Österreich - Deutschland

Der lange Schatten von Cordoba

Welche Schande, was für ein Wunder: 1978 warf Österreichs Nationalelf die Deutschen in Argentinien aus dem WM-Turnier. Die "Schmach von Cordoba" hängt den Deutschen bis heute nach - die Österreicher erinnern sich gerade jetzt gern an ihren spektakulären Sieg.

DPA
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Sonntag, 15.06.2008   23:00 Uhr

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Dieses Datum ist in den Geschichtsbüchern der Österreicher in fetten Lettern eingeschrieben: Am 21. Juni 1978, schlug die rot-weiß-rote Fußballauswahl bei der WM in Argentinien zum ersten Mal seit 47 Jahren die Elf des übermächtigen Nachbarn im Norden - und warf Titelverteidiger Deutschland aus dem Turnier.

Das 3:2 durch Hans Krankl zwei Minuten vor Abpfiff machte den Mittelstürmer zum Helden, das Spiel zur Legende und "Cordoba" zum Mythos. Seither löst der Name der zweitgrößten Stadt Argentiniens im deutschsprachigen Raum höchst unterschiedliche Assoziationen aus - "Schmach" in Deutschland, "Wunder" in Österreich.

Es war das letzte Spiel der zweiten Finalrunde, das an diesem denkwürdigen Tag um 13.45 Uhr auf dem sonnenüberfluteten Rasen des "Estadio Cordoba Chateau Carreras" angepfiffen wurde. Titelverteidiger Deutschland stand am Rande einer Blamage. Nach einem 0:0 gegen Italien und einem 2:2 gegen Niederlande konnte die Elf von Bundestrainer Helmut Schön das Endspiel nicht mehr aus eigener Kraft erreichen - neben einem Sieg gegen Österreich wäre dazu ein Remis zwischen Holland und Italien nötig gewesen.

Sollte es in diesem parallel stattfindenden Match einen Sieger geben, brauchte Deutschland unbedingt einen Sieg mit fünf Toren Differenz, um wenigstens das halbwegs gesichtswahrende Spiel um den dritten Platz zu erreichen. Eine schwere Aufgabe, aber nach Meinung der Beobachter nicht unlösbar gegen die nach zwei Pleiten bereits vorzeitig ausgeschiedenen Österreicher. Die Medien jedenfalls diskutierten nur über die Höhe des deutschen Pflichtsieges.

Lagerkoller vor dem Entscheidungsspiel

Bis heute gibt es widersprüchliche Aussagen dazu, was die im abgelegenen Trainingslager in Ascochinga kasernierten deutschen Spieler wirklich noch antrieb - und ob sie überhaupt einen Antrieb verspürten. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger predigte, das Weiterkommen sei noch zu schaffen. Mittelfeldstar Bernd Hölzenbein, der nach dem Turnier zurücktrat, berichteten indes von einer zerstrittenen DFB-Elf, der der Lagerkoller jede Lust auf ein Spiel um Platz 3 geraubt hatte und die nur noch heim wollte.

Auch bei den Österreichern hielt sich die Motivation in Grenzen, denn "wir waren ja schon ausgeschieden und hatten nichts erreicht", so Josef Hickersberger. Der heutige Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft bestritt an diesem Tag sein letztes Länderspiel - das 39. und eines seiner besten Länderspiele. Dass die österreichische Elf noch über sich selbst hinauswuchs, sei vor allem die Schuld eines einzelnen gewesen, erinnert sich Hans Krankl, Hickersbergers Vorgänger als Teamchef und damals Mittelstürmer der österreichischen Elf: Max Merkel, die knorrige Trainerlegende, war zwar von den Österreichern als Berater angeheuert worden, stand zugleich aber auch als Kommentator im Dienst der "Bild"-Zeitung. "Der schrieb, ich würde so langsam spielen wie eine Weinbergschnecke", erinnert sich Krankl. "Das hat mich heiß gemacht." Nationaltrainer Helmut Senekowitsch steckte seiner ganzen Mannschaft das Zitat, und "das hat genutzt", so Krankl.

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Ein spektakulärer Sieg: Für Österreich

Die vom alten Fuchs Merkel geschickt geweckte Wut setzten die Alpenkicker auf dem Platz in pure Energie um. Den Ausgleich von Rummenigges Führungstor in der 18. Minute besorgten die Deutschen noch selbst, mit einem Eigentor des linken Verteidigers Berti Vogts (59.). Dann zimmerte Hans Krankl seinen ersten Streich ins Kreuzeck des deutschen Kastens (66.), den Hölzenbein zwei Minuten später ausgleichen konnte. Der Rest ist Legende und hörte sich für die Zuschauer des ORF im O-Ton von Reporter Edi Finger so an:

"Da kommt Krankl (...) in den Strafraum - Schuss ... Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer' narrisch. Krankl schießt ein - 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Riepl, der Diplom-Ingenieur Posch - wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl. Er hat olles überspielt, meine Damen und Herren. Und warten S' noch ein bisserl, warten S' no a bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen. Also das, das musst miterlebt haben."

"Wir wollten alle nur noch nach hause"

Es war die Geburt eines alpenländischen Mythos. Dass Mittelfeldregisseur Herbert Prohaska und Krankl während des Turniers gar nicht miteinander konnten, dass Trainer Senekowitsch an den Intrigen des Verbandes scheiterte - niemand wollte so etwas fortan noch hören. Und die Helden, die Österreichs ersten Länderspielsieg über Deutschland seit 47 Jahren geschafft und den Titelverteidiger aus dem Turnier geworfen hatten, waren vorerst viel zu müde für Triumphgefühle. "Wir wollten alle nur noch nach hause", erinnert sich Prohaska, "der Sieg war nett, aber an sich ja bedeutungslos. Wir fühlten uns nicht als Sieger, weil wir die Finals verpasst hatten."

Gemeinsam flogen Deutsche und Österreicher von Cordoba nach Buenos Aires und vertrieben sich die Zeit damit, alle alkoholischen Getränke an Bord zu leeren. Erst in der Heimat dämmerte beiden Mannschaften, was geschehen war. "Uns hat man auf Händen getragen", berichtet Österreichs Abwehrspieler Edi Krieger von der Ankunft am Flughafen Wien-Schwechat. Die deutschen Spieler dagegen wurden in Frankfurt von Fans beschimpft. "Wir wurden auf offener Straße angepöbelt", erinnert sich Manfred Kaltz, der deutsche Rechtsverteidiger, "das konnte man sich gar nicht vorstellen."

Seit Cordoba ist klar: Österreich kann Deutschland in Entscheidungsspielen schlagen. Und daran hat sich die Alpennation angesichts der EM-Auslosung, die ihr Deutschland als Gruppengegner bescherte, gerne und häufig erinnert - auch schon mal auf ungewöhnliche Weise: Der Performancekünstler Massimo Furlan etwa inszenierte im Mai im Stadion von Rapid Wien "90 Minuten Nachspiel" mit lebenden Figuren, dem Original-Reportageton von Edi Finger und den Laufwegen und Gesten von Hans Krankl.

Aber die Mystifizierung des Siegerteams von '78 sieht Josef Hickersberger, den Veteran und jetzige Teamchef, eher als Hypothek. "Für die maßgeblichen Herren des Landes hat das zur Annahme geführt, dass jedes Jahr ein Schachner, Krankl oder Prohaska zur Welt kommt", klagt Hickersberger. "Aber die außergewöhnlichen Individualisten wie 1978 haben wir nicht mehr." Einen Ruhepol im Tor wie Friedl Koncilia, einen Recken in der Abwehr wie den verstorbenen Bruno Pezzey, Strategen wie Robert Sara oder Prohaska, Stürmer wie Walter Schachner oder eben Krankl.

Wurde gebusserlt oder nicht?

Zur Verklärung hat damals auch der 1989 verstorbene Radioreporter Edi Finger beigetragen, der die Szene überbordender Freude unter ORF-Kollegen nach dem 3:2 in so griffigen Worten über den Äther verbreitete. Der zitierte "Kollege Riepl" etwa wurde gar nicht mit Küssen überhäuft, wie der heute 63-Jährige kürzlich klarstellte: "Richtig abgebusselt hat der Finger mich nicht. Ich habe den Finger sogar auffangen müssen, sonst wäre er über die Bank gefallen."

Wie dem auch sei - bei der EM 2008 saß Edi Finger Junior, der Sohn des "österreichischen Herbert Zimmermann" für den Radiosender Ö3 am Mikrofon. Der 58-jährige hatte zum Turnier eine CD mit dem berühmten Freudenschrei des Vaters neu produziert. Ihm sei viel Geld dafür geboten worden, sagt er, einmal das legendäre "I wer' narrisch!" seines Vaters zu rufen, aber "ich wäre nur eine schlechte Kopie".

insgesamt 7 Beiträge
Fabian Wachsmuth 16.06.2008
1.
Leider haben Sie bei den Ausgangsbedingungen für die deutsche Elf etwas durcheinandergeworfen: In Wahrheit war unsere Nationalmannschaft auf ein Remis zwischen den Niederlanden und Italien sowie auf einen Sieg über [...]
Leider haben Sie bei den Ausgangsbedingungen für die deutsche Elf etwas durcheinandergeworfen: In Wahrheit war unsere Nationalmannschaft auf ein Remis zwischen den Niederlanden und Italien sowie auf einen Sieg über Österreich mit mindestens fünf Toren Differenz angewiesen, um noch den Gruppensieg und somit den Finaleinzug zu erreichen. Für den Fall, dass es bei Niederlande-Italien aber einen Sieger gegeben hätte, hätte Deutschland auch schon mit einem Ein-Tor-Vorsprung gegen Österreich den zweiten Gruppenplatz und somit den Einzug ins Spiel um Platz 3 geschafft. Kurzum: Die fünf Tore Differenz gegen Österreich hätten nur eine Rolle für einen möglichen Finaleinzug gespielt, und nicht (wie von Ihnen geschrieben) für einen Einzug ins Spiel um Platz 3. Das Ganze ist auch unter dem Stichwort "Córdoba 1978" in der deutschen Wikipedia nachzulesen.
ulf henrich 16.06.2008
2.
Ich empfehle zum Thema mal diesen Link: http://de.youtube.com/watch?v=8C9ODBqnFOI
Ich empfehle zum Thema mal diesen Link: http://de.youtube.com/watch?v=8C9ODBqnFOI
Max Wagner 28.05.2014
3. Córdoba
Das waren noch Zeiten für die Österreicher! Heute dagegen spielt Österreich nur noch eine traurige Rolle im Internationalen Fußball!
Das waren noch Zeiten für die Österreicher! Heute dagegen spielt Österreich nur noch eine traurige Rolle im Internationalen Fußball!
Farouk Zabel 29.05.2014
4.
Die wirkliche Schmach war das Spiel zwischen D und A bei der WM 1982, bei der bewusst ein unentschieden erspielt wurde, damit beide Mannschaften weiter kommen konnten (auf Kosten Algeriens).
Die wirkliche Schmach war das Spiel zwischen D und A bei der WM 1982, bei der bewusst ein unentschieden erspielt wurde, damit beide Mannschaften weiter kommen konnten (auf Kosten Algeriens).
Randolf Schneider 29.05.2014
5. Ich hatte damals
auch das Gefühl, das die Spieler lieber nach Hause wollten, als um den dritten Platz zu spielen. Auf diesen Sieg sollte man in Österreich nicht so stolz sein. Sie haben gegen einen lustlosen Gegner gewonnen und sportlich nichts [...]
auch das Gefühl, das die Spieler lieber nach Hause wollten, als um den dritten Platz zu spielen. Auf diesen Sieg sollte man in Österreich nicht so stolz sein. Sie haben gegen einen lustlosen Gegner gewonnen und sportlich nichts dadurch erreicht. Sie blieben ja in der Tabelle trotzdem hinter Deutschland.

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