Gesundheit

Spanische Grippe

"Morgens krank, abends tot"

Vor 100 Jahren brach die Spanische Grippe aus, weltweit erkrankten Menschen, Millionen starben. Sind wir heute besser vor einer Pandemie gefeit?

DPA/ National Museum of Health and Medicine

Grippe-Patienten in einem Notfallkrankenhaus in Kansas, USA, im Jahr 1918

Freitag, 05.01.2018   09:09 Uhr

27 bis 50 Millionen starben an der Krankheit, manchen Quellen zufolge gab es sogar bis zu 100 Millionen Tote. 1918, also vor 100 Jahren, nahm die Spanische Grippe ihren Anfang, die bis 1920 in drei Wellen auf der ganzen Welt Opfer forderte.

Anders als bei anderen derartigen Katastrophen sucht man Denkmäler und Relikte, die an die Pandemie erinnern, nahezu vergeblich, selbst Fotos sind eher rar. Dabei sollen allein im Deutschen Reich einer Studie zufolge rund 426.000 Menschen der Grippe zum Opfer gefallen sein.

Tod durch Lungenversagen

"Bei unserem heutigen Gesundheitssystem wäre das unerträglich, praktisch nicht vorstellbar", sagt die Grippe-Expertin Silke Buda vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Gleichwohl: Indien und Südafrika etwa erwischte es damals noch viel heftiger. Und längst nicht aus allen Ländern gibt es überhaupt Daten, an Erfassungen nach heutigem Maßstab war damals nicht zu denken.


Man spricht von einer Pandemie, wenn eine Infektionskrankheit nicht örtlich begrenzt, sondern global Menschen erkranken lässt. Bei Grippe-Pandemien sind dafür neue Virustypen verantwortlich. Sie können auch entstehen, weil sowohl Vögel als auch Schweine anfällig für Grippe sind und sich verschiedene Virustypen dabei mischen können.


"Morgens krank, abends tot; abends krank, morgens tot": Das sollen Einwohner einer Stadt auf Java Forschern in den Achtzigerjahren berichtet haben, schreibt der Berliner Historiker und Oberarzt der Charité, Wilfried Witte ("Tollkirschen und Quarantäne. Eine Geschichte der Spanischen Grippe"). Er hat über die Pandemie geforscht.

Laut Witte erkrankten während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 - der Erste Weltkrieg ging dem Ende entgegen - zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben. Im Herbst nahm allerdings eine weitere, diesmal tödliche Welle ihren Lauf. Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, wie in Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern, hätten sich auf einen Schlag zahlreiche Menschen angesteckt.

"Die meisten sind an einem akuten Lungenversagen gestorben. Das ging rapide schnell vonstatten", sagt Witte. Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. "So etwas hat natürlich nicht geholfen", so Witte.

Woher kam das Virus?

Auch der spanische König soll erkrankt sein, aus diesem Grund ging die Pandemie als "Spanische Grippe" in die Geschichte ein. Dass sie nicht von dort kam, ist aber relativ sicher. Woher dann? Dazu gibt es verschiedene Theorien.

Eine lautet, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, erkranken ließ. Mit Truppenschiffen soll das Virus nach Europa gelangt sein. Grippe ist hoch ansteckend; die Viren verbreiten sich über winzige Tröpfchen, die beim Niesen oder Husten ausgestoßen werden.

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Ärzte sahen bei Erkrankten gewisse Muster: Es starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Ihre Haut hatte sich oft dunkelblau verfärbt - Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt, sagt Witte. Dass der "schwarze Tod" wieder umgehe, war nur eines der damals kursierenden Gerüchte. Die Medizin war ratlos. Zeitgenössische Ärzte hielten ein "Grippe-Bakterium" für die Ursache, obwohl man diese Theorie damals schon anzweifelte. Der wahre Auslöser, das Influenza-Virus, sollte erst später entdeckt werden.

Kann uns heute ein Grippe-Pandemie wieder so hart treffen?

Damals seien die Umstände andere gewesen als heute, betont Forscherin Buda. "Genau die gleiche Situation wie 1918 wird so nicht mehr passieren." Die Lebensbedingungen seien viel schlechter gewesen. Viele Menschen hatten auch zusätzlich schon andere Krankheiten wie Tuberkulose. Gegen oftmals tödliche bakterielle Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgen können, waren Ärzte damals machtlos. Heute sind sie zwar immer noch gefährlich, aber mit Antibiotika behandelbar. Und heute ist man in der Lage, Impfstoffe herzustellen, die vor einer Ansteckung schützen - das würde jedoch im Pandemie-Fall einige Zeit in Anspruch nehmen.

Gleichwohl gebe es heute andere große Herausforderungen, sagt Buda. Der globale Reiseverkehr könne zu einer noch viel schnelleren Virus-Verbreitung führen als 1918. "Die Menschen werden heute zudem sehr viel älter als früher, haben dann oftmals Grunderkrankungen und sind anfälliger für schwere Krankheitsverläufe", sagt sie.

Klar ist für Experten: Es muss nicht zwangsläufig im Winter zu einer Pandemie kommen. Ganzjährig hat das RKI deshalb ein Auge auf akute Atemwegserkrankungen. Auch potenziell pandemische Viren weltweit sind im Blick.

Das größte Pandemie-Potenzial werde aktuell dem Vogelgrippe-Virus H7N9 in China zugeschrieben. "Aber diese Einschätzung bedeutet noch lange nicht, dass es dieses Virus dann sein wird", betont Buda. Mensch können sich bei engem Kontakt mit Geflügel mit diesem Virus anstecken, fortlaufende Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind aber noch nicht vorgekommen. Zuletzt in Deutschland nachgewiesene Vogelgrippe-Viren bei Geflügel gelten als wenig risikoreich für den Menschen.

wbr/dpa

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