Gesundheit

Guineawurm in Afrika

Tückischer Parasit kurz vor Ausrottung

Er wird bis zu einem Meter lang und wandert durch den menschlichen Körper: Der Guineawurm ist gefürchtet und mittlerweile beinahe ausgerottet. Doch der Parasit geht neue Wege, um sein endgültiges Aus zu verhindern.

AP

Sudanerin zeigt auf die Zehe, aus der der Guineawurm kam

Sonntag, 21.01.2018   18:56 Uhr

Seit Ende der Siebzigerjahre gilt die Welt als pockenfrei. Dank konsequenter Bekämpfung war es damals gelungen, die Pockenviren auszurotten. Es ist der erste und bisher einzige Krankheitserreger, den die Menschheit auf diese Weise besiegt hat.

Bei einem gefährlichen Parasiten, dem Guineawurm, auch Medinawurm genannt, könnte eine solche weltweite Ausrottung vielleicht bald gelingen. Im Jahr 2017 habe es nur noch wenige Fälle in zwei Ländern gegeben, teilte das Carter Center mit. In Äthiopien und Tschad seien jeweils 15 Infektionen bei Menschen aufgetreten.

Das Carter Center wurde vom ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und seiner Frau Rosalynn Carter gegründet. Die Nonprofit-Organisation mit Sitz in den USA kämpft seit 1986 gegen den Parasiten. Damals wurden pro Jahr noch 3,5 Millionen Infektionen gezählt.

Menschen infizieren sich mit dem Erreger meist über Trinkwasser. Die Wurmlarven nutzen als Zwischenwirte mikroskopisch kleine Krebse. Diese Krebse schwimmen im Wasser und werden verschluckt. Die Larven durchdringen die Darmwände, weibliche Würmer wachsen nach der Befruchtung auf eine Länge von bis zu einem Meter.

Extreme Schmerzen

Ein Guineawurm arbeitet sich dann langsam durch den Körper des infizierten Menschen. Etwa ein Jahr nach der Infektion durchstoßen die Würmer die Haut, um Larven freizusetzen - meist an den Füßen. Um die starken Schmerzen zu lindern, halten Betroffene ihre Füße und Beine in kaltes Wasser von Seen oder Flüssen, was die weitere Verbreitung des Parasiten begünstigt.

Es gibt keine Impfung gegen den Guineawurm und auch keine effektive Behandlung Infizierter. Der Parasit stellt zwar keine tödliche Gefahr dar, doch er schränkt Infizierte wegen der monatelangen extremen Schmerzen stark ein. Zudem drohen Infektionen, wenn der Wurm die Haut durchstößt.

Der Erreger wird vor allem dadurch bekämpft, dass Infektionen über verunreinigtes Wasser vermieden werden. Wenn der Parasit keinen Wirt mehr findet, so das Kalkül, stirbt er irgendwann aus.

Weicht der Parasit aus?

Diese Strategie schien in den vergangenen Jahren aufzugehen. Die Zahl der Infektionen sank dramatisch. In Mali und Südsudan habe es seit mindestens einem Jahr keine Fälle mehr gegeben, berichtet das Carter Center. Nur noch im Tschad und in Äthiopien befiel der Wurm Menschen - im Jahr 2017 insgesamt 30.

Dass die Ausrottung schwieriger werden würde als gedacht, mussten die Mediziner schon vor einigen Jahren feststellen. Als Hauptwirt des Guineawurms gilt der Mensch, nur selten wurden Infektionen bei anderen Säugetieren wie Pavianen beobachtet.

Doch spätestens im Jahr 2014 wurde klar, dass im Tschad offenbar immer mehr Hunde vom Guineawurm befallen werden. 2015 wurden bereits knapp 500 Infektionen bei Hunden gezählt, ein Jahr später sogar 940. Im Jahr 2017 ist die Zahl auf 750 gesunken. Die Zahlen können sogar noch größer sein, weil nicht klar ist, ob tatsächlich alle Fälle erfasst wurden.

Prämien für gemeldete Infektionen

Forscher glauben, dass Hunde die Wurmlarven über Fischkadaver aufnehmen, die Fischer oft nach dem Ausnehmen achtlos wegwerfen. Inzwischen laufen Aufklärungskampagnen, die Fischern empfehlen, Abfälle sicher zu vergraben. Forscher zahlen zudem eine Prämie für jeden infizierten Hund, um einen möglichst guten Überblick über die Lage in den teils entlegenen Dörfern zu haben.

Womöglich ist der Kampf gegen den Guineawurm sogar Schuld daran, dass der Parasit inzwischen verstärkt Hunde befällt. Das zumindest glaubt David Molnyeaux, Parasitologe an der der Liverpool School of Tropical Medicine. "Wenn man ein Guineawurm wäre und es nur noch hundert von einem auf der Welt gibt, was würde man tun?", fragte er. Und gibt die Antwort gleich selbst: Man würde sich schnellstens einen anderen Wirt suchen, wenn der bisherige nicht mehr verfügbar ist.

hda

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