertrug der Parlamentarische Rat, dessen Präsident Adenauer war, die Kulturhoheit den Bundesländern. Adenauer setzte sich dafür ein, weil ihm ein CDU-Sieg auf Bundesebene ungewiss erschien. Zumindest in den CDU-regierten Ländern, so sein Kalkül, sollte man die Schulen nach den eigenen Vorstellungen gestalten können.

Arm in Arm mit der Industrie

Die Kulturhoheit auch auf den Rundfunk zu beziehen, sei nicht die Absicht des Parlamentarischen Rats gewesen, behauptete Adenauer nun. Und argumentierte, dass für die Rundfunksender die Deutsche Bundespost zuständig sei, somit der Bund; daher könne er auch über die Fernsehanstalten befinden.

Mit dieser Rechtsauffassung ging Adenauer daran, die Fernsehlandschaft neu zu gestalten. Er fand willige Mitstreiter: Bereits 1956 hatten sich Verleger, Werbetreibende und Industrielle in einer Studienkommission für Funk- und Fernsehwerbung verbündet. Neben dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) engagierte sich vor allem der Markenverband, die Spitzenorganisation von rund 400 Herstellern bekannter Markenartikel.

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Adenauer-TV: Der missglückte Coup des Kanzlers

Die Lobbyisten versprachen sich mehr Umsatz durch die gerade erst aufkommende Fernsehwerbung. Bei dem Medienwissenschaftler Gerhard Eckert, 1941 mit dem Thema "Der Rundfunk als Führungsmittel" habilitiert, bestellte die Studienkommission ein Gutachten zur Finanzierung des Programms.

Am 5. Dezember 1958 gründete diese Gruppe privater Interessenten die Freies Fernsehen GmbH (FFG); die Aufsichtsräte bestimmten der Kanzler und der BDI. Ein Jahr später bot Adenauers Regierungssprecher Felix von Eckardt dem Konsortium eine Bürgschaft von 20 Millionen Mark an. Daraus wurden schließlich 120 Millionen Mark, die nie im Bundeshaushalt auftauchten. Es handelte sich "um nichts anderes als um die öffentliche Absicherung eines privaten Risikos", wie der Leipziger Medienwissenschaftler Rüdiger Steinmetz anmerkt.

"Zauberer Kalanag" als Unterhaltungschef

Unter Führung der Deutschen Bank, deren Vorstandssprecher Hermann Josef Abs ein enger Finanzberater Adenauers war, erklärten sich 15 Kreditinstitute aufgrund der Bürgschaft bereit, dem "Freien Fernsehen" die notwendigen Finanzmittel zu beschaffen. In Eschborn bei Frankfurt am Main entstanden in einer Barackensiedlung Studios, die wegen ihrer Tristesse als "Tele-Sibirsk" verspottet wurden.

Für den geplanten Sender heuerte die FFG schillerndes Personal an. Friedrich Gladenbeck, vorzeitig pensionierter Staatssekretär im Postministerium, wurde reaktiviert und übernahm die Geschäftsführung zusammen mit BDI-Pressesprecher Heinz Schmidt. Bruno Six, Rundfunkreferent im Bundespresseamt, wurde kaufmännischer Produzent und Peter von Eckardt, Sohn des Regierungssprechers, Leiter des Vormittagsprogramms.

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Als Programmdirektor verpflichtete man Ernest Borneman, der 1933 nach England emigriert war und für das Adenauer-Fernsehen nach Deutschland zurückkehrte; später profilierte er sich als Sexualaufklärer. Chefredakteur Konrad Kraemer war zuvor CDU-Ratsherr in Münster und Redakteur einer Regionalzeitung. Unterhaltungschef wurde Helmut Schreiber, einem größeren Publikum als "Zauberer Kalanag" bekannt. Schreiber hatte dank guter Kontakte zu Adolf Hitler und Propagandaminister Joseph Goebbels Karriere in der Nazi-Filmindustrie gemacht.

Köder: Doppelt so hohe Gehälter

Den Seitenwechslern winkten beim "Freien Fernsehen" doppelt so hohe Gehälter wie bei der ARD. Peter von Zahn lief als einer der Ersten über, obwohl er seit 1955 für NDR und WDR aus Amerika berichtete, noch an die Sender gebunden war und für seinen Vertragsbruch 200.000 Mark zahlen musste. Ebenso wechselten der populäre Physiker und Wissenschaftsmoderator Heinz Haber sowie Dokumentarfilmerin Corinne Pulver. Der spätere ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal bewarb sich als Europa-Korrespondent in Brüssel, wurde aber nicht genommen.

Obwohl die Länderchefs, auch der Union, eigene Vorstellungen von einem zweiten TV-Programm hatten, brachte Adenauer einen Gesetzentwurf für eine scheinbar private "Deutschland Fernsehen GmbH" im Bundestag ein. Als Lizenzinhaberin sollte sie der tatsächlich privaten FFG den Weg zu einem schwarzen Kanal nach Adenauers Vorstellungen ebnen.

In der Hoffnung, die Länder von einer Verfassungsklage abhalten zu können, räumte Adenauer ihnen einen 49-Prozent-Anteil an der Dachgesellschaft ein; die 51-Prozent-Mehrheit sollte beim Bund verbleiben. Als die Ministerpräsidenten ablehnten, übertrug Adenauer die Anteile der Länder gegen deren Willen "treuhänderisch" seinem Justizminister Fritz Schäffer (CSU). Im Alleingang unterzeichneten die beiden im Juli 1960 den Gründungsvertrag der "Deutschland-Fernsehen GmbH". Nordrhein-Westfalens CDU-Innenminister Josef-Hermann Dufhues witzelte, mit dieser Konstruktion "hätte man ebenso gut die Bundeswehr als GmbH aufziehen können".

"Schlimmer als im 'Dritten Reich'"

Die SPD-geführten Länder Bremen, Hamburg, Hessen und Niedersachsen riefen das Bundesverfassungsgericht an. Per einstweiliger Verfügung wurde der für den 1. Januar 1961 geplante Sendestart verboten. Im Februar sprach das Gericht das endgültige Aus für Adenauers Privatfernsehen: Artikel 5 des Grundgesetzes verlange, "dass dieses moderne Instrument der Meinungsbildung weder dem Staate noch einer gesellschaftlichen Gruppe ausgeliefert wird". Die Veranstalter von Rundfunkdarbietungen müssten "so organisiert sein, dass alle in Betracht kommenden Kräfte in ihren Organen Einfluss haben und im Gesamtprogramm zu Wort kommen können". Der Bund sei über die damals staatliche Bundespost nur für die Rundfunktechnik zuständig, nicht aber für die Programmgestaltung.

Adenauer haderte mit dem Richterspruch. Das Kabinett, sagte er im Bundestag, sei sich "einig, dass das Urteil des Bundesverfassungsgerichts falsch ist". Hingegen begrüßte Gustav Heinemann, der spätere Justizminister und Bundespräsident, die Entscheidung gegen "dieses komische Gebilde", das "ein totales Instrument in der Hand des Kanzlers" habe werden sollen. Sie verhindere einen "Staatsfunk, schlimmer als wir ihn im 'Dritten Reich' hatten".

Die FFG hatte jedoch bereits Mitarbeiter engagiert, Programm eingekauft oder selbst produziert. Nach der Schmach musste sie rund 450 blaue Briefe verschicken. Ein Teil der Gekündigten kehrte reumütig zur ARD zurück, für andere ergab sich ein neues Tätigkeitsfeld: Im Juni 1961 vereinbarten die Länder-Regierungschefs, im Einklang mit dem Karlsruher Urteil das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) zu gründen.

Im September 1961 verloren Adenauers Unionsparteien ihre absolute Mehrheit im Parlament. Die Farce um das gescheiterte Kanzler-Fernsehen - sie dürfte dabei eine beträchtliche Rolle gespielt haben.

insgesamt 13 Beiträge
Wolfgang Hornfeck 05.12.2018
1. ....
Mit der Zeit muss man feststellen, dass Adenauer alles andere als ein Demokrat war.
Mit der Zeit muss man feststellen, dass Adenauer alles andere als ein Demokrat war.
Alexander Keller 05.12.2018
2.
Das Adenauer-Bashing vom Spiegel kommt 52 Jahre zu spät. Aber spät als nie, dürfte man sich in der Redaktion sagen.
Das Adenauer-Bashing vom Spiegel kommt 52 Jahre zu spät. Aber spät als nie, dürfte man sich in der Redaktion sagen.
erwin fortelka 05.12.2018
3. Aber aber,
....natürlich war Konrad Adenauer ein Demokrat. Aber da gab es dann so Kleinigkeiten (z. B. das von ihm geplante Fernsehen), wo er wahrscheinlich gedacht hat: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand [...]
....natürlich war Konrad Adenauer ein Demokrat. Aber da gab es dann so Kleinigkeiten (z. B. das von ihm geplante Fernsehen), wo er wahrscheinlich gedacht hat: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand behalten. Oh, Entschuldigung, das war ja jemand anderes, da habe ich sicher etwas verwechselt. Erwin Fortelka (Klarname)
Thomas Berger 05.12.2018
4.
Danke für diesen Artikel, der auch ein wenig über die Geschichte des ZDF mitteilt. Altlasten dieser Gründungszeit des ZDF bestanden in einem übermäßigen Einfluss des Staats. Erst die infolge der Causa Bender von SPD und [...]
Danke für diesen Artikel, der auch ein wenig über die Geschichte des ZDF mitteilt. Altlasten dieser Gründungszeit des ZDF bestanden in einem übermäßigen Einfluss des Staats. Erst die infolge der Causa Bender von SPD und Grünen angestoßene Normenkontrollklage beseitigte diese demokratische Schieflage. Ein anderes Stück Rundfunkgeschichte könnte Grundlage eines ähnlichen Artikels werden: Franz Josef Strauß hatte 1972 versucht, den Bayerischen Rundfunk unter die Kontrolle der bayerischen Staatsregierung zu stellen und einen Propagandasender für die bayerische Regierung daraus zu machen. Nur ein Volksbegehren konnte diese Pläne von Strauß stoppen. Mehr dazu z.B. hier: https://www.br.de/unternehmen/inhalt/geschichte-des-br/viertes-fundstueck100.html
Gerhard Wanninger 06.12.2018
5. Schlimm, wie 'rechtslastig' die BRD in ihren Gründungsjahr war...
Wenn man liest "der Kanzler ärgerte sich schwarz", "kontinuierlich ließ er einzelne Sendungen, auch Unterhaltungsformate, auf politische Tendenzen untersuchen" und mit "neben dem Bundesverband der [...]
Wenn man liest "der Kanzler ärgerte sich schwarz", "kontinuierlich ließ er einzelne Sendungen, auch Unterhaltungsformate, auf politische Tendenzen untersuchen" und mit "neben dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) engagierte sich vor allem der Markenverband, die Spitzenorganisation von rund 400 Herstellern bekannter Markenartikel" den Schulterschluß der Industries sucht, wird man doch sehr an die braune Zeit erinnert. Der Unterschied zur Zeit zwischen 1933-1945 bestand jedoch in der Gewaltenteilung mit unabhängigen Gerichten, die "per einstweiliger Verfügung ... (am) 1. Januar 1961 geplante Sendestart verboten. Im Februar sprach das Gericht das endgültige Aus für Adenauers Privatfernsehen! So funktioniert Demokratie!

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