einestages

Kriegsende 1918

Als Amerika eine neue Weltordnung entwarf

Im Januar 1918 präsentierte US-Präsident Woodrow Wilson ein 14-Punkte-Programm zum Weltfrieden. Er galt als Idealist - und scheiterte. Was war das Problem?

imago/United Archives International
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Montag, 08.01.2018   11:00 Uhr

Der US-Präsident hatte sich an diesem Dienstagmorgen im Januar 1918 wie üblich mit der First Lady zum Golfen begeben. In Washington ging der Politikapparat seinen Aufgaben nach. Die Abgeordneten von Senat und Repräsentantenhaus saßen in Ausschusssitzungen und Parteiversammlungen oder trafen sich mit Pressevertretern und Lobbyisten. Für die Mittagszeit war der Besuch einer Delegation serbischer Diplomaten im Kongress angekündigt. Nichts deutete darauf hin, dass an diesem 8. Januar Geschichte geschrieben werden sollte - Weltgeschichte.

Um 11:30 Uhr verbreitete sich in der Hauptstadt die Nachricht, Präsident Woodrow Wilson habe den Kongress zu einer sofortigen Sitzung gebeten. Er wolle zu beiden Kammern des Parlaments sprechen. Die Ankündigung weckte augenblicklich Erinnerungen an den 2. April 1917, als der Präsident und militärische Oberbefehlshaber in einem dramatischen Appell die Zustimmung der Parlamentarier zum Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg gefordert hatten.

Aus der ganzen Stadt eilten die Abgeordneten nun wieder in Richtung Kapitol, Ausschusssitzungen wurden unterbrochen, geplante Versammlungen abgesagt. Zeitungen berichteten, dass in der Stadt kein Taxi mehr zu bekommen war, alles strömte auf den Parlamentshügel. Schnell füllten sich die Ränge auf der Presse- und Zuschauergalerie. Auch der britische Botschafter in den USA Sir Cecil Spring-Rice und die ohnehin anwesende serbische Delegation fanden sich hastig auf der Diplomaten-Tribüne ein.

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Wilsons Erster Weltkrieg: In 14 Punkten zum Weltfrieden

Auf der Galerie hatte bereits die First Lady Edith Wilson Platz genommen. Sie war eine der Wenigen, die den genauen Inhalt der nun folgenden Rede schon kannte. Alle anderen wussten nur, dass der Präsident zur internationalen Lage sprechen würde. Die gespannte Erwartung im Plenarsaal war mit Händen zu greifen, nachdem ein Sprecher mit lauter Stimme "The President of the United States" ankündigt hatte. In Begleitung der Mehrheitsführer beider Parlamentskammern und der Mitglieder des außenpolitischen Ausschusses betrat Wilson den Raum und erklomm die drei Stufen zum Rednerpult.

Übersetzungen in aller Welt

Nur gut eine Stunde nach ihrer Ankündigung begann der frühere Politikprofessor aus Princeton seine Ansprache und strukturierte sie wie eine Vorlesung. In 14 einzelnen Punkten legte Wilson die Kriegsziele der USA und deren Friedensvorstellungen dar. Es waren seine Ideen für eine neue Weltordnung. Nach seinen eigenen Worten handelte es sich um nicht weniger als "The programme of the world's peace".

Erst drei Tage zuvor hatte er den Rede-Entwurf seiner Berater eigenhändig überarbeitet, die zunächst fünfzehn zu vierzehn Punkten komprimiert und in eine neue Reihenfolge gebracht: Die ursprünglich an erster Stelle stehende einvernehmliche Regelung kolonialer Fragen setzte er nach hinten, während er die Ideen des Freihandels und der Abrüstung weiter nach vorne verschob. Die an fünfter Stelle stehende Forderung nach öffentlichen Friedensverhandlungen wanderte an den Beginn des Dokuments.

Die als "14-Punkte-Programm" bekannt gewordene Rede enthielt neben diesen allgemeinen Postulaten, darunter auch die Freiheit der Meere, konkretere territoriale Forderungen in Bezug auf Russland, das besetzte Belgien und Nordfrankreich, Italien, Österreich-Ungarn, die Balkanstaaten, das Osmanische Reich und Polen. Alle diese Gebietsfragen sollten nach dem Ende des Krieges im Geiste eines Selbstbestimmungsrechts der Völker gelöst werden. Zuletzt regte Wilson die Gründung eines Völkerbundes - "a general association of nations" - an, der die politische Unabhängigkeit und territoriale Integrität aller Staaten, unabhängig von deren Größe und militärischer Stärke, garantieren sollte.

Immer wieder wurde die 22-minütige Ansprache von stürmischem Applaus unterbrochen. Wiederholt sprangen Abgeordnete begeistert von ihren Sitzen auf. Am lautesten brandete der Beifall auf, als Wilson die Rückgabe Elsass-Lothringens vom Deutschen Reich an Frankreich forderte.

"14 Punkte? Selbst der liebe Gott brauchte nur 10!"

Zwar sprach der Präsident in Washington vor dem US-Kongress, seine Worte aber waren an die Welt gerichtet, sowohl an die Verbündeten, als auch an die Kriegsgegner. Im 500 Kilometer entfernten New York wurden alle Telegrafenleitungen für die sofortige Übermittlung der Rede nach Europa blockiert. Amerikanische Diplomaten in neutralen Ländern waren angewiesen, Übersetzungen anzufertigen und den Zeitungen anzubieten.

Zehntausende Flugblätter mit dem deutschen Wortlaut der Rede wurden in den folgenden Wochen als "Friedensbotschaft des Präsidenten Wilson" über deutschen Stellungen an der Westfront abgeworfen.

Die deutsche Reichsregierung stimmte einzelnen Punkten zu, lehnte Verhandlungen mit den USA über territoriale Fragen aber ab. Noch war ein deutscher Sieg im Westen möglich und im ehemaligen Zarenreich diktierten die deutschen Militärs der neuen russischen Regierung unter Lenin und Trotzki gerade einen Friedensvertrag mit riesigen Gebietsgewinnen zugunsten des Deutschen Reichs.

Doch nachdem sich das Kräfteverhältnis im Sommer 1918 zugunsten der Alliierten gewendet hatte, ersuchte die neue Reichsregierung unter Prinz Max von Baden Anfang Oktober 1918 die USA um eine Friedensvermittlung auf Grundlage des "14-Punkte-Programms".

Doch obwohl Wilson fast ein halbes Jahr lang persönlich an den Friedensverhandlungen in Europa teilnahm, gelang es ihm nicht, seine Friedensvorstellungen von einer Gleichbehandlung der Kriegsverlierer gegen die verbündeten Franzosen und Briten durchzusetzen. Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau hatte schon zuvor gespottet: "14 Punkte? Selbst der liebe Gott brauchte nur zehn!" Und der britische Premier David Lloyd George war Wilson mit einer eigenen Ansprache zur künftigen Friedensordnung am 5. Januar 1918 zuvorgekommen, weshalb der US-Präsident kurzzeitig erwogen hatte, auf eine eigene Rede zu verzichten.

Versprechen uneingelöst

Nach Wilsons Rückkehr in die USA im Juli 1919 lehnte der US-Senat die Ratifizierung des in Paris vom US-Präsidenten mitausgehandelten Friedensvertrages zweimal ab. Die Vereinigten Staaten wurden damit nie Mitglied im Völkerbund - einem Vorläufer der heutigen UN. Im Dezember 1919 erhielt Wilson zwar den Friedensnobelpreis in Oslo. Der Preis aber konnte den Demokraten nicht darüber hinwegtrösten, dass er im gleichen Jahr die erneute Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei verpasste. Im Herbst eroberten die Republikaner das Weiße Haus und den Kongress mit einem Erdrutschsieg.

Wilson ging als gescheiterter, "edler Idealist", wie ihn der Historiker Hans-Peter Schwarz bezeichnete, in die Geschichte ein. Viele US-Präsidenten fühlten sich seit seinen "14 Punkten" dennoch berufen, die Welt nach universell gültigen demokratischen Prinzipien zu gestalten.

Am 30. Januar 2018 wird der aktuelle US-Präsident zur Lage der Nation vor dem Kongress sprechen. Dass der "America first"-Politiker Trump dabei an Wilson und dessen "14 Punkte" erinnert, ist unwahrscheinlich. Die Vorstellung von der Gleichrangigkeit aller Nationen und vom demokratischen Führungsanspruch der USA in der Welt ist nach einem Jahrhundert einem neuen Nationalismus gewichen. Wilsons "Versprechen an die Menschheit", so sein Biograph Manfred Berg, bleibt uneingelöst.

insgesamt 7 Beiträge
Joseph Greeks 08.01.2018
1. Wir wissen....
....dass die nach ww1 entworfene Weltordnung durch Versailles torpefiert wurde. Die Weltordnung Trumans functionierte während des Duopols für uns recht gut und ersparte uns grossteils die Kosten für internationale Sicherheit. [...]
....dass die nach ww1 entworfene Weltordnung durch Versailles torpefiert wurde. Die Weltordnung Trumans functionierte während des Duopols für uns recht gut und ersparte uns grossteils die Kosten für internationale Sicherheit. Seit den 1990er stand die Analyse, dass wir eine gewisse Zeit damals geschätzt 35 oder 40 Jahre nachdenen sich ein Multipol so weit entwickeln würde, dass kleinere Operatiinen wie im Irak nicht mehr genügen würden den Frieden weitgehend zu erhalten. Eine erfolgreiche Einigung der Eu wäre ein Beispiel der Multipolarisierung wie auch die erstarkenden BRICS et al. Es würde dann über kurz oder lang zu echten Kriegen kommen vermutlich mit Atomwaffeneinsatz, sollte man die Proliferation nicht stoppen. Clinton nahm die Herausforderung nicht an, eine neue Weltordnung zu schaffen. Bush begann damit und konnte eine einleitende Normenänderung der UNO 2005 unterwegs bringen. Leider haben die meisten Europäer nicht mitgeholfen und Russland blickierte. Obama machte wie die Europäer nichts.
Armin Kammrad 08.01.2018
2. Besonders folgenreich war
jedoch Wilsons Konzept in punkto Selbstbestimmung. Es führte auf den Balkan zur Entstehung neuer Staaten, aber auch zu Staaten wie der Tschecheslowakei, wo vor allen Deutsche und Tschechen in einem konfliktreichen Verhältnis [...]
jedoch Wilsons Konzept in punkto Selbstbestimmung. Es führte auf den Balkan zur Entstehung neuer Staaten, aber auch zu Staaten wie der Tschecheslowakei, wo vor allen Deutsche und Tschechen in einem konfliktreichen Verhältnis standen.
Christoph Färber 08.01.2018
3. Wilson, ein Idealist? Nun ja, mit Abstrichen.
Er war ein (wie man sagt gemässigter) Rassist, er war verantwortlich für die Gründung der Fed, was er selbst so weit mir bekannt als schlimmsten Fehler seiner politischen Laufbahn ansah und er machte den katastrophalen Fehler, [...]
Er war ein (wie man sagt gemässigter) Rassist, er war verantwortlich für die Gründung der Fed, was er selbst so weit mir bekannt als schlimmsten Fehler seiner politischen Laufbahn ansah und er machte den katastrophalen Fehler, ethische Grundsätze in die internationale Politik einführen zu wollen. Da Politiker bekanntermassen mit Ethik so viel am Hut haben wie eine Kuh mit Hochseeangeln, war das Ergebnis eine überbordende Heuchelei übelster Provenienz, welche massgeblich zum Versailler Diktat, damit zum Scheitern der Weimarer Republik und somit letztlich zur Machtergreifung der Nazis führte.
Christiane Bohnert 08.01.2018
4. Ihm fehlte das Wissen
Wilson war kein Idealist in unserem Sinne. Er war der Präsident, der Jim Crow, die unbedingte Rassentrennung, in der US-Bundesbürokratie einführte, die bis dahin noch der Nachbürgerkriegsordnung verpflichtet war. Wilson [...]
Wilson war kein Idealist in unserem Sinne. Er war der Präsident, der Jim Crow, die unbedingte Rassentrennung, in der US-Bundesbürokratie einführte, die bis dahin noch der Nachbürgerkriegsordnung verpflichtet war. Wilson glaubte, dass der amerikanische Ausnahmecharakter (exceptionalism) ihn dazu prädestinierte, Europa den Frieden aufzuoktroyieren, übersah dabei aber völlig, wie vergiftet die Atmosphäre aufgrund des Krieges war, den die Amerikaner ein Jahr und Europa fast fünf Jahre mitgemacht hatte. Wilson war der erste, aber nicht der letzte Präsident, dessen außenpolitische Ahnungslosigkeit zu enormen Problemen führte.
D. St. 08.01.2018
5.
Sehr geehrter Herr Greeks, ich bin ein klein wenig überrascht über Ihren Beitrag, insbesondere zum Einsatz im Irak unter Präsident Busch. Das war keine Intervention um Frieden herzustellen, dass war ein völkerrechtswidriger [...]
Sehr geehrter Herr Greeks, ich bin ein klein wenig überrascht über Ihren Beitrag, insbesondere zum Einsatz im Irak unter Präsident Busch. Das war keine Intervention um Frieden herzustellen, dass war ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg der dem Einmarsch von Deutschland in Polen in nichts nachsteht. Wenn die Erschaffung einer neuen Weltordnung bedeutet, dass man über die Rettung von Menschenrechten redet aber eigentlich Schürfrechte meint, dann sollten wir besser alles so lassen wie es ist. Was glauben Sie denn, warum Nordkorea Atomwaffen haben wollte? Um anzugreifen? Ich denke, es ist eher der Wunsch nach einer Versicherung, dass das Erfolgsmodell aus dem Irak nicht auf das eigene Land übertragen wird. Amerika wäre niemals im Irak einmarschiert, wenn das Land tatsächlich die Massenvernichtungswaffen gehabt hätte, dessen Existenz vom CIA ja zweifelhaft nachgewiesen wurde. Die Welt hat sich an einem 11. September verändert. Am 11. September 1973. Jeder der die Weltgeschichte kennt, weiß was an diesem Tag geschehen ist.

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