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Das Web der Neunzigerjahre: Als wir zum ersten Mal "drin" waren

Internet Archive Der E-Mail-Dienst Lycos kostet ab sofort Geld. Moment mal - Lycos gibt es noch? Und was ist eigentlich aus den anderen großen Namen des Web 1.0 geworden?
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#1 - 15.05.2018, 21:36 von Gaztelupe

Erinnern lohnt sich nicht

Neben der Eingangstür stand ein schlichter, kleiner Schreibtisch, darauf irgendein grauer Mac, mit Modem und immerhin Farbmonitor. Damit konnte man »surfen«. Ich war erstens einer der wenigen, die sich dafür interessierten, zweitens einer von zweien, die das Teil einigermaßen bedienen konnten. Die Zentrale hatte den Internet-Anschluss gefordert, um Abrechnungen und andere, womöglich brisante Dokumente aus der spanischen Hauptstadt digital nach Hamburg transferieren zu können. Mit einer obskuren Anwendung namens »Quickmail«. Hat hinten und vorne nicht funktioniert, auch nicht nach stundenlangen, teuren Ferngesprächen mit einem »Spezialisten« in Hamburg, der IT-branchenüblich nur in sich hinein nuschelte. Das konnten die schon damals nur so.

Der »Netscape Navigator« führte mich allerdings schon zielsicher auf die Site meiner Begierde: Ich wollte was über »Blade Runner« erfahren. Wahrscheinlich hat da die melancholische Stimmung, die mir der eben erstandene Soundtrack in die Rübe gepflanzt hatte, ein Wörtchen mitgeredet. Danach gleich zu diversen Songtexten, die ich im Radio oder von der Platte nie verstanden hatte. Praktisch. Erst danach habe ich mal geguckt, was mein Name online so hergibt. Nicht eben viel damals, und das sollte noch gut zehn Jahre lang so bleiben.

Sterbenslangweilig, solche Erinnerungen, oder?

Die digitale Technologie ist eben nicht sexy. Sie war es nicht, ist es nie geworden. Die pixeligen Monitore taugen nicht zu romantischer Verklärung, die Verbindungsprobleme bleiben auch in der Rückschau so lästig, wie sie waren, und werden nicht zu heiteren Reminiszenzen warmherziger Qualität.

Als dann die E-Mail so richtig in Fahrt kam, wurde das Leben merklich komplizierter und die Kommunikation schlicht doofer. Für das Eilige war die elektronische Post zu langsam und indirekt, die Geduld des Papiers, eine weithin unterschätzte Eigenschaft, vor allem dessen Autorität hat sie sich ohnehin nie aneignen können. SMS und anderer Messenger-Quatsch rotieren weiter in ihrer hektischen Abschäumigkeit. »Digital Lifestyle« ist ein Marketing-Begriff, das sollte nicht vergessen werden.

Internet, Du kennst nur Zukunft. Deine Vergangenheit ist öde …

#2 - 15.05.2018, 21:53 von lahozdeoro

Compuserve

Da gab's noch einen Vorläufer, Compuserve, ursprünglich rein englisch, eine Art Sammlung von Gruppen-Foren mit bestimmten Titeln (Computer, Politik, Medizin...), später auch auf Deutsch mit Foren wie Gerwin (für German Windows), Gerline (allgemeine deutschsprachige Foren). Billig war das nicht, kostete doch jede Minute sowohl Telefongebühr bei der Internet-Einwahl, als auch Compuserve-Gebühr, so ein paar D-Mark bzw. Dollar gingen da pro Stunde schon drauf. Spannend war's trotzdem. Man konnte dort sogar eine eigene Website einrichten mit einfachen Mitteln und ohne zusätzliche Kosten, Netscape hatte wohl auch einen html-Editor. Dürfte so 1992-1995 gewesen sein.

#3 - 15.05.2018, 21:54 von hnoi

Erinnern lohnt sich doch ...

Sie erinnern sich ziemlich ausführlich ;)

Ich denke gerne an die Zeiten von 14.400 Modems, BTX (die Telekom hatte damals als einzige die "interessanten" Fotografien ...), AOL ("Sie haben Post") und Gebühren von 6 DM/Stunde (okay, das weniger gerne, die erste Telefonrechnung belief sich auf über 300,- DM) zurück ...

Wenn ich meinen Töchtern von diesen Zeiten erzähle, Festnetz etc. dann kommt so richtig Dinosaurier-Feeling auf ;)

*aufgewachsen im Jurassic Parc*

#4 - 15.05.2018, 22:35 von immer billig äh umsonst

Einwahl vor AOL

Cool war auch die Zeit vor AOL und Compuserve, als es per 14,4K Modem (eingeschliffen in das Netz der Bundespost, bevor es TAE Dosen gab) aus MS DOS in die BBS Boards im ASCII Design ging. Erste Chats mit unbekannten „Freaks“, Freeware & Shareware, die ersten JPG Fotos, die ersten MP3, und eine Telefonrechnung zum Heulen. Bloß nur Ortsnetzeinwahl und keine Regional- oder Ferneinwahl! Haha geile Zeit... war damals 15 oder 16

#5 - 15.05.2018, 23:28 von distraktor

Mosaic browser

Werde es nie vergessen wie ich bei Compuserve zum ersten mal dieses neue world wide web dings da ausprobierte. Man musste noch irgendwie mit dem Modem durchtunneln und konnte dann im Mosaic Browser ein paar Webseiten ankucken. Von da ab war ich online süchtig bis heute.

#6 - 15.05.2018, 23:40 von sp0n

Ohne es hieb- und stichfest zu wissen oder überprüft zu haben:

Flickr gehört nicht mehr zu Yahoo.

Der Programmcode des klassischen Netscape Navigators/Communicators wurde m. W. damals im Wesentlichen aufgegeben, hätte also auch nicht mehr die Basis von Mozilla-Firefox gebildet.

Es war m. W. nicht T-Online, das die erste Flatrate angeboten hat. Da dürften "Tomorrow Internet" und "Surf1" (irgendwann später kam mal eine Forderung vom Insolvenzverwalter) früher gewesen sein.

Die AOL-Probemonate für deren Onlinedienst waren toll. Man war jung und brauchte das Internet.

Ansonsten kann ich das geschilderte aus eigener Erfahrung schon nachvollziehen, abgesehen von Lycos (irgendwas mit Hund) und web.de im Sinne eines Webkatalogs à la yahoo damals.

#7 - 16.05.2018, 00:08 von choke123

Die erst Flatrate bot laut meiner Erinnerung nach nicht T-Online an, sondern ein kleiner Provider, dessen Namen ich vergessen habe. War eine Katastrophe - nach ein paar Wochen oder Monaten war der pleite und eine Menge Leute, die damals eine rabattierte Jahresgebühr im Voraus bezahlt hatten, warten immer noch auf ihr Geld...

#8 - 16.05.2018, 02:35 von Atömchen

Fühle mich alt bei dem Artikel. Bin im SoSe 1996 über meine Uni das erste Mal online gegangen - war auch das erste Semester. Neben E-Mail, Newsgroups und einigen wenigen Webkatalogen habe ich die meiste Zeit auf der Internet Movie Database recherchiert - oft stundenlang. Später kam dann noch die Rocky Beach-Fanpage der Uni Münster hinzu ("Pension Seabreeze" glaube ich). Habe natürlich auch alles durchgemacht - ICQ, Alta Vista, GeoCities usw.

Vermisse die Zeiten andererseits aber nicht wirklich. Surfen war lange Zeit sehr teuer und langsam - 150 bis 200 DM pro Monat waren bei den Minutenpreisen fürs Surfen schnell weg, ohne dass man wirklich viel online war.

Die offizielle Homepage der Tom Hanks-Komödie "e-m@il für Dich" ist übrigens seit zwanzig Jahren online: http://www.youvegotmail.com

Und die offizielle Homepage von "Space Jam" mit Michael Jordan und Bugs Bunny seit 22 Jahren: www.spacejam.com

So sah das damals aus. ;)

#9 - 16.05.2018, 02:55 von GoaSkin

In den 90er Jahren haben sich die Leute noch über eigene Homepages präsentiert, statt mit irgendwelchen Einheitsbrei-Facebook-Seiten mit wenig Inhalt. Man hat über eine Vielfalt an Messengern miteinander gechattet, statt ausschließlich diesen WhatsApp-Mainstream-Müll zu nutzen. Und es existierte sogar eine enorme Vielfalt an Sozialen Netzwerken, bei denen sich Leute zielgruppenspezifisch austauschen konnten. Viele Internet-Dienste (z.B. Newsgroups, IRC-Chat) wurden dezentral über vernetzte Server betrieben, an den mehr als nur eine Organisation / ein Unternehmen beteiligt war. Und vor allem, haben Webseite-Betreiber nicht versucht, einem Apps aufnötigen zu wollen, wenn man doch nur mit dem Handy eine Webseite abrufen wollte. Und vor allem gab es sehr viele Suchmaschinenanbieter und nicht nur Google, Yahoo und Derivate davon.

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