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Martin Luther King

Der schwarze Moses

Dieser Schuss veränderte Amerika: 1968 ermordete ein weißer Rassist den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King. Schon bald wurde der Friedensnobelpreisträger zum Heiligen verklärt - dass er kein Engel war, störte dabei nicht.

AP
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Donnerstag, 03.04.2008   13:23 Uhr

Es geschah in Memphis. Pastor Martin Luther King jr. war nach Tennessee in den Süden der USA gereist, um die Arbeiter der Müllabfuhr von Memphis, fast ausschließlich Schwarze, bei einem Streik zu unterstützen. Es war der 4. April 1968, unmittelbar nach 6 Uhr abends. Der Führer der Bürgerrechtsverbandes Southern Christian Leadership Conference stand auf dem Balkon des Lorraine-Motels, in dessen Zimmer 306 er logierte, und besprach mit seinen Mitarbeitern Andrew Young und Jesse Jackson sowie dem Saxophonisten Ben Branch eine für den Abend geplante Veranstaltung.

"Ben, spiel' auf jeden Fall 'Precious Lord, take my hand' bei der Versammlung heute Abend", bat King. "Play it really pretty." In diesem Moment traf ihn ein Schuss in den Kopf, abgefeuert aus einem Jagdgewehr. 20 Minuten später war der führende Bürgerrechtler Amerikas, der fünf Jahre zuvor mit seiner "I have a dream"-Rede weltberühmt geworden und 1964 den Friedensnobelpreis zuerkannt bekommen hatte, tot.

King wurde nur 39 Jahre alt. Bei seiner Beerdigung auf dem South-View-Friedhof in Atlanta, Georgia, erwiesen ihm nicht nur US-Vizepräsident Hubert Humphrey die letzte Ehre, sondern auch der spätere Präsident Richard Nixon und der Bruder des mehr als vier Jahre zuvor ermordeten John F. Kennedy, Senator Robert Kennedy. Auch er sollte, nur zwei Monate nach King, einem Attentat zum Opfer fallen.

Rückkehr in den rassistischen Süden

Martin Luther King junior stammte aus einer Pastorenfamilie. Schon ein Großvater des am 15. Januar 1929 in Atlanta, Georgia, geborenen Bürgerrechtlers war baptistischer Prediger; der Vater ebenfalls. King jr. studierte zwar zunächst Soziologie, doch unter dem sanften Druck seiner Professoren und der Familie schrieb er sich anschließend doch für Theologie ein.

Nach der Promotion an der Boston University hätte King in Neu-England bleiben und eine akademische Karriere machen können. Doch er ging 1954, nach seiner Heirat, wieder in den Süden und wurde in Montgomery, Alabama, Pfarrer.

In dieser Stadt geschah am 1. Dezember 1955 etwas, das nicht nur das Leben von King, sondern das der gesamten amerikanischen Nation und besonders der schwarzen Amerikaner verändern sollte. Eine 42 Jahre alte schwarze Näherin namens Rosa Parks weigerte sich, im Bus für einen Weißen aufzustehen. Der Busfahrer rief die Polizei, Parks wurde festgenommen.

Schwarze organisierten daraufhin in Montgomery einen Bus-Boykott. King rief als Pfarrer und Anhänger des indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi zu gewaltfreiem Protest auf. Länger als ein Jahr hielt die überwältigende Mehrheit der Schwarzen - die sich damals auch selbst noch "Negroes", "Neger", nannten - den Streik gegen die Rassentrennung durch. Schließlich erklärte der oberste Gerichtshof die Segregation in den öffentlichen Einrichtungen Montgomerys für verfassungswidrig.

Die Rede seines Lebens

Nach diesem Erfolg wurde King, der ein begnadeter Redner war, zum Wanderprediger und Massenagitator für die Sache der schwarzen Minderheit. Mit seinem Charme und seiner warmen Baritonstimme fiel es ihm leicht, sein Publikum in den Bann zu schlagen.

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Martin Luther King: Sein Traum lebt weiter

Ende August 1963 schlossen sich rund 250.000 Menschen dem "Marsch auf Washington für Jobs und Freiheit" an. Der noch wenig bekannte Folkmusiker Bob Dylan sang ein paar Lieder - und King hielt unter dem Denkmal von Abraham Lincoln, dem Präsidenten, der die Sklaverei abgeschafft hatte, die Rede eines Lebens: "I have a dream", lautete deren Refrain, ich habe einen Traum.

"Ich habe einen Traum", rief King, "dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenhaltern auf den roten Hügeln von Georgia am Tisch der Bruderschaft zusammensitzen können." Und er fuhr fort: "Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden." Er kündigte aber auch an: "Die Wirbelstürme der Revolte werden weiterhin das Fundament unserer Nation erschüttern, bis der helle Tag der Gerechtigkeit anbricht."

Der jüngste Nobelpreisträger

Im Dezember 1964 wurde Martin Luther King in Stockholm für seinen gewaltfreien Kampf für die Bürgerrechte der schwarzen Amerikaner mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Mit 35 Jahren war King der bis dahin jüngste Träger der Auszeichnung. Drei Monate zuvor hatte King auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, Willy Brandt, die geteilte deutsche Hauptstadt besucht.

Doch King gab dem politischen Establishment möglichst wenig Gelegenheit, sich mit ihm zu schmücken. Er wandte sich bald nicht nur gegen rassistische Diskriminierung von Schwarzen, sondern auch gegen eine Klassengesellschaft mit einer tiefen Kluft zwischen Armen und Reichen. Dass Milliarden Dollar für den ungerechten Krieg in Vietnam verpulvert wurden, empörte ihn - nach seiner Auffassung waren diese Mittel bitter nötig, um das Los der Armen in Amerika zu verbessern.

Mit seiner Kritik des Vietnamkrieges wurde King für die amerikanischen Konservativen, aber auch für manchen Liberalen in den USA zum Vaterlandsverräter. Als "einen der notorischsten Lügner im ganzen Land", schmähte ihn FBI-Chef Edgar Hoover. Der Kommunistenjäger ließ King nicht nur die letzten sechs Jahre seines Lebens intensiv überwachen, sondern nach dessen Tod auch noch seine Witwe Coretta.

"Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen"

Der Druck, unter dem der moralisch und politisch unangefochtene Führer des schwarzen Amerika in den letzten Jahren seines Lebens stand, war übermenschlich. Über zwanzig Mal hatten ihn Rassisten physisch angegriffen; mit Fäusten, Steinen, Messern, Bomben und Schusswaffen. Mehr als 30 Mal hatten Polizisten King festgenommen oder verhaftet.

Er flog kreuz und quer durch die USA, hielt oft mehrere Reden an einem Tag. Und ihn beschlichen Vorahnungen. Einen Tag vor seinem Tod beendet er eine Rede mit den Worten: "Schwierige Tage liegen vor uns, aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus. Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen."

Für das schwarze Amerika war die Ermordung Kings ein unvergleichlicher Schock. Viele ertrugen es nicht, dass Weiße ihren wie ein Moses verehrten Anführer niedergeschossen hatten, als sei er bloß ein streunender Hund. Aus der Ohnmacht wuchs kalte, harte Wut: "Während Funk und Fernsehen die Schreckensnachricht verbreiteten", schrieb der SPIEGEL, "rotteten sich überall in Amerikas Slums die Neger zusammen." Die Hauptstadt Washington stand schnell in Flammen; in 110 amerikanischen Städten kam es zu Unruhen. Dabei starben 32 Menschen, gut 2135 wurden verletzt und 13.428 festgenommen. Um die Ghettorevolten niederzuschlagen, waren über 20.000 Soldaten und rund 44.000 Nationalgardisten im Einsatz.

Als Kings Mörder wurde - anhand von Fingerabdrücken auf einem in einer dem Motel gegenüberliegenden Toilette zurückgelassenen Gewehr - der Kleinkriminelle und weiße Rassist James Earl Ray identifiziert. Britische Polizisten verhafteten ihn zwei Monate nach der Tat in London bei dem Versuch, nach Rhodesien zu entkommen. Ray gestand den Mord und wurde zu 99 Jahren Haft verurteilt.

Von Verschwörungstheoretikern wurde allerdings beständig angezweifelt, ob Ray den hochpolitischen Mord wirklich als Einzeltäter begangen haben konnte. Hinter ihm wurden einflussreiche reaktionäre Kreise vermutet, auch die Bundespolizei FBI und der Geheimdienst CIA. Doch niemand konnte stichhaltige Beweise für diese Hypothese liefern. Ray hatte 30 Jahre hinter Gittern verbracht, als er 1998 starb - fast genau 30 Jahre nach der Tat.

Säkularer Heiliger - mit menschlichen Schwächen

Zum überlebensgroßen Heroen wurde King erst nach seinem Tod. In der Londoner Westminister Abbey steht heute eine Statue von ihm, mit der die zehn "christlichen Märtyrern des 20. Jahrhunderts" geehrt wurden. In seinem Heimatland Amerika ist er neben Abraham Lincoln der einzige Politiker, dem - seit 1986 - an einem nationalen Feiertag gedacht wird.

Der Verehrung tut auch die Erkenntnis keinen Abbruch, dass King nicht nur ein Engel war. So wurde nach seinem Tode bekannt, dass er in seiner Doktorarbeit Passagen aus Arbeiten anderer übernommen hatte, ohne diese ausreichend zu kennzeichnen. Zudem wurde offenbar, dass der Pastor kein treuer Ehemann war, sondern etliche Affären hatte. Doch diese Enthüllungen ließen den säkularen Heiligen wieder im menschlichen Maß erscheinen und beförderten seine Popularität womöglich noch.

Sicher ist: Martin Luther King wird immer der Mann bleiben, der einen großartigen Traum hatte und der alles dafür gab, dass er Wirklichkeit werde - am Ende auch sein Leben. Vom Thron eines der großen Helden des 20. Jahrhunderts wird ihn niemand mehr stoßen.

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