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Philipp Freiherr von Boeselager

Der letzte Hitler-Attentäter

Er war der letzte Überlebende des 20. Juli 1944. Philipp Freiherr von Boeselager gehörte zu der Gruppe um Stauffenberg, die das Attentat auf Hitler plante. In der Nacht zum 1. Mai 2008 starb er im Alter von 90 Jahren.

DPA
Freitag, 02.05.2008   17:59 Uhr

Noch bis ins hohe Alter sah er Hitler immer wieder einen Meter, vielleicht auch nur einen halben, vor sich her gehen. Philipp Freiherr von Boeselager konnte die große verpasste Gelegenheit seines Lebens nie vergessen. Am 13. März 1943 war Hitler von dem Mitverschwörer und Freund Oberst Henning von Tresckow unter einem Vorwand in das Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront gelockt worden. Boeselager, der direkt hinter ihm lief, sollte seine Pistole ziehen und den Diktator ermorden.

Doch der Plan wurde kurz vorher abgeblasen und noch Jahrzehnte später haderte er mit seinem Schicksal und damit, dass es für Sekunden in seiner Hand lag, Millionen Leben mit einem Tyrannenmord zu retten: "Ich hätte ihn erschießen können", sagte er noch kurz vor seinem Tod in einem Interview der "FAZ".

Der letzte überlebende Widerstandskämpfer starb am Vormittag des 1. Mai auf seiner Burg Kreuzberg im rheinland-pfälzischen Altenahr, bestätigte seine Familie am Freitag. Der frühere Wehrmachtsoffizier wurde 90 Jahre alt.

Mit 1200 Reitern auf dem Weg nach Berlin

Von Boeselager wurde als fünftes von zehn Kindern bei Bonn geboren. Nach der Schulausbildung ging er zur Wehrmacht. Schon als kleiner Junge war er aufgrund seiner katholischen Erziehung skeptisch gegenüber den Nazis. Schon früh missfiel dem Gläubigen, dass aus den Schulen die Kreuze entfernt wurden. Später wurde sein Vetter, der persönlicher Referent bei Franz von Papen war, durch die Gestapo umgebracht.

Im Juni 1942 erfuhr er während des Russland-Feldzugs erstmals etwas über die von der Nazi-Führung befohlenen Ermordungen - in diesem Fall an einer Gruppe Sinti und Roma. Der Holocaust war einer der Hauptgründe sich im Herbst 1942 den den Widerstandskämpfern anzuschließen. Für den März 1943 war von Boeselager für das letztlich nicht zustande gekommenes Pistolenattentat auf Hitler ausgewählt worden.

Über sein Bataillon konnte er schließlich auch den als besonders gut geltenden, englischen Sprengstoff für das Attentat des 20. Juli 1944 besorgen. Zwei Tage vor dem Anschlag machte sich von Boeselager außerdem im Auftrag seines ebenfalls zu den Widerstandskämpfern zählenden Bruders Georg mit 1200 Reitern von der Ostfront auf den Weg nach Berlin.

Dort hätte er mit seinen Leuten im Fall eines geglückten Attentats SS-Führer Heinrich Himmler und NS-Propagandaminister Joseph Goebbels verhaften und in Berlin für Ruhe sorgen sollen. Doch kurz vor dem Abflug nach Berlin erhielt von Boeselager einen Zettel mit dem Befehl "Alles in die alten Löcher" überreicht. "Da wusste ich, dass das Attentat gescheitert war, wir mussten zurück an die Front", sagte der Widerstandskämpfer später.

Niemand gab seinen Namen Preis

Er entging der Hinrichtungswelle gegen die an dem Attentat beteiligten Verschwörer nur, weil trotz Folter niemand aus der Gruppe seinen Namen preisgab und er so bis Ende des Zweiten Weltkriegs unentdeckt blieb.

Zuletzt hatte sich von Boeselager positiv über die umstrittene Verfilmung des Hitler-Attentats von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit US-Schauspieler und Scientology-Mitglied Tom Cruise geäußert. Die Verfilmung könne ja helfen, dass die Amerikaner etwas mehr über den deutschen Widerstand erfahren, war seine Meinung.

Der überzeugte Katholik gehörte zudem zu den Gründern des Malteser Hilfsdienstes und initiierte die Lourdes-Wallfahrten der Malteser. Im Januar sagte von Boeselager dem "Rheinischen Merkur", dass er angesichts seines Glaubens keine Angst vor dem Tod habe und davon überzeugt sei, dass ihn Gott einmal lachend empfangen werde - "mit Rotwein oder einem guten Cognac".

cjp/AFP/AP/dpa

insgesamt 8 Beiträge
Maurice Philip Remy 03.05.2008
1.
Bei allem Respekt vor Philipp von Boeselager und ohne das Andenken an den Verstorbenen mindern zu wollen, war er weder "der letzte Hitler-Attentäter" noch "der letzte überlebende Widerstandskämpfer". Was [...]
Bei allem Respekt vor Philipp von Boeselager und ohne das Andenken an den Verstorbenen mindern zu wollen, war er weder "der letzte Hitler-Attentäter" noch "der letzte überlebende Widerstandskämpfer". Was etwa wäre dann Ewald-Heinrich von Kleist, um nur einen der noch lebenden Mitverschwörer des 20. Juli zu nennen... Boeselager hätte sich gegen die falsche Behauptung verwahrt. Sein beeindruckendes Leben bedarf nicht des Adjektivs "letzte", um sich daran zu erinnern.
Mihai Robert Soran 03.05.2008
2.
Die Verarbeitung deutscher Geschichte verlangt - wie jedes Lernprozeß - Ehrlichkeit, Maß und Offenheit. Es ist an der Zeit, dass Historiker, Zeitzeugen und Nachkommen zugeben, dass die Bedeutung der sog. Hitler-Attentäter und [...]
Die Verarbeitung deutscher Geschichte verlangt - wie jedes Lernprozeß - Ehrlichkeit, Maß und Offenheit. Es ist an der Zeit, dass Historiker, Zeitzeugen und Nachkommen zugeben, dass die Bedeutung der sog. Hitler-Attentäter und des damit verbundenen Widerstands gegen Null tendiert. Es stimmt, dass diese - meist "hochgeborenen" Verschwörer Hitler umbringen wollten, aber derer Hauptbewegungsgrund war keinenswegs eine demokratische Besinnung sondern der zwanghafte Trieb, Deutschland als militärisch und politisch hochgerüstetes Vaterland zu retten. Weder eine Rückkehr und Weiterentwicklung der Weimarer Republik noch eine neue Form der staatlichen Demokratie waren angedacht oder sogar beabsichtigt noch haben die "Putschisten" aus humanutären Gründen handeln wollen. Der Rassenwahn war vielen von ihnen suspekt aber keiner hat sich als Helfer, geschweigen den als Retter von Juden, Sinti, Roma, "Politischen" (Kommunisten), Homosexuellen, Zwangsarbeitern hervorgetan oder einen Namen verdient. Das heutige Deutschland bruchte und benutzte diese kleine Gruppe sozial hochnäsiger und arroganter Widersacher Hitlers als Salonhelden mit Alibifunktion. Sie sollten beweisen, dass Deutschland nicht nur aus begeisterten oder stumpf-passiven Volksgenossen, Mittätern, Mitläufern und Schulterzuckenden bestand. Nein, es gab auch "Ehrenmenschen", die bereit gewesen sind, die Volksikone Adolf Hitler in den Jenseits zu befördern und seinen Hof festzusetzen, um ihn und die Entourage durch eigenen Militär-Konservativen zu ersetzen, damit eine in ihren Augen und Mentalität schändliche Kapitulation der Großmacht Deutschland doch noch umgegangen werden konnte. Es ist gut, dass jetzt dieser Kriegs- und Nachkriegskapitel auf natürliche Weise beendet wurde. Es ist höchste Zeit, die Hitler-Attentäter und die Verschwörer des 20. Juli, im wahren Licht zu betrachten und ihre Absichten und Taten neu zu bewerten. Die Zeit ist auch reif, die politisch vorgeschriebene Heuchelei des Gedenktages am 20. Juli abzulegen bzw. einzumotten. Denn keiner der Bedachten war ein Held und keines ihrer Gedankenspiele wäre mehr als Schonheitskosmetik. Statt dessen sollte man den vielen Tausenden von deutschen Normalsterblichen gedenken, die im Alltag, unbemerkt von Nachbarn, Zeitgenossen und später von Historikern, die Hitlersche und die NaSo-Maschinerie umgingen, sabotierten und austricksten, um so vielen Rassen- und Politwahn-Opfern wie nur möglich zu retten, bzw. ihre Qualen zu mildern. Das wäre ehrlich, echt und lehrreicher als die Transvestiten-Show am 20. Juli.
Jonathan Müller 04.05.2008
3.
Ich lebe als Deutscher in der Dominikanischen Republik, die fast spiegelgleich ein ähnliches Problem mit dem damaligen Diktator Trujillo hatte, der obendrein noch von den USA massiv unterstützt wurde. Im Jahre 1965 hat eine [...]
Ich lebe als Deutscher in der Dominikanischen Republik, die fast spiegelgleich ein ähnliches Problem mit dem damaligen Diktator Trujillo hatte, der obendrein noch von den USA massiv unterstützt wurde. Im Jahre 1965 hat eine Gruppe von ihn umgebenden Militärs Trujillo mit Pistolenschüssen umgelegt. So einfach ist das ! Warum ich das sage ? Die Rolle von Boeselager (und nicht nur er sondern auch manche der anderen Akateure, die Deutschland und die Welt hätten retten können) erinnert mich einmal an Hamlet, als er sagt: "...angekränkelt von des Gedankens Blässe...." und zweitens an den bekannten Auspruch (von wem ? Sie werden's mir sagen): "Sehen Sie, der Unterschied zwischen Ihnen und mir ist: Sie hätten es tun können, ich aber habe es getan" Mit meinen Sympathien, joemuller1
William Kent 04.05.2008
4.
Those such as Freiherr von Boeselager, who opposed Hitler at risk of their lives, should be honored. The death of Philipp Freiherr von Boeselager should occasion study of his example and reflection on the duty of Christians and [...]
Those such as Freiherr von Boeselager, who opposed Hitler at risk of their lives, should be honored. The death of Philipp Freiherr von Boeselager should occasion study of his example and reflection on the duty of Christians and humanitarians of all faiths in response to state terror. Those of us in the United States would be well served to carefully study what happened in Germany with the rise of Hitler and totalitarian state power.
Maurice Philip Remy 05.05.2008
5.
sorry, wenn ich noch mal nachhake: im Text steht über Philipp von Boeselager, er sei "der letzte Hitler-Attentäter", "der letzte Überlebende des 20. Juli 1944" und "der letzte überlebende [...]
sorry, wenn ich noch mal nachhake: im Text steht über Philipp von Boeselager, er sei "der letzte Hitler-Attentäter", "der letzte Überlebende des 20. Juli 1944" und "der letzte überlebende Widerstandskämpfer" gewesen. Diese Aussagen sind falsch. Mindestens ein weiterer direkt am 20. Juli 1944 beteiligter "Hitler-Attentäter" lebt noch - Ewald-Heinrich von Kleist; auch aus dem weiteren Kreis des Widerstands gibt es noch lebende Zeitzeugen. Richtig wäre also die Formulierung: "Einer der letzten..." oder Ähnliches. Vielleicht ist es ja blauäugig von mir, aber früher wurden so offensichtliche Fehler redaktionell berichtigt; ist das hier anders?

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