einestages

Lesbischer Kultfilm "Mädchen in Uniform"

Als die Schülerin ihre Lehrerin küsste

Wo die Liebe hinfällt - Romy Schneider küsste vor 60 Jahren Lilli Palmer in "Mädchen in Uniform". Ein filmhistorischer Meilenstein war schon das Original von 1931: die Geburtsstunde des lesbischen Films.

ddp images
Von
Dienstag, 28.08.2018   16:29 Uhr

"Komm, versuch's noch mal!", fordert die Internatslehrerin ihre Schülerin auf. Den Romeo soll sie spielen. Leidenschaftlich. Überwältigt. Aber bitte doch nicht so lustlos dahergeleiert, mit diesem kindischen Knutscher in die Luft. Also versucht Manuela (Romy Schneider) es eben noch mal.

Sie rückt näher an Fräulein von Bernburg (Lilli Palmer) heran. Schmettert jetzt inbrünstig Shakespeares Zeilen, bis sie beim Anblick ihrer Erzieherin ins Stocken gerät: "derweil ein Mund... mein Mund... dir nimmt, was". Mit diesen letzten, gehauchten Worten schließt das Mädchen die Augen und legt dann endlich ihre bebenden Lippen auf die ihrer wie im Liebesbann erstarrten Lehrerin.

Géza von Radányis "Mädchen in Uniform" lief am 28. August 1958 in den bundesdeutschen Kinos an, inmitten der prüden Adenauer-Jahre. Eine Garantie auf Ärger, auf moralischen Furor - sollte man denken. Oft ist heute rückblickend vom "Skandalfilm" die Rede. Die meisten zeitgenössischen Reaktionen jedoch klingen weniger aufgeregt. So schrieb die "Neue Berliner Woche" erleichtert, dass "das lesbische Spiel (...) durchaus dezent und geschmackvoll über die Runden" komme. Auch die katholische Filmkommission erkannte nur "unverbindliche Unterhaltung" und vermisste gar den Biss der Vorlage.

Mehr Staub aufgewirbelt hatte 1931 die Originalverfilmung von Christa Winsloes Theaterstück in der Weimarer Republik. Aber auch das wegen der Kritik am preußisch-militärischen Erziehungsstil, nicht etwa wegen der angedeuteten Frauenliebe. Zum lesbischen Kultfilm wurde "Mädchen in Uniform" erst Jahrzehnte später auf dem Umweg über die USA.

In ihrem ersten Stück hatte Christa Winsloe ihre Jugend am Kaiserin-Augusta-Stift, einem Internat für Offizierstöchter, verarbeitet. Die junge Heldin Manuela leidet unter dem strengen, militärischen Drill. Sie findet Trost bei einer Lehrerin, verliebt sich in sie. Als Manuela einsehen muss, dass diese Liebe keine Zukunft hat, stürzt sie sich in den Tod.

Keine Revuegirls im Militärlook

Das Werk, 1930 als "Ritter Nésteran" in Leipzig uraufgeführt, war ein Überraschungserfolg. Anfangs irrlichterte noch ein buhlender Fechtlehrer durch die Kulissen; in Berlin verwandelte sich das Drama unter dem Titel "Gestern und heute" in ein reines Frauenstück. Regie führte Leontine Sagan, die kurz darauf auch die Verfilmung inszenierte, unter der "künstlerischen Leitung" von Carl Froelich, später Präsident der nationalsozialistischen Reichsfilmkammer.

Die Hauptrolle der 14-jährigen Manuela übernahm wie zuvor am Theater Hertha Thiele. Bei der Filmpremiere im November 1931 war Thiele bereits 23 und damit genauso alt wie Dorothea Wieck, die ihre Erzieherin spielte. Der Altersunterschied der beiden Figuren wurde dadurch - anders als später mit Romy Schneider, 19, und Lilli Palmer, 43 - auf der Leinwand nivelliert. Statt des Mutter-Tochter-Verhältnisses traten die homoerotischen Aspekte in den Vordergrund.

Fotostrecke

Lesbische deutsche Filme: A Kiss is just a Kiss

Dabei hatte Carl Froelich, wie sich Hauptdarstellerin Thiele später erinnerte, den Eindruck einer lesbischen Liebesgeschichte gerade vermeiden wollen, indem er die Rolle der Lehrerin mit Wieck besetzte. Am Berliner Theater hatte noch die burschikose Margarete Melzer eine resolute, selbstbewusste Lesbe gegeben. Dagegen agierte Wieck stets reserviert.

Anders als Filmdebütantin Sagan war Froelich ein erfahrener Regisseur. Er sollte sich um das filmische Handwerk kümmern, nahm aber auch Einfluss auf Casting und Drehbuch. So verwarf er den Selbstmord am Ende und sorgte dafür, dass Manuela von ihren Mitschülerinnen gerettet wird, als sie in den Tod springen will.

Froelich regte auch den Titel "Mädchen in Uniform" an. Und kalkulierte aus Marketinggründen bewusst ein, dass das Publikum dabei an Beine schwingende Revuegirls im Militärlook denken würde. Es war der erste deutsche Film, der von den Mitwirkenden koproduziert wurde. Indem sie vorläufig auf drei Viertel ihrer Gage verzichteten, sank das Gesamtbudget von 220.000 auf 55.000 Mark.

"Der große Geist der Liebe, der tausend Formen hat"

Trotz Jugendverbotes wurde der Film in der Weimarer Republik zum Kassenschlager. Auf ein begeistertes Echo traf er auch in Frankreich und anderen Ländern Europas, ebenso in Japan, den USA oder Südafrika, wo Sagan aufgewachsen war. Filmschaffende und Kritiker wählten "Mädchen in Uniform" in einer Umfrage der Zeitung "Der Deutsche" zum Film des Jahres 1931.

Das lesbische Thema allerdings spielte in den Kritiken kaum eine Rolle. Siegfried Kracauer lobte in der "Frankfurter Zeitung" vor allem den kollektiven Produktionsprozess und ging auf die Erziehungsmethoden im Stil des Alten Fritz ein. Die lesbische Liebe handelte er sehr nebenbei als "schwärmerische Zuneigung" und "Pubertätsleidenschaft" ab.

Erst Mitte der Siebzigerjahre rückten die homosexuellen Aspekte der Handlung ins Zentrum, als der Film auf einigen internationalen Frauenfilmfestivals lief. Damit beschäftigten sich Feministinnen und lesbische Aktivistinnen vor allem in den USA. Dort war der Film 1932 nur in einer stark gekürzten Fassung freigegeben worden. Manuelas sehnsüchtige Blicke fehlten ebenso wie der zentrale Satz Fräulein von Bernburgs: "Was Sie Sünde nennen, Frau Oberin, das nenne ich den großen Geist der Liebe, der tausend Formen hat."

1978 wurde die Verfilmung von 1931 in den USA dann in ihrer Originalfassung neu untertitelt. In der Bundesrepublik lief der Film, der in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland verboten war, erstmals 1977 im Fernsehen und kursierte danach in Frauencafés.

Ein feministisches Revival

Die Autorin und die Regisseurin hatten den autoritären Ungeist ihrer Zeit ins Visier genommen. Die Unterdrückung der lesbischen Liebe ließ sich so als Teil einer systematischen Repression deuten, gegen die Manuela aufbegehrte. Dank dieser Lesart avancierte Leontine Sagans "Mädchen in Uniform" bald zum lesbischen Kultfilm schlechthin und wurde 1976 im New Yorker Magazin "Dyke" als weltweit erste lesbische Filmproduktion gefeiert. Tatsächlich aber bekannte sich nur Winsloe öffentlich zu ihrer Homosexualität. Bei Regisseurin Sagan blieben es Gerüchte.

Anders als die zeitgenössischen Kritiker erkannten viele Zuschauerinnen bereits in den Dreißigerjahren sehr wohl das lesbische Motiv. "Du darfst mich nicht so liebhaben!", stellt Fräulein von Bernburg schmerzlich fest. Manuelas kämpferische Frage "Warum?" bleibt jedoch unbeantwortet. Sie hallte noch weit über den Film hinaus nach. Schauspielerin Hertha Thiele wurde mit Liebesbriefen von Frauen geradezu überschüttet. Eine besonders hartnäckige Verehrerin schrieb immer wieder: "Ich werde Sie malen, ganz blau in blau, wie ein dünner Nebel!"

Bis heute unvergessen ist jene Filmszene, in der Schülerin und Lehrerin ihr verborgenes Verlangen nicht länger zügeln können: Fräulein von Bernburg schreitet am Abend die Reihen ihrer Zöglinge ab und drückt einer nach der anderen einen Gutenachtkuss auf die Stirn. Manuela räkelt sich in Vorfreude. Als die Lehrerin endlich bei ihr angelangt ist, richtet Manuela sich auf, fällt ihr um den Hals, streckt ihr fordernd die Lippen entgegen. Jetzt kann auch die Erzieherin nicht mehr anders: Sie küsst das Mädchen mitten auf den Mund.

So was gab es nie zuvor. Es war der erste romantische Kuss zweier Frauen in der Filmgeschichte und, ob beabsichtigt oder nicht, die Geburtsstunde des lesbischen Kinos.

insgesamt 2 Beiträge
Marie-anne Dentzer 29.08.2018
1.
ein sehr interessantes zu den beiden Verfilmungen ist noch, dass ein anderes lesbisches Paar in den beiden Filmen mitgewirkt hat. In der ersten Verfilmung war es Erika Mann in einer Nebenrolle und die Giehse hatte die Rolle der [...]
ein sehr interessantes zu den beiden Verfilmungen ist noch, dass ein anderes lesbisches Paar in den beiden Filmen mitgewirkt hat. In der ersten Verfilmung war es Erika Mann in einer Nebenrolle und die Giehse hatte die Rolle der Schulleiterin in der 2. Verfilmung ;)
Rainer Haller 30.08.2018
2. Hertha Thiele
Ich weiß noch ganz genau, als ich "Mädchen in Uniform" das erste Mal gesehen habe: Besonders angetan hat es mir die bezaubernd schöne Hertha Thiele, die ich bis dahin noch gar nicht kannte. Eine Schauspielerin mit [...]
Ich weiß noch ganz genau, als ich "Mädchen in Uniform" das erste Mal gesehen habe: Besonders angetan hat es mir die bezaubernd schöne Hertha Thiele, die ich bis dahin noch gar nicht kannte. Eine Schauspielerin mit Haltung, u.a. mit der Folge der Trennung von ihrem ersten Mann, Berufsverbot unter den Nazis und Emigration in die Schweiz.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP