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Vergessene Sportarten

Als Menschenangeln noch Extremsport war

Heute schon einen Sportler aus dem Wasser gefischt? Wer Fußball zu öde findet, kann in der Sportgeschichte die schrägsten Alternativen entdecken - zum Beispiel Auto-Polo, Eistennis, Babyboxen oder Luftgolf.

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Dienstag, 14.08.2018   18:19 Uhr

Die Piloten sind hoch konzentriert. Sie müssen treffen. Schneller und präziser als der Gegner.

Der Erste Weltkrieg ist knapp zehn Jahre vorüber, da rasen im Mai 1928 über Long Island im Bundesstaat New York Flugzeuge dicht über den Boden. Konzentriert beobachten die Piloten die grünen Wiesen unter sich.

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Keine Explosion zerfetzt das Grün des Rasens. Die Fracht ist weiß, winzig, friedlich. Sie plumpst auf den Boden, kullert ein wenig und bleibt in der Nähe eines kleinen Lochs liegen: ein Golfball.

Am 27. Mai 1928 wurde im ehrwürdigen Old Westbury Golf Club in Long Island eine neue Sportart präsentiert, die bald Schlagzeilen machte: Luftgolf. Spielen konnte man das nur im Team: Der Pilot wirft die Bälle (später auch wahlweise weiße Markierungen) über den Bahnen der Anlage ab, sein Teamkollege am Boden muss die Bälle dann klassisch einlochen.

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Vergessene Sportarten: Die Extremsportler von anno dunnemals

Das ist doch mal was anderes, eine Alternative zur sportlichen Monokultur. Die Fußball-WM in Russland ist kaum vorbei, da naht schon die neue Bundesligasaison. Wer sich vor einem drohenden Fußballkoller schützen will, findet dazu in der Sportgeschichte eine ganze Menge Anregungen. Wie wäre es etwa mit Auto-Polo? Mit Ballon-Weithüpfen, Babyboxen oder, zur Fußball-Winterpause, mit Eistennis?

Der britische Publizist und Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching hat nach solchen vergessenen Sportarten gesucht und sich auf eine Zeitreise durch die Jahrhunderte begeben. In seinem Buch "Fox Tossing, Octopus Wrestling and Other Forgotten Sports" hat er Dutzende seltsame, oft exzentrische Aktivitäten gesammelt.

Menschliche Fische mit spitzen Zähnen

Viele dieser Sportarten stammen aus einer Zeit, in der es noch keinen Tierschutz gab. Sport, Jagen und Spaß schienen untrennbar miteinander verbunden. Zum Glück kommt heute niemand mehr auf die Idee, Dutzende Füchse mit Seilen meterhoch durch die Luft zu schleudern. Oder auf Schildkröten zu reiten, Stiere gegen gepanzerte Autos antreten zu lassen und Katzen in ein Fass zu sperren - nur um sie mit Stöcken aus ihrer Zuflucht zu scheuchen und zu erschlagen.

Andere vergessene Sportarten aber verströmen immer noch einen gewissen Charme. Vielleicht würden einige, wie etwa das Angeln von Menschen, sogar Tierschützern ein hämisches Lachen entlocken.

Dieser Sport, bei dem ein guter Schwimmer in die Rolle des Fisches schlüpfte, wurde ab 1899 in Australien populär und in der Presse als "raubeinige Art der Unterhaltung" gefeiert. Der "Fisch" bekam einen Gurt umgeschnallt, an dem sein Gegner, der "Angler", eine sehr reißfeste Schnur befestigte. Dann sprang der Fischmensch bei ausgerollter Angelschnur ins Wasser.

Der Angler hatte nun zehn Minuten Zeit, seinen Fang an Land zu ziehen. Der "Fisch" aber durfte nicht nur schwimmen und tauchen, sondern sich auch mit allen Mitteln wehren. Schaffte er es zum Beispiel, die Schnur mit den Zähnen zu durchbeißen, hatte er sofort gewonnen.

Beste Taktik beim Auto-Polo? Der Crash!

Ähnlich hart ging es Anfang des 20. Jahrhunderts beim Auto-Polo zu. Statt vom Pferderücken jagte man dem Ball bei rasender Fahrt vom Autoverdeck nach. Die erfolgreichste Taktik: den Gegner erst einmal frontal rammen. "Wenn du nicht vor Furcht stirbst, wirst du dich totlachen", schwärmte ein Auto-Polo-Sportler bei einem frühen Wettbewerb 1924 in den "Miami News".

Fast alles war möglich in dieser Zeit. Und früh übte sich früh. Etwa beim Babyboxen, bei dem die U.S. Navy in Wettkämpfen auch Dreijährige gegeneinander antreten ließ, in Gewichtsklassen ab 15 Kilo. Gewinnschancen hatte nur, wer nicht sofort losheulte und zur Mama rannte.

Mitunter war der bizarre Sportspaß aber ziemlich gefährlich. Beim Eis-Tennis, das 1927 sogar im New Yorker Madison Square Garden vorgeführt wurde, drohten den Spielern Knochenbrüche, wenn sie mit Schlittschuhen auf einem eisglatten Spielfeld den Bällen hinterherhechteten. Damit überhaupt mal jemand an den Ball kam, wurde meist Doppel gespielt.

Das war nichts im Vergleich zu den Risiken des Ballon-Weitspringens. Dieser Sport versprach die Erfüllung eines alten Traums, Jahrzehnte vor der Mondlandung: weite Sätze, das Gefühl von Schwerelosigkeit. Denn mit Hilfe eines großen Ballons und der Kraft des Windes waren Sprünge von 20 Metern und mehr möglich. Eine Illustration in einer US-Zeitschrift von 1927 ließ die Menschen schon mal von Land zu Land hüpfen.

Damit die Sportler nicht zu stark abhoben und Windböen sie wegtrugen, wurden sie mitunter am Boden von einem Begleiter mit einer langen Leine gesichert. Um die Höhe zu regulieren, warfen sie kleine Sandsäcke ab. Doch es gab keine einheitlichen Sicherheitsstandards. So kam es im März 1927 zu einem schlimmen Unfall nahe London.

Ein Ballonspringer steuerte damals versehentlich auf ein Hochspannungsseil zu. Ein Augenzeuge warnte ihn noch lautstark. "Ich werde es riskieren", rief der Springer ihm zurück und versuchte, über das Kabel zu springen. Es waren seine letzten Worte. Er verhedderte sich mit den Füßen in der Leitung. Als er sich mit den Händen befreien wollte, traf ihn der Stromschlag. Er stürzte ab und war sofort tot.

So gesehen war es doch deutlich harmloser, Golfbälle aus Flugzeugen zu werfen. Oder eine noch etwas seltsamere Variante zu spielen: Flugzeuggolf. Das war eine Art Schnitzeljagd, bei der es nicht darum ging, Golfbälle einzulochen, sondern abgelegene Golfbahnen überhaupt zu finden und darauf zu landen. Hier fanden die Piloten Briefkästen. Auf dem Zettel, den sie hinterließen, mussten sie notieren, wer sie waren und wann sie gelandet waren - dann Abflug, schnell zur nächsten Bahn.

Mehlbomben über England

Es war ein raumgreifender Sport. 180 Meilen Länge maß 1918 in Texas ein solcher Flugzeug-Golfkurs mit neun "Bahnen". Weltweit gab es zudem verschiedene Varianten dieser verrückten Idee. Mal wurden Mehlbomben auf Markierungen geworfen, was besonders in Großbritanniens makellos gepflegten Grünanlagen für viel Aufsehen sorgte. Ab und an wurden auch Golfbälle mit kleinen Fallschirmen abgeworfen.

Das Ende dieser Sportart kam mit dem Zweiten Weltkrieg, als sich, wie Edward Brook-Hitching mit feinem britischen Humor bemerkt, "die Prioritäten etwas verschoben".

Was gefällt Ihnen am besten? Erfahren Sie in der Fotostrecke alles über noch mehr verrückte Sportarten.


Zum Weiterlesen:

Edward Brooke-Hitching: "Enzyklopädie der vergessenen Sportarten", Liebeskind-Verlag München, 29,00 Euro.

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