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Margot Honecker

Der Tod der starrsinnigen Witwe

Als Bildungsministerin wollte Margot Honecker einst die DDR-Jugend für die kommunistische Zukunft stählen. Was sie am meisten hasste: Gorbatschows Perestroika und seine Frau Raissa. Im Mai 2016 starb sie in Chile.

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Freitag, 06.05.2016   23:48 Uhr

Margot Honecker ist tot. Sie starb einsam, im Alter von 89 Jahren, am anderen Ende der Welt, in ihrem frei gewählten Exil in Santiago de Chile. Von 1963 bis 1989 war sie Volksbildungsministerin der DDR, sie gehörte dem Zentralkomitee der SED an und saß in der Volkskammer. Vorher schon leitete sie die Pionierorganisation "Ernst Thälmann" und war für die Schulbildung mehrerer Generationen verantwortlich.

Was wäre, wenn...… die einst mächtigste Frau im Arbeiter- und Bauernstaat nicht nach Chile gegangen, sondern in ihrer alten Heimat geblieben wäre? Wenn die DDR 1989 nicht implodiert wäre? Als Ehefrau von Staats- und Parteichef Erich Honecker übte sie mehr Macht aus, als ihr Amt es erlaubte. Auch im hohen Alter hätte sie in der DDR ganz sicher noch ihre Hände im Spiel gehabt. Nach ihrem Tod wäre ihre Urne in der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde in eine Mauernische gesetzt und mit einer Marmortafel verschlossen worden, auf der in goldenen Lettern stünde "Margot Honecker 1927 - 2016".

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Tod von Margot Honecker: Letzte Zuflucht Chile

Alle ihre Orden trüge man dem Trauerzug voran, ein Armeeorchester spielte "Unsterbliche Opfer". Die Kampfgruppe stünde Spalier. Delegationen der Margot-Honecker-Oberschulen aus dem ganzen Land legten Blumen nieder. Die Zeitungen wären voll der Trauer, im Text hieße es: Niemand in Europa war länger und erfolgreicher Minister für Bildung. Und ihr Mann läge seit Jahren schon im Rondell neben Thälmann, Pieck und Ulbricht.

Aber so... Es kam anders.

Margot Honeckers Wirken ist weniger Geschichte, mehr Vergangenheit. Kaum jemand rühmt ihr Tun. Im Gegenteil, die etwas Älteren von uns schlagen sich mit den Spätfolgen des "sozialistischen Bildungssystems" herum - mit der anerzogenen Doppelzüngigkeit, mit dem Aussprechen von Wahrheiten hinter vorgehaltener Hand, mit dem scheelen Blick auf den oft beneideten Klassenfeind.

Erziehung à la Margot: Wer nicht spurt, der fliegt!

Margot Honecker formulierte die Maxime ihres Handelns einmal so: "Unsere Partei hat die Bildung und Erziehung der Jugend, ihre Vorbereitung auf die kommunistische Zukunft stets als gesellschaftliches Anliegen betrachtet...… Wir müssen die Jugend zu einer revolutionären Ungeduld gegenüber allem erziehen, was nicht in unsere Zeit passt."

Vieles passte nicht in Margot Honeckers Zeit. Zum Beispiel die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. "Diese Verbrecherbande will das Land aus dem Untergrund heraus aufrollen. Walesa ist doch ein ausgemachter Verräter." So wiederholte ihr persönlicher Kraftfahrer ihre Meinung. Auch Fragen nach dem Sinn von waffenklirrenden Militärparaden in der DDR, mit denen sich Schüler der Pankower Ossietzky-Oberschule an der Wandzeitung befassten, passten ihr gar nicht.

Margots Fahrer holte die Briefe über den Rausschmiss mehrerer Schüler, die an der Schulwandzeitung zur Diskussion darüber aufgefordert hatten, im September 1988 im Ministerbüro ab, um sie den Eltern zu überbringen. In Gesprächen warf sie den für die Stasi arbeitenden Leuten in der Schule Unfähigkeit vor. "Die haben viel zu spät reagiert. Wo soll das hinführen, wenn sie die Lage nicht im Griff haben."

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Margot Honeckers Chauffeur: "In ihrer Handtasche steckte immer eine Pistole"

Bei ihr galt der Erziehungsleitgedanke: Wer nicht spurt, der fliegt! Die First Lady war aus Hartholz geschnitzt. Wenn sie ihrem Kraftfahrer Georg, genannt Schorsch, ihre Handtasche anvertraute, wusste er, dass er besonders gut auf den kleinen silberfarbenen Browning aufzupassen hatte - die verchromte Pistole, die sich in der Tasche befand.

Auch Michail Gorbatschow passte nicht in Margots Zeit. Nicht die Perestroika und nicht Glasnost - sie hasste Umgestaltung und Offenheit. "In der Sowjetunion kann jeder Schmierfink schreiben, was er will", sagte sie. "Sieh dir doch dieses Wurstblatt 'Sputnik' an, das sollte bei uns verboten werden." Kurze Zeit später, im Dezember 1988, wurde das in deutscher Sprache verkaufte Magazin mit vielen Enthüllungen zur Stalinära aus dem Postzeitungsvertrieb genommen.

Hass auf die russische Rivalin

Als die Welle der Flüchtenden im Sommer 1989 nicht zu stoppen war, beschimpfte Margot - jeder in der DDR wusste, wer gemeint war, wenn von "Margot" die Rede war - die Ungarn: "Die haben das ganze sozialistische Lager verraten. Es war ihnen ja nie zu trauen." Zur Massenflucht sagte sie: "Ich verstehe das nicht. Sind die Leute so blöd? Die haben doch in der Schule gelernt, was Kapitalismus bedeutet." Aber sie hatten auch den "entwickelten Sozialismus" erlebt.

Besonders hasste sie Raissa Gorbatschowa, die hochgebildete Philosophin, Beraterin und Gattin des sowjetischen Präsidenten. So gut es ging, mied sie Empfänge und Veranstaltungen, bei denen sich beide begegnet wären. Eine Frauenrechtlerin war sie auch eher nicht, denn beim Gorbatschow-Reagan-Gipfel in Washington, zu dem Raissa ihren Mann begleitete, schimpfte sie: "Was haben die Weiber da zu suchen, wo über Weltpolitik entschieden wird?"

Margot Feist wurde 1927 in Halle an der Saale als Tochter eines Schuhmachers und einer Fabrikarbeiterin geboren. Sie gehörte zunächst dem nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädel (BDM) an, trat 1945 der KPD bei, war Mitbegründerin des Antifaschistischen Jugendausschusses von Halle und brachte es bald zur Abteilungsleiterin im Landesverband Sachsen-Anhalt der FDJ. Ein Jahr später wurde sie Vorsitzende der Pionierorganisation "Ernst Thälmann", der ab den Sechzigerjahren fast alle Schülerinnen und Schüler der ersten bis siebten Klassen als Jung- oder Thälmann-Pioniere angehörten.

Als FDJ-Funktionärin lernte sie den 15 Jahre älteren FDJ-Chef Erich Honecker kennen und brachte 1952 die gemeinsame Tochter Sonja zur Welt. Aus Gründen der öffentlichen Moral ließ Honecker sich auf Druck des SED-Vorsitzenden Wilhelm Pieck von seiner zweiten Ehefrau, der drei Jahre älteren Parteifunktionärin Edith Baumann, scheiden und heiratete 1953 Margot Feist. Ihrem mittelmäßig begabten Bruder Manfred beschaffte er übrigens später noch einen gut bezahlten Job als Abteilungsleiter in der SED-Führung.

Daheim im Wandlitzer Konsumparadies

Margots Karriere als Volksbildungsministerin war vorgezeichnet. Mit ihrem "Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem" setzte sie sich 1965 ein Denkmal, das längst zerbröselt ist. Der auf ihren Druck hin gegen die Kirchen, viele Eltern und Bürgerrechtler 1978 durchgeboxte Wehrkundeunterricht an den Schulen kennzeichnete sie als Hardlinerin in der SED-Führung.

Bei vielen Gesprächen in Chile sowie bei ihren wenigen verbliebenen Freunden in Nicaragua und Kuba rühmte Margot Honecker bis zuletzt die DDR als ein wahres Paradies. Tatsächlich hat sie auch so gelebt. Ihre Spezialverkaufsstelle in der Waldsiedlung Wandlitz, in der die SED-Führung wohnte, hielt aus dem Westen für Ostgeld bereit, was man sich wünschte.

Zum Einkaufen flog sie klammheimlich auch schon mal nach Paris oder veranstaltete besondere Modeschauen für die Funktionärsdamen. Spielsachen für Enkel Roberto ließ man aus dem Westen einfliegen. Der Chef der hochpreisigen Modekette "Exquisit" nahm persönlich ihre Maße ab und ließ Kostbarkeiten nähen, für die beim Abholen bis zu 2000 Mark hingelegt werden mussten.

Über die Ehe gab es über die Jahre mannigfache Gerüchte. Grundsätzlich begleitete Margot ihren Mann nicht auf all jenen Weltreisen von Japan bis Mexiko, die seinem Volk vorenthalten wurden. Ihre Pflichten erledigte unterwegs Honeckers dunkelhaarige, vollschlanke Sekretärin, die seine Karriere begleitet hatte und auf Reisen stets in seiner Nähe nächtigte. Margot Honecker wurden unterdessen Verhältnisse mit Untergebenen, Künstlern und Schriftstellern nachgesagt. Ihr Kraftfahrer setzte sie oft genug nahe solcher Wohnorte rund um Berlin ab.

Gemeinsamer Blick zurück im Zorn

Dennoch hielt das Ehepaar im Alter wieder zusammen. Bei der gemeinsamen Flucht im März 1990 nach Moskau war Honeckers nahes Ende bereits abzusehen. Nach der Auslieferung nach Deutschland im Juli 1992 und seiner Freilassung aus der Haft im Januar 1993 durfte er sich als todkranker Mann nach Chile zu seiner bereits dort ansässigen Ehefrau Margot begeben, die ihn bis zu seinem Tod im Mai 1994 pflegte.

Beide fühlten sich und ihre Ideale von Michail Gorbatschow und den eigenen Genossen verraten. Voller Zorn blickten sie zurück, hatten jeden Sinn für die Zeichen der Zeit verloren, als der Wille von Millionen Bürgern ihres Landes sich Bahn brach.

Trotz Erich und Margot Honecker hat die DDR hervorragende Menschen hervorgebracht - Facharbeiter, Handwerker, Lehrer, Ingenieure und Wissenschaftler, Frauen und Männer mit großen Fähigkeiten und Idealen. Sie sind den schwierigeren Weg gegangen. Den von Individualisten, die sich der Kollektivierung verweigerten und sich nicht vom Credo einer alternden pseudokommunistischen Führungsriege beeindrucken ließen, dass die Partei immer recht habe.

Margot Honecker hatte dafür keinen Sinn, Zweifel am System der DDR blieben ihr stets fremd, "Republikflüchtlinge" ein Rätsel. Als "Dummheit" bezeichnete sie deren Tod noch in einer NDR-Doku von 2012. "Man hat sich vor allem auch immer gefragt: Wieso hat er das riskiert? Warum?", sagte Margot Honecker dem Filmer Eric Friedler. "Denn das braucht ja nicht sein. Der brauchte ja nicht über die Mauer zu klettern."

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