einestages

Maos China

Großes Chaos unter dem Himmel

Kinder, die ihre Eltern verhaften, Nachbarn, die einander verraten: Um seinen Machtanspruch zu verteidigen, opferte Chinas Staatsgründer Mao Zedong eine ganze Generation. Eine Doku erinnert an das Jahrzehnt des Roten Terrors.

ullstein bild
Von
Freitag, 22.12.2017   18:29 Uhr

Als am 1. Oktober 1966 die Aufmärsche auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking beginnen, ist das Land im Ausnahmezustand. Es ist der 17. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China. Fanatisierte Jugendliche marschieren im Gleichschritt, Sprechchöre hallen über den Platz. Hunderttausende Hände schwenken das "Kleine Rote Buch". Darin: die Worte ihres großen Idols - Mao Zedong, der mit unbewegtem Gesicht vom Tor des Himmlischen Friedens herunterwinkt.

Der Gründer der Volksrepublik China macht eine ganze Generation zu seinem Werkzeug. Sie soll seinen autokratischen Machtanspruch sichern, denn inzwischen haben sich auch kritische Stimmen erhoben. Die letzte von ihm forcierte Kampagne, der 1958 begonnene "Große Sprung nach vorn", hatte zur größten Hungerkatastrophe geführt und geschätzte 40 Millionen Chinesen das Leben gekostet.

Im Frühjahr 1966 hatte ihr "überragender Führer" die Jugend Chinas zur "Großen Proletarischen Kulturrevolution" aufgerufen. Instruiert von Mao fordern Kader der Kommunistischen Partei Studenten der Pekinger Universität zum Kampf gegen "konterrevolutionäre Revisionisten" auf. In Wandzeitungen lässt Mao verkünden, dass vor allem Lehrer und Bildungspolitiker "bürgerliche Ideen" verbreiten würden. Schüler und Studenten schließen sich in Gruppen zu "Roten Garden" zusammen. In "Kampfsitzungen" beschimpfen und misshandeln sie Professoren und Parteikader, setzen ihnen spitze "Schandhüte" auf.

Die Jugendlichen durchstreifen die Stadt gezielt nach Delinquenten, die von Maos Stab benannt werden. Schon bald erfasst die Hysterie das ganze Land. Die Banden machen auch vor Folter und Totschlag nicht halt.

Fotostrecke

Maos China: Großes Chaos unter dem Himmel

Sidney Rittenberg, der 1944 aus den USA nach China kam und Maos Übersetzer wurde, erinnert sich: "Viele Menschen waren panisch." Er erlebte, "dass es an der Tür eines Hochschullehrers klopfte. Als er die Tür öffnete, stachen ihn zwei seiner Studenten nieder." Es war eine Zeit des Terrors. "Und die Roten Garden nannten es auch "Roten Terror". Sie stellten sich im Kreis um offizielle Amtsträger auf und bedrohten sie. Wenn derjenige Angst zeigte, sagten sie, er sei kein wahrer Revolutionär, andernfalls würde er sich vor den Massen ja nicht fürchten. Ängstigte er sich nicht, erklärten sie ihn für zuverlässig."

Wenn alle Schranken fallen

Wer von den Rotgardisten für untauglich befunden wird, kann froh sein, mit dem Leben davonzukommen. Polizeikräfte bekommen die Order, die Jugendlichen in ihrem brutalen Treiben gewähren zu lassen.

In Harbin, in der nordchinesischen Mandschurei, wird der Pressefotograf Li Zhensheng am 5. April 1968 Zeuge, wie eigens eine Zuschauermenge vor der Stadt zusammengerufen wird, um einer öffentlichen Erschießung sogenannter Konterrevolutionäre beizuwohnen. Sieben Männer und eine Frau werden exekutiert. Niemand greift ein.

"Es gab in China immer sehr schnell sehr brutale Umsetzungen von Politik und Interessen. Es gibt eine ganz lange Tradition des Austragens von Konflikten über diese Gewalt", sagt die Journalistin Charlotte Kerner nach mehreren Aufenthalten in China. "China ist ein sehr brutales Land."

Doch auch die außer Kraft gesetzte Ordnungsmacht führt zur Eskalation der Ereignisse, glaubt Sidney Rittenberg: "Die Kulturrevolution war eine wichtige Lektion der Geschichte. Wozu sind Menschen in der Lage, wenn alle Schranken fallen? Wie verhalten sich die Leute, wenn die Polizei nicht eingreift, das Militär nicht eingreift und sie tun können, was immer sie wollen?"

Plündern für die Revolution

Allein in Peking stürmen die Roten Garden innerhalb weniger Wochen mehr als 30.000 Wohnungen, plündern und zerstören Geschäfte und Besitztümer aller Art. Bewohner und Ladeninhaber werden häufig getötet. Zwei Drittel aller historischen Baudenkmäler werden zerstört. Millionen Chinesen vernichten die eigenen Bücher, Bilder und Kunstgegenstände, aus Angst, sich verdächtig zu machen. Mao befürwortet solche Aktionen als notwendig für die Revolution. Die Verbotene Stadt lässt der Große Vorsitzende jedoch vorausschauend abriegeln, um die Kaiserpalastanlage vor dem wahllosen Vandalismus zu schützen.

Der Terror zerstört jeden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kinder denunzieren ihre Eltern, Nachbarn verraten einander, Freunde liefern sich gegenseitig aus. Die jahrzehntelange Indoktrination der Bevölkerung zeigt ihre Wirkung. Mao hat die Jugend in seinem Sinne erziehen lassen: "Eltern sind zwar die liebsten Menschen der Welt, aber niemand kann mit dem Vorsitzenden Mao verglichen werden", lautet einer der gängigen Leitsätze.

Bis in die entfernteste Provinz soll die heilsbringende Lehre verbreitet werden. Rotgardisten mit Wanderkinos ziehen in abgelegene Dörfer, wo nur selten Nachrichten ankommen. Viele Landbewohner sehen ihren Staatslenker auf diese Weise zum ersten Mal. Das hatte System: "Mao hat versucht, einen möglichst breiten Effekt zu generieren", erklärt der Sinologe Daniel Leese. Er habe argumentiert, "dass zu wenig Menschen Lenin zu dessen Lebzeiten gesehen hätten und dass auf diesem Wege der revolutionäre Elan zu schnell erlahmt sei. Er hat also versucht, sich selbst als revolutionäre Ikone zu stilisieren."

Mao bindet eine Gefolgschaft an sich, die ihm bedingungslos gehorcht. Nun nutzt er die Macht, die ihm die Angst vor dem Terror verleiht, um Parteigenossen loszuwerden, die seinem Regime kritisch gegenüberstehen.

Willkürliche Anklagen, Landverschickung

Die unbequemen Funktionäre werden willkürlich angeklagt als "Revisionisten", "politische Diebe" oder "Spione". Die Hexenjagd treibt Parteimitglieder in den Selbstmord, viele werden verhaftet oder verschwinden spurlos. Im Oktober 1968 sind zwei Drittel des Zentralkomitees den politischen Säuberungen zum Opfer gefallen. Mao triumphiert.

Seine jugendlichen Vorkämpfer braucht der Große Vorsitzende nun nicht mehr. Fünf Millionen Jugendliche schickt die Partei mit sogenannten Landverschickungsprogrammen in die Provinzen, zeitgleich mit mehreren Millionen Kadern, die zum Arbeitseinsatz in ländlichen Regionen gezwungen werden. So entledigt sich Mao gleich zweier sozialer Probleme: sowohl der früheren Rotgardisten, als auch ihrer ehemaligen Opfer.

Auch Sidney Rittenberg, der sich zuvor für die Kulturrevolution eingesetzt hatte, wird der Partei nun unbequem. Im Februar 1968 wird er verhaftet und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Zu spät erkennt er das wahre Gesicht des Großen Vorsitzenden: "Ich hielt es für die großartigste Sache. Ich hatte alles getan, was ich konnte, um sie zu unterstützen. Und ich hatte nicht bemerkt, dass Mao sie nur als Rammbock benutzte, um seine Gegner zu stürzen. Als er die jungen Leute nicht kontrollieren konnte, schickte er sie einfach in die Dörfer."

Der einstige Revolutionär Mao Zedong, der das zerrissene China einte, der verarmten Bevölkerung Brot und Bildung gab, die Emanzipation der völlig rechtlosen Frauen durchsetzte, stürzte über seinen eigenen Größenwahn und wurde zum Diktator, der geschätzte 70 Millionen Tote zu verantworten hat.

insgesamt 7 Beiträge
Johannes Bachmann 22.12.2017
1.
Dieses Brot musste die Bevölkerung sich selbst erarbeiten. Und sie bekam es erst nach der Hungersnot, die der von Mao angezettelte Bürgerkrieg verursacht hatte.
Dieses Brot musste die Bevölkerung sich selbst erarbeiten. Und sie bekam es erst nach der Hungersnot, die der von Mao angezettelte Bürgerkrieg verursacht hatte.
zeichen kette 22.12.2017
2. Tja
Erst mal abwarten, was die zukünftigen Geschichtsbücher über das Europa des 21. Jahrhunderts schreiben werden.
Erst mal abwarten, was die zukünftigen Geschichtsbücher über das Europa des 21. Jahrhunderts schreiben werden.
Christian Marx 23.12.2017
3. Nichts gelernt
Was ich erschreckend finde, ist, dass meine jungen chinesischen Mitarbeiter Mao als Helden sehen und eine gänzlich andere Geschichte gelernt zu haben scheinen als wir. Die schauen mich ungläubig an wenn ich „unsere“ Version [...]
Was ich erschreckend finde, ist, dass meine jungen chinesischen Mitarbeiter Mao als Helden sehen und eine gänzlich andere Geschichte gelernt zu haben scheinen als wir. Die schauen mich ungläubig an wenn ich „unsere“ Version der Geschichte erkläre.
Dieter Bürkel 23.12.2017
4.
"Wozu sind Menschen in der Lage, wenn alle Schranken fallen? Wie verhalten sich die Leute, wenn die Polizei nicht eingreift, das Militär nicht eingreift und sie tun können, was immer sie wollen?" Dann finden sich [...]
"Wozu sind Menschen in der Lage, wenn alle Schranken fallen? Wie verhalten sich die Leute, wenn die Polizei nicht eingreift, das Militär nicht eingreift und sie tun können, was immer sie wollen?" Dann finden sich wohl in jedem Land der Welt Leute, die bereit sind, unvorstellbare Dinge zu tun, Leute, die unter anderen Umständen ein sehr normales durchschnittliches Leben geführt hätten. So war es in Deutschland, Russland, China, so war/ist es in vielen anderen Ländern der Welt.
Uwe Airborne 24.12.2017
5. 70 Millionen Tote - wenn das alle sind - ......
..... und wir werden aktuell von Menschen regiert, die ihm in Ihrer Jugend gehuldigt haben, bevor sie den Weg durch die Instanzen angetrten haben!?
..... und wir werden aktuell von Menschen regiert, die ihm in Ihrer Jugend gehuldigt haben, bevor sie den Weg durch die Instanzen angetrten haben!?

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP