Gesundheit

Ungewöhnlicher Fallbericht

Wie ein Mann seine Schmerzen wegschwamm

Ein 28-Jähriger leidet nach einer OP monatelang unter starken Schmerzen, jede Bewegung tut weh. Dann hat der Triathlet eine waghalsige Idee.

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Symbolbild

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Dienstag, 13.02.2018   17:50 Uhr

Manche Menschen erröten ständig - und wenn sie dann fürchten, dass sich ihre Wangen wieder knallrot färben, passiert es noch häufiger. So ergeht es auch einem 28-Jährigen in Großbritannien. Keine Therapie hat ihm geholfen, sodass er sich für die letzte Möglichkeit entscheidet: eine Operation. Chirurgen durchtrennen einige Nerven im Brustraum, die dafür sorgen, dass sich die Blutgefäße im Gesicht weiten. Dem Rotwerden wird also die körperliche Grundlage genommen.

Doch die OP zieht Komplikationen nach sich, der Mann leidet unter schweren Schmerzen im Brustraum, die sich bei Bewegung noch weiter verschlimmern. Die Medikamente, die ihm die Ärzte verschreiben, helfen kaum. Die Physiotherapie, mit der er wieder mehr Aktivität erlangen soll, kann er nicht richtig absolvieren. Zehn Wochen nach dem Eingriff geht es ihm immer noch schlecht.

Die Leidenschaft des Patienten ist Triathlon. Deshalb hat er die Idee, dass ihn Schwimmen im kalten Wasser vielleicht kurz von den Schmerzen ablenkt. Er kennt einen felsigen Küstenabschnitt, an dem man nur mit einem Sprung ins Wasser gelangt und dann etwa eine Minute schwimmen muss, um wieder an Land zu gelangen. Den Ärzten erzählt er nichts von dem Plan.

"Ich war verzweifelt"

"Ich war mir nicht sicher, ob es helfen würde, doch ich wollte es ausprobieren. Ich war verzweifelt", zitieren ihn seine Ärzte im Fachblatt "BMJ Case Reports".

Nach dem Sprung ins Wasser hat der Mann das Gefühl, er müsse um sein Leben schwimmen, an Land kommen, bevor seine Muskeln in der Kälte nicht mehr funktionieren. Sein ganzer Körper kribbelt vor Kälte. Die Wassertemperatur liegt bei etwa elf Grad Celsius. Direkt nach dem Eintauchen bekommt er einen Tunnelblick. Es ist das erste Mal seit Monaten, dass er den Schmerz vergisst und ebenso die Angst vor den stechenden Schmerzen in der Brust, die mit Bewegung einhergehen. Nach dem anfänglichen Schock genießt er die Situation.

Als er aus dem Wasser kommt, wird ihm bewusst, dass der Schmerz verschwunden ist.

"Ich konnte es kaum glauben", sagt er rückblickend. Die Schmerzmittel kann er absetzen, inzwischen ist er wieder so aktiv wie vor der OP.

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In dem veröffentlichten Fallbericht betonen Tom Mole von der University of Cambridge und Pieter Mackeith von der University of East Anglia, dass keineswegs bewiesen ist, dass der Sprung ins kalte Wasser ihren Patienten geheilt hat. Das lässt sich rückblickend in einem Einzelfall nie definitiv sagen.

"Das ist ein sehr ungewöhnlicher Fall", sagt Winfried Meißner, der am Universitätsklinikum Jena Schmerzpatienten betreut. Wie dem Mann der Sprung ins kalte Wasser geholfen haben könnte, darüber könne man nur mutmaßen, sagt Meißner.

Angst vor der Bewegung verlieren

Eine Möglichkeit: Er konnte endlich die Angst vor der Bewegung abstreifen. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der sogenannten multimodalen Schmerztherapie, sagt Meißner. Leiden Menschen unter chronischem Schmerz, entwickeln sie oft Furcht vor Bewegung und Aktivität. Diese zu überwinden, bedeutet, mehr Lebensqualität zu gewinnen. "Die Schmerzen verschwinden dadurch nicht völlig", schränkt Meißner ein, "aber die Patienten kommen im Alltag viel besser zurecht." Auch die Autoren des Fallberichts vermuten, dass die plötzliche Reizüberflutung beim Schwimmen im kalten Wasser die sich verfestigte Angst vorm Bewegen gebrochen haben könnte.

Meißner hat eine weitere Idee: Möglicherweise hatte der Patient ein blockiertes Wirbelgelenk - über die vorausgegangene Diagnostik wird in dem Fallbericht kaum etwas berichtet. Die Schwimmbewegungen könnten dann zu einer Lösung der Blockierung geführt haben.

Wohltuende Kälte

Doch auch die Kälte könnte wichtig gewesen sein. Dass Kälte akut Schmerzen lindert, ist bekannt. Doch kann sie längerfristig helfen? Es gibt sogar sogenannte Kältekammern in der Schmerztherapie: Patienten gehen für wenige Minuten in einen Raum, in dem die Temperaturen bei minus 100 Grad oder noch tiefer liegen. Es gebe einige begeisterte Patientenberichte, sagt Meißner. Doch wissenschaftliche Studien fehlten. "Wir wissen viel zu wenig über nicht medikamentöse Schmerztherapieverfahren", sagt Meißner. Er wünscht sich öffentliche Forschungsprogramme für solche Therapien - denn Gelder von Pharmakonzernen gibt es an dieser Stelle nicht.

Was der Fall aus Sicht der britischen Autoren auch zeigt: wie wichtig es ist, bei der Schmerztherapie den jeweiligen Patienten im Blick zu behalten. Die klassische Physiotherapie mit ihrem langsamen Fortschritt konnte den sportlichen Mann nicht begeistern, er empfand sie als mühselig und ineffektiv. Sein Sprung ins kalte Wasser wäre im Umkehrschluss vermutlich für viele andere Patienten nicht das richtige Mittel.

insgesamt 10 Beiträge
Newspeak 13.02.2018
1. ...
Extreme Schmerzen koennen auch durch Muskelverkrampfungen, -verhaertungen entstehen. Wenn man sich dann schont, werden die Schmerzen eher schlimmer. Wenn man aber den Muskel trainiert, was am Anfang die Schmerzen fuer einen kurzen [...]
Extreme Schmerzen koennen auch durch Muskelverkrampfungen, -verhaertungen entstehen. Wenn man sich dann schont, werden die Schmerzen eher schlimmer. Wenn man aber den Muskel trainiert, was am Anfang die Schmerzen fuer einen kurzen Moment enorm steigert, dann verschwinden sie recht schnell danach voellig.
ve-ri-tas 13.02.2018
2. Eine Operation wegen leichten Errötens??
Der Fehler wurde früher im Verlauf gemacht, nämlich bei einer fragwürdigen OP-Indikation. Wer sich nicht unnötigerweise an seinen vegetativen Nerven operieren läßt, hat auch kein Problem mit anschließenden Nervenschmerzen. [...]
Der Fehler wurde früher im Verlauf gemacht, nämlich bei einer fragwürdigen OP-Indikation. Wer sich nicht unnötigerweise an seinen vegetativen Nerven operieren läßt, hat auch kein Problem mit anschließenden Nervenschmerzen. Dann werde ich doch lieber rot im Gesicht.
iFan 13.02.2018
3. Das ist jetzt völlig unmedizinisch ...
... aber erinnert mich anekdotisch an eine Folge von "Broti&Paczek" (Sat.1, Anfang 2000?). Da kommt ein Mann zu Paczek in die Praxis - Strafverteidiger - der sich wegen starken Achselschwitzens behandeln lassen will, [...]
... aber erinnert mich anekdotisch an eine Folge von "Broti&Paczek" (Sat.1, Anfang 2000?). Da kommt ein Mann zu Paczek in die Praxis - Strafverteidiger - der sich wegen starken Achselschwitzens behandeln lassen will, dass er immer im Gerichtssaal bekommt. Er bekommt 'ne Dosis Botox, das Schwitzen ist weg. Kurz darauf steht er wieder auf der Matte und will sein "Schwitzen" unbedingt zurück haben, weil ihm plötzlich aufgefallen ist, dass es ihm bei seinen Prozessterminen als emotionales Korrektiv fehlt und er deshalb seine Plädoyers versaut :-)
diotto 14.02.2018
4. Kaltwasserschwimmen hilft!
Ich habe seit vielen Jahren Probleme mit einem gereizten /entzündeten Ischiasnerv. Ich gehe dagegen jeden Tag in den Pool schwimmen, soweit er nicht zugefroren ist. Dies hilft mehr, längerdauernd und nebenwirkungs- frei [...]
Ich habe seit vielen Jahren Probleme mit einem gereizten /entzündeten Ischiasnerv. Ich gehe dagegen jeden Tag in den Pool schwimmen, soweit er nicht zugefroren ist. Dies hilft mehr, längerdauernd und nebenwirkungs- frei gegenüber Schmerztabletten.
xteteilnehmer 14.02.2018
5. Schmerzzentrum überlistet?
Das der Mensch bei Schmerzen in eine Schonhaltung verfällt ist ja bekannt. Dies ist häufig der Beginn des Teufelskreises. Mit der Schonhaltung geht eine Muskelspannung von Muskelgruppen einher, die bei dieser Dauerspannung [...]
Das der Mensch bei Schmerzen in eine Schonhaltung verfällt ist ja bekannt. Dies ist häufig der Beginn des Teufelskreises. Mit der Schonhaltung geht eine Muskelspannung von Muskelgruppen einher, die bei dieser Dauerspannung selber anfangen zu schmerzen weil sie durch den Hartspann schlecht durchblutet werden. Könnte man in dem oben genannten Fall nicht auch davon ausgehen, dass aufgrund der OP sich eine Situation im Schmerzzentrum manifestiert hat, die ständiges Dauerfeuer an Schmerzreizen zufolge hatte? Vielleicht konnte der Patient gerade durch diese neue, zusätzliche Reizüberflutung von feuchter Kälte und starker Muskelkontraktionen das Schmerzzentrum neu bemustern (salopp gesagt ein Reset des Schmerzzentrums) durchführen.

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