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Ausweisung 1971

Als die Briten Rudi Dutschke rauswarfen

Schwer verletzt überlebte Rudi Dutschke 1968 ein Attentat. Als er in Cambridge promovieren wollte, stufte ihn die britische Regierung als Gefahr ein - und schickte die Familie Dutschke fort.

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Mittwoch, 11.04.2018   17:11 Uhr

Im Mai 1970 haben Rudi und Gretchen Dutschke gerade eine Wohnung am Stadtrand von Cambridge bezogen. Zwei Etagen, Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, dazu ein Garten mit Planschbecken für ihre Kinder, den zweijährigen Hosea-Che und seine kleine Schwester Polly-Nicole. Das Semester hat noch nicht begonnen, die Dutschkes haben Zeit. Sie lernen andere Familien kennen, veranstalten Picknicks, fahren Stocherkahn auf der Cam.

Es ist ein Idyll in der berühmten britischen Universitätsstadt - aber nur von kurzer Dauer. Die britische Regierung behandelt Rudi Dutschke als Störenfried und Sicherheitsrisiko, nicht als Menschen, der Hilfe braucht und Schutz. Bald schon wird sie die Kleinfamilie wieder aus dem Land werfen.

Zwei Jahre zuvor hatte das Attentat auf Dutschke zu den bis dahin heftigsten Unruhen der bundesdeutschen Geschichte geführt. Am Gründonnerstag 1968 war Rudi Dutschke zu Alltagsbesorgungen geradelt - er wollte am 11. April Unterlagen beim Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) sowie Nasentropfen für seinen erkälteten, erst drei Monate alten Sohn holen. Am Nachmittag kam er aus dem SDS-Zentrum und wartete auf seinem roten Damenrad am Kurfürstendamm auf die Öffnung der Apotheke gegenüber, als ein junger Mann auf ihn zutrat und fragte: "Sind Sie Rudi Dutschke?" Als Dutschke bejahte, rief Josef Bachmann, 23: "Du dreckiges Kommunistenschwein!" Er zog seinen Revolver und drückte ab, dreimal. Die Kugeln trafen Dutschke im Gesicht, im Hinterkopf und in der Schulter.

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Dutschkes in Cambridge: Wer hat Angst vorm Bürgerschreck?

Schwer verletzt überlebte der Mann, der die Studentenbewegung in Westdeutschland angeführt und mit seinen markanten Reden so viele begeistert hatte, als Kopf und Stimme der Revolte von 1968, als SDS-Ideologe. Niedergeschossen wurde er von einem rechtsradikalen Hilfsarbeiter mit Kontakten zum Milieu der Alt- und Neonazis, zerfressen vom Hass und verstrahlt von der Hetze gegen linke Studenten, vor allem in der "Bild"-Zeitung ("Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!").

Dutschke schrieb Bachmann später noch verzeihende Briefe ins Gefängnis, wo der Hitler-Verehrer sich im Februar 1970 selbst tötete.

Suche nach einem friedlichen Ort

Die Schüsse vom Ku'damm veränderten alles. Monate verbrachte Dutschke im Krankenhaus. Was für ihn so wichtig war, musste er neu lernen: lesen, schreiben, sprechen. Außerdem war da ein neues Gefühl - Angst. Seit dem Attentat litt Rudi Dutschke an epileptischen Anfällen, hatte massive Angststörungen. Die Dutschkes wollten nur noch weg, raus aus Deutschland. Sie waren auf der Suche nach einem friedlichen Ort.

Ende 1968 fand die Familie zunächst für ein paar Monate Unterschlupf in der Villa eines linken Verlegers bei Rom, bis Paparazzi sie aufspürten. Die Dutschkes zogen weiter und nutzten den Kontakt zu Erich Fried: Der befreundete Schriftsteller lebte in London und half ihnen, ein Visum zu besorgen, um Dutschkes medizinische Behandlung in England fortzusetzen.

Nun also: Großbritannien. Für die erste Zeit nimmt Fried die Dutschkes auf. Als das Visum ausläuft, wollen sie bleiben. Sie fühlen sich sicher in England, sicherer jedenfalls als in Deutschland. Schon vor dem Attentat recherchierte Rudi Dutschke für eine Doktorarbeit, die möchte er fortführen. Er will wieder an die Uni, wieder forschen, denken, schreiben. Seine Bekannten raten ihm, es in Oxford und Cambridge zu probieren, die Eliteunis gäben eher Raum für radikales Denken.

"Der laute Mann hört einfach nicht auf zu reden"

Dutschke hat keinen Uniabschluss, sein Englisch ist mäßig, die Familie hat kaum Geld. Trotzdem wird er in Cambridge angenommen. Finanziell kommt Hilfe aus Deutschland: Bundespräsident Gustav Heinemann, Theologe Helmut Gollwitzer, SPIEGEL-Verleger Rudolf Augstein und einige andere - sie alle wollen den schwer beeinträchtigten Mann unterstützen, der wegen seiner politischen Überzeugungen niedergeschossen wurde.

1970 steht Dutschke nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit. "Die Relevanz von Rudi Dutschke endet für viele mit dem Attentat", sagt Katharina Karcher, die an der Universität Cambridge zu Dutschkes Exil in England geforscht hat. Sie hat Dokumente gesammelt, mit Zeitzeugen gesprochen und ein Archiv aufgebaut, bald sollen ein Dokumentarfilm und ein Buch erscheinen. Karcher ist es gelungen, eine Episode aus Dutschkes Leben nachzuzeichnen, die in Deutschland kaum bekannt ist.

Die Dutschkes bekommen eine Wohnung in Clare Hall, einem ruhigen, familienfreundlichen College. Nebenan leben die McConnells, ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern. Ian McConnell erinnert sich noch an sein erstes Erlebnis mit Dutschke: "Ich kam nach Hause, meine Frau sagte: Der Mann nebenan hat eine schrecklich laute Stimme, und er hört einfach nicht auf zu reden."

Die beiden Paare freunden sich an. Sie gehen zusammen zum Mittagessen im College und passen gegenseitig auf die Kinder auf. Gut zwei Jahre nach dem Attentat haben die Dutschkes das Gefühl, anzukommen. Wenn man Gretchen Dutschke heute fragt, wie sie sich an die Zeit in Cambridge erinnert, sagt sie: "Es war einfach schön."

Um bleiben zu können, braucht Rudi Dutschke ein neues Visum. Kein Problem, denkt das Paar, schließlich hat er einen Studienplatz. Doch als das Semester beginnt, erfahren sie, dass ihr Antrag abgelehnt wurde: Es gebe keine medizinischen Gründe für einen weiteren Verbleib, außerdem sei Dutschke eine Gefahr für die nationale Sicherheit.

Dutschkes Kampfgeist erwacht

Großbritannien hat eine lange Tradition politischer Exilanten, in London fanden schon Karl Marx und Sigmund Freud Zuflucht. "Aber das Klima hatte sich geändert", sagt Forscherin Karcher. Von Dutschke wurde politische Abstinenz verlangt. Die britische Regierung, zumal nach dem Wechsel von der Labour-Party zu den Konservativen im Juni 1970, blickte mit Sorge auf die Studentenunruhen und die nachfolgende Radikalisierung in Europa, nahm zudem die Streiks in den Kohlebergwerken als massive Bedrohung wahr.

Für Gretchen Dutschke ist die Nachricht ein Schock. In Rudi Dutschke weckt sie alten Kampfgeist. Er erhebt Einspruch, das ist erst seit einem Gesetz von '69 möglich. Es sieht vor, dass dann ein Tribunal aus fünf "ehrenhaften Bürgern" entscheidet. "Für Rudi war das Tribunal eine Möglichkeit, wieder in die Politik einzugreifen", sagt Gretchen Dutschke heute.

Im November 1970 starten fünf Cambridger Professoren einen Spendenaufruf; 750 Pfund brauchen die Dutschkes, um ihre beiden Anwälte zu bezahlen. Im Dezember tagt das Tribunal. Zwölf Zeugen bestätigen, dass Dutschke während seiner Zeit in England nicht politisch aktiv war; unter ihnen sagen Erich Fried, Paul Österreicher, Helmut Gollwitzer für Dutschke aus. Dutzende Unterstützerbriefe treffen ein, aber auch solche voller Hass: "Großbritannien beherbergt schon zu viele Revolutionäre" oder "Zur Hölle mit Rudi Dutschke".

Die fünfte und letzte Sitzung des Tribunals findet im Geheimen statt. "Was da besprochen wurde, weiß niemand", sagt Karcher. Hatte der britische Geheimdienst Informationen aus Überwachung oder Beschattung, die Dutschke belasteten? Gab es Beweise, dass er doch politisch aktiv war?

Immerhin hatte er ein Bergwerk in Wales besucht. Auch hatte er im Herbst 1969 in London Horst Mahler getroffen, der Dutschke vom Aufbau einer bewaffneten Organisation zu überzeugen suchte - und eine Abfuhr erhielt. Dutschke verstand sich als Revolutionär und war sicher kein Friedensengel, aber ebensowenig Anhänger einer Terrordespotie durch linksradikale Kadergruppen.

Rekonvaleszent als Risiko

Am 8. Januar 1971 verkündet das Tribunal die Entscheidung: Dutschke muss gehen. Zwar stelle er noch keine konkrete Gefahr dar, es sei aber davon auszugehen, dass er zum Problem werde, sofern er weiter in England studiere. Es liege ein "Risiko in seiner fortgesetzten Anwesenheit".

Mit der Entscheidung beginnt der Protest. Die Studierendenvertretung der Uni Cambridge ruft am 18. Januar 1971 zu einem Streik auf. Nachbar Ian McConnell sammelt Unterschriften; er kann nicht glauben, dass sein Land einem kranken Mann das Studium verwehrt.

Interview (2009): Marek Dutschke über die 68er

Foto: SPIEGEL TV

Die Akten sind bis heute unter Verschluss. Und McConnell ist bis heute überzeugt, dass Dutschke in England zwar über Politik nachgedacht und diskutiert, sich aber nicht politisch betätigt habe: "Hätte er es getan, hätten wir das mitbekommen." McConnell hat Zeitungsartikel aus der Zeit gesammelt, in denen das Tribunal als ein Scheitern der Justiz bezeichnet wird, als "Ausflug in die Prophetie" (so die "Times"), als armselige Angelegenheit und als Niedergang der Rechtsstaatlichkeit.

Doch aller Protest ist vergebens. Anfang Februar 1971 verlassen die Dutschkes England. Sie ziehen in eine Kommune im dänischen Aarhus. Dort arbeitet Rudi Dutschke an der Universität, schreibt weiter an seiner Doktorarbeit und reicht sie 1973 ein. Sechs Jahre später, an Heiligabend 1979, erleidet er einen epileptischen Anfall in der Badewanne und ertrinkt. Seine Frau, schwanger mit dem dritten Kind Marek, findet ihn, sein elfjähriger Sohn Hosea-Che versucht ihn noch wiederzubeleben. Doch Rudi Dutschke stirbt im Alter von 39 Jahren an den Spätfolgen des Attentats.

Wie hätte Dutschkes Leben ausgesehen, wenn Großbritannien ihn nicht ausgewiesen hätte? Wie bedrohlich war der Rekonvaleszent - wäre er tatsächlich zu einer Gefahr für das Land geworden? Gretchen Dutschke sagt, ihr Mann habe damals nur eine Sache im Kopf gehabt: seine Doktorarbeit. "Rudi hat von Anfang an gesagt, dass er sich nicht politisch betätigen würde. Er hatte nichts vor." Auch Katharina Karcher glaubt, dass Dutschke sich während des Studiums aus der Politik raushalten wollte. Und trotzdem: "Er hatte radikale Ansichten, er war ein starker Agitator, und ich glaube, dass er diese Stimme wieder entwickelt hätte."

insgesamt 4 Beiträge
Uwe Niese 11.04.2018
1. Ich wüsste gerne, ob die verzeihenden Briefe Rudi Dutschkes
an Bachmann irgendwo öffentlich zugänglich sind.
an Bachmann irgendwo öffentlich zugänglich sind.
M. Menschundrecht 11.04.2018
2. Mein Name ist Klar
Mit seinem statement zum Urlaub hat der Rudi eigentlich alles Wesentliche (https://www.youtube.com/watch?v=SBF8Tc9HkcE) gesagt.
Mit seinem statement zum Urlaub hat der Rudi eigentlich alles Wesentliche (https://www.youtube.com/watch?v=SBF8Tc9HkcE) gesagt.
Franz Fischer 12.04.2018
3. Hetzer
Wer am Grab eines Terroristen (Holger Meins) die Faust in den Himmel streckt und davon schwadroniert, dass "... der Kampf weitergeht" und jener Terrorist ein "Gefallener" ist, ist ein Hetzer! Ganz egal ob [...]
Wer am Grab eines Terroristen (Holger Meins) die Faust in den Himmel streckt und davon schwadroniert, dass "... der Kampf weitergeht" und jener Terrorist ein "Gefallener" ist, ist ein Hetzer! Ganz egal ob links oder rechts, - die Spielregeln gelten für alle gleich!
Peter Kühnle 13.04.2018
4. Kampf
Der Kampf Dutschkes war ein erforderlicher im Muff der Talare, unter denen noch die 1000 Jahre steckten. Das Abgleiten der Proteste in die Gewalt von Seiten der späteren Baader- Meinhoff- Bande war die falsche Antwort auf die [...]
Der Kampf Dutschkes war ein erforderlicher im Muff der Talare, unter denen noch die 1000 Jahre steckten. Das Abgleiten der Proteste in die Gewalt von Seiten der späteren Baader- Meinhoff- Bande war die falsche Antwort auf die reaktionäre Reaktion des (Altnazi) Kissinger- Staates.

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