Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Der Schmerz sitzt links

Seit 27 Jahren plagen eine Frau immer wieder Schmerzen im oberen linken Bauchraum - ohne erkennbare Ursache. Schließlich erhält sie in einer Notaufnahme die rettende Diagnose.

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Symbolbild

Von
Sonntag, 07.01.2018   16:40 Uhr

Eine 51-Jährige kommt mit akuten Schmerzen und Fieber in die Notaufnahme eines Krankenhauses in der chinesischen Provinz Sichuan. Beim Abtasten zeigt sich eine sogenannte Abwehrspannung im oberen Bauchbereich auf der linken Seite: Die Muskeln spannen sich dort bei der Berührung sofort an. Ein klares Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Nur was?

Ein Bluttest zeigt eine erhöhte Zahl weißer Blutzellen, was auf eine Infektion deuten kann. Die anderen Blutwerte sind im Normalbereich. Dies gilt auch für Herzschlag und Atemfrequenz: Einen Infarkt, der sich gerade bei Frauen auch durch Schmerzen im Oberbauch bemerkbar machen kann, fürchten die Ärzte nicht.

Abgesehen von dem Schmerz, der sie seit inzwischen 27 Jahren immer wieder in Episoden plagt, hat die Frau keine Vorerkrankungen. Die Ärzte verordnen der Patientin ein Antibiotikum und verzichten auf weitere Untersuchungen.

Ein rätselhafter Patient

15 Tage später wird die Frau jedoch wieder mit Schmerzen in die Notaufnahme eingeliefert, dieses Mal an der Sichuan-Uniklinik in Chengdu. Die Pein sei mit der Zeit immer stärker geworden, berichtet die Patientin. Auch hier ertasten die Ärzte die Abwehrspannung im linken Oberbauch. Die Zahl der weißen Blutzellen ist leicht erhöht, außerdem sind ein paar Werte von Leberenzymen auffällig, schreibt das Team um Yu Cao im Fachblatt "Medicine". Für eine schlüssige Diagnose reicht das noch nicht.

Klopf, klopf

Doch beim Abklopfen, das es Ärzten ermöglicht, Größe und Lage der Organe abzuschätzen, bemerken sie etwa Seltsames: Der Schall wirkt beim Klopfen auf der rechten Brustseite gedämpft - als würde das Herz dort liegen. Ähnliches im linken Bauchraum, wo sie die sogenannte Leberdämpfung wahrnehmen. Dabei müsste sich die Leber doch im rechten Oberbauch befinden.

Ein nun angefertigtes Röntgenbild bestätigt ihren daraus resultierenden Verdacht: Bei der Frau liegt ein sogenannter Situs inversus totalis vor. Die Organe im Brust- und Bauchraum sind spiegelverkehrt angeordnet: Was normalerweise links sitzt, ist rechts - und umgekehrt.

Schätzungen zufolge tritt ungefähr bei einem von 10.000 Menschen ein Situs inversus auf. Es gibt auch Formen, bei denen entweder nur Herz und Lungenflügel, die Organe im Bauchraum oder sogar nur einzelne Organe auf der jeweils anderen Seite zu finden sind.

Man geht davon aus, dass eine Reihe verschiedener Gene dazu beitragen kann, dass die Organe während der Embryonalentwicklung seitenverkehrt angelegt werden. Der Situs inversus totalis an sich verursacht keine Beschwerden. Allerdings hat ein Teil der Betroffenen auch eine Störung der Flimmerhärchen, was die Atemwege und die Ohren beeinträchtigt. Angeborene Herzfehler sind bei Babys mit Situs inversus zudem etwas häufiger.

Ein weiteres medizinisches Risiko für die Betroffenen verdeutlicht der Fall der chinesischen Patientin: Ist Ärzten nicht bewusst, dass ein Situs inversus vorliegt, verhindert das mitunter die richtige Diagnose.

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Die Frau erfährt nun endlich, was sie so lange plagt: Es sind Gallensteine. Weitere Bildgebung bestätigt, dass die Kristalle den Gallengang verstopfen. Dadurch hat sich die Gallenblase entzündet.

Die Ärzte entfernen die Gallenblase operativ, eine Woche nach dem Eingriff kann die Frau die Klinik verlassen.

Auch hierzulande wird ein solche OP empfohlen, wenn Gallensteine eine Kolik und damit starke Schmerzen auslösen. Viele Menschen haben allerdings Gallensteine, ohne dass diese Beschwerden verursachen. Schätzungen zufolge ist in Deutschland zum Beispiel gut jeder zweite über 60-Jährige betroffen. Bereiten die Steine keinen Ärger, ist die OP unnötig.

insgesamt 15 Beiträge
derdave3000 07.01.2018
1.
Aus deutscher sicht ist der fall zwar ganz interessant aber wirklich nicht rätselhaft. Bei uns kann zwar keiner mehr organe mittels perkussion ausmessen (ich zumindest nicht wirklich..), aber dafür hätte die frau schon längst [...]
Aus deutscher sicht ist der fall zwar ganz interessant aber wirklich nicht rätselhaft. Bei uns kann zwar keiner mehr organe mittels perkussion ausmessen (ich zumindest nicht wirklich..), aber dafür hätte die frau schon längst per ultraschall ihre diagnose bekommen.
steffen.ganzmann 07.01.2018
2. Ähm ...
Gibt es in China denn keine Sonographiegeräte? Dann wäre das "Rätsel" innert ein paar weniger Minuten keines mehr gewesen. Nungut, mein Chilaiditisyndrom fand man ja auch schon nach nur 48 Jahren ...
Gibt es in China denn keine Sonographiegeräte? Dann wäre das "Rätsel" innert ein paar weniger Minuten keines mehr gewesen. Nungut, mein Chilaiditisyndrom fand man ja auch schon nach nur 48 Jahren ...
Galle 07.01.2018
3.
Ein langjähriges Gallensteinleiden ist mit vermehrtem Auftreten von Gallenblasenkrebs vergesellschaftet! Also sollten auch Patienten operiert werden bei denen Steine über Jahre keine Beschwerden machen.
Ein langjähriges Gallensteinleiden ist mit vermehrtem Auftreten von Gallenblasenkrebs vergesellschaftet! Also sollten auch Patienten operiert werden bei denen Steine über Jahre keine Beschwerden machen.
drhibbert 07.01.2018
4. Tcm
27 Jahre bis zur Diagnose einer symtomatischen Cholezystolithiasis bzw dann CholezYstitis bei Situs Inversus. Abwehrspannung im Bauch und dann kein Ultraschall. Im direkten Vergleich ein Kantersieg der Schulmedizin gegen die [...]
27 Jahre bis zur Diagnose einer symtomatischen Cholezystolithiasis bzw dann CholezYstitis bei Situs Inversus. Abwehrspannung im Bauch und dann kein Ultraschall. Im direkten Vergleich ein Kantersieg der Schulmedizin gegen die TCM. Oder einfach ein Zeichen für eine miserable Gesundheitsversorgung.
murksdoc 07.01.2018
5. Schonmal was von EKG gehört?
Das 12-Kanal-EKG des einzigen Situs inversus totalis, den ich in 32 Jahren Medizin gesehen habe, zeigte einen "überdrehten Rechtstyp" und eine "Rechtsherzbelastung", Zeichen einer Lungenembolie. Dreht man die [...]
Das 12-Kanal-EKG des einzigen Situs inversus totalis, den ich in 32 Jahren Medizin gesehen habe, zeigte einen "überdrehten Rechtstyp" und eine "Rechtsherzbelastung", Zeichen einer Lungenembolie. Dreht man die Elektrodenanordnung um (auch die der Extremitätenableitungen), ist das EKG völlig normal. Der Grund ist einfach, dass das viel stärkere linke Herz da sitzt, wo bei anderen das rechte Herz ist. Um einen Infarkt auszuschliessen (s.o.), hätte ein EKG gemacht werden müssen. Der (falsch positive) Befund hätte zu weiterer Diagnostik geführt, bei der der Situs inversus aufgefallen wäre. So, wie bei mir damals (als jungdynamischer Notarzt). Das ein pathologischer Befund durch ein spiegelbildlich sitzendes Herz nur vorgetäuscht wird, kann man ohne Ultraschall oder Röntgen schliesslich nicht wissen.
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