einestages

33-Tage-Papst Johannes Paul I.

Ein mörderisches Pontifikat

Fiel der Kurzzeit-Papst einem Mordkomplott zum Opfer? Als Johannes Paul I. am 28. September 1978 plötzlich stirbt, kursieren sofort wilde Theorien. Bis heute.

Gamma-Rapho/ Getty Images
Von
Freitag, 28.09.2018   10:24 Uhr

Der Papst war erst wenige Tage im Amt, als er am 5. September 1978 die Delegationen orthodoxer Kirchen zur Audienz empfing. Der Metropolit Nikodim von Leningrad traf den neuen Pontifex zu einer kurzen privaten Unterredung. Sie nahm ein dramatisches Ende.

Mitten im Gespräch setzte sich der russisch-orthodoxe Oberbischof auf einen Stuhl und sackte vornüber. Seine Helfer versuchten ihn zu stützen, auch der Papst eilte hinzu, um dem Metropoliten aufzuhelfen.

Doch der herzkranke 48-Jährige war zu schwach und zeigte keine Reaktionen mehr. Johannes Paul I. sprach eine lateinische Absolution. Kurz darauf verstarb Nikodim an Ort und Stelle - und der Papst sollte ihn nur um 23 Tage überleben.

Sohn eines antiklerikalen Sozialisten

Am frühen Morgen des 29. September 1978 meldete Radio Vatikan den plötzlichen Tod des Kirchenoberhauptes, im Volksmund "Papst des Lächelns" genannt:

"Heute am Vormittag des 29. Septembers gegen 5:30 Uhr betrat der Privatsekretär des Papstes das Schlafzimmer seiner Heiligkeit Papst Johannes Pauls I., da er ihn in der Kapelle in der gewohnten Weise nicht angetroffen hatte. Er fand ihn tot auf seinem Bett, das Licht war noch gelöscht, und der unmittelbar herbeigerufene [Arzt] konnte feststellen, dass er etwa um 23 Uhr am 28. September verstorben ist."

Fernsehsender in aller Welt unterbrachen ihr Programm, Zeitungsredaktionen bereiteten Extraausgaben vor. Die Journalisten stellten eine Beziehung zwischen der überraschenden Wahl zum Papst und dem schnellen Tod her. Denn der schüchterne Kardinal Albino Luciani, Sohn eines antiklerikalen Sozialisten, seit 1969 Patriarch von Venedig, galt als Außenseiter - nicht als aussichtsreicher Kandidat für das Papstamt in der Nachfolge von Paul VI.

Foto: AP

Johannes Paul I. war erst 33 Tage im Amt, als er im Alter von 65 Jahren plötzlich starb. Als offizielle Ursache nannten die Ärzte des Vatikans einen akuten Herzinfarkt. Der "Dauerstress" im Papstamt habe den Infarkt ausgelöst, vermutete ein Internist. Andere sahen den progressiven Papst, der Gott in einer Ansprache einmal als Mutter bezeichnete, vereinsamt und im konservativen Vatikan isoliert.

"Musste Papst Johannes Paul I. sterben, weil sein Herz zu schwach war, um unbeschadet Anfeindungen seitens der römischen Kurie zu ertragen?", fragte etwa das "Hamburger Abendblatt". Die Gerüchteküche brodelte, Beobachter bezweifelten die offiziell verlautbarte Todesursache.

"Ein Bergbewohner stirbt nicht an einem Herzinfarkt"

So erklärte Lucianis früherer Sekretär: "Der Papst war bis zuletzt ein Bergbewohner. In seiner Freizeit machte er lange Bergwanderungen. Ein solcher Mensch stirbt nicht an einem Herzinfarkt."

Zwar berichteten Familienangehörige des Papstes von seinem schlechten Gesundheitszustand und von Verwandten, die an einem plötzlichen Herztod gestorben seien. Doch konnten sie nicht verhindern, dass bald die wildesten Verschwörungstheorien kursierten.

Fotostrecke

Der Tod von Papst Johannes Paul I.: "Sein Gesichtsausdruck war entspannt, nicht leidend, mit einem leichten Lächeln"

Fiel der Papst einem Komplott aus Freimaurern, Mafiosi und Vatikan-Bankern zum Opfer? Wurde er ermordet, weil er korrupte Machenschaften innerhalb der Kurie aufdecken wollte? Weil er zu liberal war?

Die Spekulationen befeuerte noch, dass der Vatikan eine Obduktion des Leichnams ablehnte - und sogar die Forderung nach einer Veröffentlichung des Totenscheins. Angeblich verschwanden Brille, Pantoffeln, Papiere des Papstes, zudem verwickelte sich der Heilige Stuhl in Widersprüche.

Eine Frau fand den Heiligen Vater

Per Radio hatte der Vatikan mitgeteilt, Privatsekretär John Magee habe Johannes Paul I. tot aufgefunden. Tatsächlich war es Schwester Vicenza Taffarel, die ihm wie jeden Morgen den Kaffee servierte. Indes wollte der Vatikan nicht öffentlich werden lassen, dass sich eine Frau allein im Zimmer des Pontifex befand.

Auch zum Todeszeitpunkt gab es Ungereimtheiten: Gegen 23 Uhr, hatte Radio Vatikan behauptet. Die am nächsten Morgen gerufenen Leichenbestatter jedoch bezeugten, der Leichnam des Heiligen Vaters sei "noch warm" gewesen, als sie mit der Einbalsamierung begannen.

Zudem meldete der Vatikan, der Papst, der tags zuvor noch vor Besuchern seiner Generalaudienz erstmals Deutsch gesprochen hatte, habe zum Zeitpunkt seines Todes das mittelalterliche Meditationswerk "Die Nachfolge Christi" gelesen. In den folgenden Tagen tauchten jedoch Informationen auf, Johannes Paul I. sei nicht mit dem Buch, sondern mit Akten, Textentwürfen oder alten Predigttexten in seinem Bett gefunden worden.

Nach anhaltenden Spekulationen sah sich Radio Vatikan schließlich gezwungen, die Meldung von der päpstlichen Lektüre der "Nachfolge Christi" zu dementieren. Obwohl sie gar nicht auf den Kirchensender zurückging, sondern sich als Nachrichtenscherz eines beim Vatikan akkreditierten Journalisten herausstellte.

Terrorwelle in Italien

Der plötzliche Tod von Johannes Paul I. fiel in angespanntes politisches Klima in Italien. Die extremistische Terrorwelle hatte ihren Höhepunkt am 9. Mai 1978 erreicht, mit der Entführung und Ermordung von Aldo Moro, des früheren christdemokratischen Ministerpräsidenten.

Nun schien selbst ein Mordkomplott gegen den Papst möglich. Zumal sich 1979 die Terrorattentate häuften: Erst wenige Tage vor dem Papst-Tod hatten in Rom rechte Extremisten einen 24-Jähriger Anhänger der Kommunisten ermordet. Am 27. September war in Turin ein Werksleiter erschossen, am 28. September ein leitender Angestellter in Mailand von den Roten Brigaden schwer verletzt worden.

In dieser Atmosphäre fanden die Gerüchte um einen nicht natürlichen Tod von Johannes Paul I. ihren Nährboden, von Rom aus verbreiteten Korrespondenten sie weltweit. Die Spekulationen setzten sich in der kollektiven Erinnerung an Johannes Paul I. fest - und verhalfen dem britischen Autor David A. Yallop zu Reichtum.

"Im Namen Gottes?" hieß sein 1984 veröffentlichte Bestseller. Darin breitete Yallop die These aus, Johannes Paul I. sei mit einer Überdosis des Wirkstoffs Digitalis vergiftet worden. Der Vatikan-Staatssekretär Kardinal Jean Villot und Erzbischof Paul Marcinkus, Chef der Vatikanbank, hätten sich mit Mafianahen Finanzberatern und Mitgliedern der Geheimloge P2 zusammengetan, um den Papst zu beseitigen. Angebliches Mordmotiv: Johannes Paul I. habe einen Finanzskandal aufgedeckt und vorgehabt, mehrere Vatikan-Mitarbeiter zu feuern.

Überrollt von der Papstkrone

Buchautor Yallop starb vor wenigen Wochen in London. Sicher ist: Seine Mordphantasie wird ihn überleben. Zu gut passt sie in eine 2000-jährige Kirchengeschichte der Skandale und Sünden sowie in die populäre Vorstellung eines Schattenreiches im Vatikan.

In die Annalen ging 1978 als das Dreipäpstejahr ein - auf Johannes Paul I. folgte am 22. Oktober Johannes Paul II., der erste Nichtitaliener auf dem Papstthron seit 450 Jahren. Der polnische Kardinal Karol Wojtyla war mit 58 Jahren vergleichsweise jung, sportlich, kräftig, bei bester Gesundheit. Als Papst blieb er 27 Jahre im Amt, das zweitlängste Pontifikat der Kirchengeschichte.

Im Herbst 2017 erschien dann ein Buch, das die Mordtheorien endgültig widerlegen sollte: In "Papa Luciani - Chronik eines Todes" veröffentlichte die Vatikan-Journalistin Stefania Falasca erstmals eine Arztnotiz, nach der Johannes Paul I. am Abend vor seinem Tod über starke Schmerzen im oberen Brustbereich klagte, medizinische Hilfe aber ablehnte.

Fazit der minutiösen Rekonstruktion der letzten Papststunden: Eine "koronare Herzerkrankung aufgrund von Arteriosklerose" führte zum jähen Ableben des Kirchenoberhauptes. "Das ist die nackte und traurige Wahrheit", sagte Falasca, Vize-Anwältin des Seligsprechungsverfahrens für Johannes Paul I., dem Sender Radio Vatikan.

Eine Wahrheit, die "Le Monde" schon am Tag nach dem Tod auf ihrer Titelseite auf den Punkt brachte. Die Karikatur der französischen Tageszeitung zeigt einen zu Boden gestürzten Johannes Paul I. - überrollt von der Last der dreifachen Papstkrone.

insgesamt 9 Beiträge
Rainer Weckbacher 28.09.2018
1. Ich war damals 29 Jahre alt und war sehr
betroffen. Und das hatte nichts mit Gläubig, Katholik oder sonst etwas zu tun. Welch ein Unterschied zu Papst Paul VI. Man konnte damals wirklich erwarten, dass sich die katholische Kirche mehr den Menschen als den eigenen Dogmen [...]
betroffen. Und das hatte nichts mit Gläubig, Katholik oder sonst etwas zu tun. Welch ein Unterschied zu Papst Paul VI. Man konnte damals wirklich erwarten, dass sich die katholische Kirche mehr den Menschen als den eigenen Dogmen widmen würde. Natürlich kann ich nicht beurteilen, ob er eines natürlichen Todes, oder eben nicht starb. Auf jeden Fall haben seine wenigen Amtstage gezeigt, dass er vermutlich wenig Freunde bei den hohen Würdenträgern im Vatikan hatte. Noch heute werden positive Änderungen, selbst wenn sie vom Papst erwägt werden, immer wieder boykottiert. Niemand sollte meinen, dass ein Papst heute die absolute "Befehlsgewalt hat". Kirche ist heute immer noch eine Institution, die ihre eigenen Interessen vor die Interesssen der Menschen stellt. In fast allen Belangen. Niemand kann heute sagen, ob dieser Papst etwas hätte ändern können. Aber man könnte es "glauben". Und verarbeitet wurde das auch im Paten III. Und vielleicht war es wirklich so, wie dort abgelaufen.
Michael Ziegler 28.09.2018
2. Eigentlich sollten Wissenschaftler objektiv wissenschaftlich arbeiten
Ein etwas putziger Artikel. Zuerst ist natürlich immer zu fragen, wie objektiv ein Bericht oder eine Meldung einzuschätzen ist. Lachhaft erscheint die Feststellung einer Vatikan-Journalistin, es wäre ein natürlicher Tod durch [...]
Ein etwas putziger Artikel. Zuerst ist natürlich immer zu fragen, wie objektiv ein Bericht oder eine Meldung einzuschätzen ist. Lachhaft erscheint die Feststellung einer Vatikan-Journalistin, es wäre ein natürlicher Tod durch Krankheit ohne, sagen wir einmal, ohne Fremdeinwirkung! Was ist von einer Vatikan-Angestellten denn sonst zu erwarten, oder andersherum gefragt, glaubt jemand, die Vatikan-Angestellte würde einen einzigen Tag im Vatikan länger arbeiten nach einer Behauptung von ihr, der Papst sei ermordet worden? Weiterhin haben sich ja nun wirklich schmutzige Machenschaften der Vatikanbank herausgestellt. Und zuletzt ist hinzuweisen auf die starken heftigen Widerstände der erzkonservativen Kräfte innerhalb der Kurie, die ja auch dem derzeitigen Papst heftig zu schaffen machen. Also warum verweist der Artikel nicht darauf, daß die Quelle (Vatikan-Journalistin) zumindest an der Objektivität zweifeln läßt? Warum stellt der Artikel den Finanzskandal der Vatikanbank als Vermutung und nicht als Fakt dar und geht kaum auf heftige Feindschaften erzkonservativer Gruppen in Vatikan gegen Erneuerer ein? Mit diskreditierenden Äußerungen von Yallup ist Herr Schlott jedoch schnell bei der Hand, wie z.B. "Yallups Mordphantasie" oder "verhalfen Ihm zu Reichtum"
William Claude Dukenfield 28.09.2018
3. Papa Luciani
abgesehen von den verschwörungstheorien und des mordes an Luciani ist Yallops buch dennoch recht lesenswert, zeigt es doch die verstrickungen der mafia zur kirche auf. der reinste thriller! mich wundert, dass es noch nicht [...]
abgesehen von den verschwörungstheorien und des mordes an Luciani ist Yallops buch dennoch recht lesenswert, zeigt es doch die verstrickungen der mafia zur kirche auf. der reinste thriller! mich wundert, dass es noch nicht verfilmt wurde.
Anton Waldheimer 29.09.2018
4. i
Ein Universitätsprofessor der Rechtswissenschaft mit bekannt guten Kontakten zum Vatikan, er nahm dort auch offizielle Funktionen wahr, weiß darüber zu erzählen, dass Papst Johannes Paul I. von Kardinalstaatssekretär Villot , [...]
Ein Universitätsprofessor der Rechtswissenschaft mit bekannt guten Kontakten zum Vatikan, er nahm dort auch offizielle Funktionen wahr, weiß darüber zu erzählen, dass Papst Johannes Paul I. von Kardinalstaatssekretär Villot , der in seinem Amt schon bestätigt war, vom Papst Unterschriften haben wollte, und als er diese nicht bekam, mit diesem am Abend in seinen Gemächern so geschrien haben soll, dass man es durch die Türen hörte. Das dürfte dem Papst mit der einzelnen Lunge zu viel geworden sein, er lag am Morgen tot im Bett.
Wolfgang Simm 29.09.2018
5. Quellen..
Ich denke ebenfalls, dass eine Journalistin, die im Vatikan ihre Brötchen verdient, als zuverlässige Quelle nicht taugt. Ebensowenig wie ein Schriftsteller. Lassen wir den Mann in Frieden ruhen. Sollte die offizielle Version [...]
Ich denke ebenfalls, dass eine Journalistin, die im Vatikan ihre Brötchen verdient, als zuverlässige Quelle nicht taugt. Ebensowenig wie ein Schriftsteller. Lassen wir den Mann in Frieden ruhen. Sollte die offizielle Version nicht die Wahrheit sein, wird diese vermutlich ohnehin nie ans Licht kommen. Auch der jetzige Papst tritt gegen Pomp und erzkonservative Seilschaften an. Ich wünsche ihm ein langes Leben.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP