einestages

Stuntfrau Kitty O'Neil

Die schnellste Frau der Welt ist tot

Schon als Kleinkind war sie taub, lernte trotzdem sprechen und Klavierspielen. Später sprang sie von Hochhäusern und brach in einer Rakete auf Rädern Temporekorde. Nun ist die legendäre Stuntfrau Kitty O'Neil mit 72 Jahren gestorben.

Bettmann Archive
Von
Dienstag, 06.11.2018   15:17 Uhr

Kitty O'Neil trug kniehohe Stiefel, eine Art Badeanzug und ein Krönchen, als sie auf dem Dach des Hilton Hotels in Los Angeles stand. Dann sprang sie in die Tiefe, mehr als zehn Stockwerke hinab, mit dem Kopf voraus. Ihr Körper beschleunigt in drei Sekunden auf etwa hundert Stundenkilometer, drehte sich in der Luft und raste auf den Boden zu.

Der Stunt vom 14. Februar 1979 bescherte der Fernsehserie "Wonder Woman" eine der spektakulärsten Szenen der TV-Geschichte - und der Stuntfrau O'Neil einen Rekord: Mehr als 40 Meter hatte sich zuvor noch keine Frau hinuntergestürzt. Ein luftgefülltes Plastikkissen fing ihren Körper auf.

"Wäre ich nicht in der Mitte des Luftsacks gelandet, wäre ich wahrscheinlich tot", sagte O'Neil einem Journalisten der "Washington Post", nachdem der Stunt geglückt war. Ihren Tonfall beschrieb der Reporter mit den Worten: "als ob sie über ihre Einkaufsliste reden würde".

Fotostrecke

Stuntfrau Kitty O'Neil: Ein Leben im Adrenalinrausch

"Daredevils" werden Draufgänger auf Englisch genannt. Kitty O'Neil wusste die Gefahren zu berechnen und zählte zu den mutigsten Menschen des 20. Jahrhunderts: Sie kletterte aus brennenden Autos und sprang aus Hubschraubern. Als menschliche Fackel rannte sie durch Filmsets. Auf Wasserski fuhr sie schneller als hundert Stundenkilometer. Und mit einem Raketenfahrzeug eroberte sie den Titel "schnellste Frau der Welt".

Ende vergangener Woche ist sie gestorben, ganz unspektakulär an einer Lungenentzündung in einem Krankhaus.

Ärzte befürchteten, sie werde nie wieder laufen können

Zur Welt kam Kitty O'Neil am 24. März 1946 in der texanischen Hafenstadt Corpus Christi als Tochter eines Luftwaffenoffiziers und einer Cherokee-Ureinwohnerin. Mit fünf Monaten erkrankte sie an Mumps, Masern und Pocken zugleich. Nur knapp überlebte sie das hohe Fieber, verlor aber ihr Gehör.

Obwohl die kleine Kitty taub war, lernte sie sprechen. Ihre Mutter zeigte ihr, wie die Stimmbänder vibrieren, und übte mit ihr, bis sie sich verständigen konnte - später schrieben Journalisten, dass ihre Stimme kehlig klang. Andere Menschen verstand O'Neil, indem sie ihre Lippen las. Später spielte sie sogar Klavier und Cello, denn sie fühlte die Musik durch ihre Hände und Füße.

Ihre Leidenschaft aber war das Wasserspringen. Als Jugendliche gewann O'Neil Dutzende Medaillen, trainierte für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 1964 in Tokio und galt als Mitfavoritin. Doch kurz vor dem entscheidenden Wettbewerb brach sie sich das Handgelenk.

Wenig später litt sie an einer schweren Gehirnhautentzündung. Die Ärzte sagten, sie werde vielleicht nie wieder laufen können. O'Neil aber weigerte sich, die Diagnose zu akzeptieren: Sie lernte, ihre Beine zu kontrollieren, und konnte zwei Wochen später ihr Krankenbett verlassen. Trotzdem warf die Krankheit sie beim Wasserspringen um Jahre zurück.

"Ich wollte was Schnelles machen"

"Ich wurde krank und musste deshalb von vorn anfangen. Das wurde mir zu langweilig", sagte sie später einem kleinen Radiosender aus South Dakota: "Ich wollte was Schnelles machen. Speed. Motorrad. Wasserski. Boot. Alles Mögliche."

Also stieg Kitty O'Neil in immer rasantere Boote und Autos, sammelte Rekorde zu Wasser wie zu Land. Die Siebzigerjahre waren die Zeit verwegener Rekordversuche auf ausgetrockneten Salzseen in den Wüstenstaaten Utah und Oregon. Tollkühne Piloten kletterten ins Cockpit bleistiftartiger Raketenautos und versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen - ein wahnwitziger Wettbewerb mit dem Risiko übler Unfälle, bei denen mitunter Fahrer starben.

Denver Post/ Getty Images

Kitty O'Neil (1977)

Ende Oktober 1970 knackte Gary Gabelich mit seiner "Blue Flame" als erster die Grenze von 1000 Stundenkilometern. Auf der Messstrecke in Utah erreichte er exakt 1001,667 km/h und galt fortan als der schnellste Mensch der Welt. Später suchte der Kalifornier seinen Temporausch bei Dragster- und Bootrennen; er starb im Januar 1984 bei einem Motorradunfall, als er mit hoher Geschwindigkeit in einen Laster fuhr.

Im Dezember 1976 reiste auch Kitty O'Neil auf Rekordjagd zu einer Rennpiste. In der Alvord-Wüste im US-Bundesstaat Oregon stand ein Rennwagen mit fast 50.000 PS für sie bereit - oder besser: eine Rakete mit drei Rädern. O'Neil zündete das Wasserstofftriebwerk und beschleunigte den Wagen auf eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 990 Stundenkilometern. Ein Motorradverband schrieb den Durchschnitt ihrer beiden Läufe in die Rekordbücher: 825,13 km/h; ein Autoverband erkannte ihren Rekord nicht an, weil das Fahrzeug drei und nicht vier Räder hatte.

Damit übertraf sie den Bestwert der bis dahin schnellsten Frau der Welt und kam dem damaligen Männerrekord nahe. "Ich hätte auch 1100 oder 1200 km/h schaffen können", sagte sie später. Doch zu weiteren Läufen durfte sie nicht antreten - offenbar hatte der Hersteller des Raketenwagens einem männlichen Fahrer den nächsten Rekord versprochen.

Verwegen, aber keineswegs lebensmüde

So wandte sich O'Neil dem Stuntgeschäft zu. Im Film "Blues Brothers" zum Beispiel steuerte sie einen Wagen bei der Verfolgungsjagd, die in einer Karambolage endete. Bei einem anderen Dreh verkohlten ihre Augenbrauen, weil die Mitarbeiter am Set ihren brennenden Anzug zu spät löschten.

Zwischenzeitlich erkrankte sie an Krebs und musste sich zweimal operieren lassen. Aber auch diese Krankheit überstand sie und kehrte ans Set zurück. "Ich mache das nicht fürs Geld", sagte O'Neil der "Washington Post", "die Regierung nimmt die Hälfte sowieso wieder weg." Ihr Einkommen schätzte ein Sprecher einer Stuntmen-Vereinigung damals auf etwa 50.000 Dollar im Jahr. "Ich liebe die Gefahr. Sie verlangt, dass du alles gibst, was in dir steckt, um mit ihr fertigzuwerden", beschrieb sie ihre Motivation einmal.

1979 hatte sie selbst Star-Status. Die Spielzeugfirma Mattel verkaufte sogar O'Neil-Actionfiguren. Der Regisseur Lou Antonio drehte den Film "Silent Victory: The Kitty O'Neil Story", der auf ihrer Biografie basiert - nur die Hälfte des Films sei wahr, sagte die Stuntfrau später.

1982 beendete sie ihre Karriere in Hollywood, nachdem einige Stuntleute umgekommen waren. Kitty O'Neil liebte das Kribbeln des Adrenalins - Todessehnsucht trieb sie aber nie. Dafür schätzte sie das Leben viel zu sehr.

Nach ihrer Zeit als Stuntfrau engagierte sie sich bei einem Verein, der sich für die Früherkennung und Prävention von Brustkrebs einsetzt. Mitte der Neunzigerjahre zog sie in das Dorf Eureka in South Dakota, wo sie am Freitag starb.

Kitty O'Neil wurde 72 Jahre alt - den Rekord als schnellste Frau der Welt hält sie bis heute.

insgesamt 5 Beiträge
Bernd Brincken 06.11.2018
1. Quickest man vs fastest woman
Kitty O'Neil war nicht nur die schnellste (fastest) Frau auf Rädern, sondern vor allem auch der schnellste (quickest) Mensch. Der wird in den USA bekanntlich in der Beschleunigung über die Viertelmeile ermittelt. O'Neil [...]
Kitty O'Neil war nicht nur die schnellste (fastest) Frau auf Rädern, sondern vor allem auch der schnellste (quickest) Mensch. Der wird in den USA bekanntlich in der Beschleunigung über die Viertelmeile ermittelt. O'Neil erreichte 'the quickest quarter mile elapsed time in auto history, with a timed run of 3.22 seconds at 396 mph (637 km/h) with an average speed of 279.5 mph (449.8 km/h)'. ( http://ogy.de/j27b ) Wer einmal Beschleunigungsrennen gesehen hat, weiss dass kaum ein "Supersportwagen" unter 10 s kommt, und nur extreme Dragster-Konstruktionen unter 6 s. 3,22 s - _das_ ist wirklich jenseits von Gut und Böse.
Rainer Hinterberger 07.11.2018
2. Zu Lande!
"den Rekord als schnellste Frau der Welt hält sie bis heute." Auf Rädern und auf dem Boden mag das stimmen.
"den Rekord als schnellste Frau der Welt hält sie bis heute." Auf Rädern und auf dem Boden mag das stimmen.
Joachim Holstein 07.11.2018
3.
Schnellste Frau der Welt war seit 1963 Walentina Tereschkowa.
Schnellste Frau der Welt war seit 1963 Walentina Tereschkowa.
Sascha Kollert 08.11.2018
4. liebe Mitforisten
die Dame hat denke ich etliches getan und geschafft. andere bleiben gern bei einer Sache um die beste Zeit/Geschwindigkeit zu holen. das darf man nicht vergleichen, das erreichte von ihr ist schon was besonderes. siehe posting #1 [...]
die Dame hat denke ich etliches getan und geschafft. andere bleiben gern bei einer Sache um die beste Zeit/Geschwindigkeit zu holen. das darf man nicht vergleichen, das erreichte von ihr ist schon was besonderes. siehe posting #1 das sind Werte die von einem Multitalent und trotzdem steht sie ganz vorne. man sieht ja auch das sie trotz Vorzug von Männern das schaffte( wie schnell fuhr den der Wagen dann mit dem Teamkollegen?)... da zieht man den Hut und trauert um einen mutigen daredevil der mal nicht typisch war . rip Kitty
Manfred Zahn 11.11.2018
5.
Hier zu Nörgeln ist bescheuert. Trotz dem was sie alles getan und erlebt hat, ist sie 72 Jahre alt geworden und im Bett gestorben - das ist doch Leistung genug.
Hier zu Nörgeln ist bescheuert. Trotz dem was sie alles getan und erlebt hat, ist sie 72 Jahre alt geworden und im Bett gestorben - das ist doch Leistung genug.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP