Gesundheit

Kurzsichtigkeit

Was Kinderaugen hilft, was ihnen schadet

Fast jeder zweite junge Erwachsene in Europa ist schon jetzt kurzsichtig - und die Zahl nimmt zu. Warum? Eine aktuelle britische Studie will Antworten liefern.

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Mittwoch, 07.11.2018   15:37 Uhr

Für Kinder ist es gesünder, wenn sie regelmäßig draußen spielen, anstatt ständig drinnen vor einem Buch oder Bildschirm zu sitzen - aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist vermutlich nicht allen bekannt: Die Zeit im Freien fördert höchstwahrscheinlich eine gesunde Entwicklung der Augen.

Darauf deutet eine im "British Journal of Ophthalmology" veröffentlichte Studie einer Londoner Forschergruppe hin. Das Team um Katie Williams wertete Daten von knapp 2000 Zwillingen aus, die zwischen 1994 und 1996 geboren wurden und an einer Langzeitstudie teilnehmen. Die Wissenschaftler untersuchten die Teilnehmer für ihre Fragestellung bis zum Alter von 16 Jahren.

Gut ein Viertel der Teilnehmer entwickelte bis dahin eine Kurzsichtigkeit, im Schnitt bekamen die kurzsichtigen Kinder mit elf Jahren ihre erste Brille. Was waren die Auslöser? Die Forscher haben plausible Erklärungen - auch überraschende Zusammenhänge.

1. Wer im Sommer zur Welt kam, hatte ein höheres Risiko für Kurzsichtigkeit.

Dieser Zusammenhang zeigte sich schon in früheren Studien. Manche Forscher nahmen an, dass die Lichtverhältnisse in den ersten Lebensmonaten hier der entscheidende Punkt sind.

Dem widersprechen Williams und Kollegen: Sie sehen die frühere Einschulung als Grund. In Großbritannien kommen Kinder im September in die erste Klasse. Die kurz zuvor geborenen Sommerkinder sitzen deshalb schon in jüngerem Alter mehrere Stunden täglich in einem Klassenzimmer, konzentrieren sich auf Bücher oder die Tafel.

Das erhöht gleich auf zwei Wegen das Risiko von Kurzsichtigkeit:

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2. Wer viel am Computer spielte, hatte ein höheres Risiko für Kurzsichtigkeit.

In der aktuellen britischen Studie war auch die Zeit, die Kinder und Jugendliche am PC oder an einer Spielekonsole mit Spielen verbrachten, ein Risikofaktor für Kurzsichtigkeit. Die dahinter liegende Erklärung ist dieselbe wie bei Punkt 1: Mehr Zeit in Innenräumen sowie mehr Zeit, in denen nur im Nah-Modus geguckt wird.

Welchen Einfluss Smartphones und Tablets haben, lässt sich aus der Studie nicht ablesen. Die letzte in die Studie eingeflossene Augen-Untersuchung der Teilnehmer zu ihrem 16. Lebensjahr fand um die Jahrtausendwende statt, also vor der Zeit dieser Geräte.

3. Kinder von Müttern mit höherem Bildungsgrad hatten ein höheres Risiko für Kurzsichtigkeit.

Auch diesen Zusammenhang kannten die Forscher schon aus älteren, ähnlichen Studien. Sie nehmen an, dass hier eine Reihe von Faktoren einfließen. Dazu zählt, dass die Bildung dieser Kinder vermutlich stärker gefördert wird und dieser mehr Zeit mit lesen und schreiben verbringen.

4. Kinder, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, hatten ein geringeres Risiko für Kurzsichtigkeit.

Über diesen Zusammenhang hat vorher noch niemand berichtet, schreibt das britische Forscherteam. Er sei daher erst einmal mit Vorbehalt zu betrachten. Ihre Idee: Durch künstliche Befruchtung gezeugte Kinder haben häufiger ein geringes Geburtsgewicht und eine leicht verzögerte Entwicklung. Weil Kinder erst einmal eher weitsichtig sind, also einen zu kurzen Augapfel haben, könnte diese Verzögerung dazu beitragen, dass sich eine Kurzsichtigkeit seltener oder zumindest später entwickelt. Das ist jedoch bisher nur eine Vermutung.

Auf den ersten Blick lässt sich nur einer dieser vier Punkte direkt beeinflussen: die Zeit vor Rechner oder Spielkonsole. Bezieht man jedoch die dahinterliegenden Gründe mit ein, wird klar, wie sich einer Kurzsichtigkeit am besten entgegenwirken lässt: ausreichend Zeit im Freien verbringen und dabei den Blick immer wieder in die Ferne schweifen lassen. In verschiedenen Studien machten schon 20 bis 30 Minuten mehr täglich im Freien einen messbaren Unterschied.

insgesamt 22 Beiträge
quark2@mailinator.com 07.11.2018
1.
Warum setzt man den Kindern nicht eine "Gegenbrille" auf, wenn sie auf die Nähe schauen ? Diese Idee wurde schon vor 30 Jahren diskutiert und an Hühnern auch erfolgreich demonstriert, aber gemacht wird es dennoch [...]
Warum setzt man den Kindern nicht eine "Gegenbrille" auf, wenn sie auf die Nähe schauen ? Diese Idee wurde schon vor 30 Jahren diskutiert und an Hühnern auch erfolgreich demonstriert, aber gemacht wird es dennoch nicht. Was das hellere Licht angeht: Es ist mir unklar, warum Lampen der 100W-Klasse die Obergrenze darstellen. Dabei sind diese in der Helligkeit sogar reduziert gegenüber den besten, die es Mitte der 80er mal gab (wir können das hier anhand alter Exemplare vergleichen). Nun da wir LEDs verwenden, könnte man problemlos Leuchtkörper mit z.B. 3000lm anbieten, aber leider macht das niemand. Ich suche immer danach und glaube schon fast an eine Verschwörung :-).
bissig 07.11.2018
2. Wow
Hätten die Autoren mal nach Asien geschaut - dort ist das Problem noch viel gravierender und die Vermutung ebenfalls, dass es an genug Tageslicht bzw. zu wenig Helligkeit in Innenräumen tagsüber liegt. [...]
Hätten die Autoren mal nach Asien geschaut - dort ist das Problem noch viel gravierender und die Vermutung ebenfalls, dass es an genug Tageslicht bzw. zu wenig Helligkeit in Innenräumen tagsüber liegt. https://www.pressetext.com/news/20120504013, https://programm.ard.de/?sendung=28724455907411, ...
oschn 07.11.2018
3. Gegenbrille?
Nun, zum Sehen in der Nähe kommt noch mehr, als nur die Adaption der Lichtbrechung. Auch die Augenstellung ist eine andere. Das ist alles sehr komplex. Deswegen taugen 3D-Brillen auch nur bedingt zur realen Darstellung, weil die [...]
Nun, zum Sehen in der Nähe kommt noch mehr, als nur die Adaption der Lichtbrechung. Auch die Augenstellung ist eine andere. Das ist alles sehr komplex. Deswegen taugen 3D-Brillen auch nur bedingt zur realen Darstellung, weil die Augen eben doch nah vor dem Display sind.
12many 07.11.2018
4.
Laut Bericht der ARD liegt in Taiwan die Quote der Kurzsichtigen mittlerweile bei 80%! Auch da wird den Kindern nun faktisch Tageslicht verordnet. Klingt abgedroschen, aber die Probleme gäbe es wohl nicht, wenn Kinder einfach [...]
Laut Bericht der ARD liegt in Taiwan die Quote der Kurzsichtigen mittlerweile bei 80%! Auch da wird den Kindern nun faktisch Tageslicht verordnet. Klingt abgedroschen, aber die Probleme gäbe es wohl nicht, wenn Kinder einfach Kinder sein dürfen. Hier der Beitrag des ARD Weltspiegels: ---Zitat--- Taiwan: Lernen, bis die Augen streiken 06.08.18 Web player: http://podplayer.net/?id=53753748 Episode: https://pdvideosdaserste-a.akamaihd.net/int/2018/08/05/8d8679d8-76dd-46e8-acad-0be7b241ed3e/480-1.mp4 Wer in Taiwan schreiben lernt, braucht viel Geduld. Viele Stunden täglich beugen sich Taiwans Kinder und Jugendliche über ihre Bücher und Hefte und verderben damit ihre Augen. ---Zitatende---
jsavdf 07.11.2018
5. Übrigens:
Beschreibt Herr Spitzer in seinen populärwissenschaftlichen Buch „Lernen“ das Phänomen. (Also das Buch vor Digitale Demenz etc.) Zumindest hat man bei Hühnern festgestellt, dass die Augen am Anfang zu klein für die [...]
Beschreibt Herr Spitzer in seinen populärwissenschaftlichen Buch „Lernen“ das Phänomen. (Also das Buch vor Digitale Demenz etc.) Zumindest hat man bei Hühnern festgestellt, dass die Augen am Anfang zu klein für die Augaepfel sind und dann wachsen bis man „im Schnitt“ scharf sieht. Wer als mehr in die weite geschaut hat ein geringeres Risiko kurzsichtig zu werden.

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