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Wolfskind Elli Hartwig

"Ich weiß nicht, wer ich bin"

Als die Rote Armee in Ostpreußen einmarschierte, war Elli Hartwig zehn. Ohne Familie, immer hungrig kämpfte sie ums Überleben. Besuch bei einem "Wolfskind", das bis heute auf eine Entschädigung hofft. Doch Ende Dezember endet die Frist.

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Aus Krasnosnamensk berichtet
Samstag, 23.12.2017   19:11 Uhr

Wieder Elli heißen. Ihren wirklichen Namen im Pass lesen. Wie sehr sich Elli Hartwig, 82, das wünscht.

Heute steht in ihren Papieren Jelena, eine russische Variante ihres Vornamens, und Schleschene, Nachname ihres ersten litauischen Mannes, dazu lediglich 00.00.1935 als Geburtsdatum. Zumindest das Jahr haben die russischen Behörden angegeben. Keine Geburtsurkunde kann noch belegen, dass Elli Hartwig am 15. April 1935 geboren wurde. Die Dokumente gingen in den Kriegswirren verloren. Wie auch Hartwig, die nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Eltern, Geschwister und Heimat dastand.

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Der heutige Pass von Elli Hartwig

Ostpreußen war bis 1945 eine deutsche Provinz. Elli ist ein sogenanntes Wolfskind, eines von Tausenden ostpreußischen Kindern, die sich nach dem Einmarsch der Roten Armee irgendwie durchschlagen mussten. Lange hat sie über ihr Schicksal geschwiegen, ihre Wurzeln verborgen.

Noch immer hofft Elli Hartwig auf ein bisschen Anerkennung aus Deutschland. Vielleicht erhält sie eine Entschädigung, die sie nach all den Jahren beantragen konnte. Noch bis Ende Dezember 2017 können "Wolfskinder" - auch erst einmal formlos - sich beim Bundesverwaltungsamt melden, das über die Anträge auf Auszahlung von einmalig 2500 Euro entscheidet. Sie müssen darlegen, dass sie Zwangsarbeit geleistet haben. Doch wo fängt Zwangsarbeit an, wenn es für Kinder wie Elli darum ging, an etwas zu essen zu kommen, ums schiere Überleben?

"Ich bin die Letzte, die noch geblieben ist"

Draußen wird es nicht hell an diesem Dezembertag, selbst der Schnee der letzten Nacht scheint gräulich. Elli Hartwig lebt im Nordosten des Kaliningrader Gebiets, früher Königsberg, im Städtchen Krasnosnamensk (bis 1946 Haselberg), keine 20 Kilometer von Russlands Grenze zu Litauen.

Viele Gebäude haben lange keine Farbe mehr gesehen, der Putz bröckelt. Elli wohnt im ersten Stock eines alten Bauernhauses. Die Küche der kleinen Einzimmerwohnung hat nicht einmal eine Spüle, die Decke des Wohnzimmers ist feucht. Rund 170 Euro Rente monatlich hat Elli Hartwig zur Verfügung.

Ihre Erinnerungen hat sie gut eingeschlossen, den Schlüssel zum Schrank in Tücher eingewickelt. Sie holt Briefe, Bilder ihrer Eltern und Geschwister heraus. Elli Hartwig ist die jüngste von sieben Mädchen und Jungen, im vergangenen Jahr ist ihre Schwester Ruth gestorben. "Ich bin die Letzte, die noch geblieben ist", sagt sie und setzt sich aufs Sofa.

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Wolfskind Elli Hartwig: "Ich weiß nicht, wer ich bin"

Schleppend beginnt sie zu erzählen, wechselt zwischendurch ins Russische - "ich spreche ja nicht so oft Deutsch". Manchmal ist es schwierig, ihren Erzählungen zu folgen, Orte und Zeitangaben scheinen zu verschwimmen. Langsam ordnen sich die Bruchstücke der Erinnerungen an ein Leben, bei dem man sich fragt, woher diese Frau all ihre Kraft genommen hat.

Auf der Flucht. Dass Krieg war, habe sie nicht richtig begriffen, sagt Elli Hartwig. Sie denkt zurück an die Wehrmachtssoldaten - sie kommen, viele verletzt, in ihr Heimatdorf Sophienberg im Kreis Gerdauen (heute: Schelesnodoroschnoje) und schenken den Kindern Brot und Schokolade. Als Elli zehn ist, rückt die sowjetische Armee näher, die Familie packt ein paar Habseligkeiten. "Aufstehen" schreien die Rotarmisten, als sie nachts in die Scheune kommen, die den Hartwigs Zuflucht bot. Sie nehmen den Vater mit, einen Schmied. Elli wird ihn nie wiedersehen. Die Soldaten verschleppen die älteren Schwestern. Elli vermutet, dass sie vergewaltigt wurden.

In der Kolchose. Mit ihrer Mutter und dem drei Jahre älteren Bruder Albert kommt Elli in ein sowjetisches Lager in Grüneberg (Klenowoje). Ein Kommandeur gibt die Regeln der Kolchose vor: Nur wer arbeitet, erhält etwas Suppe. Albert führt Pferde über den Acker, die Mutter hackt Rüben, Elli hilft. Sie schlafen auf dem Boden einer Baracke, auf etwas Stroh. Albert wird krank und überlebt, viele andere nicht. "Jeden Tag starben viele, viele Menschen." Diphtherie und Typhus grassieren.

SPIEGEL ONLINE (Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL))

"Ich war nicht krank, ich war ein starkes Mädchen", sagt Elli und lacht, wie so oft an diesem Tag, so versucht sie wohl die traurigen Erinnerungen wegzudrücken. Nach zwei Jahren im Lager gelingt der Mutter mit den Kindern die Flucht. Sie wissen nicht wohin, ziehen herum, auf der Suche nach Essbarem." Wir hatten immer Hunger", sagt Elli. "Ich habe gegessen, was ich gefunden habe, Kartoffelschalen, Gras, Lindenblätter."

In Litauen. Wer kann, versucht über die Memel (Neman) nach Litauen zu kommen. Die Sowjetunion hat das Land bereits 1940 annektiert, aber die Kollektivierung der Landwirtschaft geht nur langsam voran. Viele der Bauernhöfe sind in privater Hand, es gibt noch genügend Lebensmittel. Eines Tages sagt die Mutter zu Elli und ihrem Bruder: "Fahrt allein nach Litauen."

Warum ihre Mutter das getan hat? "Ich weiß es nicht", sagt Elli. Sie erinnert sich nur noch an die Kälte, in der sie mit ihrem Bruder Albert und ihrer Schulfreundin Inge ausharren muss, bis sie es endlich auf einen der Güterzüge Richtung Tilsit (Sowjetsk) schaffen und weiter nach Tauroggen (Taurage).

In Litauen betteln die Kinder getrennt um Brot und Kartoffeln, treffen sich abends. Eines Tages kommt Albert nicht zurück. Bald darauf nimmt ein Bauer ihre Freundin auf. Elli weiß nicht weiter, bis sie bei einem Großbauern nahe Tauroggen bleiben darf. Sie muss Kühe hüten und bekommt dafür in der Küche einen Schlafplatz und kalte Suppe. In diesen zwei Jahren behandelt man sie nicht gut. "Einmal bin ich eingeschlafen, die Kühe waren weg. Dann kam der Bauer und hat mich mit dem Stock geschlagen." Sie wendet sich ab und schluckt.

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Elli (links) als junge Frau, damals als Ellitje, bei Bäuerin Mikalina

Als die Sowjets den Großbauern abholen, wird das Mädchen auf einem anderen Hof aufgenommen. Elli, inzwischen 14, hat nun in Raseinen (Raseiniai) so etwas wie eine neue Familie. Sie nennt die Bäuerin Mikalina Mutter, lernt Litauisch, wird katholisch umgetauft.

Aus Elli wird Ellitje. Es gilt, sich anzupassen, nicht aufzufallen. Auf Flugblättern heißt es, Sowjetbürgern sei es verboten, Deutschen zu helfen.

Das Mädchen arbeitet auf dem Hof und im Straßenbau, schaufelt Sand auf Lastwagen, verteilt Teer. Eine schwere Arbeit. Den Verdienst gibt sie der Familie, dafür erhält sie Kleidung, ein Bett und Essen.

Zurück nach Kaliningrad. Mit 23 Jahren heiratet Elli und bekommt einen Sohn. Anfang der Sechzigerjahre zieht sie zurück ins Kaliningrader Gebiet nach Krasnosnamensk. Dort findet sie eine Wohnung und Arbeit als Putzfrau im Krankenhaus. Es ist keine gute Ehe, der Mann ist ein Trinker und schlägt sie. Er stirbt früh.

Familientreffen in der DDR. Nach ihrer Familie sehnt sie sich all die Jahre. Irgendwann schreibt das Rote Kreuz: Ihre Mutter, die Schwestern und drei Brüder leben, die meisten in Thüringen. "Meine liebe Elli", beginnt die Mutter 1963 einen Brief und listet all die Namen und Geburtsdaten der Familie auf. Später darf Elli ihre Angehörigen in der DDR besuchen. Viermal ist sie dort in den Siebzigerjahren, zuletzt 1986 - aber so richtig finden sie nicht mehr zueinander.

Die erste Begegnung schmerzt Elli Hartwig noch heute. "Du Rumtreiberin, wo bist du so lange geblieben?", habe die Mutter gesagt. Ob sie denn nicht gefragt habe, was ihrer Mutter und den Geschwistern widerfuhr, wie sie in die DDR kamen, ob mit einem der Transporte, mit denen die Sowjets Zehntausende Deutsche deportierten. Elli Hartwig lacht wieder, wischt sich Tränen aus den Augen: "Nein, ich konnte doch nicht mehr richtig Deutsch sprechen."

Der Berliner Historiker Christopher Spatz hat lange über Wolfskinder geforscht und 50 Interviews geführt. Er spricht von traumatisierten und zugleich sehr starken Menschen: "Viele Wolfskinder sind bis heute Einzelkämpfer geblieben. Selbst wenn ihnen Hilfe angeboten wird, nehmen sie sie nicht an, zu sehr haben sie gelernt, auf sich allein gestellt zu sein."

Spatz hat sich mit der Gesellschaft für bedrohte Völker dafür eingesetzt, dass die Behörden bei den Anträgen der Wolfskinder "Spielraum" walten lassen, damit sie eine Chance auf eine zumindest "symbolische Wiedergutmachung" haben. Das Bundesinnenministerium ist dieser Empfehlung inzwischen gefolgt.

Lesen in der Kinderbibel

Das Mobiltelefon klingelt. Katharina Wilhelm vom deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad hat Nachfragen, bevor sie den Antrag abschickt. Ob Elli Hartwig nie versucht habe, auszureisen und einen deutschen Pass zu erhalten, will die Leiterin des Rechts- und Konsularreferats wissen.

Einmal habe sie den Mut gefasst, erzählt Elli Hartwig. Ihre Familie wollte in die DDR übersiedeln und reiste nach Moskau. Doch man habe sie nicht einmal vorgelassen zur Vertretung der DDR, ihren Mann festgenommen, alle wieder in den Zug zurückgesetzt.

Es könnte damit zusammenhängen, dass Elli Hartwig im militärischen Sperrbezirk Kaliningrad lebe, vermutet Historiker Spatz. Ihm sei kein Fall einer Ausreise von Wolfskindern aus diesem Gebiet nach 1960 bekannt.

Später nach dem Mauerfall hätte Elli Hartwig noch einmal versuchen können, nach Deutschland zu fahren. Doch ihr zweiter Mann wollte nicht - sie hätte ihn zurücklassen müssen. Elli pflegt ihn, er ist seit einem Schlaganfall vor 20 Jahren gelähmt: "Es ist schwer, wird immer schwerer."

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Hartwigs Kinderbibel

Ihre Familienbilder hütet Elli Hartwig wie einen Schatz. Da sind Schwarzweißfotos aus der Vorkriegszeit (siehe Fotostrecke), Elli als kleines Mädchen mit den Geschwistern. Ihr Vater, ein Mann mit hoher Stirn, schaut streng in die Kamera. Die Bilder geben ihr Halt. Und doch ist es ein trauriger Anblick, wie Elli Hartwig Aufnahmen von Familienfeiern in der DDR anschaut. Sie ist die Einzige, die fehlt.

Deutsch spricht sie meist mit sich selbst. Dann zieht sie sich in die Küche zurück, liest sich laut aus einer Kinderbibel vor.

Als was sie sich denn heute bezeichne? Für die Deutschen sei sie keine Deutsche, für die Russen keine Russin, sagt Elli Hartwig. "Ich weiß nicht, wer ich bin."

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