einestages

Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Der Mann, der die Wolken lesen konnte

Im Frühjahr 1943 befürchtete die Schweiz eine Invasion von Nazi-Deutschland. Hohe Offiziere planten eine wichtige Besprechung auf einem Berg bei Luzern. Dafür brauchten sie unbedingt freie Sicht - und vertrauten einem jungen Leutnant.

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Montag, 22.06.2015   09:25 Uhr

Karl Frey hatte ein mulmiges Gefühl, als er am 22. Mai 1943 frühmorgens an die Zimmertür von Divisionskommandant Heinrich Iselin im vornehmen Luzerner Hotel Schweizerhof klopfte. Am Vormittag sollten alle höheren Offiziere des zweiten Schweizer Armeecorps auf das etwa 1900 Meter hohe Stanserhorn hinauffahren, um ein kurz zuvor abgehaltenes wichtiges Manöver zu besprechen. Von der Einschätzung des jungen Leutnants, Chef des Wetterdienstes der vierten Armeedivision, würde es abhängen, ob die Manöverkritik wie geplant stattfinden könnte.

"Ich erwarte Sie um 5.45 Uhr auf der Dachterrasse des Hotels zur Entgegennahme der Wetterprognose", lautete die Order seines Stabschefs. "Wir benötigen freie Sicht und können keinen Regen brauchen." Frey kannte sich in der Meteorologie aus. Schon als Neunjähriger hatte er angefangen, täglich Wetterkurven anzulegen. Umso größer war seine Sorge, als er am Abend des 21. Mai bemerkte, dass am Himmel Cirrus- und Altocumuluswolken aufzogen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass es mit dem schönen Wetter bald vorbei sein würde.

Die Stimmung in der Armee war zu dem Zeitpunkt äußerst angespannt. Es erschien durchaus realistisch, dass die deutsche Wehrmacht und Truppen des verbündeten Italiens in der Schweiz einmarschieren würden. Nazi-Deutschland bezog aus der Schweiz zwar Waffen, Munition und Lebensmittel wie Fleisch, Milch, Käse und Obst. Die Lieferungen kriegswichtiger Güter an das "Dritte Reich" überstiegen die Ausfuhren in die Länder der Alliierten erheblich, und die Schweiz war zudem ein unverzichtbarer Umschlagplatz für Gold. Andererseits war das Land seit der Kapitulation Frankreichs 1940 vollständig von den Achsenmächten umzingelt. Angesichts eines möglichen "Blitzkriegs" machte sich in der schweizerischen Öffentlichkeit Panik breit.

Schaltstelle Schweizerhof

Karl Frey war sich bei seiner Wettervorhersage darüber im klaren, dass auf dem Stanserhorn ein "großer militärischer Anlass" bevorstand, vergleichbar mit dem "Rütlirapport" von General Henri Guisan. Der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee hatte am 25. Juli 1940 alle höheren Offiziere einbestellt, um sie auf die so genannte "Reduit"-Strategie zur Landesverteidigung einzuschwören. In den Alpen wurde daraufhin ein System aus Festungsbunkern angelegt, von denen aus die Truppen im Fall eines Angriffs der Achsenmächte die wichtigsten Passübergänge, insbesondere am Gotthardmassiv, kontrollieren und notfalls zerstören sollten.

Nachdem die Festungen gebaut und für ein halbes Jahr Vorräte für die Soldaten und die Zivilbevölkerung eingelagert worden waren, verlegte die Armeeführung nach und nach alle neun Divisionen in den Zentralraum der Alpen. Zur Verteidigung der Zivilbevölkerung im Mittelland standen schließlich nur noch Grenzbrigaden, drei leichte Brigaden, Territorialtruppen und Ortswehren bereit. Im Mai 1941 wurde die Truppenkonzentration abgeschlossen und auch die vierte Division, der Frey angehörte, ins Gebirge verlegt. Der Stab der Division wurde in jenen Jahren mehrmals im Hotel Schweizerhof in Luzern, nahe bei den Voralpen, einquartiert.

In Luzern und Umgebung konzentrierten sich in der Zeit diverse Spionageaktivitäten gegen das "Dritte Reich". Einer der Spitzel war Major Max Waibel, der an der Berliner Kriegsakademie einen Lehrgang für Generalstabsoffiziere absolviert hatte. Nach Kriegsausbruch kam er in die Schweiz zurück und übernahm die Leitung der sogenannten Nachrichtensammelstelle Rigi: "So zog ich denn am 15. November 1939 - es war gerade die erste Verdunkelungsübung - sozusagen unbemerkt im (Luzerner Hotel) Schweizerhof ein und gründete mit einem Offizier und einem Soldaten als Gehilfen die Organisation", zitiert ihn 1967 DER SPIEGEL.

"Kein Regen vor 11 Uhr"

Als Frey am 22. Mai 1943 im Morgengrauen auf der Dachterrasse des Hotels stand und über den Vierwaldstättersee auf die umliegenden Berge blickte, hatte es in der Westschweiz schon zu regnen begonnen. In der geschlossenen Wolkendecke entdeckte der Leutnant jedoch plötzlich eine kleine blaue Lücke, ein so genanntes "Föhnfenster". Es bestand also eine reelle Chance, dass sich der Regen über dem Stanserhorn verzögern würde.

Wenige Minuten später stand Frey dem Oberstdivisionär gegenüber, der ihn noch im Pyjama empfing. Er wagte eine riskante Prognose: "Bei uns bleibt es meist bedeckt, unter leichtem Föhneinfluss wird jedoch vor 11 Uhr kein Regen fallen." Iselin gab daraufhin grünes Licht für das Treffen der hohen Militärs, das von 9 bis kurz vor elf Uhr dauern sollte.

Auf der Fahrt zum Berg bemerkte Frey erleichtert, dass sogar kurzzeitig die Sonne schien. Die Lagebesprechung begann pünktlich. Für das Schweizer Militär waren das Stanserhorn und seine Umgebung von großer strategischer Bedeutung. Etwa 17 Kilometer entfernt befand sich das Artilleriewerk Fürigen, eine wichtige Anlage im "Réduit". In engen in den Fels gesprengten Gängen und Räumen harrten Offiziere und etwa 80 Soldaten der vierten Division wie in einem U-Boot aus, ohne Tageslicht zu sehen. Als Kriegsreserve lagerten in der mit zwei Kampfständen und Munitionsdepot versehenen Festung Lebensmittel für 30 Tage.

Minutengenau

Zum Ernstfall sollte es allerdings nie kommen. Hitler verzichtete auf einen Angriff gegen die Schweiz.

Die Zusammenkunft auf dem Stanserhorn endete an jenem Vormittag im Mai 1943 pünktlich kurz vor 11 Uhr, ohne dass bis dahin ein einziger Regentropfen gefallen war. Freys enorme Anspannung begann sich zu lösen. "Die Vorstellung, die Verantwortung zu tragen dafür, dass eine Manöverkritik auf höchster militärischer Ebene verregnet würde, hat mich einige Schweißtropfen gekostet", erinnerte er sich viele Jahre später, als er seine Geschichte bei einem Wettbewerb des Hotels Schweizerhof einreichte. Frey hatte es geschafft, seine Wetterprognose auch ohne die heutige Technik fast minutengenau zu stellen. Erst um 11.20 Uhr, als sich die Offiziere bereits auf dem Rückweg ins Tal befanden, setzte ein Gewitter ein. Sein Vorgesetzter spendierte ihm dafür eine Flasche Wein.

Modelle von Cirrocumulus-, Altostratus- und Stratocumuluswolken schmücken heute eine Wand des Zimmers, das der Schweizerhof dem mittlerweile 98-jährigen Karl Frey gewidmet hat. In einer Vitrine sind seine grafischen Wetteraufzeichnungen vom Mai 1943 ausgestellt.

Ungefähr ein Jahr später, am 5. Juni 1944, so weiß der pensionierte Lehrer, sollen übrigens auch die Alliierten in England auf eine ähnlichen Wetterprognose vertraut haben. "Bei unbeständigem Wetter wird morgen zwischen zwei Wetterfronten eine kurze Wetterbesserung eintreten", wurde den Oberkommandierenden unmittelbar vor der Landung der Truppen in der Normandie mitgeteilt. Nach einem Moment spannungsreicher Stille entschied der amerikanische General Dwight D. Eisenhower: "Well, we will go."

insgesamt 8 Beiträge
Oliver Toll 22.06.2015
1. Spannend
Ein Typ hat damals für eine Besprechung am Berg 'kein Regen bis 11' vorhergesagt und richtig gelegen ... Spannender als der Grexit ist das allemal.
Ein Typ hat damals für eine Besprechung am Berg 'kein Regen bis 11' vorhergesagt und richtig gelegen ... Spannender als der Grexit ist das allemal.
Dierk Meyer 22.06.2015
2. Kachelmann
Das war bestimmt Kachelmanns Grossvater :-D
Das war bestimmt Kachelmanns Grossvater :-D
Boris Schumacher 22.06.2015
3. und heute?
heute schaffen sie es mit all der technik und computer modellen nicht einmal das aktuelle wetter richtig anzusagen....geschweigen denn was in 1-2 stunden sein wird....aber viel geld kassieren das können sie alle...
heute schaffen sie es mit all der technik und computer modellen nicht einmal das aktuelle wetter richtig anzusagen....geschweigen denn was in 1-2 stunden sein wird....aber viel geld kassieren das können sie alle...
gerhart wiesend 22.06.2015
4. Wozu auch?
Da die Schweiz ohnehin für Nazi-Deutschland arbeitete und von den Achsenmächten umringt war, konnte man sich die Mühe einer Invasion sparen. Außerdem konnten über die Schweiz die internationalen Geldgeschäfte der Nazis [...]
Da die Schweiz ohnehin für Nazi-Deutschland arbeitete und von den Achsenmächten umringt war, konnte man sich die Mühe einer Invasion sparen. Außerdem konnten über die Schweiz die internationalen Geldgeschäfte der Nazis abgewickelt werden. Opel und Ford wurden so für ihre Kriegsproduktion für die Wehrmacht bezahlt. Und gegen Kriegsende planten dort weitsichtige SS-Leute den Wiederaufbau und die Gründung der CDU. Seltsam nur, dass wir Piefkes ausgerechnet bei den Schweizern so unbeliebt sind, nachdem wir sie als einziges Land Europas im 2. WK verschonten.
Sebastian Dauner 22.06.2015
5.
Also, Herr Wiesend, wer ist den WIR? SIE haben damals bestimmt keine tragende Rolle gespielt...und immer wieder dieses "Deutsche sind unbeliebt in der Schweiz"-Gedusel... Von dem bemerke ich eigentlich nichts... Ausser [...]
Also, Herr Wiesend, wer ist den WIR? SIE haben damals bestimmt keine tragende Rolle gespielt...und immer wieder dieses "Deutsche sind unbeliebt in der Schweiz"-Gedusel... Von dem bemerke ich eigentlich nichts... Ausser man schenkt Sommerloch-Schlagzeilen von Schundblättern der Boulevard Presse Glauben...

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