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Werberin über zwölf Jahre Sexismus im Job: "Knöpf mal ein bisschen die Bluse auf"

Die Grafikerin Ashley Winkler hat in ihrem Leben oft Sexismus erlebt. In einem langen Twitter-Thread verschaffte die Österreicherin sich Luft. Dafür bekam sie viel Zuspruch - und Penisbilder.
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#1 - 06.12.2017, 17:49 von yebo

Immer auf die Kleinen

Die Äußerungen sind zweifellos herabwürdigend und beleidigend, auch wenn wenige davon nicht als sexistisch eingestuft werden können, weil sie ebenso von einer Chefin an einen männlichen Angestellten gerichtet sein könnten, somit geschlechtsneutral sind.
Das Engagement gegen diesen Sexismus befürworte ich sehr, allerdings finde ich den Begriff „patriarchalisch“ an der einen Textstelle unangebracht:
Der Mann kümmert sich in der Firma ums Geldverdienen, und die Frau kümmert sich daheim um Haushalt und Kinder. Berufstätige Frauen arbeiten allenfalls als Krankenschwester, Kindergärtnerin (so hieß das früher) oder Lehrerin. Mädchen spielen mit Puppen, Jungs mit Autos. Frauen schminken sich, Männer trinken Bier. So wurden wir erzogen, und die eine Generation übernimmt es von der vorigen: keine guten Voraussetzungen für Vielfalt und Gleichberechtigung. In Politik und Wirtschaft sind meist Männer die Entscheider. Das nennt man patriarchalisch.
Warum sind wir so? Warum gibt es heute noch so viele Frauen, die sich scheinbar aus freiem Willen für dieselben Rollen entscheiden? Weil wir von Kindesbeinen an so geprägt wurden. Die ersten 15 Lebensjahre sind sicherlich die wichtigsten in der Entwicklung von Ethik und Weltanschauung. In dieser Phase weichenstellend einzugreifen, ist zum Erreichen einer gerechten Gesellschaft sicher ein machtvolleres Instrument als das, was die Entscheider in Politik und Wirtschaft so von sich geben.
Wenn der Vater den ganzen Tag arbeitet und wenn die Kinder und Jugendlichen durch Mütter und Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen erzogen und geprägt werden, wer hat dann das wirksamere Instrument zur Gesellschaftsprägung in der Hand: die erziehenden Frauen oder die werktätigen Männer? Sollte unser Gesellschaftsmodell also nicht eher matriarchalisch genannt werden? Wieso erklären Frauenrechtlerinnen stets den Mann zum Schuldigen, während die Frauen tatsächlich den viel größeren Einfluss auf die Entwicklung der Folgegeneration haben – und schon vor hundert Jahren hatten?
Ich würde gern von einer vollen auf eine halbe Stelle reduzieren, denn ich verbringe lieber Zeit mit meinem Kind als mit den Akten auf meinem Schreibtisch, sofern meine Partnerin mir dann den Rücken freihält und in Vollzeit den größeren Teil des Familienunterhalts hereinholt. Ob sie dann bei ThyssenKrupp im Asbestanzug am Hochofen steht oder im Gucci-Kleid in dessen Aufsichtsrat sitzt, sollte davon abhängen, was sie zwischen den Ohren hat (Qualifikation), und nicht per Quote davon abhängen, was sie zwischen den Beinen hat (Vagina vs. Penis).

#2 - 06.12.2017, 17:54 von sven2016

Das macht nachdenklich. Vor Allem, wenn männliche Kollegen nicht in der Lage sind, selbständig Komplimente und Anmache/Belästigung auseinander zu halten.

Da ist entwicklungsmäßig was richtig den schiefgelaufen. Millennials: weniger Macho und überzogene Egotrips, bisschen mehr Empathie testen, gelle?

#3 - 06.12.2017, 18:06 von neutron76

Scheinbar die falsche Branche

Werbeagenturen scheinen allgemein keine Sanatorien zu sein. Das betrifft nicht nur Frauen. Männer müssen dort genauso kämpfen.

#4 - 06.12.2017, 18:16 von linoberlin

seit Brüderle

diskutieren wir nun. In letzter Zeit mal wieder verstärkt. Richtig, man muss erst mal die Fehler benennen. Jetzt wird's aber langsam mal Zeit, mit Maßnahmen zur Erziehung (aller Altersgruppen) dazu beizutragen, dass eine Verbesserung Einheit. Immer nur festzustellen, wie fürchterlich alles ist, bringt niemanden weiter.

#5 - 06.12.2017, 18:24 von sapalot

Frauen und Männer sind nicht gleich, aber auch nicht so unterschiedlich wie man(n) denkt - und zudem sind wir vor allem Individuen, also doch wieder unterschiedlich ;) Sexismus gehört sofort abgestellt, die Gleichberechtigung hat noch einen langen Weg vor sich, ist aber auf dem richtigen.
Ich denke, dass die Beziehung zum anderen, oder richtig: sexuell präferierten Geschlecht, immer eine besondere sein wird. Und das ist nichts schlimmes, wenn es galant kanalisiert wird...

#6 - 06.12.2017, 18:26 von Larnaveux

Bemerkenswert, was da so im Laufe der Jahre bei Frau Winkler offenbar in unterschiedlichen Firmen zusammengekommen ist. Insbesondere weil da allein in den hier benannten Beispielen ein paar echte Vollklopper dabei sind, die überhaupt nicht gehen. Die Frage nach der geplanten Schwangerschaft ist tatsächlich gesetzlich verboten, ich weiß aber, dass sie tatsächlich real viel zu oft gestellt wird. Extrem daneben finde ich auch solche Äußerungen, wie dass im Stundensatz ein wenig mehr drin sein sollte hinsichtlich Befummeln, dass Geld für einen Quickie angeboten wird, dass die Bluse weiter aufgemacht werden soll oder dass ein rosa Kleidchen passender wäre. Das ist so ekelhaft. Würde ich das mitbekommen (solche Sprüche kommen ja manchmal auch nicht nur in Zweiergesprächen), würde ich so was von dazwischengrätschen (und das sollte Jedermann und Jederfrau tun). Die Anspielung auf die Menstruation ist einfach nur geschmacklos und zum Kotzen, Aufforderungen zum Weniger-Anziehen widerlich, das Erstaunen über das Nicht-Aufnehmen einer Beziehung entlarvend. Ich schüttele einfach nur den Kopf. Vom Anfassen wollen wir gar nicht reden. Das ist so was von No-Go, das geht gar nicht.

Der Spruch von den schönen Beinen in schöner Hose ist betriebstechnisch ebenfalls daneben, ich könnte mir allerdings vorstellen, dass er zur richtigen Zeit unter guten Bekannten durchaus möglich wäre, wenn er nicht dem plumpen Anbaggern dient (was aber vermutlich bei Frau Winkler der Fall war).

Einzig einen vorsichtigen Widerspruch lege ich ein bei dem Fall mit den Emotionen. Diese Frage kann durchaus interessante Antworten erzeugen (egal ob von einer Frau oder einem Mann). Je nach Gesprächsverlauf vorher kann so eine provokante Frage zeigen, wie eine Person in einer ungewohnten Stresssituation reagiert. Es kann also vollkommen seriös sein. Allerdings fürchte ich, dass es bei Frau Winkler eine Frage war, die darauf basierte, dass sie eine Frau (ergo, Vorurteil, viel zu gefühlsbetont) ist, und das geht natürlich gar nicht! Hier kommt es also auf den Zusammenhang an.

Was bin ich froh, dass ich in Firmen tätig bin, bei denen (mittlerweile spricht man ja mit Kolleginnen viel intensiver über solche Themen, dafür ist #metoo schon gut) es diese extremen Vorfälle in dieser massiven Häufung nicht gibt. Und wo es vorkommt, wird auch relativ schnell aus dem Kollegenkreis oder aus der Leitung reagiert, soweit es scheint und auch die Kolleginnen berichten.

#7 - 06.12.2017, 18:59 von Amadís

Natürlich sind viele der Beispiele total widerlich.

Auch die Aufforderung an "die Mädels" mal das Klo zu putzen ist völlig danbeben. Was für Idioten sind das, die so mit den Kollegen umgehen?

Allerdings betrifft dieses sexistische Denken Männer genauso. Trag mal dies, heb mal das, tausch mal die Glühbirne aus, hier ist ne Schraube locker...
Alles Aufgaben die von den Frauen an die Männer delegiert werden.

"Und was glauben Sie, bekommen Frauen zu hören, die ungeschminkt und in T-Shirt und Jeans zur Arbeit kommen? Bei einem Mann ist das natürlich ganz anders."

Ok, das ist echt witzig formuliert. Wenn ein Mann geschminkt zur Arbeit käme, würden sich Männer wie Frauen das Maul zerreißen.

#8 - 06.12.2017, 19:09 von mazzeltov

Zitat von neutron76
Werbeagenturen scheinen allgemein keine Sanatorien zu sein. Das betrifft nicht nur Frauen. Männer müssen dort genauso kämpfen.
Den Männern wird auch ein Zwanziger für einen Quickie auf dem Klo angeboten?
Und ganz ehrlich - wenn mir einer bei der Vorstellung erzählt, dass sie meinen Kolleginnen weniger zahlen, weil die ja ein Mal im Monat ihre Tage haben, gehe ich freiwillig wieder. In so einer Firma arbeite ich nicht.
In dem Sinne haben Sie wahrscheinlich im Endeffekt sogar Recht: Männer müss(t)en dort ganz offensichtlich genauso kämpfen. Aber ich fürchte fast, Sie meinten es nicht wirklich in diesem Sinn, oder?

#9 - 06.12.2017, 19:28 von spdf

re

Zitat von yebo
Eine Laborärztin arbeitet ohne Handschuhe mit Blutproben von HIV-Patienten und infiziert dabei. Schuld an der möglichen Zerstörung ihres Immunsystems ist das HI-Virus, nicht die Infizierte. Sie hätte sich auch mit Handschuhen anstecken können, aber die Wahrscheinlichkeit wäre vielleicht geringer gewesen. Eine Touristin in New York geht mit einer 4000-Euro-Kamera vor dem Bauch durch die Bronx und wird überfallen. Schuld an der Kopfplatzwunde ist der Räuber, nicht die Touristin. Sie hätte auch ohne Kamera in Schweden verletzt werden können, aber die Wahrscheinlichkeit wäre vielleicht geringer gewesen. Eine Studentin geht mit klackenden High Heels und kurzem Rock nachts durch eine einsame Gasse und wird in einem Hauseingang vergewaltigt. Schuld an der Straftat ist der Vergewaltiger, nicht die Studentin. Sie hätte auch in Begleitung und mit Jutesack bekleidet tagsüber vergewaltigt werden können, aber die Wahrscheinlichkeit wäre vielleicht geringer gewesen. Die Begriffe Schuld, Verantwortlichkeit, Nachlässigkeit, Risikobereitschaft und Prophylaxemangel sollten diejenigen nicht verwechseln, die einem Mann vorwerfen, er würde victim blaming betreiben, wenn er statistische Risiken benennt. Wohl aber sollte jede Ansicht korrigiert werden, die aus solchen Zusammenhängen eine Schuldminderung für die Täter zu Lasten der Opfer konstruiert. Jeder Mensch hat das Recht auf Unvernunft, und die Krankenkassen sollen auch weiterhin die Lungenkrebstherapie von Rauchern und die Knochenbruchbehandlung von Skifahrern bezahlen, aber den (kleinen) Einfluss jeder Person aufs eigene Leben darf keinem Mündigen abgesprochen werden.
Ihr erstes Beispiel beschreibt eine grob fahrlässige Handlung. Zweites Beispiel ist Leichtsinn. Ihr drittes Beispiel mit der Studentin verkennt die Tatsachen. Opfer und Täter haben sich mit Sicherheit gekannt, d.h. die Kleidung der Studentin hatte keine Auswirkungen auf die Tat. Mit freizügiger Kleidung haben Vergewaltigungen im Allgemeinen nichts zu tun.

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