Gesundheit

Aus der Balance geraten

Woher Schwindel kommt und was man tun kann

Alles dreht sich oder schwankt: Schwindel ist für Betroffene oft beängstigend. Meist lässt sich das Symptom gut behandeln, allerdings sollte ein Arzt nach der Ursache suchen.

Getty Images
Donnerstag, 18.05.2017   11:01 Uhr

Als würde man Karussell fahren oder auf einem schwankenden Schiff stehen - so kann sich Schwindel anfühlen. Vielen macht das Angst. "Etwa 25 bis 30 Prozent der Menschen in Deutschland haben im Laufe ihres Lebens einen behandlungsbedürftigen Schwindel", sagt Michael Strupp von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Hinter dem Symptom können ganz verschiedene Ursachen stecken, daher sind die Therapien auch höchst unterschiedlich. Eines aber gelte bei Schwindel unabhängig von der Ursache: "Man muss damit nicht leben", betont Strupp. "Der Patient sollte nicht lockerlassen, bis die richtige Diagnose gestellt und eine wirksame Therapie eingeleitet worden ist."

Der Münchner Oberarzt ist überzeugt: In 95 Prozent aller Fälle kann den Betroffenen geholfen werden. Dazu ist es aber wichtig, dass der Patient seine Beschwerden möglichst genau beschreibt. Für die Diagnose seien vier Aspekte von Bedeutung: der zeitliche Verlauf, die Art des Schwindels, mögliche Auslöser oder Verstärker sowie begleitende Beschwerden.

Steinchen im Innenohr

Der Drehschwindel etwa fühlt sich an wie in einem Karussell und der Schwankschwindel wie auf einem Schiff, erklärt Wolfgang Heide, der die Schwindelsprechstunde im Allgemeinen Krankenhaus in Celle leitet.

Manche Patienten bekommen eine Schwindelattacke, wenn sie sich morgens im Bett umdrehen. Dahinter kann der sogenannte gutartige Lagerungsschwindel stecken, erklärt Dirk Eßer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. "Dabei lösen sich kleine Kristallteilchen im Innenohr, die bei bestimmten Bewegungen die Sinneshaarzellen reizen und so den Schwindel auslösen können." Die Betroffenen erleben das häufig als dramatisch, weil ihnen nicht nur äußerst schwindelig ist, sondern sie auch das Gefühl haben, sich kaum bewegen zu können wegen des Schwindels, und sie sich oft übergeben müssen.

Eine andere mögliche Ursache für Schwindelattacken ist die Krankheit Morbus Menière, bei dem das Problem ebenfalls im Innenohr liegt. Die genaue Entstehung der Krankheit ist noch unklar, begleitende Probleme sind meist ein Hörverlust und Tinnitus.

Strupp ergänzt eine weitere mögliche Ursache: Hat der Patient zusätzlich Kopfschmerzen und reagiert empfindlich auf Licht oder Lärm, kann dahinter die recht unbekannte Schwindelmigräne stecken.

Als Notfall ins Krankenhaus

Setzt der Schwindel hingegen plötzlich ein, hält aber viele Tage an, spricht das laut Strupp meist für einen Ausfall eines Gleichgewichtsorgans. Hat man zusätzlich zum Schwindel Gefühlsstörungen, Schluckstörungen oder sieht Doppelbilder, ist das ein Alarmsignal für einen Schlaganfall. "Das ist ein Notfall", betont Strupp. Dann müsse man sofort einen Krankenwagen rufen, der einen in die Notaufnahme bringt.

Manchen Menschen ist auch dauerhaft schwindlig. Diese besonders belastende Form des Schwindels kann auf den Ausfall beider Gleichgewichtsorgane hindeuten, sagt Strupp. Dauerschwindel kann aber auch das erste Anzeichen einer neurodegenerativen Erkrankung wie Parkinson oder einer Kleinhirnerkrankung sein.

Außerdem kann dahinter der sogenannte psychogene Schwindel stecken - oft kombiniert mit Sturzangst, Herzrasen und Schwitzen, ergänzt Heide. "Diese Form des Schwindels ist psychologisch bedingt, hat aber oft organische Auslöser." So kann es sein, dass der Schwindel nach einer Erkrankung des Gleichgewichtsorgans trotz Heilung bestehen bleibt, weil die Gleichgewichtsregulation aus der Balance geraten ist und falsch wieder erlernt wurde.

Irritiertes Gleichgewicht

Eine Sonderform des Schwindels ist die Reisekrankheit: "Dabei ist das Gleichgewichtssystem irritiert", erklärt Eßer. Denn die Wahrnehmung der Augen und des Gleichgewichtsorgans stimmen etwa auf einem schwankenden Schiff nicht überein - daher wird einem schwindelig. "Viele haben den Schwindel auch beim Betreten des Landes, weil das Gleichgewichtssystem sich an das Schwanken gewöhnt hat."

Die Therapie des Schwindels hängt von der Ursache ab. Beim gutartigen Lagerungsschwindel oder beim Ausfall eines Gleichgewichtsorgans hilft Physiotherapie, erklärt Strupp. Dort lernt der Patient entweder, durch welche Bewegungen er die verrutschten Kristallteilchen beim Lagerungsschwindel wieder in die Bahn bringt oder im anderen Fall spezielle Balance- und Gleichgewichtsübungen.

Außerdem gibt es verschiedene Medikamente, die die Symptome dämpfen oder die Ursachen behandeln können. Beim psychogenen Schwindel kann allein durch ein Gespräch mit dem Patienten über die Art und Ursache der Beschwerden häufig eine merkliche Besserung erzielt werden.

Wichtig ist: dranbleiben, bis es besser wird. Erste Anlaufstelle ist - außer beim Verdacht auf einen Schlaganfall - der Hausarzt. Weiß der keinen Rat, kann man einen Hals-Nasen-Ohrenarzt oder Neurologen hinzuziehen.

hei/dpa

insgesamt 15 Beiträge
pinkinson 18.05.2017
1. Atlas Korrektur
Mein Vater ist über 5 Jahre lang durch alle Ärtze gegangen ohne dass auch nur einer den Atlas als mögliche Ursache für erwähnungswert hielt. Eine Korrektur der Fehlstellung führte zu einer SOFORTIGEN Symptomfreiheit.
Mein Vater ist über 5 Jahre lang durch alle Ärtze gegangen ohne dass auch nur einer den Atlas als mögliche Ursache für erwähnungswert hielt. Eine Korrektur der Fehlstellung führte zu einer SOFORTIGEN Symptomfreiheit.
4magda 18.05.2017
2.
"25 bis 30 % Betroffene in Deutschland" ..würde für meinen Hausarzt bedeuten, lauter psychosomatische Fälle.
"25 bis 30 % Betroffene in Deutschland" ..würde für meinen Hausarzt bedeuten, lauter psychosomatische Fälle.
Hänschen Klein 18.05.2017
3.
Und was hat das portugiesische Kopfsteinpflaster damit zu tun? :) Wir war im Leben nur an zwei Tagen binnen einer Woche sehr schwindelig. Alles verschwomm mir vor den Augen und ich konnte nicht mehr stehen, sonst wäre ich [...]
Und was hat das portugiesische Kopfsteinpflaster damit zu tun? :) Wir war im Leben nur an zwei Tagen binnen einer Woche sehr schwindelig. Alles verschwomm mir vor den Augen und ich konnte nicht mehr stehen, sonst wäre ich umgefallen. Dauerte jeweils ca. ne halbe Stunde. Habe dann ängstlich im Internet nach den Symptomen gegoogelt und bin auf Augenmigräne gestoßen. Als mögliche Ursachen wurden auch einige Lebensmittel erwähnt. Ich überlegte also, ob ich etwas außer der Reihe gegessen hatte. Und prompt: Ich hatte ausnahmsweise ein Netz mit 3 oder 4 dieser wunderschönen lila Zwiebeln gekauft, weil sie keine weißen hatten. Beim Verzehr solcher Zwiebeln in rohem Zustand (Salat etc.) treten bei manchen Leuten solche Symptome auf. Geht aber wieder weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Könnt ja mal ausprobieren, ob es bei euch auch so ist, aber bitte nur zuhause.
syssojew 18.05.2017
4. "Der Patient sollte nicht lockerlassen, bis die richtige Diagnose gestellt und eine wirksame Therapie eingeleitet worden ist."
"Der Patient sollte nicht lockerlassen, bis die richtige Diagnose gestellt und eine wirksame Therapie eingeleitet worden ist." Das hat bei mir 35 Jahre gedauert. Oft die Sch...ze voll gehabt. Studium abgebrochen. Von [...]
"Der Patient sollte nicht lockerlassen, bis die richtige Diagnose gestellt und eine wirksame Therapie eingeleitet worden ist." Das hat bei mir 35 Jahre gedauert. Oft die Sch...ze voll gehabt. Studium abgebrochen. Von einer Klinik in die nächste Klinik mit berühmten Ärzten. MRT und Röntgen ohne Ende. Bis...durch Zufall nach einer Schwindelattacke, (Kopf verdreht bei Auto Reparatur) der Dr. Prof. wußte plötzlich es ist ein Lagerungsschwindel und keine XXLY als Diagnose. Ach ne, was denkt man dann wohl? Hätte mir gut 30 Jahre gerne anders vorgestellt.
tuvalu2004 18.05.2017
5. Lustiger Artikel - gibt es dazu Ärzte?
Zwei HMOs haben bei mir trotz genauer Beschreibung gemeint, statt mittels eines Befreiungsmanöver die Kalkkristalle im Ohr zu entfernen, lieber Infusionen zu geben, die natürlich weder helfen noch nebenwirkungsfrei sind. Und das [...]
Zwei HMOs haben bei mir trotz genauer Beschreibung gemeint, statt mittels eines Befreiungsmanöver die Kalkkristalle im Ohr zu entfernen, lieber Infusionen zu geben, die natürlich weder helfen noch nebenwirkungsfrei sind. Und das obwohl 70% aller Drehschwindel darauf zurück gehen. Dann wurden mir IGEL-Leistungen angeboten. Erst per Internetrecherche habe ich mich selber "befreit". Da aber war bereits eine Angst vor Schwindel tief in der Psyche und Verkrampfungen der kleinen Muskeln, die die Lage des Kopfes zum Gehirn melden und so eine weitere Gleichgewichteinschätzung ermöglichen, geschehen. Dann mal viel Spaß beim Suchen nach einem Ärzt/Ärztin die sensibel genug ist das zu diagnostizieren und dann auch noch den richtigen Tipp gibt oder Therapie anbietet. Selbst das Lesen dieses Artikel hat mich sofort in den "Nachspürmodus" und damit auf ein leicht schwankendes Schiff versetzt. Damit stehe ich nicht allein. Schwindel ist nicht so einfach zu behandeln, selbst mit Ausdauer und ständigem Nachfragen, wie es in diesem Artikel steht. Und die Zeit nach dem Schwindel ist mit enormen Ängsten besetzt, eben weil Schwindel existenziell wahr genommen wird. Nacken verspannt, zu viel getrunken, mal ein leichtes Fall- oder Kippgefühl - alles normal. Nicht so für Menschen die Schwindel haben oder hatten. Der "Nachspürmodus" ist echt was für Hypochonder - wie mein Hausarzt sagt. Ja dann.

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP