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Schräge Fußballer

"Ohne Show ist es stinklangweilig"

Nicolas Anelka wurde von der WM suspendiert, weil er seinen Trainer beschimpfte. Aber ist er deswegen ein Fußball-Freak? Gibt es heute noch Entertainer auf dem Rasen? einestages hat den ehemals buntesten Hund der Bundesliga, Willi "Ente" Lippens befragt - und stellt die verrücktesten Spieler der Fußballgeschichte vor.

AP
Ein Interview von
Dienstag, 22.06.2010   16:05 Uhr

Willi Lippens, Jahrgang 1945, spielte von 1965 bis 1976 sowie von 1979 bis 1981 für Rot-Weiss Essen. 1976 wechselte er zu Borussia Dortmund, 1979 zum US-amerikanischen Club Dallas Tornado, wo er jedoch nur acht Monate blieb. Er absolvierte 242 Bundesliga-Spiele und schoss dabei 92 Tore. 1981 beendete Lippens seine Fußballkarriere. Derzeit betreibt der ehemalige Linksaußen-Star bei Bottrop das Ausflugsrestaurant "Ich danke Sie!"

einestages: Herr Lippens, um Ihre Gegenspieler zu foppen, haben Sie sich in Karlsruhe einmal in aller Seelenruhe auf den Ball gesetzt. Warum traut sich das heute niemand mehr?

Lippens: Im aktuellen Fußball würde man in so einem Fall sehr wahrscheinlich die Gelbe Karte kassieren, wegen Unsportlichkeit.

einestages: Gibt es deshalb nur noch so wenig Originale in der Bundesliga?

Lippens: Von Kindesbeinen an werden die Nachwuchskicker auf Taktik gedrillt und in eine Schablone gepresst. Sie lernen, dass es am wichtigsten ist, immer auf den Trainer zu hören. Wenn man das nicht macht, kann es ruckzuck sein, dass man die Mannschaft wieder verlassen muss. In so einem System fehlen natürlich die Freiräume ...

einestages: ... um Schabernack zu treiben?

Lippens: Hören Sie, auch ich habe nicht nur herumgeblödelt! Immerhin habe ich während meiner Zeit als aktiver Spieler mehr als 220 Tore geschossen!

einestages: Trotzdem haben Sie 1965 den Schiri mit Ihrem "Ich danke Sie" zur Weißglut gebracht und 14 Tage Spielverbot kassiert ...

Lippens: ... Das war damals beim Regionalligaspiel gegen Herne. Nachdem ich ständig gefoult wurde, hatte ich irgendwann die Nase voll und habe meinen Gegenspieler geschubst, das kommt ja mal vor. Als der Schiedsrichter dann mit der Gelben Karte angelaufen kam und sagte: "Ich verwarne Ihnen!", da musste ich einfach reagieren, das hätte ich nie so schlucken können. So kam es zu meinem "Ich danke Sie!" - und zur Roten Karte. Klar, damals war ich sauer, heute bin ich froh darüber.

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Schräge Fußballer: "Ohne Show ist es stinklangweilig"

einestages: Haben Sie sich mit dem Schiedsrichter noch einmal ausgesprochen?

Lippens: Es kam nie wieder zu einer Begegnung. Vor vier Jahren wollte ich ihn zu meinem 60. Geburtstag einladen, aber da war er schon tot. Das war natürlich schade.

einestages: Am Anfang Ihrer Karriere erzielten Sie einmal ein Kopfballtor im Handstand, später, in der Bundesliga, stoppten Sie die Bälle gern mit dem Hintern. Warum braucht der Fußball die Show?

Lippens: Weil es sonst stinklangweilig wäre. Wenn ein Spiel wirklich nur nach taktischen Vorlagen abläuft, ist es für Insider vielleicht schön anzusehen - aber tot. Die Kunst besteht darin, beides zu können: Erst müssen Sie Erfolg haben mit dem eigenen Spiel, und dann ist die Zeit gekommen, etwas für die Tribüne zu tun, sich was zu trauen.

einestages: Was genau?

Lippens: Mal das Dribbling übertreiben, mal mit den Hacken spielen, egal! Wir Fußballer müssen unsere Zuschauer begeistern. Die müssen bereit sein ihr Unterhemd auf den Platz zu werfen! Das ist sicher die schwierigste Arbeit. Aber wenn man das kann, ist man ein ganz großer.

einestages: So einer wie der Gerd Müller?

Lippens: Nee, das konnte der nicht.

einestages: Wer konnte es denn? Wer hatte das Entertainer-Gen?

Lippens: Im positiven Sinne verrückt, das waren nur wenige. Wolfgang Kleff von Borussia Mönchengladbach etwa, den alle nur "Otto" nannten. Später dann der Basler. Und Sepp Maier natürlich, der auch sehr lustig war. Naja, und dann wäre da noch Charly Dörfel.

einestages: War Ihr Idol auch ein begnadeter Entertainer?

Lippens: Nein, Helmut Rahn war eher der geradlinige, nüchterne Typ - und ein Genie am Ball. Als Deutschland Weltmeister wurde, war ich neun. Und Rahn war mein großer Star.

einestages: Und heute? Wer hat das Zeug zum Original?

Lippens: Eigentlich niemand, außer Marko Marin vielleicht. Der macht hin und wieder etwas Theater, übertreibt das Dribbling, das tut gut. Aber es wird der Tag kommen, da ist wieder einer da.

einestages: Aber nie wird jemand wieder so herrlich plattfüßig watscheln wie Sie! Mögen Sie Ihren Spitznamen "Ente" eigentlich?

Lippens: Als ein Sportjournalist mir diesen Beinamen verpasste, damals in meinem ersten Jahr in der zweiten Liga, da war ich gar nicht einverstanden. Man ist ja eitel als junger Bursche. Später habe ich gemerkt: Jeder, der etwas darstellt im Fußball, sollte einen Spitznamen bekommen. Von daher war "Ente" das Beste, was mir passieren konnte.

insgesamt 1 Beitrag
Werner Schäffer 23.06.2010
1.
Eine gelbe und eine rote Karte kann Ente Lippens 1965 nicht gesehen haben. Die wurden nämlich erst 1970 zur WM in Mexico eingeführt, wie man auch im Artikel "Die Erfindung der Arschkarte" hier auf einestages nachlesen [...]
Eine gelbe und eine rote Karte kann Ente Lippens 1965 nicht gesehen haben. Die wurden nämlich erst 1970 zur WM in Mexico eingeführt, wie man auch im Artikel "Die Erfindung der Arschkarte" hier auf einestages nachlesen kann.

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