einestages

Zweiter Weltkrieg

Die Rache der Rauchenden Kobras

Bei Brasilien denkt man an Caipirinha, Copacabana - und Nazis, die aus den Trümmern des "Dritten Reichs" dorthin flohen. Weniger bekannt: 25.000 Brasilianer kämpften im Zweiten Weltkrieg in Europa gegen Hitler. Die "Rauchenden Kobras" nahmen dabei sogar eine komplette Wehrmachtsdivision gefangen.

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Mittwoch, 30.12.2009   18:47 Uhr

Die Überraschung war beiderseitig, aber die Deutschen waren in der Überzahl: Während der blutigen Kämpfe um die norditalienische Stadt Montese Mitte April 1945 sahen sich drei alliierte Soldaten auf Patrouille urplötzlich einer kompletten Wehrmachtseinheit gegenüber. Nach kurzem, heftigen Gefecht lagen Arlindo Lúcio da Silva, Geraldo Baeta da Cruz, and Geraldo Rodrigues de Souza in ihrem Blut. Beeindruckt vom Kampfgeist ihrer Gegner setzten die Deutschen ihnen ein Holzkreuz. Die Aufschrift lautete "Drei brasiliianische Helden".

Dass im Zweiten Weltkrieg auch Südamerikaner mitten in Europa gegen Hitler kämpften, ist heute den Wenigsten bekannt. Eher gilt der Subkontinent hierzulande als Hort von NS-Sympathisanten und Nachkriegsversteck brauner Massenmörder und Rassenideologen. Ausgerechnet Brasilien aber, das Land, in dem nach 1945 der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele Zuflucht fand, schickte 1944 eine eigene Streitmacht nach Europa, um gegen Hitlers Wehrmacht zu kämpfen, über 25.000 Mann stark.

Auch viele Brasilianer hielten es lange für einen abwegigen Gedanken, gegen Deutschland Krieg zu führen. "Eher wird eine Kobra rauchen, als dass brasilianische Truppen marschieren", hieß die verbreitete Formel, welche die Skepsis zwischen Amazonas und Rio Grande auf den Punkt brachte. Staatspräsident Getúlio Dornelles Vargas hatte schließlich aus seinen Sympathien für Mussolini und den italienischen Faschismus nie einen Hehl gemacht. Als er nach seinem Putsch 1937 in Brasilien den "Estado Novo" ("Neuen Staat") ausrief, orientiert er sich dabei sogar stark am italienischen Vorbild.

Fünf versenkte Schiffe in 40 Stunden

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lavierte Vargas und versuchte sich neutral zu verhalten. Angesichts massiven politischen Drucks und verlockender Hilfsangebote machte er den USA aber nach deren Kriegseintritt im Jahr 1941 schrittweise Konzessionen. Im Oktober 1941 gewährte Brasilien der US-Kriegsmarine Nutzungsrechte für die Atlantikhäfen, im Nordosten des Landes wurden amerikanische Seeflieger-Geschwader stationiert. Im Januar 1942 brach Brasilien die diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächte ab. Doch weiterhin weigerte sich Vargas, Hitler den Krieg zu erklären oder gar Truppen zu schicken.

Den Anlass dazu lieferten die Deutschen schließlich selbst. Im ersten Halbjahr 1942 versenkten deutsche U-Boote insgesamt 13 brasilianische Frachtschiffe - faktisch befanden sich Brasilien und das "Dritte Reich" damit im Kriegszustand. Doch Vargas zögerte Immer noch. Dann torpedierte das deutsche U-Boot U 507 im Südatlantik am 16./17. August 1942 innerhalb von 40 Stunden gleich fünf Schiffe unter brasilianischer Flagge. Mehr als 600 Seeleute kamen ums Leben. Wenige Tage darauf erklärte Brasilien am 22. August 1942 Deutschland, Italien und deren Verbündeten offiziell den Krieg.

Die ersten Einheiten der brasilianischen Expeditionsstreitkräfte landeten aber erst am 2. Juli 1944 im süditalienischen Neapel, das die US-Army im Oktober 1943 befreit hatten. Nun endlich "marschierten brasilianische Truppen", "rauchte die Kobra", und die Soldaten der "Força Expedicionária Brasileira" (FEB), wie die offizielle Bezeichnung lautete, machten das mit einem Emblem auf dem linken Oberarm ihrer Uniformen deutlich: Es zeigte eine Schlange mit lässig zwischen die Giftzähne geschobener Pfeife.

Brasilianer an der "Gotenlinie"

Ihre Feuertaufe erlebten die "Rauchenden Kobras" am 14. September 1944 im Tal des Flusses Serchio, nördlich der Stadt Lucca in der Toskana. Nach zwei Tagen Kampf eroberten sie das 20.000-Einwohner-Städtchen Massarosa und feierten ihren ersten großen Sieg. Dann wurde es weniger lustig: Der legendäre US-General Mark Clark, Mastermind der Italien-Invasion und Kommandeur der 5. US-Armee, beorderte die Brasilianer an den Apennin.

Dort sollten die Kobras helfen, die Wehrmacht aus der "Gotenstellung" zu vertreiben, dem schwer befestigten Abwehrriegel entlang des Apenninkamms zwischen Pisa und Rimini - teils 30 Kilometer tief, gespickt mit Minenfeldern, Panzergräben, Artilleriestellungen und MG-Nestern. Und nicht nur das: Die sonnegewöhnten Südamerikaner fanden sich auf einmal in den harschen Bedingungen des norditalienischen Winters wieder - neben einem hartnäckigen Gegner setzte ihnen Schnee und Eiseskälte zu.

Obwohl es den ersten Linien gelang, an vielen Punkten durchzubrechen, konnte der Angriff nicht erfolgreich zu Ende gebracht werden. Die enormen Verluste, die Schwierigkeiten beim Nachschub von Truppen und dringend benötigten Lebensmitteln sowie der Einbruch schlechten Wetters zwangen die Alliierten dazu, den Winter über abzuwarten. Die Deutschen machten die frierenden Brasilianer derweil auch zum Ziel psychologischer Kriegführung: Propaganda-Flugblätter und eine tägliche Radiosendung in portugiesischer Sprache mit dem Titel "Hora AuriVerde" ("Gold-grüne Stunde") sollten ihre Moral schwächen.

Eine deutsche Division gefangen

Im Februar und März 1945 gelang es den Alliierten aber, die wichtigsten Gebirgsstellungen der Wehrmacht einzunehmen. Mitte April waren es dann die "Rauchenden Kobras", die in der Schlacht von Montese die deutschen Linien in Richtung Norden durchstießen. Allein im Tiradentes-Regiment fielen 129 Soldaten.

Dann aber gelang den Kobras ein spektakulärer Erfolg. Am 28. April 1945 ergaben sich bei der Ortschaft Ponte Scodogna südwestlich von Parma am Ufer des Flusses Taro die komplette 148. Infanteriedivision unter Generalleutnant Otto Fretter Pico, Teile der 90. Panzergrenadierdivision sowie italienische Einheiten den FEB-Soldaten. Zwei Generäle, fast 900 Offiziere und rund 20.000 Soldaten gingen in brasilianische Kriegsgefangenschaft. Sie zogen es vor, sich von den Südamerikanern gefangen nehmen zu lassen, als von den italienischen Partisanen, die den deutschen Verband eingekesselt hatten.

Am 2. Mai schließlich kapitulierte die Wehrmacht in Italien, am selben Tag zogen die "Rauchenden Kobras" in Turin ein. Mehr als 450 Brasilianer hatten für die Befreiung Europas von den Nazis ihr Leben gelassen. Ihre sterblichen Überreste wurden zunächst auf dem Soldatenfriedhof von Pistoia bestattet, 1960 wurden sie nach Brasilien überführt. In Rio de Janeiro zeugt im Stadtteil Flamengo bis heute ein bemerkenswertes "Denkmal für die Toten des Zweiten Weltkriegs" von ihrem Opfer.

Mit Material von R. F.

insgesamt 13 Beiträge
Ronald Friedmann 03.01.2010
1.
Der ursprüngliche Text stammte von mir. Er ist jedoch von der Redaktion "einestages" so bearbeitet worden, daß ich einer Veröffentlichung unter meinem Namen nicht mehr zustimmen konnte. Wer vergleichen möchte, kann [...]
Der ursprüngliche Text stammte von mir. Er ist jedoch von der Redaktion "einestages" so bearbeitet worden, daß ich einer Veröffentlichung unter meinem Namen nicht mehr zustimmen konnte. Wer vergleichen möchte, kann den von mir eingereichten Text unter www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2009/die-kobra-raucht/ finden.
Ernst Pelzing 03.01.2010
2.
Zum Titel des interessanten Beitrags "Die Rache der rauchenden Kobras": Der Titel des wenig bekannten Kapitels Kriegsteilnahme Brasiliens gibt die seinerzeit dort vorherrschende Meinung zu diesem Thema im Originalton [...]
Zum Titel des interessanten Beitrags "Die Rache der rauchenden Kobras": Der Titel des wenig bekannten Kapitels Kriegsteilnahme Brasiliens gibt die seinerzeit dort vorherrschende Meinung zu diesem Thema im Originalton mit folgender Aussage wieder: "mais fácil uma cobra fumar do que o Brasil entrar na guerra". Soll heißen "Eher sieht man eine rauchende Kobra, als dass Brasilien in den Krieg eintritt". Hier bedient man sich der rhetorischen Figur eines Adynatons zur Beschreibung eines praktisch unmöglichen Ereignisses, das über eine Hyperbel durch ihre Übertreibung zum Ausdruck kommt. Ein in unseren Breiten bekannteres Beispiel dieser Aussagetechnik ist das Bibelzitat "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt." Zum brasilianischen Mischgetränk und der Strandbezeichnung im Titel des Beitrags: Der Korrektheit halber sollte es heißen "Caipirinha" und "Copacabana". Ernst Pelzing
Jürgen Schiffmann 03.01.2010
3.
"Die "Rauchenden Kobras" nahmen dabei sogar eine komplette Wehrmachtsdivision gefangen." - die sich bei Kriegsende ergab! Was so von Schlagzeilen übrig bleibt...
"Die "Rauchenden Kobras" nahmen dabei sogar eine komplette Wehrmachtsdivision gefangen." - die sich bei Kriegsende ergab! Was so von Schlagzeilen übrig bleibt...
Tido Röder 03.01.2010
4.
1) Es heißt Caipirinha, nicht Caipirina. 2) Copa Cabana gibt's nicht, der Stadtteil heißt Copacabana. 3) Eine treffendere Bezeichnung für die brasilianische Truppe wäre vielleicht die "Rauchenden Schlangen", [...]
1) Es heißt Caipirinha, nicht Caipirina. 2) Copa Cabana gibt's nicht, der Stadtteil heißt Copacabana. 3) Eine treffendere Bezeichnung für die brasilianische Truppe wäre vielleicht die "Rauchenden Schlangen", denn "Cobra" bedeutet auf Portugiesisch einfach nur "Schlange" und bezeichnet nicht die spezifische Schlangenart "Kobra" - obwohl der Name der Schlangenart sich aus dem Portugiesischen ableitet. In Brasilien gibt es im übrigen gar keine Kobras, und das Wappentier sieht daher noch nicht einmal aus wie eine Kobra.
Wolfgang Buelo 04.01.2010
5.
Mein Vater erzählte, dass seine Stellung im Appenin von Brasilianern umgangen worden war und er von Brasilianern gefangen genommen wurde.
Mein Vater erzählte, dass seine Stellung im Appenin von Brasilianern umgangen worden war und er von Brasilianern gefangen genommen wurde.

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