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Erste Aktion der RAF

"Natürlich kann geschossen werden"

Mit der Befreiung Andreas Baaders in Berlin begann die Rote Armee Fraktion 1970 ihren "bewaffneten Kampf". Eine chaotische Aktion, bei der alles anders lief als geplant.

AP
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Montag, 14.05.2018   10:56 Uhr

Die Pflastersteine in der Miquelstraße in Berlin-Dahlem haben an den Rändern Moos angesetzt. Hinter einer Tanne und Birken versteckt liegt eine geräumige Villa mit weißen Sprossenfenstern und grünen Fensterläden. Nichts deutet im noblen Südwesten der Hauptstadt darauf hin, dass in dem Haus mit dem spitzen Giebel und der Nummer 83 Geschichte geschrieben wurde. Doch hier nahm am Vormittag des 14. Mai 1970 der dramatischste Konflikt der westdeutschen Gesellschaft seinen Anfang.

Hans Joachim Schneider, Mitarbeiter des "Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen" hielt später fest: "Es war ein besonders schöner, warmer Frühlingstag. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel. Die Vögel zwitscherten, und in dem großen Garten blühten die ersten Blumen." Der "blasse junge Mann" im Lesesaal der Bibliothek, schrieb Schneider, sah "sehr harmlos" aus. Er war hinter einem hohen Stapel von Büchern versteckt. "Er rauchte, während er sich ab und zu Notizen machte, etwas hektisch eine Zigarette nach der anderen."

Bei dem blassen Mann handelte es sich um den 27 Jahre alten Strafgefangenen Andreas Baader. Er verbüßte eine dreijährige Haftstrafe wegen "menschengefährdender Brandstiftung", weil er im April 1968 in Frankfurt aus Protest gegen den Vietnamkrieg, zusammen mit Gudrun Ensslin, und zwei weiteren Genossen zwei Kaufhäuser angezündet hatte. Mit Baader am Tisch in der Miquelstraße saß, ebenfalls heftig rauchend, die Journalistin Ulrike Meinhof. Mit ihr arbeitete Baader angeblich an einem Buch über "randständige Jugendliche".

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Baader-Befreiung: Wie "aus Versehen" die RAF entstand

Zum Recherchieren in der Bibliothek hatte der Leiter der Haftanstalt Berlin-Tegel eine Ausführung genehmigt. Baaders Anwalt Horst Mahler hatte den Anstaltsleiter bedrängt; der Verleger Klaus Wagenbach hatte einen Autorenvertrag aufgesetzt. Nun saßen zwei bewaffnete Wachtmeister, die Baader begleiteten, im Lesesaal.

Im Vorraum des Instituts warten die Medizinstudentin Ingrid Schubert und die Schülerin Irene Goergens. Gegen elf Uhr öffnen sie die Tür für Baaders Gefährtin Gudrun Ensslin und einen Mann. Die Neuankömmlinge sind maskiert und haben Pistolen in den Händen. Jetzt ziehen auch Schubert und Goergens ihre Handfeuerwaffen. Als sie in Richtung Lesesaal stürmen, stellt sich ihnen der Institutsangestellte Georg Linke in den Weg. Der maskierte Mann drückt eine Pistole ab und trifft ihn in Oberarm und Leber.

"Ich schließe daraus, dass die RAF aus Versehen entstanden ist"

Als das bewaffnete Quartett in den Lesesaal eindringt, schreit eine der Frauen: "Hände hoch, Überfall!" Es kommt zu einem wilden Kampf. Einer der beiden Wachtmeister schafft es, seine Dienstwaffe durchzuladen. Von einem Schuss aus einer Tränengaspistole geblendet, schießt er zweimal daneben. Im Kampfesgetümmel sind Baader und Meinhof aus dem Fenster gesprungen, obwohl Meinhof, so war es geplant, auf jeden Fall im Lesesaal sitzen bleiben sollte. Die Journalistin sollte so tun, als sei auch sie von der Flucht Baaders überrascht worden. Doch stattdessen laufen die beiden durch die Gärten zu einer Parallelstraße, wo einer der beiden Fluchtfahrer in einem Mercedes wartet. Kurz darauf springt auch das Befreiungskommando in einen Alfa Romeo. Berlin hat die erste Aktion der Gruppe erlebt, die sich bald "Rote Armee Fraktion" nennen wird.

Die Schauspielerin Barbara Morawiecz, die in der Nähe des Zentralinstituts wohnte, hatte am Morgen einen Zettel ihrer Freundin Ulrike Meinhof an der Tür gefunden: "Wir kommen zum Frühstück, Anna" - das war der Deckname von Meinhof. Morawiecz hatte gerade Kaffee gekocht, als neben Meinhof auch Baader, Ensslin, Goergens und der Schütze die Treppe heraufkamen. Während Polizisten mit Schäferhunden auf der Suche nach Baader und seinen Konsorten durch die Vorgärten hetzten, nahmen die ein zweites Frühstück ein. Morawiecz schnitt Baader die Haare. Auch den anderen half sie, ihr Äußeres zu verändern, bevor sie sie aus der Wohnung komplimentierte.

Hans Magnus Enzensberger schrieb 2015 in "Tumult", seinen Memoiren aus den Sechzigerjahren:

"Dann aber, an einem Nachmittag im Mai 1970, erschienen plötzlich bei mir in meinem Haus in Friedenau völlig außer Atem vier Personen: Ulrike, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und noch ein vierter, an den ich mich nicht erinnern kann. (...) Ich begriff zwar, dass sie auf der Flucht waren, ahnte aber nicht, was sie angerichtet hatten. Dass dabei ein Bibliothekar schwer verletzt worden war, der ominöserweise Linke hieß, erfuhr ich erst später. Sie hatten keinen Zufluchtsort vorbereitet und wollten bei mir unterkommen. Ich erklärte ihnen, warum das keine gute Idee war. Vor meinem Haus stand nämlich seit geraumer Zeit ein schwarzer Volkswagen mit einem Mann, der die langweilige Aufgabe hatte zu beobachten, wer bei mir ein und ausging. (...) Daraufhin sind sie schnell verschwunden. Ich schließe aus dieser Episode, dass die RAF aus Versehen entstanden ist."

Auch der Kabarettist Wolfgang Neuss berichtete später von einem Besuch von Stadtguerilleros nach der Baader-Befreiung. Sie hätten gesagt: 'Wolfgang, du musst uns helfen, wir brauchen dein Auto.' Er habe sie angebrüllt: 'Seid ihr wahnsinnig' und nicht mitgemacht - "leider, wie man heute sagen muss. Denn wäre ich Wahnsinniger damals eingestiegen, hätte das ganze Abenteuer keine drei Tage gedauert."

"Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine"

In der ersten, in der linksradikalen Berliner Stadtzeitung "Agit 883" veröffentlichen Erklärung der Gruppe hieß es: "Die Baader-Befreiungs-Aktion haben wir nicht intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Alles-besser-Wissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes." Und: "Um die Konflikte auf die Spitze treiben zu können, bauen wir die Rote Armee auf."

In der Miquelstraße 83 lebt heute eine Familie, die sich darüber ärgert, wenn bei den runden Jahrestagen der "Baader-Befreiung" Fernsehteams und Fotografen um das Haus schleichen. Das Institut befindet sich inzwischen in einer Villa in der Bernadottestraße 94, deren Grundstück an das der Miquelstraße 83 angrenzt. Dort lassen sich im Lesesaal auch mehrere Ordner alter Zeitungsausschnitte zu der Schießerei studieren.

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Michael Sontheimer und Peter Wensierski:
Berlin - Stadt der Revolte

Ch. Links Verlag; 448 Seiten; 25 Euro

Die linke Szene in der Bundesrepublik und West-Berlin war im Frühjahr 1970 von der Aktion von Ensslin, Meinhof und Co. nicht angetan. Einen Menschen anzuschießen und lebensgefährlich zu verletzen, das stand für die meisten in keinem Verhältnis zur Befreiung des wenig bekannten Baader. Doch auf einem von Ulrike Meinhof besprochenen Tonband, das die französische Journalistin Michele Ray für 1000 US-Dollar an den SPIEGEL verkaufte, ließ sich hören: "Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden."

Der Text ist ein Kapitel aus dem unlängst erschienenen Buch von Michael Sontheimer und Peter Wensierski: "Berlin - Stadt der Revolte".

insgesamt 4 Beiträge
Olaf Ahrens 14.05.2018
1. Verträumte Versager
Alle haben im echten Leben wenig Chancen gehabt und konnten sich nur Gewalt profilieren. Schade, dass man diesen Losern immer noch soviel Aufmerksamkeit schenkt.
Alle haben im echten Leben wenig Chancen gehabt und konnten sich nur Gewalt profilieren. Schade, dass man diesen Losern immer noch soviel Aufmerksamkeit schenkt.
Werner Brach 14.05.2018
2.
Es ist mir ein Rätsel warum diese Verbrecher vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurden, denn ihre Gräueltaten hätten mit einer lebenslangen Gefängnis-Strafe ohne eine frühzeitige Entlassung gesühnt werden müssen.
Es ist mir ein Rätsel warum diese Verbrecher vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurden, denn ihre Gräueltaten hätten mit einer lebenslangen Gefängnis-Strafe ohne eine frühzeitige Entlassung gesühnt werden müssen.
Karl Nappich 14.05.2018
3. Keine Menschen?
Anderen das Menschsein abzusprechen fand da ja in erschreckender Kontinuität zu der den RAF-Terroristen vorhergegangenen Generation statt. Spätestens nach diesem Satz hätte sich die versammelte Linke geschlossen und öffentlich [...]
Anderen das Menschsein abzusprechen fand da ja in erschreckender Kontinuität zu der den RAF-Terroristen vorhergegangenen Generation statt. Spätestens nach diesem Satz hätte sich die versammelte Linke geschlossen und öffentlich von dieser Bande distanzieren müssen. Wie wir wissen, ist das ja nie geschehen, und bis in sozialdemokratische Kreise hinein gab es ja Sympathiesantentum oder zumindest „klammheimliche Freude“. Das Menschenbild, bzw. der Menschenhass, links- und rechtsradikaler Kreise scheint doch recht ähnlich zu sein. Nur dass es jeweils andere Menschengruppen sind, denen das Menschsein abgesprochen wird.
Hartmut Stroh  15.05.2018
4. @1 Olaf Ahrens
Ulrike Meinhof war eine bekannte und erfolgreiche Journalistin, Horst Mahler war Rechtsanwalt. Auch wenn es mir fern liegt, Mörder zu verteidigen, sollten wir doch bei der Wahrheit bleiben. Erst informieren, dann kommentieren.
Ulrike Meinhof war eine bekannte und erfolgreiche Journalistin, Horst Mahler war Rechtsanwalt. Auch wenn es mir fern liegt, Mörder zu verteidigen, sollten wir doch bei der Wahrheit bleiben. Erst informieren, dann kommentieren.

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