einestages

Stars tot im Hotel

Einchecken, ausrasten, ableben

Exzesse bis zum Exitus: Als John Belushi 1982 im Hotel "Chateau Marmont" starb, war Amerika schockiert. Denn bald kam heraus, dass der Komiker sich selbst nur auf Koks und Heroin lustig fand. einestages über Stars, die in Hotelzimmern starben - und ihre einsamen letzten Nächte.

DDP
Von und
Montag, 05.03.2012   11:14 Uhr

Für das Komische hatte er einfach Talent. Auch wenn John Belushi, der quirlige junge Mann aus Chicago, beim Casting vor allem als Selbstdarsteller auffiel - er sollte dabei sein, als im Januar 1973 im New Yorker Village-Gate-Theater eine makabre Satire Premiere hatte: "Lemmings" hieß die Show, und sie nahm dem legendären Woodstock-Festival mit seinem "Peace and Love"-Gehabe ein Stück der mystischen Verklärung. Der Titel spielte auf ein Zitat der "New York Times" an, die die bekiffte Zuschauermenge des Hippie-Spektakels im Sommer 1969 mit Lemmingen verglichen hatte, die sich von Marihuana und Rockmusik verführt zum kollektiven Selbstmord treiben lassen.

Der 24-jährige Belushi gab den Zeremonienmeister des parodistischen "Woodshuck: Three Days of Peace, Love and Death", der das Publikum von einem Lachanfall in den nächsten schickte, bis er schließlich als Höhepunkt der Veranstaltung den Auftritt namhafter Rockgrößen aus Woodstock-Tagen ankündigte: die "All Star Dead"-Band mit Sängerin Janis Joplin, die im realen Leben 1970 infolge einer Überdosis Heroin tot in ihrem Hotelzimmer aufgefunden worden war. Und den Gitarristen Jimi Hendrix, Drogenopfer desselben Jahres, gestorben ebenfalls in einem Hotel. Der wahre Star des Abends aber war Belushi, der die Show zu seiner gemacht hatte. Für seine Karriere war "Lemmings" der Durchbruch.

Neun Jahre später fand die Polizei in einem Hotel in Los Angeles die Leiche eines fettleibigen, 1,69 Meter großen Mannes: nackt, im Bett auf dem Rücken liegend, mit heraushängender Zunge und blau-violett verfärbten Lippen. Ursächlich für den Tod, so erklärte der Gerichtsmediziner, war eine injizierte Mischung aus Kokain und Heroin. John Belushi, Amerikas beliebtester TV-Komiker, war tot, gestorben am 5. März 1982 infolge einer Überdosis im Hotel "Chateau Marmont" in Hollywood.

Leben und Sterben im Hotel

Der Tod im Hotelzimmer, sonst wahlweise rebellischer Höhepunkt eines exzessiven Lebens oder aber tragischer Schlussakkord eines einsamen Karriere-Endes, - er hatte nicht nur dem Showbusiness, sondern beinahe der ganzen amerikanischen Gesellschaft einen Schock versetzt. Nicht etwa, weil man davon überrascht worden wäre, dass dieser lustige talentierte Kerl eine dunkle Seite hatte. Wohl aber wegen dieses erschreckend erbärmlichen Endes.

Fotostrecke

Ende in der Suite: Sex, Drogen, Exitus

Leben und Sterben im Hotel - das war bis dahin vor allem die Biografie von Rock- und Popstars wie Hendrix, Joplin, Sam Cooke oder Sid Vicious gewesen. Ständig unterwegs, von einem Auftrittsort zum nächsten. Eine Tournee von Herberge zu Herberge, wobei das fremde Zimmer fernab der vertrauten Umgebung immer auch ein Stück Anonymität und Freiheit barg. Groupies, Alkohol und zerstörerische Gewaltentladungen, sei es erlebt oder gerüchteweise zusammenphantasiert. Es machte die Attraktivität dieser Personen aus: je wilder, desto interessanter.

Belushi aber war nicht unterwegs. Er war bereits angekommen nach seinen Auftritten in "Saturday Night Live" und dem Kultfilm "Blues Brothers" - auf dem Höhepunkt einer Karriere, deren Ende nicht abzusehen war. 33 Jahre alt war er und mittendrin in einer Phase produktiven Schaffens. Der Tod Belushis machte vielen Amerikanern klar, wie sehr Drogen zu ihrem Alltag gehörten. Egal, ob sie als Aktienhändler an der Wall Street, als Rechtsanwälte an der Westküste oder gut bezahlte Facharbeiter in der Industrie arbeiteten.

Entlarvend

Erst recht wurde ihnen das wohl bewusst, als die erste, vielbeachtete Belushi-Biografie erschien: Sie beschrieb den Hollywood-Star Belushi geradezu als das Produkt einer Drogenkarriere. Dem Rausch verfallen war der Junge aus Chicago demnach bereits seit der Highschool. Der Mix aus Marihuana, Kokain und Amphetaminen hatte den Spaßvogel regelrecht erschaffen. Und offenbar hatte es in den letzten Jahren unter Freunden und Kollegen eine klare Aufgabenverteilung gegeben: Die einen sorgten dafür, dass er bekam, wonach er verlangte. Die anderen versuchten zu verhindern, dass er vorzeitig abtrat.

Er brauche es, ohne Drogen könne er nicht arbeiten, hatte er ihnen gesagt. "Es ist schwer, immer wieder rauszugehen und witzig zu sein", sagte er zu seinem persönlichen Aufpasser Smokey, der dafür verantwortlich war, dass er morgens aus dem Bett kam, und heil durch die Nächte. Doch diese Art der Betreuung war eher ein verzweifelter Versuch, einer sicheren Prognose zu entgehen. Bereits zu Beginn der Dreharbeiten von "Blues Brothers" - da war Belushi gerade 30 Jahre alt - hatte sein Arzt den Produzenten wissen lassen: "Sie müssen ihn von den Drogen abbringen. … - Wenn Sie es nicht tun, schlagen Sie so viele Filme aus ihm heraus wie irgend möglich, denn er hat nur noch zwei bis drei Jahre zu leben." Es wurden drei.

"John ließ sich einfach keine Zügel anlegen, und es war genau dieser Mangel an Kontrolle, die Tollkühnheit, die ihn zu solch einem Kassenschlager machte", schlussfolgerte sein Biograf Bob Woodward, der Journalist, der zusammen mit Carl Bernstein für die "Washington Post" den Watergate-Skandal aufgedeckt hatte. Für die Belushi-Geschichte hatte er 271 Personen interviewt und sich mit der Veröffentlichung so unbeliebt gemacht, dass sich in Hollywood zunächst weder jemand fand, der den Bestseller verfilmen wollte, noch jemand wagte, darin mitzuspielen.

Letzte Bühne

Es ist ein quälendes Buch, das das Leben des Sängers und Schauspielers wie ein Pathologe auf Spuren von Kokain, Heroin und Amphetaminen seziert. Seine Wirkung verfehlte es nicht. Von Mitte der siebziger bis in die frühen achtziger Jahre, so erinnert sich etwa Regisseur Paul Schrader, trug Hollywood in Filmkreisen den Namen "Cokytown". Zwar habe niemand zugegeben, dass er süchtig sei, "aber man nahm es einfach überall, draußen, in aller Offenheit, es wurde nicht einmal versteckt. Das änderte sich erst, als Belushi starb." Danach wurde Drogenkonsum zum Stigma. Er schadete der Karriere.

Anzeige

Ähnliches musste wohl auch Belushis Witwe Judy erkennen. Denn obwohl sie zutiefst verärgert war über das entlarvende Werk Woodwards, hatte sie in einem Interview gesagt: "Ich wünschte, jemand hätte Johns Karriere ruiniert, indem er über seinen Kokainkonsum schrieb."

Den heilsamen Schock brachten letztlich die speziellen Umstände: Dass Belushi in einem Hotel wohnte, während seine Frau "müde von der Schlacht" um den Lebensstil ihres Mann allein nach Manhattan gezogen war, machte den Tod das Komikers zu einem öffentlichen Ereignis. Seine letzte Bühne war das Bett in Bungalow 3 des Hotel "Chateau Marmont" in Hollywood.

insgesamt 16 Beiträge
Axel Klinkhardt 05.03.2012
1.
Und was ist mit Uwe Barschel?
Und was ist mit Uwe Barschel?
Andreas Nink 05.03.2012
2.
Zu ergänzen wäre, dass der großartige Schauspieler und Rezitator Oskar Werner im Jahr 1986 und im Alter von nur 61 Jahren in Marburg an der Lahn in einem Hotel gestorben ist.
Zu ergänzen wäre, dass der großartige Schauspieler und Rezitator Oskar Werner im Jahr 1986 und im Alter von nur 61 Jahren in Marburg an der Lahn in einem Hotel gestorben ist.
Hannes Däschlein 07.03.2012
3.
Wenn ein "Hotelgelände inkl. Luftraum" auch zählt, dürfen wir Herman Brood nicht vergessen, der sich vom Dach des Amsterdamer Hilton gestürzt hat.
Wenn ein "Hotelgelände inkl. Luftraum" auch zählt, dürfen wir Herman Brood nicht vergessen, der sich vom Dach des Amsterdamer Hilton gestürzt hat.
Edgard L. Fuß 07.06.2014
4. Robert Palmer
mit 54Jahren in einem Pariser Hotel durch Herzinfarkt.
mit 54Jahren in einem Pariser Hotel durch Herzinfarkt.
Pierre Delalande 07.06.2014
5.
Charlie Parker starb am 12 März 1955 im New Yorker Hotel Stanhope in der Suite von Pannonica de Koenigswarter, einer Mäzenin die sich um den schwer kranken Parker kümmerte.
Charlie Parker starb am 12 März 1955 im New Yorker Hotel Stanhope in der Suite von Pannonica de Koenigswarter, einer Mäzenin die sich um den schwer kranken Parker kümmerte.

Verwandte Themen

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP